
Ein Kommentar von Boris Andreas Weber im Namen der Internationalen Senefelder-Stiftung sowie des Fรถrderverein FISS, mit Sitz in Offenbach am Main
Stein, Papier, Leidenschaft
Warum eine schwedische Kleinstadt alle vier Jahre durch Senefelders Steindruck zum Nabel der graphischen Kunstwelt wird
In einer รra, in der die Halbwertszeit von Bildern in Millisekunden und Algorithmen gemessen wird, wirkt der Prozess fast wie ein anachronistisches Sakrileg: Kรผnstlerinnen und Kรผnstler, die im Jahr 2026 in Summe tonnenschwere Solnhofener Kalksteine schleifen, sie stundenlang mit Fettkreide bearbeiten und chemisch prรคparieren, nur um einen einzigen Abdruck zu erzeugen. Warum nimmt man diese kรถrperliche Mรผhsal auf sich? Die Antwort liegt im schwedischen Tidaholm. Alle vier Jahre wird diese beschauliche Kleinstadt wรคhrend des Internationalen Lithographie-Symposiums zum Zentrum einer globalen Bewegung fรผr Entschleunigung und handwerkliche Tiefe. Vom 28. Juli bis zum 9. August 2026 zelebrierte die 9. Ausgabe dieses Treffens (bestens organisiert von Patrick Wagner) die Lithographie nicht als Museumsstรผck, sondern als hochaktuelles Medium fรผr zeitgenรถssische Diskurse.

Die Vulcan-Insel: Wo Industrie auf Inspiration trifft
Das Epizentrum dieses kรผnstlerischen Ausnahmezustands ist die โVulcan-Inselโ im Herzen von Tidaholm. Wo einst die industrielle Produktion den Rhythmus vorgab, atmen heute die Druckwerkstรคtten der Lithographischen Akademie den Geist der Transformation. Es ist ein kuratorisches Statement fรผr sich: Die Umwandlung eines ehemaligen Fabrikareals in ein Zentrum fรผr Grafik symbolisiert die Bestรคndigkeit der Kunst inmitten des industriellen Wandels. Wรคhrend das benachbarte Marbodal Center in Vortrรคgen Raum fรผr theoretische Reflexion bot, verwandelte das Symposium die gesamte Stadt in ein begehbares Gesamtkunstwerk. Die Ausstellungen sind dabei nicht auf einen Ort begrenzt, sondern erstrecken sich รผber drei Galerien im Stadtgebiet, was Tidaholm fรผr zwei Wochen in ein echtes โArt Villageโ verwandelt.
Eines der tรคglichen Highlights, das die Brรผcke zwischen technischem Erbe und moderner Anwendung schlรคgt, ist das โPrinting on the Schnellpresseโ (Made by Faber&Schleicher in Offenbach/Main) unter der Leitung der Experten Ernst Hanke (1. Senefelder-Preistrรคger 1984) und Rolf Maas. In einer Welt des โInstant Printโ wird die Arbeit an historischen Maschinen zu einem innovativen Akt des Widerstands. Hier geht es nicht um Nostalgie, sondern um die Wiederentdeckung der Langsamkeit als Qualitรคt. Die Bedienung dieser Kolosse erfordert eine physische Prรคsenz und eine Sensibilitรคt fรผr das Material, die im Digitalen verloren gegangen ist. Es ist die โRenovatioโ einer Technik, die durch ihre Widerstรคndigkeit besticht und dem fertigen Druckkunstwerk eine Aura verleiht, die kein moderner Inkjet-Drucker imitieren kann.

