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Andreas Weber Foto INKISH.TV

Von Andreas Weber, Print-Lover

Impulsvortrag von Andreas Weber beim MAKE IT 22-Event von Canon Production Printing, Bereich Buisness Communication, in Poing am 21. September 2022 

INTRO — Ein Hoch auf die heitere Gelassenheit mit PRINT! — Willkommen im Herzen von Bayern. Seien sie unverzagt. Getreu dem legendären Münchner Komiker Karl Valentin: „Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch!“ — Wie wahr!

Gestatten Sie mir zu Beginn ein sehr persönliches Erlebnis mit Print zu schildern!

Vor 24 Jahren, im Herbst 1998 konnte ich mit zwei Freunden und Hochschulkollegen, einem Maler und einem Designer, das Projekt ZEITENWENDE in der Gutenberg-Stadt Mainz an den Start bringen. Ziel und Zweck: Zur Jahrtausendwende sollte eine einzigartige, multimedial inszenierte Publikation entstehen. Im Zentrum: New York Manhattan Zeitenwende / Changing Times.



 

Ein gedrucktes Buch auf Premium-Niveau, zweisprachig deutsch/englisch. Mit den besten Scans und Schrift-Designs, den besten Papieren, dem besten Druck und der besten buchbinderischen Verarbeitung. Flankiert von Postern, Kalendern, Website, Musik- und Tanzarrangements, einer (damals brandneuen) Flash-Animation, bei der sich das Buch in digitaler Form selbst durchblätterte, Ausstellungen und Special Events. Wir konnten einen Volltreffer landen. 2.500 Bücher plus eine Sonder-Edition für den US-Markt waren im Handumdrehen verkauft, Einzelpreis 140,00 DM. Noch bevor das Buch überhaupt in Druck ging. Premiere war auf der Buchmesse sowie im ZDF-Studio New York.

Möglich machten dies neben höchster Sorgfalt bei der Produktion ein äußerst kreatives und wirksames Marketing-Konzept sowie ein Kick-off-Event am Welttag des Buches, dem 23. April 1999, im Broadway-ähnlichem, unterirdischen  Orchester-Probenraum des Mainzer Staatstheater. Zur Erinnerung: Wir waren im Jahr 2000 auf dem Höhepunkt des Internet-Hypes. An eine Zukunft für und mit Print wollte/konnte kaum einer der Digital-Apologeten mehr glauben. 

Wir taten es. Und reüssierten. Ohne Budget. Ohne Werbekampagne. Ohne Verlag. Aber mit einer gehörigen Portion Mut und Neugier. Ein tolles Gefühl, das bis heute Anhält.

1. Zeitenwende: Print ist tot! Lang lebe … — ja was eigentlich?

Warum erzähle ich das? Ganz einfach, um zu zeigen, wie man mit Althergebrachtem auch in modernen Zeiten auftrumpfen kann. Wenn man begeisternd motiviert, das Publikum involviert und Gedrucktes kreativ inszeniert. Und nicht nur mehr oder weniger lieblos quasi in Schweinebauch-Anzeigen-Manier und vor allem ungefragt Drucksachen als Belästigungs-Kommunikation unters Volk bringt. Print ist Premium. Das ist so und wird so bleiben! 

Wir sind ja hier bei Canon im besten Sinne in einem wundervollen Print-Erlebnisraum. Der gegenüber den Möglichkeiten, die wir 1999/2000 hatten, unglaubliche Fortschritte in der Kommunikation mit Print bietet. Canon lässt m. E. kaum noch Wünsche offen:

  • Solide Technikbasis (nach echtem Quantensprung)
  • Weites Anwendungs-Spektrum
  • Umfassende Lösungen plus Services — inkl. optimalem Prozessmanagement
  • Loyale Kunden mit hohem Marktanteil
  • Bestmögliche Kundenorientierung

    Na, wenn daraus kein Wachstum möglich sein sollte …

Eigentlich kaum vorstellbar, solche Fortschritte hinzubekommen, in einer Welt, in der Marketing-Budgets überwiegend ins Digitale abgeschoben werden. Und das in Dimensionen, die bislang kaum vorstellbar waren. Die F.A.Z. schrieb gerade [Anfang Sept. 2022], dass über 70 % der Werbespendings vorwiegend an Google, Facebook, Amazon und Tencent gehen. Allein Google machte 2021 einen Umsatzsprung bei den globalen Werbeumsätzen von über 42% auf rund 210 Milliarden US-Dollar! Und hat einen Marktanteil von 30%. Dabei ist die Wirksamkeit von Online-Werbung durchaus anzuzweifeln, zumal Betrüger durch bezahlte Klicks und Bots Reichweite erschwindeln und kräftig abzocken (derzeit rund 70 Milliarden US-Dollar pro Jahr). Und gleichzeitig stellen bei uns Handelsketten wie OBI gedruckte Werbung komplett ein.

Darum meine These:
Sowenig wie Print untergeht, sowenig sind jedwede Kommunikationsmaßnahmen nachhaltig, die nur auf „Online resp. Digital“ setzen!

2. Paradigmenwechsel: Von der Produktion zur Kommunikation

Im Vorfeld der Leitmesse drupa im Jahr 2012 — Wer von Ihnen kennt noch die drupa? — wurde ich von der Wirtschaftswoche gefragt, welcher Unternehmenstyp, welches Geschäftsmodell wohl zukunftsfähig sei und sich durchsetzen werde. Ich favorisierte einen neuen Firmen-Typus anstatt Akzidenz- oder Inhouse-/Transaktionsdruckerei oder Verpackungs- und Etikettendrucker etc.: Und zwar die interaktive Manufaktur. Ich meinte damit einen hochprofessionellen, an bester Handwerkskunst orientierten Betrieb, der verschiedenste Technologien, Prozessabläufe und Anwendungen souverän, flexibel und auch industriell handhabt sowie hoch automatisiert und trotzdem kundenindividuell gestaltet. Weg von der Massenproduktion hin zur massenhaft individuell gestalteten, ganzheitlichen Kommunikation. 

Ganz klar war für mich damals wie heute: Das ganze Gedöns um Verfahrenstechniken (Digital- vs. Offsetdruck, VDP, Transaktionsdruck etc.) und Bits&Bytes führt zu nichts. Wenn Print (in all seinen Erscheinungsformen) als prosperierende Geschäftsgrundlage dienen soll, kann m. E. nach nicht mehr die Produktion, sondern es muss die Rolle von Print im Kommunikationsmix im Vordergrund stehen.

Und siehe da, oh Wunder, Robert Keane, CEO von CIMPRESS plc, der größten, milliardenschweren sog. Online-Druckereigruppe der Welt, verkündete, das Prinzip der Masscustomization, das zum Leitbild seiner Firmen werden muss. Und im kleinen Rahmen, in der schönen Schweiz, schickte sich Steffen Tomasi, CEO & Gründer bei Flyerline Schweiz AG, an, meine Lieblings Print-Manufaktur, zu großem Erfolg zu führen. 2020, als alle unter COVID-19 ächzten, und die Auftragslage je nach Anwendung auf Null zuging, rief Tomasi seine Mannschaft zu einem rund vierwöchigen Innovations-Triathlon zusammen, um alles und jedes auf den Prüfstand zu stellen. Heraus kam eine neue, Pandemie-konforme Flyerline Schweiz AG, die z. B. Papiermöbel fürs Homeoffice oder auch bedruckte Pappkameraden als Zuschauerersatz in Sportstadien On-Demand produzierte/lieferte. 

Auch wenn Sie jetzt evt. sagen, unser Metier ist ja doch ganz anders. Wir kommen aus dem Transaktionsdruck. Bei uns gehts um hohe, sicherheitssensitive Produktionsvolumina etc. — so lässt sich durchaus sagen: Ihre Welt hat sich ebenfalls geändert, und ist weiter im Wandel. Ein neues Feld ist längst eröffnet, das der Business Communication. Mit erweiterten Möglichkeiten, die Ihnen und Ihren Kunden, ob in-house oder extern, veritable Chance bieten, vernetzte Kommunikation mit Medien wirksamer zu gestalten. Zum einen durch Portfolio-Erweiterungen (Canon bietet hier in der Halle in Poing viele Anregungen); zum anderen durch neue Konzepte für höhere Interaktion und Transparenz. 

Meine These

Bis dato weiß kaum jemand, was der Empfänger mit dem von Ihnen gefertigten Druckstück tatsächlich anfängt. Wird es genutzt? Wenn ja, wie? Oder gleich weggeworfen? — Jede Lösung, die Ihrem Auftraggeber – wer auch immer das sein mag – dieses Dilemma löst, stärkt die Kommunikation mit Print. 

Und bedenken Sie: Die Kommunikation mit Print beginnt für Sie schon bevor Sie für Kunden produzieren. — Oder wie machen Sie Ihr Angebot transparent und im Nutzen begreifbar?

3. Good2Know: Innovator’s Dilemma

Meine britischen Kollegen reden gerne mal von „New Innovations“. Also quasi „neue Neuerungen“. Diese sprachliche Schwäche zieht sich im begrifflichen Umgang durch. Das Innovator’s Dilemma beginnt also damit, dass nicht einheitlich definiert ist, was Innovation tatsächlich bedeutet. 

