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Value Art & Communication

9. Lithographie Symposium Tidaholm: Eckhard Gehrmann erklärt und demonstriert die ‚Kruck Technik‘ der Steindruckmalerei

Ein Kommentar von Boris Andreas Weber im Namen der Internationalen Senefelder-Stiftung sowie des Förderverein FISS, mit Sitz in Offenbach am Main

The summary in English can be found at the very bottom of the German text.

Stein, Papier, Leidenschaft

Warum eine schwedische Kleinstadt alle vier Jahre durch Senefelders Steindruck zum Nabel der graphischen  Kunstwelt wird

In einer Ära, in der die Halbwertszeit von Bildern in Millisekunden und Algorithmen gemessen wird, wirkt der Prozess fast wie ein anachronistisches Sakrileg: Künstlerinnen und Künstler, die im Jahr 2026 in Summe tonnenschwere Solnhofener Kalksteine schleifen, sie stundenlang mit Fettkreide bearbeiten und chemisch präparieren, nur um einen einzigen Abdruck zu erzeugen. Warum nimmt man diese körperliche Mühsal auf sich? Die Antwort liegt im schwedischen Tidaholm. Alle vier Jahre wird diese beschauliche Kleinstadt während des Internationalen Lithographie-Symposiums zum Zentrum einer globalen Bewegung für Entschleunigung und handwerkliche Tiefe. Vom 28. Juli bis zum 9. August 2026 zelebrierte die 9. Ausgabe dieses Treffens (bestens organisiert von Patrick Wagner) die Lithographie nicht als Museumsstück, sondern als hochaktuelles Medium für zeitgenössische Diskurse.

Foto: Barbara Wilhelmi

Die Vulcan-Insel: Wo Industrie auf Inspiration trifft

Das Epizentrum dieses künstlerischen Ausnahmezustands ist die „Vulcan-Insel“ im Herzen von Tidaholm. Wo einst die industrielle Produktion den Rhythmus vorgab, atmen heute die Druckwerkstätten der Lithographischen Akademie den Geist der Transformation. Es ist ein kuratorisches Statement für sich: Die Umwandlung eines ehemaligen Fabrikareals in ein Zentrum für Grafik symbolisiert die Beständigkeit der Kunst inmitten des industriellen Wandels. Während das benachbarte Marbodal Center in Vorträgen Raum für theoretische Reflexion bot, verwandelte das Symposium die gesamte Stadt in ein begehbares Gesamtkunstwerk. Die Ausstellungen sind dabei nicht auf einen Ort begrenzt, sondern erstrecken sich über drei Galerien im Stadtgebiet, was Tidaholm für zwei Wochen in ein echtes „Art Village“ verwandelt.

Eines der täglichen Highlights, das die Brücke zwischen technischem Erbe und moderner Anwendung schlägt, ist das „Printing on the Schnellpresse“ (Made by Faber&Schleicher in Offenbach/Main) unter der Leitung der Experten Ernst Hanke (1. Senefelder-Preisträger 1984) und Rolf Maas. In einer Welt des „Instant Print“ wird die Arbeit an historischen Maschinen zu einem innovativen Akt des Widerstands. Hier geht es nicht um Nostalgie, sondern um die Wiederentdeckung der Langsamkeit als Qualität. Die Bedienung dieser Kolosse erfordert eine physische Präsenz und eine Sensibilität für das Material, die im Digitalen verloren gegangen ist. Es ist die ‚Renovatio’ einer Technik, die durch ihre Widerständigkeit besticht und dem fertigen Druckkunstwerk eine Aura verleiht, die kein moderner Inkjet-Drucker imitieren kann.

Auf den Spuren von Alois Senefelder: Teilnehmer aus aller Welt beschäftigten sich in Tidaholm auf höchstem Niveau mit dem chemischen Druck durch die bahnbrechende Lithographie-Druckkunst

Das ‚globale Dorf‘ der Steindrucker

Trotz seiner geografischen Abgeschiedenheit ist Tidaholm während des Symposiums ein Schmelztiegel der internationalen Avantgarde. Diese Vielfalt bricht die Isolation des Ateliers auf und schafft ein kollektives Bewusstsein, das in den sozialen Medien unter dem Schlagwort „Litho Love“ weltweit Resonanz findet.

„Ich fühle mich so inspiriert und erfüllt von dieser ‚Litho Love‘ nach einer Woche des intensiven Austauschs … es ist eine fantastische Reise nach Schweden.“ — Danielle Creenaune, Teilnehmerin des Symposiums.

Das Fest der Lithograph*innen: Wenn Steine feiern könnten

Kunst entsteht nicht nur durch den Druck der Presse, sondern durch das soziale Bindegewebe der Gemeinschaft. Die traditionelle Lithographen-Party am Freitagabend, den 31. Juli, markierte den emotionalen Höhepunkt der ersten Symposiumswoche. In dieser informellen Atmosphäre werden jene Netzwerke geknüpft, die die internationale Grafik-Szene über Jahre hinweg tragen. Es ist das Fest einer Community, die verstanden hat, dass der Austausch von Wissen und Leidenschaft ebenso dauerhaft sein muss wie das Bild auf dem Stein.

Fazit: Ein Abdruck, der bleibt

Als am 9. August 2026 die Ausstellungen in den drei Galerien Tidaholms geschlossen wurden, blieb mehr zurück als nur bedrucktes Papier. Tidaholm beweist, dass die Lithographie kein Relikt ist, sondern ein lebendiges Labor für die Zukunft. Die Geduld, die ein Steindrucker aufbringt, ist eine Lektion in Demut gegenüber dem Material und der Zeit.

Vielleicht ist dies die wichtigste Frage, die wir alle aus Tidaholm ableiten können: Was könnten wir über die Qualität unseres eigenen Schaffens lernen, wenn wir der Entstehung unserer Ideen dieselbe Beharrlichkeit und physische Hingabe widmen würden, die Lithograph*innen für einen einzigen perfekten Abdruck aufwendet?

„Es war sehr eindrucksvoll, dass bei den interessanten Tagen in Tidaholm so viele Lithographinnen und Lithographen aus aller Welt in Begeisterung zusammenwirkten, sich austauschten und neue Freundschaften schlossen. Besonders beeindruckt hat mich die Vielfalt von experimentellen und spielerischen Anwendung lithografischer Techniken.“

So lautet auch das Fazit von Prof. Dr. Gerhard Kilger (Vorstandsvorsitzender der Internationalen Senefelder-Stiftung, ISS, mit Sitz in Offenbach am Main), der zusammen mit anderen Vertretern und Freunden der ISS am Symposium im schwedischen Tidaholm teilnahm.

(v.l.n.r.) Gerhard Kilger, Eckhard Gehrmann und Barbara Wilhelmi vom Vorstand der Internationalen Senefelder-Stiftung mit Sitz in Offenbach am Main waren vom 9. Lithographie Symposium im schwedischen Tidaholm hellauf begeistert.

Der Bericht von unserer geschätzten Kollegin Lorena Pradal, Leiterin der Freie Druckgraphik Werkstatt an der HfG Offenbach am Main, und Mitglied in verschiedenen Gremien der Internationalen Senefelder Stiftung / FISS, fasst hervorragend zusammen, was sich in Tidaholm ereignete und welchen Stellenwert eine solche Zusammenkunft hat.

Und im Nachgang nimmt mein ISS Vorstandskollege Eckhard Gehrmann noch Kommentierung und Erläuterungen vor.

Lorena Pradal (links) mit der Künstlerin und Lithographie-Liebhaberin Kiki, die auf Instagram via @printkikiprint fantastische Videoimpressionen aus Tidaholm präsentiert.

Bitte klicken, um sich das Video auf Instagram anzuschauen.


Foto: Lorena Pradal

Tidaholm: Eine globale Lerngemeinschaft rund um dem Stein

9. Internationales Lithographisches Symposium · Tidaholm, Schweden · 2026

Impressionen und Gedanken von Lorena Pradal

Im Mittelpunkt des diesjährigen Internationalen Lithographischen Symposiums in Tidaholm stand ein besonderes Thema: Bildung und Vermittlung. Mehrere Tage lang kamen Künstlerinnen, Druckerinnen, Lehrende, Forschende und Lithograph*innen verschiedener Generationen und aus unterschiedlichen geografischen Kontexten zusammen, um Wissen, Erfahrungen und Fragen rund um eine künstlerische Praxis auszutauschen, die keineswegs statisch ist, sondern sich kontinuierlich weiterentwickelt.