Das โglobale Dorfโ der Steindrucker
Trotz seiner geografischen Abgeschiedenheit ist Tidaholm wรคhrend des Symposiums ein Schmelztiegel der internationalen Avantgarde. Diese Vielfalt bricht die Isolation des Ateliers auf und schafft ein kollektives Bewusstsein, das in den sozialen Medien unter dem Schlagwort โLitho Loveโ weltweit Resonanz findet.
โIch fรผhle mich so inspiriert und erfรผllt von dieser โLitho Loveโ nach einer Woche des intensiven Austauschs … es ist eine fantastische Reise nach Schweden.โ โ Danielle Creenaune, Teilnehmerin des Symposiums.
Das Fest der Lithograph*innen: Wenn Steine feiern kรถnnten
Kunst entsteht nicht nur durch den Druck der Presse, sondern durch das soziale Bindegewebe der Gemeinschaft. Die traditionelle Lithographen-Party am Freitagabend, den 31. Juli, markierte den emotionalen Hรถhepunkt der ersten Symposiumswoche. In dieser informellen Atmosphรคre werden jene Netzwerke geknรผpft, die die internationale Grafik-Szene รผber Jahre hinweg tragen. Es ist das Fest einer Community, die verstanden hat, dass der Austausch von Wissen und Leidenschaft ebenso dauerhaft sein muss wie das Bild auf dem Stein.
Fazit: Ein Abdruck, der bleibt
Als am 9. August 2026 die Ausstellungen in den drei Galerien Tidaholms geschlossen wurden, blieb mehr zurรผck als nur bedrucktes Papier. Tidaholm beweist, dass die Lithographie kein Relikt ist, sondern ein lebendiges Labor fรผr die Zukunft. Die Geduld, die ein Steindrucker aufbringt, ist eine Lektion in Demut gegenรผber dem Material und der Zeit.
Vielleicht ist dies die wichtigste Frage, die wir alle aus Tidaholm ableiten kรถnnen: Was kรถnnten wir รผber die Qualitรคt unseres eigenen Schaffens lernen, wenn wir der Entstehung unserer Ideen dieselbe Beharrlichkeit und physische Hingabe widmen wรผrden, die Lithograph*innen fรผr einen einzigen perfekten Abdruck aufwendet?

โEs war sehr eindrucksvoll, dass bei den interessanten Tagen in Tidaholm so viele Lithographinnen und Lithographen aus aller Welt in Begeisterung zusammenwirkten, sich austauschten und neue Freundschaften schlossen. Besonders beeindruckt hat mich die Vielfalt von experimentellen und spielerischen Anwendung lithografischer Techniken.โ
So lautet auch das Fazit von Prof. Dr. Gerhard Kilger (Vorstandsvorsitzender der Internationalen Senefelder-Stiftung, ISS, mit Sitz in Offenbach am Main), der zusammen mit anderen Vertretern und Freunden der ISS am Symposium im schwedischen Tidaholm teilnahm.

Der Bericht von unserer geschรคtzten Kollegin Lorena Pradal, Leiterin der Freie Druckgraphik Werkstatt an der HfG Offenbach am Main, und Mitglied in verschiedenen Gremien der Internationalen Senefelder Stiftung / FISS, fasst hervorragend zusammen, was sich in Tidaholm ereignete und welchen Stellenwert eine solche Zusammenkunft hat.
Und im Nachgang nimmt mein ISS Vorstandskollege Eckhard Gehrmann noch Kommentierung und Erlรคuterungen vor.


Bitte klicken, um sich das Video auf Instagram anzuschauen.