Auf Print-Fachmessen wird gerne angekündigt: Wir haben zig-Neue Innovationen. Doch dahinter stehen „Inventions“, sprich einfach nur technische Verbesserungen im Rahmen des Status quo. Die Invention zeichnet sich dadurch aus, dass Zweck und Mittel auf neue Art kombiniert werden. Der Zweck wird über die Nachfrage, die Mittel über die Technologie bestimmt. 

Gestatten Sie einen kurzen akademischen Exkurs: Dem bedeutenden Ökonomen Joseph Alois Schumpeter gemäß ist Innovation die „Durchsetzung neuer Kombinationen“ zumeist im Kontext mit „schöpferischer Zerstörung“. Innovation sei die Summe von technologischen, wirtschaftlichen, organisatorischen oder sozialen Neuerungen, der Invention, und deren Umsetzung beziehungsweise Durchsetzung. Die Neuerung muss im Unternehmen nach innen und außen durchgesetzt werden, um als Innovation zu gelten. Dieser Prozess geht nicht kontinuierlich, sondern diskontinuierlich vonstatten. 

Kurzum: Es geht darum, das Alte auf eine neue Weise zu tun. Aber sozusagen „beyond Technology“. 

Es geht zugleich jedoch darum, sich NICHT auf eigenen Innovations-Erfolgen auszuruhen. Beispiele für grandioses Scheitern im Sinne des Innovator’s Dilemma sind vielfältig, siehe IBM in den 90ern, Kodak, Agfa, HP, Nokia u.a.m. Gegenbeispiele, also Erfolgsstories, sind die GAFAM-Gruppe: Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft; interessanterweise alles Unternehmen, die sich aktiv und innovativ mit ‚digitaler’ Print-Technik auseinandersetzen. Sei es, um digitale Inhalte druckbar zu machen, sei es um Print-Produkte zu vermarkten. Oder durch Print als Werbemittel zu profitieren. 

Meine These

Innovation sowie Innovationsgeist kann man nicht von der Stange kaufen. Beides muss klug durchdacht und offen kommuniziert zu neuen, akzeptierten Handlungsweisen führen.


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4. Benchmark: Die Technik kann’s. Und wir?

Hand aufs Herz: Wie viele technische Optionen / Features werden (mit)gekauft und dann gar nicht genutzt? Im Umgang mit der Print-Technik ist dies kein seltenes Phänomen. Zudem liegt der Fokus zumeist darauf, das, was man tut, besser zu machen. Im Zweifelsfall kommen neue Applikationen hinzu, die bis dato in anderen Verfahren produziert wurden.

Wir sollten lernen, mit Technik ganz anders, viel kreativer umzugehen. Nicht die Frage: „Welche etablierten Marktsegmente / Anwendungsgebiete wachsen oder gehen zurück“, darf die unternehmerische Leitlinie vorgeben. Sondern die Frage: Es gibt riesige Menge an Daten, mit jedem Tag mehr, die gedruckt werden könnten. Wenn man also zum Beispiel in der Lage wäre, nicht mehr nur über PDF-Dateien Print zu erzeugen, sondern über HTML-Daten, aus denen On-Demand kundenindividuelle Druckstücke in Echtzeit und auch in Netzwerk-Strukturen dezentral erzeugt werden.

Wer das schafft, rückt ganz nahe an die Vorzüge der sog. Plattform-Ökonomie, die auf Interaktion und exponentielles Wachstum ausgerichtet ist. Die Apologeten der GAFAM-Gruppe habe ich bereits genannt. Alles was diese durchaus Print-affinen Digitalfirmen tun, wird zudem immer in Echtzeit mit Kunden auf ihre Nutzererfahrung und spezifische Bedürfnislage abgestimmt. Als GAFAM-Kunde wird man immer gefragt, ob man zufrieden war oder welche Kritikpunkte bzw. Anregungen es gibt, die dann auch ernst genommen werden.

In meinem jahrzehntelangen Dasein als Print-Fan und -Liebhaber ist mir nicht in Erinnerung, dass ich ein einziges mal gefragt worden wäre, wie mir das Druckstück, das ich bekommen habe, in seiner Erscheinungsform gefällt oder eben mißfällt. Ich würde aber jederzeit gerne dazu Auskunft geben – wenn man mich nur fragen würde…

Meine These

Wir können aus der Digitalwelt, die angeblich Print negiert, wesentlich mehr Anregungen und Geschäftsmöglichkeiten herausholen, als „nur“ herkömmlich digital zu drucken. Dazu braucht es einen kreativeren Umgang mit Technologie und den sich anfügenden Möglichkeiten der Wertschöpfung.

5. Roadmap: Von der Innovation zur Transformation zur Disruption

Seit der drupa 2016 rückte das Dogma der Transformation auf Basis von Print-Innovation in den Fokus. Hinzu kam, dass (aus meiner Sicht sehr undifferenziert) von „Disruptiven Technologien“ gesprochen wurde. Was verbirgt sich dahinter? Disruptive Technologien sind Innovationen, die die Erfolgsserie einer bereits bestehenden Technologie, eines bestehenden Produkts oder einer bestehenden Dienstleistung ersetzen oder diese vollständig vom Markt verdrängen und die Investitionen der bisher beherrschenden Marktteilnehmer obsolet machen. Soweit, so gut! Aber sind wir da wirklich angekommen? M. E. verharmlosen wir allzu gern die neuen digitalen Drucktechniken als komplementär. Insofern dauert es ewig lange, Dinge tatsächlich und radikal zu ändern. 

Doch keine Bange: Wandel im Wirtschaftsleben ist ein ganz natürlicher Prozess — ein kulturell, sozial und ökonomisch getriebenes Phänomen, dem man sich nicht entziehen kann. Ob wir nun aktiv sind oder nicht, wir sind betroffen und können uns der Wirkung nicht entziehen. #Zeitenwende eben! 

Transformation ist dabei kein real stattfindender, in Augenschein zu nehmender  Prozess, sondern findet m. E. bei jedem von uns im Kopf statt. Ausgangspunkt ist die Veränderung des Denkens durch neue Erkenntnisse, um zu neuen Handlungen gelangen zu können. 

Im Kontext mit Print sieht und sah das stets so aus: Investiere in neue Technologie und transformiere Dein Geschäft zum Besseren. Klingt plausibel, funktioniert aber nicht so ganz. Transformation wirkt sich keinesfalls linear oder berechenbar aus, sondern iterativ und bisweilen disruptiv. 

Meine These

Entscheidend bei Transformationen erscheint mir, das Momentum neuer Denk-Erkenntnisse in die Realität zu übersetzen. Kein leichtes, aber auch kein unmögliches Unterfangen, um neues, wirkungsvolles Handeln mit höchster Agilität zu gewährleisten.

6. Perspektive: Nachhaltigkeit ist Trumpf!

Wir beziehen Nachhaltigkeit fast ausschließlich auf Umweltaspekte wie Carbon Foot Print etc. Das ist gut und wichtig. Zertifizierungen, Kompensationen bei Technik und Materialen spielen die größte Rolle. Ich möchte den Blick auf weitere Bereiche lenken.

  1. Unternehmens-/Mitarbeiterkultur. Die meisten Firmen, gerade die großen, haben ihre Environment Social Governence-Kriterien (kurz: ESG). Das sind meist mehr oder weniger Willensbekundungen, um vermeintlichen Konventionen gerecht zu werden. Für mich wesentlich ist: Welche Struktur, besonderen Talente und Skills  machen die Mitarbeiterschaft aus, um das Geschäft nachhaltig und zukunftsfähig zu gestalten? Inzwischen gibt es eine Fülle an Berufsbildern, die kaum mehr etwas mit klassischen Berufsbildern wie Drucktechnik oder Medienproduktion zu tun haben. Folgende werden in den USA für Print Services aller Art als wesentlich erachtet:
    Account Coordinator  | Sales Representative
    Development Associate
    Digital eCommerce Producer
    eCommerce Manager
    Digital Content Manager
    Front End Developer
    Instructional Media Designer
    Prepress Technician | Print Estimator  | Print Production Specialist
    Production Artist / Production Associate
    Project Manager
    Quality Assurance Specialist
    Structural Designer | User Experience Designer
    Web Designer | Web Content Manager
    Sprich: Das sind Hightech-Berufe, die erlauben, High-Tech-und High-Quality-Printkommunikations-Lösungen anzubieten. Wer das Kunden/Interessenten transparent macht, hat schon gewonnen und wird perspektivisch als guter und zukunftsorientierter Partner angesehen. Wer das umsetzt, hat eine treue Belegschaft!
  2. Die Produkte, Lösungen und Services müssen nachhaltig gestaltet sein. Printprodukte, die nicht genutzt, sondern gleich entsorgt werden, sind null nachhaltig. Hier stimmen Konzept, Ausführung, Timing oder Evaluierung der Empfänger-Bedürfnisse nicht.

Meine These

Für die Nachhaltigkeit im Print ist Relevanz wichtiger als hohe Reichweite per Gießkannenprinzip. Das muss in die Auftragsentstehung einfließen. Die Beratung hierfür muss früher greifen.