Das Symposium war in zwei miteinander verbundene Bereiche gegliedert. Am Vormittag fanden Vorträge und Präsentationen statt, in denen die Teilnehmer*innen Forschungsprojekte, Erfahrungen oder Aspekte ihrer jeweiligen Praxis vorstellten. Am Nachmittag wurden diese Themen direkt in die Werkstatt übertragen und durch Demonstrationen und praktische Experimente vertieft.

Eine Besonderheit veränderte diese Struktur jedoch grundlegend: Die Werkstatt stand allen Teilnehmer*innen rund um die Uhr zur Verfügung.

Die Werkstatt war damit nicht nur der Ort für die geplanten Demonstrationen. Sie wurde zu einem permanenten Raum für Begegnung, Beobachtung, Gespräch, Experiment und Produktion. Fragen, die während eines Vortrags entstanden waren, konnten Stunden später vor einem Stein weitergeführt werden; eine Demonstration konnte von anderen Teilnehmer*innen erneut aufgegriffen werden; eine Technik konnte beobachtet, diskutiert und anschließend in die eigene Praxis integriert werden.

Das Wissen endete nicht mit dem Ende eines Vortrags.

Lernen unter Gleichberechtigten

Diese Struktur ermöglichte eine Form des Lernens, die sich von ausschließlich vertikalen Vermittlungsmodellen unterscheidet. In der Werkstatt konnte jemand mit großer Erfahrung in einer bestimmten Technik die Rolle der Lehrenden übernehmen – und zugleich selbst zum Lernenden werden, wenn er oder sie mit einer unbekannten Praxis konfrontiert wurde.

Dabei geht es nicht darum, Unterschiede in Erfahrung oder Wissen aufzuheben, sondern darum, sie in Bewegung zu bringen und miteinander zu teilen.

Lernen findet zwischen Generationen und unter Gleichberechtigten statt: durch Beobachten, Fragen, Ausprobieren, Fehler machen, Wiederholen und Teilen. Viele dieser Formen der Wissensvermittlung sind nicht zwingend an institutionelle Strukturen gebunden. Sie entstehen im alltäglichen Leben einer Werkstatt, dort, wo technisches Wissen auf Körper, Materialien und konkrete Probleme der Praxis trifft.

Tidaholm war in diesem Sinne auch eine Erfahrung darüber, wie eine (internationale!) Lerngemeinschaft entstehen kann.

Viele Formen, Lithographie zu lehren, zu erlernen und zu praktizieren

Die Vielfalt der Präsentationen machte deutlich, dass es nicht nur eine einzige Möglichkeit gibt, Lithographie zu lehren oder zu praktizieren.

Per Andersson sprach über die Papiermühle von La Ceiba Gráfica und stellte die Verbindung zwischen Papierherstellung, grafischer Praxis und dem Aufbau von Gemeinschaften rund um technisches Wissen her.

Bemerkenswert: Der Film von Cathrine Alice Liberg aus Oslo sowie die Präsentation „Permeability of the paper“ von Abigail Mirro und Nicole  Kobylanski.

Miriam del Saz präsentierte die Erfahrung von La Nómada Gráfica sowie Arbeiten an der UPV, die sich mit Gemeinschaft und kollaborativen Lernprozessen beschäftigen. Ihre Präsentation öffnete den Blick auf künstlerische Bildung jenseits der Grenzen des Klassenzimmers und jenseits traditioneller Modelle der Wissensvermittlung.

Aus einem anderen geografischen und pädagogischen Kontext berichtete Satoru Itazu über die Lithografie in Japan, ihre Vermittlung an der Universität und über seine eigene Werkstatt, in der er Editionen entwickelt. Seine Präsentation zeigte, wie dieselbe technische Tradition unterschiedliche Formen annehmen kann, wenn sie sich durch verschiedene kulturelle und institutionelle Kontexte bewegt.

Brandon Gunn stellte Bildungsprogramme des Tamarind Institute als weltweit wichtigster Bildungseinrichtung für Lithographie vor, einer wichtigen Referenz für die Vermittlung und Professionalisierung der zeitgenössischen Lithographie. Brandon berichtete auf ganz lockere Art über die neuen didaktischen Angebote von Lithographie-Kursen, die gegenwärtig sehr viele, oft junge Leute begeistern.

Michal Günzburger eröffnete mit dem Projekt Drucken-Denken eine weitere Perspektive auf das Verhältnis von Denken, Praxis und grafischer Produktion.

Simoni Philippou präsentierte ihre Arbeit in ihrer Werkstatt auf Zypern und zeigte, wie sich lithographische Praxis in einem spezifischen geografischen und kulturellen Kontext entwickelt und vermittelt.

Patrycja Podkościelny brachte ihre Erfahrungen aus Grafikdesign und Lithografie ein und zeigte damit ein weiteres Feld des Austauschs: die Begegnung zwischen planographischen Techniken und den Anforderungen und Sprachen des zeitgenössischen Designs.

So unterschiedlich diese Erfahrungen waren, verband sie doch eine gemeinsame Frage:

Ein reichhaltiges Programm mit perfekter Balance zwischen Theorie, Praxis und persönlichem Erleben.

Wie vermitteln wir eine Praxis?

Tradition, Technik und Innovation

Die Demonstrationen und praktischen Erfahrungen vertieften diese Fragestellung.

Michael Barnes zeigte eine Demonstration zur Manier Noir-Technik und brachte damit ein Verfahren aus der Geschichte der Druckgraphik in den Dialog mit anderen graphischen Praktiken.

Eckhard Gehrmann präsentierte eine Demonstration zur Kruck Lithographie und machte dabei die unmittelbare Demonstration als eine wesentliche Form der Weitergabe technischen Wissens erfahrbar. (Hinweis: Christian Kruck gilt als bedeutendster Lithographie-Künstler und Lehrmeister, dessen sog. Steindruckmalerei ihn im Jahr 1975 als Ersten Preisträger des Internationalen Senefelder Preises qualifizierte. Eckhard Gehrmann als Krucks Schüler am Städel in Frankfurt am Main wurde selbst im Jahr 1991 als 1. Preisträger des Internationalen Senefelder Preises ausgezeichnet).

Franz Hoke zeigte, wie Aluminiumplatten für die Algrafie gekörnt werden, und eröffnete damit einen praktischen Dialog zwischen lithografischen Prinzipien und zeitgenössischen Verfahren auf Aluminium.

Danielle Creenaune stellte Mokulito vor und zeigte damit eine weitere Möglichkeit, lithografisches Denken durch alternative Materialien und Verfahren zu erweitern.

Peter Stephan entwickelte Demonstrationen und Experimente gemeinsam mit verschiedenen Künstler*innen, darunter Ana Pireva, und zeigte, wie technische Forschung zu einer gemeinsamen Praxis werden kann.

Ernst Hanke (1. Preisträger des Internationalen Senefelder-Preises 1984) arbeitete gemeinsam mit Rolf Maas und der Künstlerin Carolyn Muskat im Werkstattbereich und verband dort an allen Sympoiumstagen technisches Erfahrungswissen und Experiment unmittelbar mit der praktischen Produktion an einer originalen Offenbacher Schnellpresse von Faber&Schleicher.

Die Vielfalt der vorgestellten Verfahren machte etwas besonders deutlich: Tradition und Innovation sind keine zwangsläufigen Gegensätze.

Tradition erscheint nicht als ein abgeschlossenes Verfahren, das unverändert bewahrt werden muss. Sie kann vielmehr als Ausgangspunkt verstanden werden. Materialien verändern sich, neue Werkzeuge entstehen, neue Probleme tauchen auf – und damit auch neue Möglichkeiten.

Innovation bedeutet nicht zwangsläufig, die Tradition zu verlassen.

Manchmal bedeutet sie, zu einer historischen Technik zurückzukehren und zu fragen, welche neuen Möglichkeiten sie in der Gegenwart eröffnet.