Tidaholm: Eine globale Lerngemeinschaft rund um dem Stein
9. Internationales Lithographisches Symposium ยท Tidaholm, Schweden ยท 2026
Impressionen und Gedanken von Lorena Pradal
Im Mittelpunkt des diesjรคhrigen Internationalen Lithographischen Symposiums in Tidaholm stand ein besonderes Thema: Bildung und Vermittlung. Mehrere Tage lang kamen Kรผnstlerinnen, Druckerinnen, Lehrende, Forschende und Lithograph*innen verschiedener Generationen und aus unterschiedlichen geografischen Kontexten zusammen, um Wissen, Erfahrungen und Fragen rund um eine kรผnstlerische Praxis auszutauschen, die keineswegs statisch ist, sondern sich kontinuierlich weiterentwickelt.
Das Symposium war in zwei miteinander verbundene Bereiche gegliedert. Am Vormittag fanden Vortrรคge und Prรคsentationen statt, in denen die Teilnehmer*innen Forschungsprojekte, Erfahrungen oder Aspekte ihrer jeweiligen Praxis vorstellten. Am Nachmittag wurden diese Themen direkt in die Werkstatt รผbertragen und durch Demonstrationen und praktische Experimente vertieft.
Eine Besonderheit verรคnderte diese Struktur jedoch grundlegend: Die Werkstatt stand allen Teilnehmer*innen rund um die Uhr zur Verfรผgung.
Die Werkstatt war damit nicht nur der Ort fรผr die geplanten Demonstrationen. Sie wurde zu einem permanenten Raum fรผr Begegnung, Beobachtung, Gesprรคch, Experiment und Produktion. Fragen, die wรคhrend eines Vortrags entstanden waren, konnten Stunden spรคter vor einem Stein weitergefรผhrt werden; eine Demonstration konnte von anderen Teilnehmer*innen erneut aufgegriffen werden; eine Technik konnte beobachtet, diskutiert und anschlieรend in die eigene Praxis integriert werden.
Das Wissen endete nicht mit dem Ende eines Vortrags.









Lernen unter Gleichberechtigten
Diese Struktur ermรถglichte eine Form des Lernens, die sich von ausschlieรlich vertikalen Vermittlungsmodellen unterscheidet. In der Werkstatt konnte jemand mit groรer Erfahrung in einer bestimmten Technik die Rolle der Lehrenden รผbernehmen โ und zugleich selbst zum Lernenden werden, wenn er oder sie mit einer unbekannten Praxis konfrontiert wurde.
Dabei geht es nicht darum, Unterschiede in Erfahrung oder Wissen aufzuheben, sondern darum, sie in Bewegung zu bringen und miteinander zu teilen.
Lernen findet zwischen Generationen und unter Gleichberechtigten statt: durch Beobachten, Fragen, Ausprobieren, Fehler machen, Wiederholen und Teilen. Viele dieser Formen der Wissensvermittlung sind nicht zwingend an institutionelle Strukturen gebunden. Sie entstehen im alltรคglichen Leben einer Werkstatt, dort, wo technisches Wissen auf Kรถrper, Materialien und konkrete Probleme der Praxis trifft.
Tidaholm war in diesem Sinne auch eine Erfahrung darรผber, wie eine (internationale!) Lerngemeinschaft entstehen kann.