 

7. Umdenken: Man kann nicht NICHTS kommunizieren

„Ich bin sprachlos!“ — Das kann von starker Begeisterung oder auch von Schreck herrühren. Oder, wie in unserem Fall wohl aus Unachtsamkeit geschehen. So wie Schuster bisweilen die schlechtesten Leisten haben, wird in der Print- und Kommunikationstechnik viel zu schweigsam oder lautlos agiert. Wenn überhaupt, wird das eigene Leistungsangebot bemustert oder auf Open House-Ausstellungen in meist sehr technokratischer Art und Weise feilgeboten. Es gilt: Wir sind der Konkurrenz stets einen Schritt voraus, denn wir behalten alles für uns!

Aber, so meine wohl gemeinte Kritik: Besonders professionell oder gar pro-aktiv wird Kommunikation für Print und flankierende Leistungsangebote nicht betrieben. Man könnte überspitzt sagen: Die meisten Print-Dienstleister, egal in welchen Märkten sie aktiv sind, verhalten sich beinahe autistisch. Es wird wiederholt stereotyp agiert. Und schon gar nicht über den Tellerrand hinaus geblickt!

Die Marktkommunikation wird von Herstellern und Lieferanten geführt. Eine Print-Lobby gibt es gar nicht. Und, das größte Manko, mit wichtigen Bereichen wie z. B. der umsatz-, ertrags- und wachstumsstarken Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW) mit ihren rund 1,8 Mio. Tätigen (2006: 938tsd), die zugleich Treiber für Innovation ist, findet strukturiert keine Branchenkommunikation statt. Man bedenke: Die Bruttowertschöpfung (BWS) in der KKW lag 2020 bei rd. € 94,6 Mrd. (2006: € 61 Mrd.). Sie lag damit etwas über dem Niveau des Maschinenbaus und vor anderen Branchen wie den Finanzdienstleistungen, der Energieversorgung oder der chemischen Industrie. Die Entwicklungen in der KKW wird in jährlichen Monitoringberichten der Bundesregierung transparent erfasst.

Gesprächspartner wie auch Gesprächsanlässe gibt es genug und Beispiele gibt es zuhauf! Sogar die dröge anmutende Mineralwasser-Branche hat vor 20 Jahren eine überaus kreative, erfolgreiche, nachhaltige Gattungsmarketing-Kampagne inszeniert und weite Bevölkerungskreise erreicht. 

Vor allem, und das ist wirklich paradox, hat sich die Print-Produktionstechnik inkl. der Prozesse komplett und geradezu vorbildhaft digitalisiert. Sich jedoch gleichzeitig auf digitale Kommunikation zu fokussieren — v. a. zur Kundenbindung und Kundengewinnung — wird komplett vernachlässigt. Die Wirkungsmechanismen werden in Frage gestellt. Dabei gibt es neue, hochprofitable Anwendungsbereiche im Digitaldruck, die ihr Geschäftsmodell auf Social-Media-Plattformen aufbauen und aus dem Stand heraus nicht nur regional, sondern  international agieren können. Siehe den Instax Sofortbild-Veredler Instant Celebration sowie die 1-Click-Fotobuch-Spezialisten Pastbook, beide aus Amsterdam, NL. Und sogar Papierhersteller wie Mondi pflegen seit Jahren erfolgreiche interaktive B2B-Projekte auf Instagram um das Interesse an seinen Premiumpapieren zu beflügeln. 

Meine These

Es sollte doch bei dieser geballten Kompetenz im Auditorium ein leichtes sein, durch pro-aktive Kommunikation zu begeistern. Oder sogar innovative Business Communication-Lösungen v. a. auf LinkedIn als Premium B2B-Marktplatz zu verankern.

OUTRO — Empfehlung(en): Be. More. Human.

Meine Damen und Herren, soweit meine Gedanken zum Thema ZEITENWENDE. Ich hoffe Sie konnten Anregungen für sich empfangen. Und wenn diese bisweilen etwas Kopfzerbrechen machen, so ist dies ein gutes Zeichen. Denn wer schön sein will muss leiden. Oder?

Meine Empfehlung: Bei allem, was die Begeisterung für das Digitale im Umgang mit Print-Technik angeht, so möchte ich doch auf etwas ganz wesentliches hinweisen: 

Be. More. Human. Alles was wir hier in Poing bei Canon sehen, worüber wir reden, was im Privatsektor geschieht, ist letztlich kein Technik-Selbstzweck. Sondern alles ist von Menschen für Menschen gemacht. Daran möchte ich appellieren und freue mich, wenn wir auf dieser Ebene im Diskurs bleiben. 

Und zum Abschluß, da wir hier im wunderbaren Bayern sind, ein Bonmot, nein, gerade zu ein Kultspruch des Bayrischen Filmemachers Herbert Achternbusch aus seinem  berühmten Werk aus dem Jahr 1976 „Atlantikschwimmer“: 

„Du hast keine Chance, aber nutze sie!“

 


 

Zur Person

Andreas Weber folgt dem Leitsatz: „Kommunikation ist (k)eine Kunst!“. Er ist ein international renommierter und prämierter Analyst und Publizist. Seine Leidenschaft gehört der Kommunikation mit Medien. Print spielt dabei auch im Digitalzeitalter eine zentrale Rolle. Diese Botschaft hat er in zahlreichen Projekten, Vorträgen und Seminaren rund um den Globus manifestiert. Sein Blog valuetrendradar.com wurde bis dato von über 130.000 Lesern aus fast 160 Ländern der Welt genutzt.

Kontakt via LinkedIn:
https://de.linkedin.com/in/andreasweber

 


 

Ausgewählte Charts als Illustration zum Impulsvortrag

 


 

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Von Andreas Weber

Nach dem Kommunikations-Desaster im März 2020 schien Heidelberger Druckmaschinen AG wieder auf Kurs zu kommen. Gemäß dem Motto: „Weniger ist mehr“ wurde im Zuge der Transformation die Firma komplett umgekrempelt. Ziel: Den Cash-Flow zu stärken und nur noch zu unternehmen, was auch Profit bringen kann. Umsatzrückgänge werden dabei in Kauf genommen.

Der Höhepunkt: Mit dem Verkauf der Gallus-Gruppe sollte — per Pressemeldung vom 22. Juli 2020 verkündet — ein bedeutender Meilenstein in der Transformation von Heidelberg erreicht werden. Die Branche staunte. Doch schon im August 2020 wurde gefragt: Was weiß man über den Käufer? Wer ist Marco Corvi und seine Benpac Holding AG mit Sitz in der Schweiz? Selbst Profis aus der Finanzmarkt-Branche fanden keine Antworten.

Zweifel und Widersprüchlichkeiten tauchten auf, auch getrieben durch Zeitungsberichte aus Luzern und St. Gallen. Das Tagblatt sowie die Luzerner Zeitung titelten: „Marco Corvi und seine Firmengruppe Benpac: Kratzer am Image des Unternehmensretters“. Redakteur Christopher Gilb schrieb am 29. Oktober 2020: „Mit seiner in Nidwalden beheimateten Benpac-Gruppe ist Marco Corvi in Rekordzeit auf Expansionskurs. Mehrere ehemalige Geschäftspartner, Mitarbeiter und externe Berater zeichnen aber ein anderes Bild des Firmenretters. Corvi selbst weist die Vorwürfe deutlich zurück.“

Redakteur Gilb erwähnte in seinem Bericht dabei auch die umfangreichen Recherchen von Morten B. Reitoft und INKISH.News. In einer breit angelegten und gründlich recherchierten Berichtsserie hatte Reitoft detailliert aufgezeigt, dass Marco Corvi Dinge vorspiegelt, die so gar nicht sein können. Aus meiner Sicht wurde im Stil ‚Potemkinscher Dörfer‘ agiert, um die tatsächliche Situation zu vernebeln. Es folgte dann am 25. November 2020 die Meldung, dass zwei Aufsichtsratsmitglieder der Benpac Holding AG ihr Mandat mit sofortiger Wirkung niedergelegt hatten.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätten bei Heidelberg alle Alarmglocken schrillen müssen. Zentrale Frage war: Woher will Marco Corvi die 120 Mio. Euro in bar her nehmen, um den Kaufpreis zum Jahresende 2020 vertragsgemäß zahlen zu können?

 

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Bild: INKISH.NEWS

 

Stattdessen machte man bei Heidelberg konsequent weiter und meldete per 1. Dezember 2020 den Verkauf beim Bundeskartellamt an (Aktenzeichen BE5/163/20), um innerhalb von vier Wochen eine Freigabe zu erwirken und den Verkauf fristgemäß abschließen zu können. Die Freigabe erfolgte auch zum 23. Dezember 2020.

Markant: Per 15. Dezember 2020 ging auf Betreiben von Heidelberg ein anwaltliches Schreiben im Namen der Heidelberger Druckmaschinen AG an INKISH und Morten B. Reitoft raus. Mit der ultimativen Aufforderung, innerhalb von Tagesfrist eine Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung zu unterzeichnen. Dadurch sollte die kritische Berichterstattung zu Heidelberg und dem Benpac-Gallus-Deal unterbunden werden.