Steine, Steinbrüche und Landschaft

Die Auseinandersetzung mit dem Stein erschien auch aus Perspektiven, die über seine rein technische Funktion hinausgingen.

Olivia Christen präsentierte Dokumentationen über Steinbrüche und lenkte damit die Aufmerksamkeit auf den materiellen Ursprung des lithografischen Steins und auf die Landschaften im deutschen Solnhofen, aus denen er stammt.

Ann Kristin Källström aus Schweden stellte ein künstlerisches Projekt vor, in dem Steine in der Landschaft ausgestellt werden. Der Stein ist damit nicht mehr nur eine Matrix, die ein Bild aufnimmt, sondern wird zu einem Objekt, das bewegt, betrachtet und neu interpretiert werden kann.

Diese Erfahrungen machen eine Frage, die meine eigene Forschung begleitet, besonders relevant:

Wohin gehen die Steine?

Ein lithographischer Stein ist selbstverständlich ein materielles Objekt. Gleichzeitig kann er als Träger von Erinnerung verstanden werden. Er bewegt sich zwischen Werkstätten und Generationen, wechselt den Besitzer, nimmt neue Bilder auf und sammelt Spuren und Nutzungen.

Doch die Steine reisen nicht allein.

Mit ihnen reisen Verfahren, Gesten, Wissen und Formen des Verständnisses einer Technik.

Zu fragen Wohin gehen die Steine? bedeutet deshalb auch zu fragen: Wohin geht das Wissen?

Wer bewahrt es?
Wer gibt es weiter?
Was geschieht, wenn eine Technik von einer Werkstatt in eine andere gelangt?
Was bleibt erhalten?
Was verändert sich?

In Tidaholm tauchten diese Fragen immer wieder auf, auch wenn sie nicht immer ausdrücklich formuliert wurden.

Von der Werkstatt ins Museum, von der Gemeinschaft zur Edition

Auch die Verbindung zwischen Technik, Edition und der Zirkulation von Wissen wurde durch verschiedene Projekte sichtbar.

Cora Texier aus Paris präsentierte das Editionsprojekt von Anthese Litho für die Produktion der Matisse-Ausstellung im Centre Pompidou. Ihre Präsentation zeigte, wie das technische Wissen einer Druckwerkstatt in groß angelegte Ausstellungs- und Editionsprojekte einfließen kann.

Lithografie bewegt sich ständig zwischen unterschiedlichen Kontexten:

• von der Werkstatt zur Universität,
• von der Universität zur Gemeinschaft,
• vom Steinbruch in die Werkstatt,
• von der Werkstatt ins Museum,
• vom Atelier der Künstler*innen in die Landschaft.

Und bei jeder dieser Bewegungen verändert sich etwas.

Work in progress…

Die Werkstatt als Form des Widerstands

Diese Erfahrung bestätigte eine Idee, die auch meine eigene pädagogische Arbeit begleitet: Die Werkstatt kann eine Form des Widerstands sein.

Ein Widerstand gegen das Verschwinden technischen Wissens; gegen den Verlust von Orten, an denen dieses Wissen praktiziert und weitergegeben werden kann; und gegen die Vorstellung, künstlerisches Wissen sei etwas Individuelles, Abgeschlossenes oder ausschließlich Institutionelles.

Die Werkstatt bietet eine andere Logik.

Sie ist ein Ort, an dem Wissen mit den Händen entsteht, aber ebenso durch Gespräche, Fehler, Fragen und gemeinsam verbrachte Zeit.

In Tidaholm haben wir uns alle als Gleichberechtigte im Dialog erlebt.

Das bedeutet nicht, dass alle dasselbe wussten. Im Gegenteil: Der Reichtum der Begegnung lag gerade in den Unterschieden. Jede/r Teilnehmer/in brachte eine spezifische Erfahrung mit und konnte diese mit der Gruppe teilen.

Wissen wurde dadurch von etwas, das ausschließlich der Person gehört, die es besitzt, zu etwas, das geteilt, verändert und weitergegeben werden kann.

Diese Form des Lernens ist gerade in einer Disziplin wie der Lithographie von besonderer Bedeutung. Ein wesentlicher Teil des technischen Wissens liegt in Gesten, Beobachtung und materieller Erfahrung und kann nicht vollständig durch Texte oder Anleitungen vermittelt werden.

Von den sozialen Netzwerken zu den Körpern

Eine der bereicherndsten Erfahrungen war es, Kolleg*innen, denen viele von uns seit Jahren in den sozialen Netzwerken folgen, plötzlich persönlich gegenüberzustehen.

In einer Zeit, in der ein großer Teil unserer professionellen Kommunikation über digitale Plattformen mit Fotos und Videos stattfindet, verwandelte die physische Begegnung diese virtuellen Beziehungen in materielle Erfahrungen: einen Stein gemeinsam zu bearbeiten, eine Demonstration zu beobachten, Papier in den Händen zu halten, über eine Farbe zu sprechen oder jemandem bei der Arbeit zuzusehen.

Kolleg*innen aus verschiedenen Teilen Europas, Asiens und Amerikas brachten ihre eigenen Geschichten, Materialien, Methoden und Arbeitskontexte mit.

Das internationale Netzwerk der Lithographie erhielt dadurch eine weitere Dimension. Es war nicht mehr nur ein Netzwerk aus Bildern und Ergebnissen, sondern ein Netzwerk aus Menschen, Werkstätten, Steinen, Werkzeugen, Papieren, Farben und Wissen.

Lernen an einem gemeinsamen Tisch

Die gemeinsamen Frühstücke waren ein scheinbar einfacher, aber zugleich sehr bedeutender Teil der Erfahrung.

Bevor wir in die Werkstatt gingen, trafen wir uns an einem gemeinsamen Tisch. Dort wurden Gespräche vom Vortag fortgesetzt, neue Fragen entstanden und Geschichten aus den verschiedenen Ländern und Arbeitszusammenhängen ausgetauscht.

Diese informellen Momente erinnern daran, dass eine Gemeinschaft nicht allein um eine Technik herum entsteht.

Sie entsteht auch an einem gemeinsamen Tisch.

Die Pädagogik der Begegnung fand sowohl in einer lithographischen Demonstration als auch in einem Gespräch beim Frühstück statt. In beiden Fällen entstand etwas, das schwer messbar, aber grundlegend ist: Vertrauen und ein Gefühl der Zugehörigkeit.

Ein generationenübergreifendes Netzwerk

Vielleicht war es eine der bewegendsten Erfahrungen des Treffens zu erkennen, dass Wissen weiterhin über Generationen hinweg weitergegeben wird.

In einer Zeit, in der viele handwerkliche Praktiken und historische Techniken vom Verschwinden bedroht sind, zeigt die Begegnung mit Künstler*innen, Lehrenden, Drucker*innen und Studierenden, die sich für Lithographie interessieren, dass die Technik weiterhin neue Körper und neue Fragen findet.

Bildung und Wissensproduktion in der Kunst reisen, verändern sich und breiten sich aus.

Sie bewegen sich nicht notwendigerweise linear und auch nicht ausschließlich innerhalb von Institutionen. Sie zirkulieren zwischen Werkstätten, Schulen, Universitäten, Begegnungen, Publikationen und Gemeinschaften. Sie werden von Lehrenden an Studierende weitergegeben, aber ebenso von Studierenden an Lehrende, von Kollegin zu Kollegin und von einer Generation an die nächste.

Dieses generationenübergreifende Netzwerk verweist letztlich auf eine Demokratisierung planographischer Techniken: Wissen soll zirkulieren können, Werkzeuge sollen gemeinsam genutzt werden können, und immer mehr Menschen sollen nicht nur Zugang zu den Ergebnissen einer Technik erhalten, sondern auch zu dem Wissen, das notwendig ist, um sie zu verstehen und weiterzuentwickeln.

Eine Begegnung, die weitergeht

Als wir in unsere jeweiligen Werkstätten zurückkehrten, nahm jede*r von uns neue Fragen, Verfahren, Materialien, Kontakte und Erfahrungen mit. Aber auch etwas weniger Greifbares: die Gewissheit, Teil einer internationalen Gemeinschaft zu sein, die geografische, institutionelle und generationelle Grenzen überschreitet.