Viele Formen, Lithographie zu lehren, zu erlernen und zu praktizieren
Die Vielfalt der Prรคsentationen machte deutlich, dass es nicht nur eine einzige Mรถglichkeit gibt, Lithographie zu lehren oder zu praktizieren.
Per Andersson sprach รผber die Papiermรผhle von La Ceiba Grรกfica und stellte die Verbindung zwischen Papierherstellung, grafischer Praxis und dem Aufbau von Gemeinschaften rund um technisches Wissen her.
Bemerkenswert: Der Film von Cathrine Alice Liberg aus Oslo sowie die Prรคsentation โPermeability of the paperโ von Abigail Mirro und Nicole Kobylanski.
Miriam del Saz prรคsentierte die Erfahrung von La Nรณmada Grรกfica sowie Arbeiten an der UPV, die sich mit Gemeinschaft und kollaborativen Lernprozessen beschรคftigen. Ihre Prรคsentation รถffnete den Blick auf kรผnstlerische Bildung jenseits der Grenzen des Klassenzimmers und jenseits traditioneller Modelle der Wissensvermittlung.
Aus einem anderen geografischen und pรคdagogischen Kontext berichtete Satoru Itazu รผber die Lithografie in Japan, ihre Vermittlung an der Universitรคt und รผber seine eigene Werkstatt, in der er Editionen entwickelt. Seine Prรคsentation zeigte, wie dieselbe technische Tradition unterschiedliche Formen annehmen kann, wenn sie sich durch verschiedene kulturelle und institutionelle Kontexte bewegt.
Brandon Gunn stellte Bildungsprogramme des Tamarind Institute als weltweit wichtigster Bildungseinrichtung fรผr Lithographie vor, einer wichtigen Referenz fรผr die Vermittlung und Professionalisierung der zeitgenรถssischen Lithographie. Brandon berichtete auf ganz lockere Art รผber die neuen didaktischen Angebote von Lithographie-Kursen, die gegenwรคrtig sehr viele, oft junge Leute begeistern.
Michal Gรผnzburger erรถffnete mit dem Projekt Drucken-Denken eine weitere Perspektive auf das Verhรคltnis von Denken, Praxis und grafischer Produktion.
Simoni Philippou prรคsentierte ihre Arbeit in ihrer Werkstatt auf Zypern und zeigte, wie sich lithographische Praxis in einem spezifischen geografischen und kulturellen Kontext entwickelt und vermittelt.
Patrycja Podkoลcielny brachte ihre Erfahrungen aus Grafikdesign und Lithografie ein und zeigte damit ein weiteres Feld des Austauschs: die Begegnung zwischen planographischen Techniken und den Anforderungen und Sprachen des zeitgenรถssischen Designs.
So unterschiedlich diese Erfahrungen waren, verband sie doch eine gemeinsame Frage:

Wie vermitteln wir eine Praxis?
Tradition, Technik und Innovation
Die Demonstrationen und praktischen Erfahrungen vertieften diese Fragestellung.
Michael Barnes zeigte eine Demonstration zur Manier Noir-Technik und brachte damit ein Verfahren aus der Geschichte der Druckgraphik in den Dialog mit anderen graphischen Praktiken.
Eckhard Gehrmann prรคsentierte eine Demonstration zur Kruck Lithographie und machte dabei die unmittelbare Demonstration als eine wesentliche Form der Weitergabe technischen Wissens erfahrbar. (Hinweis: Christian Kruck gilt als bedeutendster Lithographie-Kรผnstler und Lehrmeister, dessen sog. Steindruckmalerei ihn im Jahr 1975 als Ersten Preistrรคger des Internationalen Senefelder Preises qualifizierte. Eckhard Gehrmann als Krucks Schรผler am Stรคdel in Frankfurt am Main wurde selbst im Jahr 1991 als 1. Preistrรคger des Internationalen Senefelder Preises ausgezeichnet).
Franz Hoke zeigte, wie Aluminiumplatten fรผr die Algrafie gekรถrnt werden, und erรถffnete damit einen praktischen Dialog zwischen lithografischen Prinzipien und zeitgenรถssischen Verfahren auf Aluminium.
Danielle Creenaune stellte Mokulito vor und zeigte damit eine weitere Mรถglichkeit, lithografisches Denken durch alternative Materialien und Verfahren zu erweitern.
Peter Stephan entwickelte Demonstrationen und Experimente gemeinsam mit verschiedenen Kรผnstler*innen, darunter Ana Pireva, und zeigte, wie technische Forschung zu einer gemeinsamen Praxis werden kann.
Ernst Hanke (1. Preistrรคger des Internationalen Senefelder-Preises 1984) arbeitete gemeinsam mit Rolf Maas und der Kรผnstlerin Carolyn Muskat im Werkstattbereich und verband dort an allen Sympoiumstagen technisches Erfahrungswissen und Experiment unmittelbar mit der praktischen Produktion an einer originalen Offenbacher Schnellpresse von Faber&Schleicher.
Die Vielfalt der vorgestellten Verfahren machte etwas besonders deutlich: Tradition und Innovation sind keine zwangslรคufigen Gegensรคtze.
Tradition erscheint nicht als ein abgeschlossenes Verfahren, das unverรคndert bewahrt werden muss. Sie kann vielmehr als Ausgangspunkt verstanden werden. Materialien verรคndern sich, neue Werkzeuge entstehen, neue Probleme tauchen auf โ und damit auch neue Mรถglichkeiten.
Innovation bedeutet nicht zwangslรคufig, die Tradition zu verlassen.
Manchmal bedeutet sie, zu einer historischen Technik zurรผckzukehren und zu fragen, welche neuen Mรถglichkeiten sie in der Gegenwart erรถffnet.