Abgesehen davon, dass diese Forderung in ihrer Berechtigung in Zweifel gezogen werden sollte, bedeutet es eine Zäsur für eine freie Berichterstattung gerade auch im Fachjournalismus (Siehe meinen Kommentar „Sein oder nicht sein…“. Mein Fazit: „Das bringt einen neue Qualität in die Diskussion um die Unabhängigkeit der Print-Fachpresse, die gravierende Auswirkungen hat. Denn der Rechtsmittel nutzende Verkäufer ist ein milliardenschweres Unternehmen, das Fachmedium naturgemäß eine kleine, feine, Inhaber-geführte Firma. Allerdings mit dem Asset, ein starkes globales Netzwerk und viele zehntausende Leser und Nutzer nutzen zu können; und von Werbeeinnahmen abhängig zu sein. Klingt sehr nach David gegen Goliath. Und wie das ausgegangen ist, wissen wir ja. — Für mich als Journalist und Analyst heisst das aber: Ein börsennotiertes Unternehmen, das so agiert, steht nicht mehr auf meiner Favoritenliste. Es hat sich selbst ins Abseits katapultiert.“

Nunmehr musste Marco Corvi per 29. Dezember 2020 verlautbaren, dass er nicht im Stande ist, den Kaufpreis wie vereinbart zum 31. Dezember 2020 zu entrichten. Als neues Zahlungsdatum wurde in Absprache mit Heidelberger Druckmaschinen AG der 31. Januar 2021 vereinbart. (Siehe Ad-Hoc-Meldung vom 29. Dezember 2020).

Morten B. Reitoft kommentiert dies wie folgt: „Based on the research we have done here on INKISH, we still find it extremely unlikely that Mr. Corvi will be able to fulfill his part of the agreement – leaving everybody in a vacuum with the big question – if not, then what?“

Ich bin gespannt, wie es weiter geht. Und ob seitens der Anleger Stimmen laut werden, dass der Heidelberg-Vorstand frühzeitiger hätte über die Lage informieren müssen.

 


 

In den Online-Foren für Anleger wird das Thema Heidelberg-Benpac-Gallus-Deal diskutiert. Hier einige Auszüge aus Onvista.

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Link zu allen relevanten Stories von Morten B. Reitoft auf INKISH.News

 

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Potemkinsches Dorf

Quelle: Wikipedia

Dürfen Print-Fachmedien den Prinzipien eines unabhängigen Journalismus folgen? Oder müssen sie sich dem Diktat einer Art Hofberichterstattung unterwerfen? 

Für mich persönlich hatte sich diese Frage eigentlich von selbst erledigt, als ich während der drupa 2004 von der Stiftung Druck- und Papiertechnik den Hauptpreis für Fachjournalismus entgegennehmen durfte. In seiner Laudatio anläßlich einer Feierstunde erläuterte Bernhard Schreier, der damalige CEO von Heidelberger Druckmaschinen AG, die Begründung der Jury. Ich hätte mit kritischem Sachverstand relevante Branchenthemen behandelt und dabei stets über den Tellerrand geblickt, um Print in seiner vollen Bedeutung auch für die Print-Nutzer und Auftraggeber von Drucksachen erfahrbar zu machen.

Aktuell geraten diese positiven Erfahrungen ins Wanken. Mein Kollege Morten B. Reitoft, Chefredakteur von INKISH, Dänemark, wird mit juristischen Verfahren gedroht. Er hatte, gemäß seinem journalistischen Ethos und auf Basis umfangreicher Recherchen über eine Firmenakquisition herausgefunden, dass der Käufer anscheinend und aus meiner persönlichen Sicht das Prinzip der Potemkinschen Dörfer nutzt, um einen Deal herbeizuführen und dem Verkäufer ein überproportional guten Kaufpreis in Aussicht zu stellen. Bei dem vielen Geld ging offensichtlich beim Verkäufer der Blick für die Realität verloren.

Dumm gelaufen, könnte man sagen. Aber: Bei dieser Akquisition ist soviel im unklaren und hochbedenklich, dass es Schaden verursachen kann: Schaden für die Anleger des börsennotierten Verkäufers ebenso wie für die Mitarbeiter des vom Verkauf betroffenen Unternehmens.

Zudem hat der Verkäufer bis dato nichts unternommen, sich offen in dieser Sache zu äußern bzw. mit Fakten zu belegen, dass die Recherche-Ergebnisse von Morten B. Reitoft tatsächlich unbegründet oder sogar falsch seien. Bei einer Klage wird zunächst nur mit Anschuldigungen operiert. Beweisen muss der Klageführer zunächst nichts. Behauptungen genügen. Und gekoppelt mit einer strafbewehrten Unterlassungserklärung soll massiv Druck aufgebaut werden.

Das bringt einen neue Qualität in die Diskussion um die Unabhängigkeit der Print-Fachpresse, die gravierende Auswirkungen hat. Denn der Rechtsmittel nutzende Verkäufer ist ein milliardenschweres Unternehmen, das Fachmedium naturgemäß eine kleine, feine, Inhaber-geführte Firma. Allerdings mit dem Asset, ein starkes globales Netzwerk und viele zehntausende Leser und Nutzer nutzen zu können; und von Werbeeinnahmen abhängig zu sein. Klingt sehr nach David gegen Goliath. Und wie das ausgegangen ist, wissen wir ja.

Für mich als Journalist und Analyst heisst das aber: Ein börsennotiertes Unternehmen, das so agiert, steht nicht mehr auf meiner Favoritenliste. Es hat sich selbst ins Abseits katapultiert. Natürlich werde ich, der Wahrheitsfindung dienend, genau verfolgen, wie der Vorfall ausgeht und sich weiter entwickelt.

 


 

Hinweis: Bemerkenswert in diesem Kontext: Anders als Deutschland steht Dänemark im Ranking der Staaten, für die Pressefreiheit als ein hohes Gut ganz vorne dabei. Siehe den Bericht von Reporter ohne Grenzen — “Spitzenreiter und Schlusslichter: An der Spitze der Rangliste der Pressefreiheit steht zum vierten Mal in Folge Norwegen, den zweiten Rang nimmt unverändert Finnland ein. Dänemark rückt auf den dritten Rang vor (+2)”. Deutschland rangiert unter den Top-20 nur auf Platz 11.

 


 

Lese-Tipp: Human rights and a changing media landscape. Foreword by Thomas Hammarberg”

 

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Nur noch ein Schatten seiner selbst? Oder lautet das Prinzip: Malen nach Zahlen? — Screenshot aus dem Titel des neuen Heidelberg Geschäftsberichts 2019/2020.

 

Von Andreas Weber

Auf seiner virtuell Bilanzpressekonferenz am 10. Juni 2020, ab 10 Uhr, also vor rund einer Stunde, hatte der Heidelberg-Vorstand wenig Neues zu vermelden. Weder zu dem am 31. März 2020 abgelaufenen Geschäftsjahr 2019/2020 noch für das laufende. 

  • Das Nachsteuer-Ergebnis weist einen hohen Verlust von 343 Mio. Euro aus.
  • Der Free-Cashflow konnte sich nur positiv entwickeln durch die Übertragung von 380 Mio. € aus dem Treuhandvermögen des Heidelberg Pension Trust e.V. im März 2020 (225 Mio. Euro gegenüber Vorjahr -93 Mio. Euro).
  • Der Umsatz ging um fast 150 Mio. Euro auf 2,349 Mrd. Euro zurück.
  • Für das laufende Geschäftsjahr will der Vorstand mit Bezug auf die anhaltende Corona-Pandemie und die dadurch schweren ökonomischen Schwierigkeiten keinen verbindlichen Ausblick geben, rechnet aber bis zum 31. März 2021 mit einen negativen Nachsteuer-Ergebnis.

Laut CEO Rainer Hundsdörfer treibe Heidelberg die Neuausrichtung zügig voran. Wobei „Neuausrichtung“ in diesem Fall bedeutet: Heidelberg reduziert sich auf das traditionelle Kerngeschäft, den Bogenoffset, und damit diesen in seinem verkleinerten Portfolio nur noch auf den Mittelformat-Bereich.

Gleichzeitig baut Heidelberg weiterhin massiv Personal und Fertigungskapazitäten ab. Erstmals seit dem Börsengang im Herbst 1997 sinkt die Zahl der Beschäftigten bei Heidelberger Druckmaschinen AG auf unter 10.000 durch den nach Unternehmensangaben sozialverträglichen Abbau von 1.600 Stellen. In Hochzeiten beschäftigte Heidelberg einst über 25.000 Mitarbeiter.

„Die Zeiten in denen Heidelberg rein durch Größe punkten konnte, sind vorbei“, so CEO Rainer Hundsdörfer. Es gehe ihm nicht mehr um Größe und Wachstum um jeden Preis. Vielmehr bestehe der Kulturwandel bei Heidelberg in der Wandlung vom Konzern zum flexiblen Mittelständler. Im Unternehmen herrsche Aufbruchstimmung — was sich aus meiner Sicht im Zuge von massenhaften Entlassungen ambivalent auslegen lässt!

Auch die Zahl der Vorstandsmandate wurde deutlich verringert, halbiert auf jetzt noch zwei, das des CFO und das des CEO. Das Vorstandsressort für Technik wurde bereits im Herbst 2019, das des Chief Digital Officers im März 2020 aufgelöst.