Der Wert eines Treffens wie Tidaholm in Schweden liegt deshalb nicht allein in den erlernten Techniken oder den gezeigten Demonstrationen. Er liegt ebenso darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen Wissen frei zwischen Menschen zirkulieren kann, die eine gemeinsame Praxis teilen und sie gleichzeitig verändern.

In diesem Sinne möchte ich mich besonders bei Patrick Wagner, dem Organisator des Symposiums, für seine enorme Arbeit und dafür bedanken, dass er die Voraussetzungen für diese Begegnung geschaffen hat.

Mein Dank gilt ebenso Bill Haberman und Jean Michael Schmidt als großartige Koordinatoren der Werkstatt und der Workshops in Tidaholm, für ihre Offenheit, ihre Großzügigkeit und dafür, dass sie die Werkstatt während des gesamten Treffens zu einem offenen, einladenden und lebendigen Ort gemacht haben.

Unser Dank gilt außerdem dem Verein, der das Symposium finanziell unterstützt hat. Diese Unterstützung war von großer Bedeutung, um diesen internationalen Raum für Austausch, Lernen und Wissensvermittlung zu ermöglichen.

Die Steine werden weiterreisen.

Und mit ihnen werden weiterhin Wissen, Fragen und Gesten derjenigen reisen, die mit ihnen arbeiten.

Vielleicht liegt genau darin einer der Gründe, warum die Lithografie lebendig bleibt:

Jede Generation übernimmt eine Tradition, aber keine Generation ist verpflichtet, sie genau so weiterzugeben, wie sie sie vorgefunden hat.

Sie übernimmt sie, arbeitet mit ihr, verändert sie – und gibt sie weiter.


Addendum

Eckhard Gehrmann beim Demonstrieren der kreativen Steindruckmalerei von Christian Kruck.

Addendum

Weitere Impressionen und Erläuterungen von Eckhard Gehrmann, der mit einem Vortrag sowie Exponaten am Symposium in Tidaholm beigetragen hat.

Dank an Lorena, Du hast einen wunderbaren Text geschrieben und die weltweite Lithogemeinschaft sehr gut dargestellt. Der freie, freundschaftliche Austausch von Fachwissen in solch einem Umfang war grandios. Der einzige Nachteil, man konnte nicht überall sein.

Ich habe mit Tonertusche eine Lasur auf einen Stein gezeichnet, um die Arbeitsweise von Christian Kruck an der Frankfurter Städelschule vorzustellen. Das anschließende Reduzieren in vielen Schritten in mehreren Farben kannten viele wohl nicht.

Die vielen Gespräche während der Arbeit waren sehr wichtig und ich habe viele neue Anregungen erhalten. Und dann sehe ich diese Hände vor mir, die meinen Stein feuchten. Ich kenne sie von Instagram, es sind die Hände von Saturo Itazu aus Tokyo. Und schon drucken wir zusammen ganz selbstverständlich ohne viele Worte. Wieder kommen andere hinzu, denen ich mein Material gebe, um damit Versuche zu machen.

Noch ergänzen sollte man, Bill Haberman und Jean Michael Schmidt sind die Werkstattleiter. Jean Michael musste am ersten Tag zur Beerdigung seines Vaters, so war es ein bisschen chaotisch. Später aber ging alles gut.

Tidaholm hat eine unglaubliche Werkstatt, ich glaube 10 Handpressen. Manches ist nicht in ganz so gutem Zustand, aber es kostet, so weit ich weiss, nichts um dort zu arbeiten.

Ein anschauliches Kurz-Video der legendären Schnellpresse Made in Offenbach in Aktion mit Ernst Hanke und Rolf Maas gibt es bei Stone Lithography auf Facebook. Link im Text.

Ernst Hanke und Rolf Maas haben an der Schnellpressee von Faber und Schleicher aus Offenbach eine Auflage gedruckt. Überhaupt Ernst Hanke, er ist der Größte, er reist mit über 80 Jahren durch Europa und die Welt (aktuell in China) gibt sein Wissen freigebig weiter. Dabei repariert er noch die Maschinen. Rolf Maas ist vom Steindruckmuseum in Holland. Ernst hat vor Kurzem dort gearbeitet und ihm vieles gezeigt.

Peter Stephan hat die ganze Woche den Auflagendruck mehreren Teilnehmern des Symposiums gezeigt.

Laurent Nikolai zeigte seine Farben, wie bei uns, beim ISS-Kolloquium in Offenbach.

Und Jim Berggren/ Eric Saline/ Bill Haberman haben die ganze Woche in einem eigenen Gebäude an einer Großen Flachbettpresse von Platten gedruckt zusammen mit den Chinesischen Teilnehmern.

Noch eine Anmerkung bezüglich der Neuen und Alten Techniken:

Wir selbst haben bei der Senefelder Preisvergabe eine „Neue Experimentelle Technik“ bevorzugt und die „alten“ Techniken nicht so stark berücksichtigt, um die Lithographie interessant zu halten.

Ich finde, die Neuen und die alten Techniken waren in Tidaholm sehr gut vertreten. Ich habe z. B. mit einer hervorragenden neuen Federfarbe, entwickelt von Brandon Gunn mit Cranfield, nach der alten Technik gedruckt.

Schönen Gruß

Eckhard Gehrmann, Friedrichsdorf, Hessen


Tidaholm Impressionen von Liesa und Eckhard Gehrmann

Hinweise

Das 10. Internationale Lithographie Symposium in Tidaholm wird im Jahr 2030 stattfinden.

Zuvor, 2028, wird der 14. Internationale Senefelder-Preis verliehen werden. Einreichungen sind noch bis 12. März 2027 möglich. Die Teilnahmeunterlagen können auf der Stiftung Website angesehen und runtergeladen werden.


Lesetipp

Würdigung von Christian Kruck zu dessen 100. Geburtstag am 12. Februar 2025.


English Summary

Litho-Love: Why Tonnes of Stone Hold the Key to Our Digital Fatigue

Introduction: The Longing for the Tangible

In an era where the lifespan of an image is measured in milliseconds and fleeting algorithms dictate our visual consumption, what happened in the Swedish town of Tidaholm in the summer of 2026 feels almost like a rebellious act of defiance. While the world drowns in the cult of “instant print,” artists grind tonnes of Solnhofen limestone, labor for hours with greasy crayons, and subject the stones to intricate chemical processes—all for the sake of a single, perfect print on paper.

Why endure such immense physical labor in today’s world? The answer lies in the 9th International Lithography Symposium. Every four years, this unassuming Swedish town transforms into the “epicenter of the graphic art world.” It’s a place of radical deceleration, where craftsmanship isn’t a nostalgic relic but a vital, physical counterbalance to the superficiality of the digital age.

The Vulcan Island: Where Industry Inspires Art

At the heart of this artistic revolution is the “Vulcan Island” in Tidaholm. Once dominated by industrial production, this former factory site now breathes with the creative energy of the Lithographic Academy’s workshops. The transformation of this industrial relic is a curatorial statement—it symbolizes the enduring power of art amid industrial change.

Organized by Patrick Wagner, Tidaholm became a true “art village” for two weeks. The exhibitions weren’t confined to sterile museum spaces but spread across three galleries throughout the town. This spatial integration sends a powerful message: when old industries fade, the human drive for material creation remains a steadfast foundation.

Innovation Through Resistance: The Rediscovery of Slowness

A highlight of the symposium was the project “Printing on the Schnellpresse”. Under the guidance of lithography legends Ernst Hanke—a master over 80 years young who still shares his expertise worldwide—and Rolf Maas, mechanical giants from Faber & Schleicher in Offenbach am Main were brought back to life.

This act of “renovatio” is far more than a technical revival. Operating these tonne-heavy presses demands physical presence—a stark contrast to the detached precision of modern inkjet printing. Innovation here also means reimagining materials: Brandon Gunn (Tamarind Institute) collaborated with Cranfield to develop a new “fountain solution,” blending ancient techniques with cutting-edge chemistry.