Steine, Steinbrรผche und Landschaft
Die Auseinandersetzung mit dem Stein erschien auch aus Perspektiven, die รผber seine rein technische Funktion hinausgingen.
Olivia Christen prรคsentierte Dokumentationen รผber Steinbrรผche und lenkte damit die Aufmerksamkeit auf den materiellen Ursprung des lithografischen Steins und auf die Landschaften im deutschen Solnhofen, aus denen er stammt.
Ann Kristin Kรคllstrรถm aus Schweden stellte ein kรผnstlerisches Projekt vor, in dem Steine in der Landschaft ausgestellt werden. Der Stein ist damit nicht mehr nur eine Matrix, die ein Bild aufnimmt, sondern wird zu einem Objekt, das bewegt, betrachtet und neu interpretiert werden kann.
Diese Erfahrungen machen eine Frage, die meine eigene Forschung begleitet, besonders relevant:
Wohin gehen die Steine?
Ein lithographischer Stein ist selbstverstรคndlich ein materielles Objekt. Gleichzeitig kann er als Trรคger von Erinnerung verstanden werden. Er bewegt sich zwischen Werkstรคtten und Generationen, wechselt den Besitzer, nimmt neue Bilder auf und sammelt Spuren und Nutzungen.
Doch die Steine reisen nicht allein.
Mit ihnen reisen Verfahren, Gesten, Wissen und Formen des Verstรคndnisses einer Technik.
Zu fragen Wohin gehen die Steine? bedeutet deshalb auch zu fragen: Wohin geht das Wissen?
Wer bewahrt es?
Wer gibt es weiter?
Was geschieht, wenn eine Technik von einer Werkstatt in eine andere gelangt?
Was bleibt erhalten?
Was verรคndert sich?
In Tidaholm tauchten diese Fragen immer wieder auf, auch wenn sie nicht immer ausdrรผcklich formuliert wurden.