Die Quadratur des Kreises

Das Umsatzpotenzial für Offsetdruck-Maschinen ist ebenfalls dramatisch geschrumpft. Waren es bis zum Krisenjahr 2008 noch rund 9 Milliarden Euro per anno, sind es nach kontinuierlichen Rückgängen bis dato noch maximal 2,5 Milliarden Euro pro Jahr. Dies bezieht allerdings auch Formatklassen und technische Verfahren ein, die Heidelberg nicht mehr bedienen will und kann (Klein- und Grossformat sowie Rolle). Im Vergleich dazu: Das Marktpotenzial für Digitaldruck-Lösungen im Produktionsdruck (Akzidenzen, Verpackungen, Sign & Display) macht bereits rund doppelt soviel aus.

Dass die Heidelberg Bogenoffset-Druckmaschinen immer leistungsfähiger und die Rüstzeiten drastisch verkürzt wurden, löst das Problem der dramatischen Marktpotenzial-Schrumpfung nicht.

Neue Vertriebsmodelle, die Heidelberg unter dem Schlagwort „Subscription“ bietet, sind zwar vom Konstrukt her zeitgemäß und bewähren sich bei Software-Angeboten (SaaS), nicht aber unbedingt bei Hardware, da durch lange Vertrags-Laufzeiten von fünf Jahren wenig flexibel agiert werden kann und in Summe kaum finanzielle Vorteile gegenüber andere Finanzierungsformen erreicht werden.

Dies wirkt sich gerade auf die aktuelle Situation im Akzidenzdruck, der sich radikal wandeln muss, ungünstig aus. Denn Druckerei-Unternehmer müssen am vorhandenen Equipment und den festgelegten, auf Standardisierung fixierten Produktionsprozessen für Commodity-Produkte festhalten, die aber kaum noch Nachfrage haben. Spezialitäten sind dagegen gefragt. 

Wachstum im Markt bedeutet nicht automatisch mehr Umsatz für Heidelberg

Da mit der „Neuausrichtung“ bei Heidelberg auch der Ausstieg aus dem industriellen Inkjet-Druck einher geht, stellt sich die Frage: Wie will Heidelberg in Zukunft Wachstum generieren?

CEO Hundsdörfer betonte auf der Pressekonferenz in seiner kurzen Wettbewerbs-Einschätzung, dass Heidelberg alleine im Verpackungsdruck mehr Offsetdruck-Maschinen verkaufe als der wichtigste Wettbewerber an Maschinen  insgesamt, also auch im Akzidenzdruck. Was soll das heißen? Gemeint sein kann ja nur die Koenig & Bauer AG. Und die hat ein viel weiter gefasstes Produkt- und Lösungsportfolio als Heidelberg und engagiert sich extrem smart im Digitaldrucktechnik-Sektor (u. a. Kooperationen mit HP sowie Joint-Venture-Unternehmungen mit DURST AG).

Pikant: Die auf den Verpackungsmarkt fokussierte Firma BOBST Group SE (Umsatz;: Über 1,6 Mrd. CHF)  hat Hundsdörfer wohl gar nicht auf dem Radar! BOBST, weitaus solider als Heidelberg mit einer Marktkapitaliseriung von über 1 Millarde)  schickt sich aber an, den Markt für Verpackungsdruck ‘digital’ aufzumischen. Hierzu findet wie vermeldet heute, um 13 Uhr, eine internationale Pressekonferenz statt.

Die COVID-19-Krise hat nachweislich den Akzidenzdruck-Markt als wichtigsten Stammmarkt von Heidelberg komplett schachmatt gesetzt. Dies ergibt sich aus den Echtzeit-Analysen des Cloud-Daten-basierten PMI-Klima-Bericht als wichtigem Bestandteil des Heidelberg #We4You Programms. Hier teilt Heidelberg seine von Kunden betriebenen und in der Heidelberg Cloud gebündelten Maschinen-Informationen über die Auslastung von über 10.000 Speedmaster-Druckmaschinen rund um den Globus (davon 5.000 Installationen für Verpackungsdruck).

 



 

Entgegen der Aussage von Heidelberg spiegelt der PMI-Klima-Bericht aber nicht die Marktsituation in der Print-Branche wieder, sondern Produktionskennzahlen ausgewählter Heidelberg-Kunden im Akzidenzdruck- und Verpackungsdruck-Sektor. Es zeigt sich, dass speziell Heidelberg-Kunden im Akzidenzdruck mehrheitlich existenzbedrohende Einbussen von 40 % und mehr verzeichnen müssen und sich wirtschaftlich im freien Fall befinden. Das trifft sogar die Elite der Heidelberg-Kunden im Online-Druck-Sektor. (Siehe hierzu die INKISH D-A-CH Expertenanalyse von Rainer Wagner).

Es bleibt auch zweifelhaft, ob und wie Heidelberg von der gestiegenen Auslastung und einem höheren Produktionsausstoß im Verpackungsmarkt profitieren kann, da Heidelberg nicht an den lukrativen Substraten, Kartonagen, Wellpappe, fexiblen Verpackungen etc. verdient. Und eine höhere Auslastung sowie steigende Nachfrage im Verpackungssektor ist nicht zwingend mit Maschinen-Neuanschaffungen im Mittelformat verbunden.

Übrigens: Alle Hoffnungen von CEO Rainer Hundsdürfer ruhen auf China. Aus seiner Sicht werden Druckereien in West-Europa und den USA kein signifikantes Wachstum mehr für Heidelberg liefern können. 

Mein Fazit

Der Heidelberg-Vorstand verfolgt konsequent seine Ziele, die Firma durch Gesundschrumpfen am Leben zu halten. Allerdings ohne eine glaubhafte und Vertrauen-fördernde Strategie präsentieren zu können. Denn das Motto „Heidelberg goes digital“ ist lediglich eine Willensbekundung. Oder Worthülse.

Aus meiner Sicht wurde bei Heidelberg eine wirksame Strategie durch den fast panischen Aktionismus „Rette, was zu retten ist“  ersetzt. Von den tatsächlichen Entwicklungen im Markt hat man sich abgekoppelt bzw. ignoriert diese gänzlich.

Die Frage bleibt völlig offen, wie Heidelberg künftig im Markt noch Impulse setzen will und Kunden (vor allem im Akzidenzdruck-Sektor) Entscheidendes liefern kann, um am Leben zu bleiben.

Wie der Heidelberg-Vorstand auf diese Art und Weise seine sog. Ziele „Profitabilität — Wettbewerbsfähigkeit — Zukunftssicherung“ erreichen will, bliebt mir ein Rätsel. Und offen bleibt auch: Gelten diese Ziele nur für Heidelberg oder tatsächlich auch für Heidelberg-Kunden?

 


 

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Glanz vergangener Tage. Heidelberg ist als Pennystock aus dem SDAX rausgeflogen.

 

Von Andreas Weber

Morgen, 9. Juni 2020,  wird ein spannender Tag. Der aus eigener Sicht als „Branchenprimus“ positionierte „Weltmarktführer im Bogenoffset“, Heidelberger Druckmaschinen AG, muss in einer Serie von Misserfolgen seit fast zwei Jahrzehnten wiederum schlechte Zahlen und hohe Verluste rechtfertigen. (Siehe: „Meine persönliche Heidelberg Saga“).

Sowohl Anleger, als auch Kunden und Analysten sind wenig zuversichtlich, dass der Plan von Vorstand und Aufsichtsrat aufgehen kann, durch rigide Einsparungen wieder zu Profitabilität und Wachstum zurückzukehren. Zumal Prosperität bei Heidelberg zuletzt um das Jahr 2000 zu verzeichnen ist. Entlassungen und das Einschrumpfen des Portfolios tun ein Übriges.

Das liegt nicht daran, dass Heidelberg unfähige Mitarbeiter beschäftigt oder Kunden nicht mehr so zahlungskräftig sind wie einst. Im Gegenteil. Es gibt hunderte und tausende talentierte Heidelberg-Mitarbeiter und noch immer zehntausende engagierter Heidelberg-Kunden, die Heidelberg gerne unterstützen würden. Allein, es fehlt der Glaube! Denn die Unternehmensführung macht es beiden Fraktionen zunehmend immer schwieriger bis unmöglich, an ein Happy End zu glauben.

Der Grund: Trotz hohem Schaden aus den letzten Jahren hat man im Top-Management nichts dazu gelernt. Dabei waren die Fakten eindeutig und lange bekannt.