This deep connection has sparked a global movement under the banner “Litho Love.” Participant Danielle Creenaune captured the essence:
“After a week of intense exchange, I feel so inspired and fulfilled by this ‘Litho Love’… it’s an incredible journey to Sweden.”

The 24/7 Workshop: A Pedagogy of Connection

Perhaps the most radical decision by the organizers was opening the workshops round the clock. The workshop became a living space, fundamentally changing the dynamics of learning. While daytime lectures at the Marbodal Center provided theoretical insights, the nights were dedicated to hands-on experimentation with stone. Ideas weren’t just discussed—they were lived.

Vertical hierarchies dissolved here. What emerged was a “pedagogy of encounter” that transcended institutional boundaries. Seasoned masters became learners, and the “virtual relationships” once known only through Instagram images of hands on stone transformed into real, tangible experiences. Together, they held the paper, felt the stone’s dampness, and exchanged ideas over breakfast at a long table. It’s this social fabric—peaking in the traditional “Lithographers’ Party”—that sustains the community as much as the chemistry that binds ink to stone.

Tradition as a Starting Point: Technical Depth

The symposium proved that tradition is not a museum piece but a launchpad for contemporary discourse. The technical diversity was vast and international—here’s a glimpse:

Kruck Lithography: Eckhard Gehrmann, a student of the legendary Christian Kruck, demonstrated “stone painting” using toner ink and glazes—a process where the image is gradually reduced through multiple steps.

International Avant-Garde: Satoru Itazu brought Japanese tradition to the table, Simoni Philippou shared insights from her workshop in Cyprus, and Brandon Gunn showcased the professionalization efforts of the U.S.-based Tamarind Institute.

Hybrid Techniques: Whether Danielle Creenaune’s Mokulito (lithography on wood) or Franz Hoke’s Algrafie (on aluminum plates), the boundaries between classical stone printing and modern methods are fluid.

Innovation often means returning to historical techniques to uncover new possibilities in their very resistance to speed and disposability.

Where Do the Stones Go? The Journey of Knowledge

A stone is far more than a printing plate; it is a “carrier of memory.” This became especially clear when Olivia Christen documented the Solnhofen quarries, while Ann Kristin Källström presented a project where stones were returned to the landscape after serving as artistic media. The stone re-enters nature, its purpose fulfilled.

Lorena Pradal posed the pivotal question: “Where do the stones go?” Because with the stones travel techniques, gestures, and knowledge itself. When Satoru Itazu from Tokyo casually moistens a colleague’s stone, two cultures communicate wordlessly through the material.

Prof. Dr. Gerhard Kilger, Chairman of the International Senefelder Foundation, summed it up perfectly:
“It was truly impressive to see how, during the inspiring days in Tidaholm, lithographers from around the world came together in enthusiasm, exchanged ideas, and formed new friendships. What struck me most was the diversity of experimental and playful applications of lithographic techniques.”

Conclusion: A Print That Endures

The symposium in Tidaholm demonstrated that lithography functions as a “lab for the future.” The workshop is a form of resistance—against the erosion of technical knowledge and the fleeting nature of our digital existence. It’s not just about printed paper; it’s about the quality of engagement with the world.

At its core, the event leaves us with a fundamental question for our own, often digitally exhausted lives: What could we learn about the quality of our own creative work if we dedicated the same persistence, humility, and physical devotion to our ideas as lithographers do to a single, perfect print?

Perhaps this slow, laborious process is the only way to leave traces that aren’t washed away with the next feed update.


Notes


The 10th International Lithographic Symposium will return to Tidaholm in 2030.

Before then, in 2028, the 14th International Senefelder Prize will be awarded. Submissions are open until March 12, 2027. Application documents can be viewed and downloaded on the foundation’s website:
https://www.senefelderstiftung.com/de/senefelder-award-2028/


English translation, see below!

Fokus: Litho Days III In Türkiye – Ankara (5./6./7.12.2025)

Von Barbara Wilhelmi (Internationale Senefelder Stiftung)

‚Die Lithographie ist auf der ganzen Welt im Vormarsch!‘ – Dieser Satz des berühmten Lithografen Erich Mönch stand in den 70-iger Jahren an der Wand des Druckzentrums in Tübingen, und er erschien schon damals eine ironische Bemerkung zu sein. Bei den Litho Days III in der Türkei im Dezember 2025 wurde dieser Satz Realität, denn schon zum dritten Mal nach 2021 und 2023 hatte das Dou Printstudio von Doḡu Gündoḡdu und Naz Önen zu einem Litho-Event in die Türkei eingeladen und sie stützten sich auf die Kontakte die sie auch beim Internationalen Lithographie Kolloquium der Internationalen Senefelderstiftung im April 2024 geknüpft hatten.



Auch in diesem Jahr präsentierte das Dou Printstudio in Ankara wieder ein reichhaltiges Programm: Zu Beginn der Besuch in der großartigen  Ausstellung „Separation and Merging Point“ (FOTO 1,1 + 1,2), in diesem Jahr gestaltet von der bekannte Kuratorin Eda Berkmen, in der Anafartalar Shopping Mall, No. 203. Zu sehen waren Lithographien von Künstlern, gedruckt im Dou Printstudio (Edition III). Die Werkstatt selbst konnte am Morgen des 6. Dezembers, dem Feiertag der Lithographen, besichtigt werden (FOTO 2).

Im Mittelpunkt der Litho Tage III stand danach das Panel: „DISCUSSING THE SUSTAINABILITY WITH ROOTED LITHOGRAPHY STUDIOS“ (FOTO 3) mit den Printmakern Christian Bramsen (Atelier Clot, Paris), Jan Pelkofer + Paul Klös (Tabor Presse Berlin, Deutschland), Kapser Fleng + Julie Peter Hjörring (Grafisk Värksted, Dänemark), Mikkjal Matras Andersson (Steinprent, Faroe Islands), Louise Aakermann Nielsen (Bornholm) – Moderation: Naz Önen.

Es ging um das Verhältnis der professionellen Drucker in den unterschiedlichen Werkstätten im Kontakt mit den Künstlerinnen und Künstlern, die Aspekte der professionellen Druckwerkstätten, die auf die eine oder andere Weise die Vorstellungen der Künstlerinnen und Künstler umsetzen. Die Qualitätssicherung auf hohem lithographischen Niveau wurde ebenso Thema wie der Vertrieb und die Vernetzung der Drucker untereinander, um Perspektiven für die Zukunft entwickeln zu können. Dazu wurde die Frage erörtert, ob Drucke nicht vielmehr den Status von Originalen haben sollten und sich dementsprechend dann auch die Preisgestaltung verändern würde (FOTO 4). Der Wandel ist einerseits geprägt durch den Wegfall der großen Druckereien, aber andererseits gibt es auch neues Entstehen von kleinen Printstudios wie dasjenige in Ankara und eine türkische Künstlerin Derin Tuksal, die seit vier Jahren Derin Print Shop leitet, das Gemeinschaftsatelier für Radierung in Istanbul.

Die Probleme, nicht mehr die Materialien kaufen zu können wie früher, werden nun oft auf unkonventionelle Weise gelöst durch Eigenproduktion. So ist in der Druckwerkstatt von Dou eine selbstgebaute Lederdruckwalze zu bestaunen (FOTO 5). Und dort hängt auch, wie ein Schutzpatron, das lithographische Porträt von Alois Senefelder neben Atatürk (FOTO 6). Das Panel der Lithodays III fand im Erimtan Archäologischen Museum statt, wo ebenfalls eine temporäre Ausstellung (“Litho Wall–1”) für jeweils drei Monate mit einer speziellen Auswahl aus dem Dou Printstudio zu sehen ist. Am Abend des 06.12.2025 gab der dänischen Botschafter, Ole Toft, in der dänischen Residenz in Ankara einen Empfang (FOTO 7). Das Projekt wurde möglich gemacht durch den Support vieler kultureller und politischer Institutionen, wie z.B. das Goethe-Institut in Ankara und weitere Botschaften vor Ort (siehe Aufzählung unten).👇

Vielen Dank für das unvergessliche Erlebnis der Lithoö Tage III. Viel Erfolg für Doḡu Gündoḡdu, Naz Önen und das Duo Print StudioBarbara Wilhelmi

Fotos: Barbara Wilhelmi, Duo Print Studio


Litho Days III in Türkiye – Ankara December 5th to 7th of 2025

by Barbara Wilhelmi (Internationale Senefelder Foundation)

Lithography is on the rise all over the world! This statement by the famous lithographer Erich Mönch was displayed on the wall of the printing center in Tübingen in the 1970s, and even then it seemed like an ironic remark. At Litho Days III in Turkey in December 2025, this statement became reality, as the Duo Printstudio, comprised of Doḡu Gündoḡdu und Naz Önen, hosted a lithography event in Turkey for the third time, following previous events in 2021 and 2023 and they relied on the contacts they had also made at the International Lithography Colloquium of the International Senefelder Foundation in April 2024. 