Von der Werkstatt ins Museum, von der Gemeinschaft zur Edition
Auch die Verbindung zwischen Technik, Edition und der Zirkulation von Wissen wurde durch verschiedene Projekte sichtbar.
Cora Texier aus Paris prรคsentierte das Editionsprojekt von Anthese Litho fรผr die Produktion der Matisse-Ausstellung im Centre Pompidou. Ihre Prรคsentation zeigte, wie das technische Wissen einer Druckwerkstatt in groร angelegte Ausstellungs- und Editionsprojekte einflieรen kann.
Lithografie bewegt sich stรคndig zwischen unterschiedlichen Kontexten:
โข von der Werkstatt zur Universitรคt,
โข von der Universitรคt zur Gemeinschaft,
โข vom Steinbruch in die Werkstatt,
โข von der Werkstatt ins Museum,
โข vom Atelier der Kรผnstler*innen in die Landschaft.
Und bei jeder dieser Bewegungen verรคndert sich etwas.
Die Werkstatt als Form des Widerstands
Diese Erfahrung bestรคtigte eine Idee, die auch meine eigene pรคdagogische Arbeit begleitet: Die Werkstatt kann eine Form des Widerstands sein.
Ein Widerstand gegen das Verschwinden technischen Wissens; gegen den Verlust von Orten, an denen dieses Wissen praktiziert und weitergegeben werden kann; und gegen die Vorstellung, kรผnstlerisches Wissen sei etwas Individuelles, Abgeschlossenes oder ausschlieรlich Institutionelles.
Die Werkstatt bietet eine andere Logik.
Sie ist ein Ort, an dem Wissen mit den Hรคnden entsteht, aber ebenso durch Gesprรคche, Fehler, Fragen und gemeinsam verbrachte Zeit.
In Tidaholm haben wir uns alle als Gleichberechtigte im Dialog erlebt.
Das bedeutet nicht, dass alle dasselbe wussten. Im Gegenteil: Der Reichtum der Begegnung lag gerade in den Unterschieden. Jede/r Teilnehmer/in brachte eine spezifische Erfahrung mit und konnte diese mit der Gruppe teilen.
Wissen wurde dadurch von etwas, das ausschlieรlich der Person gehรถrt, die es besitzt, zu etwas, das geteilt, verรคndert und weitergegeben werden kann.
Diese Form des Lernens ist gerade in einer Disziplin wie der Lithographie von besonderer Bedeutung. Ein wesentlicher Teil des technischen Wissens liegt in Gesten, Beobachtung und materieller Erfahrung und kann nicht vollstรคndig durch Texte oder Anleitungen vermittelt werden.
Von den sozialen Netzwerken zu den Kรถrpern
Eine der bereicherndsten Erfahrungen war es, Kolleg*innen, denen viele von uns seit Jahren in den sozialen Netzwerken folgen, plรถtzlich persรถnlich gegenรผberzustehen.
In einer Zeit, in der ein groรer Teil unserer professionellen Kommunikation รผber digitale Plattformen mit Fotos und Videos stattfindet, verwandelte die physische Begegnung diese virtuellen Beziehungen in materielle Erfahrungen: einen Stein gemeinsam zu bearbeiten, eine Demonstration zu beobachten, Papier in den Hรคnden zu halten, รผber eine Farbe zu sprechen oder jemandem bei der Arbeit zuzusehen.
Kolleg*innen aus verschiedenen Teilen Europas, Asiens und Amerikas brachten ihre eigenen Geschichten, Materialien, Methoden und Arbeitskontexte mit.
Das internationale Netzwerk der Lithographie erhielt dadurch eine weitere Dimension. Es war nicht mehr nur ein Netzwerk aus Bildern und Ergebnissen, sondern ein Netzwerk aus Menschen, Werkstรคtten, Steinen, Werkzeugen, Papieren, Farben und Wissen.
Lernen an einem gemeinsamen Tisch
Die gemeinsamen Frรผhstรผcke waren ein scheinbar einfacher, aber zugleich sehr bedeutender Teil der Erfahrung.
Bevor wir in die Werkstatt gingen, trafen wir uns an einem gemeinsamen Tisch. Dort wurden Gesprรคche vom Vortag fortgesetzt, neue Fragen entstanden und Geschichten aus den verschiedenen Lรคndern und Arbeitszusammenhรคngen ausgetauscht.
Diese informellen Momente erinnern daran, dass eine Gemeinschaft nicht allein um eine Technik herum entsteht.
Sie entsteht auch an einem gemeinsamen Tisch.
Die Pรคdagogik der Begegnung fand sowohl in einer lithographischen Demonstration als auch in einem Gesprรคch beim Frรผhstรผck statt. In beiden Fรคllen entstand etwas, das schwer messbar, aber grundlegend ist: Vertrauen und ein Gefรผhl der Zugehรถrigkeit.