Im für den Maschinenbau wichtigsten Kompendium, dem Branchenreport „Kernbranchen der deutschen Wirtschaft: Aktuelle Branchenreports und wichtige Themen, Jahrgänge 2011-2014, GBI Genios (Kindle Book), S. 2239, ist eindeutig für die Zeit um das Jahr 2011 (im Kontext mit der Insolvenz von manroland AG) festgestellt:

„Schon seit Jahren gelingt es den deutschen Druckmaschinen-Herstellern nicht, vom allgemeinen Boom im [deutschen] Maschinenbausektor zu profitieren. (…) Der Weltmarkt für Druckmaschinen wies in den Jahren vor der [Lehman-]Krise ein Volumen von durchschnittlich über 9 Milliarden aus. Inzwischen geht man davon aus, dass es im vergangene Jahr wohl nur noch 50 Prozent des einstigen Rekordwertes erreichen wird. (…) Da die Bedeutung von Printmedien zurückgeht, scheuen die Druckereien vor großvolumigen Investitionen zurück.“

Langer Niedergang

Und weiter heisst es: Experten sehen die Schuld am allgemeinen Niedergang der deutschen Druckmaschinen-Industrie auch bei den Unternehmen selbst. Die hätten sich viel zu lange im Licht der Marktführerschaft gesonnt und dabei existenziell wichtige Trends verschlafen. So habe die deutsche Druckmaschinen-Industrie bis heute keine richtige Antwort auf die digitale Revolution gefunden. Wortlicht heisst es in dem Branchenreport: Die großen Druckmaschinen aus Deutschland seien zwar Meisterwerke der Handwerkskunst, würden aber immer weniger gekauft. So werde in Amerika und USA kaum noch in Druckmaschinen investiert, während die Schwellenländer direkt ins digitale Drucken einsteigen.

Wie gesagt, das wurde als Mahnung bereits vor rund 10 Jahren von Experten publiziert.

 

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INKISH-Redakteur und CEO Morten B. Reitoft hat in einem lesenswerten Beitrag heute, am 8. Juni 2020, Strategie und Zahlenwerke von Heidelberg unter die Lupe genommen. Und kommt zu keinem guten Ergebnis. Seine zentrale Frage: „Is there an short-term fixes for Heidelberg?“ Morten’s Erkenntnis: „Heidelberg is a volume business. With a break-even, around 1.3 billion euros, and a profit of about 45-48%, their 2.3 billion euro turnover shouldn’t be lowered much before the shit hits the fan!“

Und nach gründlicher Analyse der Zahlenwerke führt Morten an: „Heidelberg is undoubtedly in trouble, and the biggest issue is that there are no quick-fixes. Heidelberg, of course, needs to work to be profitable. The dramatic changes in the market, not only because of the COVID-19 but also the expected recession, require a major focus on profitability. But from where?“

Richtig schlimm wird es, wenn man Heidelberg, den Branchenprimus, mit seinen Haupt-Mitbewerbern vergleicht. Die stehen allesamt besser dar, auch wenn sie nur halb so viel oder deutlich weniger Umsatz machen. Vor allem im Hinblick auf die Marktkapitalisierung, die bei Heidelberg (um die 200 Millionen Euro) in Relation zu Umsatz und Mitarbeiterzahl nicht nur lächerlich gering ist, sondern bedrohlich ist.

 

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Stand: 9. Juni 2020, 17 Uhr.

 

Und vor allem: Die Mitbewerber haben eine bessere, klar kommunizierte Strategie und auch das Talent, diese stringent umzusetzen. Siehe Koenig & Bauer AG (Marktkapitalisierung rund 355 Millionen Euro) oder BOBST Group SE (Marktkapitalisierung über 1 Milliarde Euro).

Bei den Mitbewerbern wird in den Top-Gremien nicht nur geredet und spekuliert, sondern klug und entschlossen gehandelt. Nur: Das nimmt der Heidelberg-Vorstand wie auch die Branchenreports gar nicht wahr. Man ist wie üblich mit sich selbst beschäftigt. Und sucht Ausflüchte. Man könnte fast sagen: Gott sei Dank, dass es die Corona-Krise gibt. Auf die kann man alles schieben.

Übrigens: Morgen, am 9.Juni 2020, wird ab 13 Uhr auch BOBST Group AG eine Pressekonefrenz abhalzten. Und seine Wachstumstrategie verkünden.

 

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Grafik: INKISH

In eigener Sache: Herzlich Willkommen in der Welt von INKISH D-A-CH

Die sogenannte D-A-CH-Region schätzen wir als Keimzelle, wichtigen Takt- und kreativen Ideengeber der Druckkunst in aller Welt. INKISH D-A-CH kümmert sich als Partner innerhalb der globalen INKISH Familie speziell um Belange der Print-Branche und ihre nachhaltigen Wirkungsbereiche in den deutschsprachigen Ländern.

Drei wesentlichen Aufgaben-Felder stiften für uns alle Nutzen:

  1. Fach-Diskussionen in Gang setzen (ab jetzt auch in deutscher Sprache!)
  2. Relevante Innovationen aufspüren, begutachten, bewerten
  3. Den Zugang zu Innovatoren erleichtern und Kontaktstrukturen aufbauen

INKISH versteht sich als Media 4.0 Unternehmen, dass den Anforderungen im Digitalzeitalter gewachsen ist. Wir kombinieren in zeitgemäßer Form profundes Kommunikations- und Technologie-Fachwissen mit werthaltigem Fach-Journalismus — auf Interaktion, auf Meinungsaustausch ausgelegt.

Dadurch werden die Aktivitäten hier im Blog  valuetrendradar.com sowie bei #hotspotsubscription synergetisch verstärkt.

 


INKISH D-A-CH steht Print-Experten als fairer und aktiver Partner zur Verfügung:

  • Petra Lüftner leitet das Business Innovation Management (Fokus: Druckereien)
  • Andreas Weber als Head of D-A-CH Region ist Chef-Reporter, Kommentator, Interviewer (Fokus: Zulieferindustrie und Verbände)

 

INKISH verfügt mit INKISH.TV, INKISH.NEWS sowie den damit verbunden digitalen INKISH Services, Lokalisierungen & Tools über ausgereifte und erprobte digitale Plattformen. Die INKISH-Welt steht allen offen, um mit Videos, Texten (Fachartikel, Presse-Meldungen), Events und Kurzbotschaften nicht nur Wissenswertes zu kolportieren, sondern Fachgespräche in Gang zu setzen, zu moderieren und weiter voranzutreiben. Und das stets mit lokalem/regionalem und internationalem Bezug.

Die Wirkung unserer Plattformen wird durch unsere erfolgreiche Social-Media-Arbeit verstärkt. Wir sind vor allem auf LinkedIn, Twitter, YouTube aktiv. Durch API’s sind wir mit über 900 Fachmedien aus aller Welt verbunden. Was uns besonders freut: In den schwierigen Zeiten der Corona-Krise konnte INKISH sich bestens bewähren, wie hunderte Kommentare und tausende Neukontakte belegen.

Am einfachsten kommen Sie mit INKISH in Kontakt, indem Sie unsere individuell konfigurierbaren News kostenfrei abonnieren. Bitte hier klicken.

Wir freuen uns auf viele spannende und inspirierende Gespräche mit Ihnen.

 


 

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Von Andreas Weber | English version via INKISH.NEWS

Teil 1: Die Notwendigkeit eines radikalen Wandels bei globalen Leitmessen am Beispiel der drupa

Ich stimme den Gedanken voll und ganz zu, die Morten B. Reitoft auf INKISH.News geteilt hat. Kernaussage: „Messen können nicht mehr das Zentrum von Produkteinführungen sein.” Die drupa, als weltweite Leitmesse die Nummer 1, bildet keine Ausnahme.

Klar, dies erfreut uns keinesfalls. Im Gegenteil. Seit 1977 habe ich selbst bereits zehn Mal (!) an den drupa-Messeveranstaltungen teilgenommen. Aber aus meiner Erinnerung wird deutlich, was spätestens seit der drupa 2004 anders wurde: Es drehte sich zunehmend weniger um die Interessen der Besucher; sondern mehr oder mehr um den Ansatz, hauptsächlich die Bedürfnisse der Aussteller und der Organisatoren zu erfüllen. Infolgedessen wurden Empathie und Sympathie für die Besucher ausgedünnt. Nebeneffekt: Es kamen bis 2016 zunehmend weniger Besucher. Für 2020 hatte ich aus verschiedenen Gründen vermutet, dass es sogar unter 200.000 Fachbesucher sein könnten.

Tut mir leid, dies feststellen zu müssen: Wenn nicht wie einst die Besucher im Zentrum stehen, hat die globale Print-Community ihre Heimatbasis verloren. Und in gewisser Weise auch einen Teil ihrer Identität.

Ich glaube nicht, dass die #drupa2020 einfach im Konzept unverändert, ohne radikale Änderungen vorzunehmen, auf April 2021 verschoben werden kann. Nicht nur wegen der Corona-Krise. Sondern vor allem aufgrund der Tatsache, dass die Zukunft von Print von Menschen bestimmt wird und nicht von Technik.