This year, the Dou Printstudio once again presented a rich program in Ankara:

It began with a visit to the magnificent exhibition “Separation and Merging Point” (PHOTO 1.1 + 1.2) in the Anafartalar Shopping Mall, No.203. The exhibition, curated by the renowned Eda Berkmen, featuring lithographs by various artists, printed by the Dou Printstudio (Edition III). The workshop could be visited on the morning of December 6, the lithographers’ day (PHOTO 2). The panel discussion of Litho Days III began that same afternoon: “DISCUSSING THE SUSTAINABILITY WITH ROOTED LITHOGRAPHY STUDIOS” (PHOTO 3) with printmakers Christian Bramsen (Atelier Clot, Paris), Jan Pelkofer + Paul Klös (Tabor Presse Berlin, Germany), Kapser Fleng + Julie Peter Hjörring (Grafisk Värksted, Denmark), Mikkjal Matras Andersson (Steinprent, Faroe Islands), and Louise Aakermann Nielsen (Bornholm) – moderated by Naz Önen (Dou Printstudio).

The discussion focused on the relationship between professional printers in different workshops and the artists, and the aspects of professional printmaking that, in one way or another, realize the artists’ visions. Quality assurance at a high lithographic level was discussed, as were distribution and networking among the printers to develop future perspectives. The question was discussed whether prints should have the status of originals and whether the pricing would change accordingly (PHOTO 4).  The transformation is characterized on the one hand by the demise of large printing houses, but on the other hand, there is also the emergence of new small print studios, such as the one in Ankara, and a Turkish artist: Derin Tuksal, leading Derin Print Shop, the collaborative etching studio in Istanbul for four years. 

Dou Print is currently the only independent collaborative lithography studio. The problem of no longer being able to purchase materials as before is now often solved in unconventional ways through in-house production. For example, a self-made leather printing roller can be admired in Dou’s printmaking workshop (PHOTO 5). And there, like a patron saint, hangs a portrait of Alois Senefelder next to Atatürk (PHOTO 6). The Lithodays III panel took place at the Erimtan Archaeological Museum with a temporal exhibition (“Litho Wall–1”) which showcases each time a special selection from Dou Print Studio’s collection for three month periods. On the evening of December 6, 2025, reception hosted by the Danish Ambassador, Ole Toft in the Danish Residence (PHOTO 7). The project was made possible by the support of many cultural and political institutions, such as the Goethe-Institut in Ankara and other local embassies (detailed list below).                                                                                                    

Visiting the Lithodays III was a truly memorable experience for me and I wish all the best for Doḡu Gündoḡdu and Naz Önen and Dou Duo Print Studio in Ankara – with best regards Barbara Wilhelmi  

Photos: Barbara Wilhelmi, Naz Önen / Duo Print Studio


Litho Days in Türkiye project has been made possible with the support of 

the Ankara Metropolitan Municipality Directorate of Culture and Social Affairs, 

the French Cultural Centre in Ankara, 

the Goethe-Institut in Ankara, 

the Embassy of Poland in Ankara, 

the  Ministry of Foreign Affairs of Denmark, 

the Ministry of Culture Denmark and the Danish Arts Foundation

as a EUNIC (The Network of European National Cultural Institutes) project, 

along with KAFT’s product and Radisson Blu’s accomodation sponsorship.

 

Invitation poster created by Duo Print Studio

Von Andreas Weber

Lang lebe #Print! Vor allem durch das Pflegen und Bewahren der hohen #Druckkunst. – Seit dem 15. März 2018 feiern wir in #Deutschland im Rahmen der Kultur des immateriellen Kulturerbes den sogenannten UNESCO #TagDerDruckKunst. Im Fokus stehen die künstlerisch genutzten grafischen Drucktechniken des Hochdruck, Tiefdruck und des Flachdrucks (besser gesagt: Chemischer Druck). Hier sind von Deutschland aus seit über 600 Jahren die wichtigsten Impulse gesetzt worden und in die ganze Welt gewandert.

Gestern, am 15. März 2025, durfte ich bei meinen guten Freund und Vorstandskollegen Eckhard Gehrmann in seinem Druckstudio in Friedrichsdorf nördlich von Frankfurt am Main sein. Eckhard und ich gehören seit langem dem Vorstand der Internationalen Senefelder Stiftung mit Sitz in Offenbach am Main an. 

Gut zu wissen!

Alois Senefelder hat vor über 200 Jahren mit der Erfindung des Chemischen Drucks das Medium Print nicht nur popularisiert, sondern wie kein anderer zuvor die Herstellung und Qualität von Printmedien nachhaltig innoviert. Durch den Chemischen Druck, bekannt auch als Lithographie – also das Drucken von Kalksteinplatten, später Aluminium –  konnten die Grundlagen gelegt werden für die modernen Flachdruck-Technologien, die wir als Offsetdruck kennen. Aber auch in der Halbleiter-Technologie ist der chemische Druck durch die sog. Photolithographie bis heute unverzichtbar. 

Fakt ist: durch die verfahrenstechnischen Eigenschaften und einzigartigen Vorteile der Lithographie inklusive der Vielfalt bzw. Güte an Farben und Farbpigmenten, die verwendet werden können, ist die Bebilderungsqualität des Chemischen Drucks unübertrefflich. Selbst modernste digitale Druckverfahren reichen daran nicht ran, was man einfach überprüfen kann, wenn man Original-Lithographien in anderen Druckverfahren reproduzieren möchte. Und auch die Darstellung auf Bildschirmmedien vermittelt eine andere Anmutung, die zwar beeindruckend ist, aber nicht die gleiche Wirkmechanismen besitzt wie der lithografisch-künstlerische Druck. Für mich steht fest: Künstler-Lithographien sind einzigartig in ihrer brillanten Darstellungsqualität und wirkungsvollen Vermittlung von gedruckten Inhalten aller Art. 

Eckhard Gehrmann führte gestern am #TagDerDruckKunst die Prinzipien des Chemischen Drucks vor. Und zeigte den interessierten Besuchern wie variantenreich und einzigartig hochwertigste Bilder gedruckt werden können, vom Kleinformat bis zum Grossformat (177 x 124 cm!). Dabei wird auch durch das Prinzip der sog. Non-Toxic-Lithography auf umweltbelastende Substanzen verzichtet. Es kommen ungiftige Lösungsmitteln und Druckfarben zum Einsatz. Auf seiner Website teilt der Künstler anschaulich seine Arbeit und sein Fachwissen.

Bei der Gestaltung der Bildmotive, die neben Zeichnen das Schreiben von Texten oder sogar im Tonerdruck vervielfältigte Fotos per Umdruckverfahren einschließen, sind keine Grenzen gesetzt. So gelingt eine Freiheit und Varianz bei der bildnerischen Formgestaltung mit raffinierten Effekten, wie sie anders kaum möglich sind. — Es sei denn, weltweit führende Special-Effect-Druckkunst-Spezialisten wie Günter Thomas und sein Team von GTTrendhouse42 in Gelsenkirchen, sind involviert :-).

Zum Video: Eindrücke vom 15. März 2025 in der Druckwerksatt von Eckhard Gehrmann in Friedrichsdorf bei Frankfurt am Main.