Ein generationenรผbergreifendes Netzwerk
Vielleicht war es eine der bewegendsten Erfahrungen des Treffens zu erkennen, dass Wissen weiterhin รผber Generationen hinweg weitergegeben wird.
In einer Zeit, in der viele handwerkliche Praktiken und historische Techniken vom Verschwinden bedroht sind, zeigt die Begegnung mit Kรผnstler*innen, Lehrenden, Drucker*innen und Studierenden, die sich fรผr Lithographie interessieren, dass die Technik weiterhin neue Kรถrper und neue Fragen findet.
Bildung und Wissensproduktion in der Kunst reisen, verรคndern sich und breiten sich aus.
Sie bewegen sich nicht notwendigerweise linear und auch nicht ausschlieรlich innerhalb von Institutionen. Sie zirkulieren zwischen Werkstรคtten, Schulen, Universitรคten, Begegnungen, Publikationen und Gemeinschaften. Sie werden von Lehrenden an Studierende weitergegeben, aber ebenso von Studierenden an Lehrende, von Kollegin zu Kollegin und von einer Generation an die nรคchste.
Dieses generationenรผbergreifende Netzwerk verweist letztlich auf eine Demokratisierung planographischer Techniken: Wissen soll zirkulieren kรถnnen, Werkzeuge sollen gemeinsam genutzt werden kรถnnen, und immer mehr Menschen sollen nicht nur Zugang zu den Ergebnissen einer Technik erhalten, sondern auch zu dem Wissen, das notwendig ist, um sie zu verstehen und weiterzuentwickeln.
Eine Begegnung, die weitergeht
Als wir in unsere jeweiligen Werkstรคtten zurรผckkehrten, nahm jede*r von uns neue Fragen, Verfahren, Materialien, Kontakte und Erfahrungen mit. Aber auch etwas weniger Greifbares: die Gewissheit, Teil einer internationalen Gemeinschaft zu sein, die geografische, institutionelle und generationelle Grenzen รผberschreitet.
Der Wert eines Treffens wie Tidaholm in Schweden liegt deshalb nicht allein in den erlernten Techniken oder den gezeigten Demonstrationen. Er liegt ebenso darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen Wissen frei zwischen Menschen zirkulieren kann, die eine gemeinsame Praxis teilen und sie gleichzeitig verรคndern.
In diesem Sinne mรถchte ich mich besonders bei Patrick Wagner, dem Organisator des Symposiums, fรผr seine enorme Arbeit und dafรผr bedanken, dass er die Voraussetzungen fรผr diese Begegnung geschaffen hat.
Mein Dank gilt ebenso Bill Haberman und Jean Michael Schmidt als groรartige Koordinatoren der Werkstatt und der Workshops in Tidaholm, fรผr ihre Offenheit, ihre Groรzรผgigkeit und dafรผr, dass sie die Werkstatt wรคhrend des gesamten Treffens zu einem offenen, einladenden und lebendigen Ort gemacht haben.
Unser Dank gilt auรerdem dem Verein, der das Symposium finanziell unterstรผtzt hat. Diese Unterstรผtzung war von groรer Bedeutung, um diesen internationalen Raum fรผr Austausch, Lernen und Wissensvermittlung zu ermรถglichen.
Die Steine werden weiterreisen.
Und mit ihnen werden weiterhin Wissen, Fragen und Gesten derjenigen reisen, die mit ihnen arbeiten.
Vielleicht liegt genau darin einer der Grรผnde, warum die Lithografie lebendig bleibt:
Jede Generation รผbernimmt eine Tradition, aber keine Generation ist verpflichtet, sie genau so weiterzugeben, wie sie sie vorgefunden hat.
Sie รผbernimmt sie, arbeitet mit ihr, verรคndert sie โ und gibt sie weiter.
Addendum