Meine Erkenntnis: Umdenken und Neustart angehen

Um einen Neuanfang zu schaffen, sollten alle ihre Aufgaben überdenken und Unsinniges beseitigen:

  1. Worin liegt der Wert eines generischen Werbeclaims wie „Embrace the future — umarme die Zukunft“? — Besonders in einer Situation, in der wir alle das Chaos „umarmen“ müssen, um zu überleben.
  2. Warum sollten die Umfrageergebnisse des 3. drupa Global Trend Spotlight Report, der einige Zeit vor dem Lockdown und der Kontaktsperre erstellt wurde, und jetzt noch, im Mai 2020, einen Nutzen bieten und veröffentlicht werden? Die Befragung von 500 Druckern plus 200 Lieferanten ist zudem NICHT repräsentativ, wie professionelle, unabhängige  Marktforschungsexperten bestätigen können.
  3. Dies offenbart ein Kernproblem für die globale Print-Branche: Wir haben keine verlässlichen, belastbaren, eindeutigen Fakten über Märkte, Segmente, Anwendungen, Trends, Kundenerlebnisse oder Fehler, aus denen man Lernen kann. Weil alle Beteiligten ihre eigene Faktenlage der sogenannten „Druckindustrie“ erfinden, ist das strategisch und perspektivisch gesehen ein Supergau!
  4. „Embrace the Chaos“: Das Marktvolumen im Sinne der globalen Wertschöpfung mit Printmedien wird zum Beispiel mit 400 Mrd. EUR oder auch mit 700 Mrd. EUR, 1.000 Mrd. EUR oder sogar über 2.460 Mrd. EUR angegeben. Was soll man jetzt glauben? Und was halten Außenstehende, Finanz-Analysten, Investoren, Politiker und vor allem Kunden von Druckereien von einem so zerrütteten Bild? Die Kurse der börsennotierten Unternehmen, die sich mit Print-Technik beschäftigen, sprechen da eine deutliche Sprache. Die Kurse und damit die Marktkapitalisierung sind durch die Bank im Keller, nicht erst seit COVID-19.
  5. Es geht letztendlich nicht, wie viele Denken, um Zweck-Optimismus, der Fakten verbiegt, verzerrt oder umdeutet, sondern darum, das Bewusstsein zu verändern, angetrieben von Klarheit, einem geschärften Realitätssinn und Vertrauen. Tun wir das nicht, entkommen wir nicht diesen Absurditäten in der Realität. Sondern wir machen das Absurde zur Realität. Und das geht selten gut.

Mein Rat: Fatal-Error 404 — Neustart-Knopf drücken. Alle zusammen!

Die Berichtserie wird fortgesetzt.


 

John Cleese.001

 

Von Andreas Weber, Head of #EasterThoughts | English Version

 

Bringt die Quadriga aus Dummheit, Ignoranz, Gier und Diffamierung unsere freiheitliche, auf humanistischen Prinzipien beruhende Welt zum kollabieren? Möglich, aber nicht wünschenswert. Unmöglich gar, wenn wir gemeinsam mit #Vernunft und #Zuversicht gegensteuern. Und so die Quadratur des Kreises verhindern.

 

Dummheit als Prinzip resp. Gesellschaftsphänomen beruht weniger auf mangelnder Wissensfähigkeit; sie zieht sich durch alle Schichten und Altersgruppen. Monty-Python-Legende John Cleese bringt es im Video „John Cleese Considers Your Futile Comments“ (publiziert am 17.02.2012, ab min. 3:34) auf den Punkt. „Das Problem mit dummen Menschen ist, dass sie oft zu dumm sind, selbst zu erkennen, dass sie dumm sind.“ Man müsse sogar relativ intelligent sein, um zu erkennen wie dumm man ist.

Dummheit beruht so gesehen auf mangelnder Erkenntnisfähigkeit sich selbst gegenüber.

So manche exponierte Persönlichkeit aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sollte sich daher nie einer ‚Dummheits-Begutachtung‘ stellen müssen. Schon gar nicht, wenn Psychologie, Philosophie, Ethik ins Spiel gebracht werden.

Denn dann käme auch zutage, das sogar Hyper-Narzissmus noch das geringste Übel ist. Im Gegenteil, in Krisenzeiten sind Narzissten die perfekten Regisseure, da sie perfekt darauf trainiert sind, am besten und schnellsten ihre Ziel durchsetzen zu können. Ein Narzisst braucht eben nur die richtige Aufgabe. Und wenn’s läuft, dann läufts! Dafür muss man sie lieb haben…

Anders aber das gravierende Problem der mit Dummheit Infizierten, die quasi im Zuge einer Virusmutation sich zu allem Übel auch noch Ignoranz, Gier und Diffamierung ‚eingefangen‘ hat! — Übrigens  auch das wieder ein allgemein gesellschaftlicher Phänomen, quer durch alle Schichten und Altersgruppen.

 


Durch diese ‚Quadriga‘ — deren besonderer Mix Neutronen-Bomben-artige Effekte in sich birgt — wird es extrem gefährlich. Kein Scherz.


 

Auch kein Scherz: Irrtümer sind ausdrücklich erlaubt! Sie sind das Heilmittel gegen ‚dumme‘ Entscheidungen. So die Erkenntnis aus „Irren ist nützlich“ ein lesenswerter Bestseller von Henning Beck (3. Auflage: 2018).

Zuvor, im Jahr 2016, hatte der Theologe und Psychiater Manfred Lütz das Buch publiziert: „IRRE! Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen.“ Beide Bücher empfehle ich ausdrücklich als Oster-Lektüre!

Warum schreibe ich das? Weil das Risiko besteht, in der momentan anschwellenden Diskussion der Illusion zu erlegen, es müsse, sobald die COVID-19-Infektionskurve abflacht, alles daran gesetzt werden, rasch zur Normalität zurückzukehren. Und damit das Abstrus-Absurde als Ausgeburt von Dummheit, Ignoranz, Gier und Diffamierung zum Normalen zu erheben.

Noch immer haben wir #Kontaktsperre und #Lockdown. Aber offene Diskussionen und Konversationen sind dank digitaler Kommunikationswege möglich.

#Umdenken #Zuversicht #SocialCulture #EasterForThinking

 


 

TIPP

Für alle #PrintLovers, die sich nicht mit ‘irren’ Themen, sondern lieber mit der eigenen #Dummheit (Haha!) beschäftigen wollen, empfehle ich die Lektüre meiens Ad-hoc-Kompediums Print und die Krise auf #Medium.

 

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#criticaldistance.001

In Memoriam Hajo Friedrichs. Fotos: Wikipedia

Ein offener Appell von Andreas Weber, Head of Critizism | English version via INKISK.NEWS

 

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“ — Hanns Joachim „Hajo“ Friedrichs, Nestor des Nachrichtenwesens

Seit über 30 Jahren arbeite ich als Journalist, Publizist und Analyst. Menschen wie Hajo Friedrichs hatten für mich stets Leitfunktion. Auch und gerade als ich vorübergehend Marketing-, Kommunikations- und Managementaufgaben sowie Verleger- und Chefredaktions-Tätigkeiten übernahm.

Als ich nach dem Studium und früher Selbständigkeit mit 28 Jahren meine erste Festanstellung als Fach-Redakteur bei Der Polygraph in Frankfurt am Main — der damals führenden Print-Fachzeitschrift mit der weltweit besten Reputation — antreten durfte, eröffnete sich mir eine wunderbare Welt. Es wurde intensiv der Kontakt zu Lesern gepflegt, tolle Menschen aus Druckereien, der Typografie-Szene und der Zulieferindustrie.

Erst die Freude, dann der Schock!

Umso größer war mein Schock, als ich, der unerfahrene Jungspund, in Vertretung des Chefredakteurs einen Top-Termin wahrnehmen durfte. Geladen hatte ein global führendes Druck-Technologie-Unternehmen zur Inbetriebnahme einer neuen, damals bahnbrechenden Produktionsanlage.

Ich war begeistert. Als wir uns verabschiedeten, sah ich, dass der PR-Chef (in Personalunion auch der Werbeleiter!) allen anwesenden Chefredakteuren ein Kuvert überreichte. Ich bekam auch eines und steckte es erstmal ein, während alle anderen dies wohl gewohnt waren, und gleich die Umschläge öffneten, reinschauten und einsteckten. Erst zuhause sah ich nach. Und bekam Schnappatmung. Im Kuvert lag ein Brief, dessen Inhalt strikt darauf hinwies, dass man sich bei der Fach-Berichterstattung minutiös an den vorgegebenen Pressetext zu halten habe. Und als Anlage gab es einen Barcheck über 500,00 Deutsche Mark.

Ich war so verschreckt, dass ich mich mit einem väterlichen Freund besprechen musste. Der sagte: Ja, so etwas wird gerne gemacht seitens der Industrie. Und ein Barscheck sei smart, um Dinge bestmöglich zu vertuschen. Ich war sprachlos, widerstand aber der Versuchung tapfer.

Kein Tanz ums Goldene Kalb!

Warum schildere ich das? Weil es für mich eine Zäsur darstellte. Ich verliess den Verlag alsbald und wechselte das Lager. In meiner Funktion als Marketing-Kommunikationschef eines global führenden Zulieferers für Druckvorstufen-Technik (ja, das gabs damals!) machte ich alles radikal anders.

Statt „Zuckerbrot und Peitsche“ setzte ich auf offene Kommunikation (ich nahm den Wettbewerb in meinen Presseverteiler auf, damit die armen Kollegen sich nicht hintenrum mühsam und heimlich diese besorgen mussten). Ich scheute keine Debatte und bat als erstes unsere Verkäufer, unsere Kunden und die Fachpressekollegen hemmungslos zu kritisieren, was wir, unsere Firma falsch machen. Ich habe mich vor Ort mit vielen getroffen.