Aus Sicht der Nachhaltigkeit ist besonders hervorzuheben: Druckkünstler wie Eckhard Gehrmann, der übrigens bei dem legendären Steindruckmaler und Druckgrafik-Dozent Christian Kruck an der Städelschule in Frankfurt am Main ausgebildet wurde, schaffen Druckwerke, die nicht als kurzlebiges Verbrauchsgut verwendet werden, sondern hochwertige Sammlerstücke darstellen, die sorgsam bewahrt werden. Diese Druckwerke können auf Maschinen hergestellt werden, die nahezu unverwüstlich sind, über viele Dekaden eingesetzt werden bzw. aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammen können. Nachhaltiger geht es kaum, Oder?

Zum 100. Geburtstag — Fotos aus dem Nachlass-Archiv bei Florian Kruck, Hamburg

Alles Gute: Vor 100 Jahren, am 12. Februar 1925, wurde der herausragende Künstler Christian Kruck in Hamburg geboren. Jugend und die erste Studienzeit verbrachte er in der Dürer-Stadt Nürnberg an der Akademie der Bildenden Künste. Sein Kommilitone war unter anderen der Mainzer Gustl Stark, später hochangesehen mit seinen einzigartigen künstlerischen Prägetiefdrucken. 1949, wieder in Hamburg, heiratete Christian Kruck die Malerin Linde Körner. Das Paar zog 1953 nach Frankfurt am Main, da Christian Kruck auf Empfehlung von Erich Heckel zum Leiter der Druckwerkstätten an der Hochschule für Bildende Künste – Städelschule berufen wurde. Ab 1970 wurde er bis zu seinem Tod im Herbst 1985 auch Dozent für Druckgrafik.

„Mit Beginn der Tätigkeit an der Städelschule begann Christian Kruck, durch intensive Forschung und geschicktes Experimentieren die künstlerische Lithographie auf ein neues, bis dato unerreichtes Niveau zu heben. Das Ergebnis war die von ihm so benannte ‚Steindruckmalerei‘, gekennzeichnet durch das Drucken vieler Farben auf einem einzigen Stein“, erläutert Andreas Weber, Vorstandsmitglied der Internationalen Senefelder Stiftung, der Kruck als väterlichen Freund seit Kindheitstagen kannte. „Möglich wurde dies“, so Andreas Weber weiter, „da Christian Kruck eine Schreibtinte zum Vorzeichnen benutzte, die in den Stein eindrang, aber nicht mitdruckte. So konnte er passgenau Farbe um Farbe auftragen, was zu virtuosen Bilddarstellungen führte, die an Intensität und Farbkraft der Öl-Malerei in nichts nachsteht.“ Christian Kruck war aber nicht nur ein begnadeter Lithograph, sondern auch Maler, Bildhauer und verstärkt seit den 1970er Jahren Aquarellist.


Gut zu wissen: Infos von der Nachlass-Website von Christian Kruck

Auf der Website zu Christian Kruck wird zu seiner Lithographischen Arbeitsweise wie folgt erläutert: „Christian Kruck hat die Lithographie zu seinem persönlichen künstlerischen Ausdrucksmittel und Handwerkszeug gemacht. Statt Pinsel und Leinwand nutzt der Maler die besondere Beschaffenheit des Steines um Farben, Formen, Atmosphären und Stimmungen zu transportieren. Während beim üblichen lithographischen Farbdruck mehrere Steine verwendet werden, druckte Christian Kruck alle Farben von einem einzigen Stein.

Zunächst zeichnete er mit Schreibtinte die Konturen der zu druckenden Farbschicht auf ausgesuchte Kalkschieferplatten aus Solnhofen. Anschließend bearbeitete er die Oberfläche des Steins mit Wasser, Chemikalien und speziellen Farbmixturen und Materialien. Nach jedem Druckvorgang mit der Lithopresse wurde die gedruckte Farbschicht abgeschliffen, ohne dass dabei die Konturen der Schreibtinte verloren gingen.

In Ergänzung zu den ersten Flächen wurden jetzt die nächsten Motive aufgetragen, dann der Druck und Schleifvorgang wiederholt, bis alle Farben aufgetragen und die Bildkomposition abgeschlossen war. Bis zu 30 Farben hat Christian Kruck in einer Lithographie vereint. Für den aufwendigen Arbeitsprozess benötigte er nicht selten bis zu vier Wochen.

‚Die Farben überlagern sich in transparenten Schichten, gerinnen zu glasigen oder gedeckten Tönen, lösen sich in atomsphärisch wirkende Farbschleier auf und verdichten sich in Kernzonen‘. (Prof. Wilhelm Weber).


„Es geht mir nicht um die Vervielfältigung, sondern um die Vollkommenheit“ — Christian Kruck


Im Detail: Was macht die Lithographien von Christian Kruck aus?

Scan der Vorder- und Rückseite einer Originallithographie von Christian Kruck. Der Künstler hatte eine spezielle Technik, um auf der Rückseite einen zusätzlich Darstellungs-Effekt zu erzielen. Abbildung: Andreas Weber

Zur Bedeutung des Werks von Christian Kruck

Über seine lithografischen Erkenntnisse und Entdeckungen verfasste Christian Kruck bereits 1962 eine Schrift mit dem Titel „Technik und Druck der künstlerischen Lithographie“. Im selben Jahr 1962 erhielt er einen Lehrauftrag am renommierten Pratt Graphic Art Center in New York. „Keine Frage: Christian Kruck war im besten Sinne umtriebig, neugierig, stets auf Entdeckungsreisen, die ihn außer nach New York und Washington in den USA nach Italien, Spanien, Griechenland, Spanien, Israel und nach den Kanarischen Inseln führte“, erläutert Andreas Weber weiter. „Er konnte durch seine Bildwerke wie auch durch seine Erzählungen wunderbare Stimmungen vor allem rund um den Mittelmeer-Raum teilen. Insbesondere Italien galt seine große Leidenschaft.“

Die Kunstwelt war schon früh auf Christian Kruck aufmerksam geworden. Neben seiner Bekanntschaft mit Künstlerbund-Mitgliedern wie Erich Heckel, Otto Dix und Curth Georg Becker in den 1950er Jahren wurden Kunstexperten auf ihn aufmerksam. Der oben zitierte Kunst- und Lithographie-Experte Prof. Wilhelm Weber, seit Gründung der Internationalen Senefelder Stiftung im Jahr 1975 deren Beiratsvorsitzender bis 1999, stellte in seinem international anerkannten Standardwerk „Saxa loquuntur – Geschichte der Lithographie“ (1964 erschienen in München, London-New York und Paris) die hohe Bedeutung der Lithographie-Kunst von Christian Kruck vor. Ebenso wie Felix H. Man, der Christian Kruck in seinem Werk Artist’s Lithography (1970, London) würdigte. Für ausgewählte, bedeutende Künstler wie Emy Roeder und Oskar Kokoschka verwandelte er deren Vorlagen in künstlerische Lithographien.

Die Werke von Christian Kruck wurden in vielen Dutzend Ausstellungen gewürdigt und befinden sich über Deutschland hinaus in öffentlichen wie privaten Sammlungen in Amerika, England, Holland, Japan, Österreich und Schweiz. (Komplette Verzeichnisse sind in der Publikation der Edition H. W. Fichter „Christian Kruck – Italiens Tage“, 1998 in Frankfurt am Main erschienen).

Würdigungen durch die Internationale Senefelder Stiftung

„Mit Christian Kruck fand sich ein würdiger und hochverdienter Hauptpreis-Träger unseres allerersten Senefelder-Preises aus dem Jahr 1975. Wir werden sein Schaffen und Werk im Rahmen unserer Jubiläumsausstellung ‚50 Jahre Internationale Senefelder-Stiftung‘ im Offenbacher Haus der Stadtgeschichte besonders würdigen. Denn auch heute noch sind die künstlerischen Lithographien von Christian Kruck unerreicht und ein strahlendes Vorbild für nachfolgende Kunstschaffende“, wie Prof. Gerhard Kilger, Vorsitzender des Vorstands der Internationalen Senefelder-Stiftung, ausführt.