Addendum
Weitere Impressionen und Erlรคuterungen von Eckhard Gehrmann, der mit einem Vortrag sowie Exponaten am Symposium in Tidaholm beigetragen hat.
Dank an Lorena, Du hast einen wunderbaren Text geschrieben und die weltweite Lithogemeinschaft sehr gut dargestellt. Der freie, freundschaftliche Austausch von Fachwissen in solch einem Umfang war grandios. Der einzige Nachteil, man konnte nicht รผberall sein.
Ich habe mit Tonertusche eine Lasur auf einen Stein gezeichnet, um die Arbeitsweise von Christian Kruck an der Frankfurter Stรคdelschule vorzustellen. Das anschlieรende Reduzieren in vielen Schritten in mehreren Farben kannten viele wohl nicht.
Die vielen Gesprรคche wรคhrend der Arbeit waren sehr wichtig und ich habe viele neue Anregungen erhalten. Und dann sehe ich diese Hรคnde vor mir, die meinen Stein feuchten. Ich kenne sie von Instagram, es sind die Hรคnde von Saturo Itazu aus Tokyo. Und schon drucken wir zusammen ganz selbstverstรคndlich ohne viele Worte. Wieder kommen andere hinzu, denen ich mein Material gebe, um damit Versuche zu machen.
Noch ergรคnzen sollte man, Bill Haberman und Jean Michael Schmidt sind die Werkstattleiter. Jean Michael musste am ersten Tag zur Beerdigung seines Vaters, so war es ein bisschen chaotisch. Spรคter aber ging alles gut.
Tidaholm hat eine unglaubliche Werkstatt, ich glaube 10 Handpressen. Manches ist nicht in ganz so gutem Zustand, aber es kostet, so weit ich weiss, nichts um dort zu arbeiten.
Ernst Hanke und Rolf Maas haben an der Schnellpresse von Faber und Schleicher aus Offenbach eine Auflage gedruckt. รberhaupt Ernst Hanke, er ist der Grรถรte, er reist mit รผber 80 Jahren durch Europa und die Welt (aktuell in China) gibt sein Wissen freigebig weiter. Dabei repariert er noch die Maschinen. Rolf Maas ist vom Steindruckmuseum in Holland. Ernst hat vor Kurzem dort gearbeitet und ihm vieles gezeigt.
Peter Stephan hat die ganze Woche den Auflagendruck mehreren Teilnehmern des Symposiums gezeigt.
Laurent Nikolai zeigte seine Farben, wie bei uns, beim ISS-Kolloquium in Offenbach.
Und Jim Berggren/ Eric Saline/ Bill Haberman haben die ganze Woche in einem eigenen Gebรคude an einer Groรen Flachbettpresse von Platten gedruckt zusammen mit den Chinesischen Teilnehmern.
Noch eine Anmerkung bezรผglich der Neuen und Alten Techniken:
Wir selbst haben bei der Senefelder Preisvergabe eine โNeue Experimentelle Technikโ bevorzugt und die โaltenโ Techniken nicht so stark berรผcksichtigt, um die Lithographie interessant zu halten.
Ich finde, die Neuen und die alten Techniken waren in Tidaholm sehr gut vertreten. Ich habe z. B. mit einer hervorragenden neuen Federfarbe, entwickelt von Brandon Gunn mit Cranfield, nach der alten Technik gedruckt.
Schรถnen Gruร
Eckhard Gehrmann, Friedrichsdorf, Hessen
Hinweise
Das 10. Internationale Lithographie Symposium in Tidaholm wird im Jahr 2030 stattfinden.
Zuvor, 2028, wird der 14. Internationale Senefelder-Preis verliehen werden. Einreichungen sind noch bis 12. Mรคrz 2027 mรถglich. Die Teilnahmeunterlagen kรถnnen auf der Stiftung Website angesehen und runtergeladen werden.

Lesetipp
Wรผrdigung von Christian Kruck zu dessen 100. Geburtstag am 12. Februar 2025.




























































































































































































































































































































































































Der Hirnforscher Dr. Henning Beck, Frankfurt am Main, gibt mit seinem lesenswerten Buch โIrren ist nรผtzlichโ wichtige Tipps. Gerade fรผr alle, die sich mit Transformation beschรคftigen. Seine These: Die Schwรคchen des Gehirns sind unsere Stรคrken. โ Henning lehrt und publiziert nicht nur. Er hat auch schon Firmen im Silicon Valley beraten.ย 


















































































































