Das war wie ein Dammbruch der Erleichterung. Und brachte uns extrem nach vorne. In kürzester Zeit. Das damals (1989) in Deutschland führende DTP-Magazin widmete uns ein Titelstory mit 10 Seiten Inhalt. Warum? Ich hatte dem Chefredakteur angeboten, zu uns zu kommen, mit der Deutschland-Geschäftsführung persönlich zu sprechen sowie Kontakte zum Headquarter und auch zur Produktentwicklung in den USA hergestellt. Getreu dem Motto: #VolleTransparenz #NullBackschisch. Der Deal: Er konnte fragen, was er wollte. Und er bekam konkrete Antworten. Wir weckten bei dem Chefredakteur und seinem Team die Achtsamkeit. Und begegneten uns mit Respekt. Ohne in Kumpanei zu verfallen. #Basta!

Der Chefredakteur rief mich nach Veröffentlichung an, um erschüttert und verärgert zu berichten, dass er einen unfassbaren Anruf vom Kommunikationsleiter unseres Hauptwettbewerbers erhalten hatte. Die Frage war: „Was kostet so eine Story bei Ihnen?“

Wie gesagt, das alles ist rund 30 Jahre her. Kann man aber sagen, das es heute besser ist?  Alle haben sich ja den Regeln der Corporate Governance anpasst.

Doch folgendes als Fakt:

  1. Das Leserinteresse an den meisten Print-Fachzeitschriften hat einen historischen Tiefpunkt erreicht.
  2. Viele Titel sind verschwunden.
  3. Dank der massiven Beauftragung von PR-Agenturen und der ubiquitären Verteilung von Pressemeldungen (über eigene Websites, Presseportale, eNewsletters etc.) sind die Fachmedien quasi gleichgeschaltet.
  4. Nur solche (leider wenige) Print-Fach-Titel sind noch beliebt, vor allem bei Lesern, die einen hohen Anteil eigenrecherchierter Stories bieten.
  5. Jetzt in der Krise – wie auch schon zuvor — sind die meisten Redaktionen sprachlos. Wahrscheinlich auch deswegen, weil ihre Anzeigenkunden keine #badnews lesen wollen.

Copy&Paste als Maxime?

Die allermeisten Fachtitel arbeiten nach dem Copy&Paste-Prinzip. Man muss sich nur anschauen, wie das jüngste, vom Inhalt her einwandfrei gehaltene Interview der drupa-Direktion zum Ausblick auf die drupa2021, nun mehr weltweit viele Autoren hat. Kollegen nehmen die Textvorlage, ändern wenn überhaupt nur wenig, zeichnen sogar zum Teil mit ihrem Namen und publizieren es in ihren Titeln. Hinterfragt wird kaum etwas.

Hinzu kommt, folgendes, was ich original aus einem Email von letzter Woche von einer international arbeitenden PR-Agentur zitiere:

„The article – available in English, German, French, Italian, Spanish, Chinese and Japanese (Russian coming soon) – as well as images can be downloaded from the XY pressroom at |LINK|

Thank you very much in advance for publishing this article and sending us the respective magazine and/or link.  Should you have any questions or need additional material, please don’t hesitate to contact us at [Email]“

Das passt natürlich zur gängigen Praxis: Firmen laden seit langem in die schönsten Locations der Welt ein, stellen neues vor, haben alle Publikationsmaterialen für Copy&Paste bestens vorbereitet. Organisieren Gala-Diners, zahlen die Reise- und Übernachtungskosten, auch wenn Presseteilnehmer etwas länger bleiben wollen. (Und diese erfreuen sich an der Flugmeilengutschriften)

MyTake

Das PR-Gehabe und der Umgang mit der Fachpresse ist erstens zutiefst unethisch resp. presserechtlich bedenklich und zweitens überhaupt nicht zielführend.

Das Makabre: Die wenigen, die im Dienst der Leser eigenständig recherchieren, neues wagen, kritisch hinterfragen und kommentieren, werden noch als die Bösen, die Miesmacher, die Nestbeschmutzer attackiert. Das jedoch NICHT mit offenem Visier, NICHT per offenem Dialog; sondern hinter vorgehaltener Hand werden Beschwerden geführt, in einem jüngsten Fall wurde unter Kollegen sogar zum Boykott aufgerufen! Geht’s noch?

Ich bin sicher — und das ist das Gute im Schlechten — die COVID-19-Krise wird hier eine Flurbereinigung vornehmen. Weil es auf einmal zählt, nicht opportun und gefällig zu sein, sondern systemrelevant. Durch Achtsamkeit, kritisches Denken, kritische Distanz und begeistertes Publizieren.

Wer sich jetzt mit mir duellieren will, kann dies gerne nach dem Aufheben des Kontaktverbots tun. Ich wähle als alter Fechter den Säbel! — Mit allen anderen bleibe ich wie bisher auf das Herzlichste verbunden.

 


 

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Nice to remember: #drupa2016

#FreitagsGedanken von Andreas Weber | English version below

 

Die ganze Welt scheint nun erstarrt. Doch zu verharren wäre tödlich. Noch sind wir in der Lage, zu kommunizieren. Wenn auch nicht mehr persönlich von Angesicht zu Angesicht, so doch per Kommunikations-Technik. Wunderbar. Oder?

Aber: Ein Neustart in der Kommunikation nötig. Für uns in der Print-Branche hat Kommunikation eh eine ganz besondere Bedeutung. Sie ist Teil unserer DNA.

Darum hier aus meiner Sicht ein paar Anmerkungen und Tipps:

Haben Sie schon einen Notfallplan? Im Fokus: Vernetzung & Interaktion.

Besonders bedrohlich für uns im B2B:

Die Print-Fachpresse diffundiert; ca. die Hälfte oder sogar mehr der Titel wird wohl vom Markt verschwinden! Die ersten Verlage haben angekündigt, die Produktion der Print-Titel auszusetzen. Ob e-Newsletter, die Pressemeldungsinhalte der Herstellereindustrie kolportieren, Nutzen stiften, wage ich zu bezweifeln, 

Fachpressearbeit/PR, wie wir sie kennen, erscheint sowieso zu langsam in der Umsetzung, zumeist ohne eigenen Inhalt — und ohne Reichweite. Und ohne zu wissen, wie die Inhalte beim Empfänger ankommen.

Direktmarketing verpufft derzeit völlig. Denn: Viele arbeiten momentan nicht im Büro, an das die Mailings gehen.

 


 

Generell scheint für mich folgendes relevant:

  1. Egal was ich tue/anbiete: Wie erreiche ich überhaupt noch meine Kunden, Interessenten, Mediatoren und Multiplier?
  2. Wie evaluiere ich, was meine Stakeholder bewegt?
  3. Wie stelle ich sofort dynamische Beziehungen über Netzwerke her?
  4. Wie finde ich inhaltlich den richtigen Ton. Im Sinne von:  „Ich höre zu und gebe pro-aktiv Hilfestellung“. Und nicht: Ich sage Dir, was ich biete.
    Und spezifisch:
  5. Wie kann ich als Hersteller meine zur #drupa2020 geplanten Neuheiten ab sofort erfahrbar machen?
  6. Wie muss ich als Druckerei das Geschäft kommunikativ absichern bzw. Kontakte medial herstellen und ausbauen?
  7. Mit wem muss ich mich verbünden, um im Team schlagkräftiger zu sein.

Falls Se weitere Ideen oder Anregungen haben: Bitte bei mir melden. Wir schaffen das. Gemeinsam!

 


 

#FridayThoughts by Andreas Weber

 

Drupa wants to embrace the future. — We embrace the CHAOS!

The whole world now seems frozen. But to remain would be fatal. We are still able to communicate. If no longer face to face personally, it does so using state-of-the-art communication technology. Wonderful. Isn’t it?

But: A restart in communication is necessary. Communication has a very special meaning for us in the print industry. It is part of our DNA.

Therefore, from my point of view, here are a few comments and tips:

• Do you already have an emergency plan? In focus: networking & interaction.

Particularly threatening for us in B2B:

• The print trade press diffuses; about half of the titles or even more will probably disappear from the market! The first publishers have announced that the production of the print titles will be suspended. I doubt whether e-newsletters, crowded with press release content of the manufacturing industry, create benefits, will be the solution.

• PR work and trade press publishing as we know it seems too slow to implement anyway, mostly without its own content — and without reach. And without knowing how the content is received by the recipient.

• Direct marketing is currently evaporating completely. Because: Many are not currently working in the office to which the mailings go.

 


 

In general, the following seems relevant to me:

1. No matter what I do / offer: How can I still reach my customers, prospects, mediators and multipliers?

2. How do I evaluate what moves my stakeholders?

3. How do I instantly create dynamic relationships across networks?

4. How do I find the right tone in terms of content? In the sense of: “I listen and give proactive support”. And not: I tell you what I offer.

And specifically:

5. As a manufacturer, how can I make my new products planned for #drupa2020 tangible from now on?

6. As a print shop, how do I have to secure the business communicatively or establish and expand contacts in the media?

7. Who do I have to team up with to be more effective in the team?

If you have further ideas or suggestions: Please contact me. We can do it together!

BTW: I think the INKISH team could support all of us in the best way!

 


 

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