Und Eckhard Gehrmann, Vorstandsmitglied der Internationalen Senefelder Stiftung und Schüler von Christian Kruck, merkt an: „Christian Kruck hat zu seiner Zeit an der Frankfurter Städelschule die Druckgrafik als eigenständiges Medium durchgesetzt. In seiner Druckgrafik-Klasse hat er ganze Generationen von Studierenden für die Lithographie begeistert — unter anderem auch mich. In Christian Kruck’s Werkstatt herrschte eine ausgesprochen gute Gemeinschaft, eine große künstlerische Freiheit und seine Tür war, im wahrsten Sinne des Wortes, jederzeit offen.“


Weitere Informationen

Hinweis: Die vom Sohn Florian Kruck initiierte Website http://www.christiankruck.de/ gibt einen detaillierten Einblick in das Leben und Werk von Christian Kruck.


Informationen zu Internationale Senefelder Stiftung, dem Senefelder-Preis und der Jubiläumsausstellung 2025 finden sich auf der Website der Stiftung https://www.senefelderstiftung.de/


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Senefelder-Stiftungs-Vorstandsmitglieder und Jury-Teilnehmer Dr. Gerhard Kliger, Barbara Wilhelm (ganz links) und Andreas Weber (ganz rechts) nahmen die Ehrung der drei Preisträger vor (Mitte, von links nach rechts): Herman Noordermeer, Cordelia Heymann (jeweils 2. Preis) und Aron Herdrich (1. Preis). Foto: Roland Walter

 

Preisverleihungs-Rede in Offenbach am Main am 9. September 2023 von Andreas Weber, Vorsitzender FISS e.V., Freunde & Förderer der Internationalen Senefelder Stiftung (ISS) sowie ISS Vorstandsmitglied.

Meine sehr geehrte Damen und Herren! Wir freuen uns sehr, dass wir heute, am 9. September 2023, erneut den Internationalen Senefelder-Preis verleihen dürfen. Der 9. September ist ein ganz besonderes Erinnerungsdatum, das an den Tag des Jahres 1886 erinnert, an dem in Bern das Internationale Urheberrecht unterzeichnet wurde zum Schutz von Werken der Literatur und Kunst. Für Kunstschaffende ein Meilenstein! Und für die Druckkunst ganz besonders, wenn man das lange Zehren und Zerren um den Status ‚weg von der Reproduktionskunst‘ hin zur künstlerischen  Original-Graphik einbezieht. Übrigens: Seit März 2018 zählt die Druckkunst zum immateriellen Welt-Kulturerbe der UNESCO.

Bedeutsam ist zudem, dass wir in den Räumen des Kunstverein Offenbach sein dürfen – sozusagen im Herzen der Kunstschaffenden und Kunstfreunde der Senefelder-Stadt Offenbach am Main. Herzlicher Dank gilt stellvertretend für den gesamten Kunstverein-Vorstand Gisela von Slatow, kooptiertes Vorstandsmitglied und Ehrenkuratorin, sowie Sylvester Kraaz, 2. Vorsitzender, für die gute Zusammenarbeit. Und besonderer Dank geht an unseren ISS-Vorstandskollegen Eckhard Gehrmann, der im Team mit Karl Walter die sehenswerte Ausstellung der Finalisten-Arbeiten vortrefflich arrangiert hat. Das sollte uns einen frohen Applaus Wert sein!

Der Internationale Senefelder-Preis hat im Verlauf von fast einem halben Jahrhundert in nunmehr 13 Wettbewerben namhafte Künstler prämieren können, die wie Christian Kruck, der allerste Hauptpreisträger von 1975, in der Folge begleitet wurden von Gewinnern wie Bruno Bruni, Rainer Schwarz, Eva Bosch, Eckhard Gehrmann, Jim Dine, Ingrid Ledent, Kuniko Tadakoro, Anja Trojanowska, Alena Klatikova, Magdalena Uchman und Amat Kongwaree sowie Sonder-Preisträger Jean-Michel Machet, ein Steindrucker von Weltrang in Paris, um nur einige zu nennen.

Da alle Künstlerinnen und Künstler, die als Finalisten reüssieren, ihre eingereichten Arbeiten der Internationalen Senefelder-Stiftung übereignen, konnte die bedeutendste zeitgenössische Sammlung von fast 500 Künstlerischen Lithografien entstehen, die im Offenbacher Haus der Stadtgeschichte konserviert und katalogisiert wird. Hinzukommen als Stiftung viele bedeutende Inkunabel-Werke aus der Sammlung des Flachdruck-Pioniers Carl Hans Garte.

Dadurch wird dokumentiert, dass der Senefelder’sche Steindruck resp. der sog. Chemische Druck, der seinen Durchbruch v. a. namhaften Künstlern des 19. Jahrhunderts verdankt, um dann die Welt der Drucktechnik als industrielles Multimilliarden-Geschäft zu prägen, gerade heutzutage künstlerische Bestleistungen hervorbringt. Vor allem auch, beinahe unverhofft bei vielen jungen Kunstschaffenden, die der digital-affinen Generation entspringen.

Warum ist das so? Senefelders Erfindung ist selbst nach über 200 Jahren auf der Höhe der Zeit, vor allem auch, weil die Photolithografie in der modernen Halbleiter-Technik eine große Rolle spielt. Für mich persönlich ist es im Kontext mit dem  Zeitgemäßen überhaupt nicht erstaunlich, was dabei herauskommt, wenn man per ChatGPT — also via Künstlicher Intelligenz— die Frage nach der Bedeutung des Internationalen Senefelder-Preises stellt. Ich zitiere aus der ‚digitalen’ Antwort:

„Die Preisträger des Internationalen Senefelder-Preises werden oft als Visionäre und Vorbilder in ihrer Branche angesehen und ihre Leistungen tragen dazu bei, die Entwicklung und den Fortschritt in den Bereichen Druck und Kommunikation voranzutreiben. Die Auszeichnung dient auch dazu, das Bewusstsein für die Bedeutung der Lithografie und anderer Drucktechnologien für die moderne Gesellschaft zu schärfen und ihre kulturelle und wirtschaftliche Relevanz hervorzuheben.

Die Bedeutung des Senefelder-Preises liegt nicht nur in der Anerkennung der individuellen künstlerischen Leistung, sondern auch in der Förderung und Weiterentwicklung der Druckkunst als Kunstform. Die Auszeichnung trägt dazu bei, die kulturelle Vielfalt und den technischen Fortschritt im Bereich der Druckgrafik zu würdigen und zu fördern.“ — Soweit der stimmige Text via Künstlicher Intelligenz — vollautomatisch geschrieben.

 

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Die Jury nach getaner Arbeit. Fotos: Dr. Volker Dorsch

 

Zurück zur heutigen Preis-Verleihung. Die öffentlich ausgeschriebenen Teilnahmekriterien sind klar definiert und stellen hohe Anforderungen dar, die von einer kundigen Jury streng und kompetent bewertet werden. Dank für ihr ehrenamtliches Engagement gilt: Eckhard Gehrmann (ISS-Vorstandsmitglied), Wilhelm Graeff (ISS-Beirat), Prof. Dr. Gerhard Kilger (ISS Vorsitzender und Juryleiter), Roswitha Pape (BBK Künstlerin), Dr. Ralf Philipp Ziegler (ISS-Vorstand), Andreas Weber (ISS-Vorstand und Chairman FISS e.V.), Barbara Wilhelmi (ISS Vorstand) sowie in der Vor-Jury ausserdem noch BBK-Mitglied Werner Schaub.

Der Internationale Senefelder-Preis 2023 wird gefördert vom Rotary Club Offenbach am Main, der das Preisgeld spendete. Die Jurysitzungen fanden im Print-Technology-Center des ISS-Fördermitglieds manroland Sheetfed GmbH statt. Die Organisation der ordnungsgemäßen Wettbewerbsdurchführung lag in den bewährten Händen von Dr. Volker Dorsch, ISS-Geschäftsstellenleiter, der heute aus wichtigem Grund nicht anwesend sein kann, aber seine herzlichsten Grüße an uns alle ausrichten lässt. Er schreib uns gestern: „Ich bedauere es sehr, morgen nicht dabei sein zu können. Wir sind mit Stiftung & Preis in der Pole-Position der Senefelder-Gedenkveranstaltungen.“

In der Tat! Aus Sicht der Jury erscheint als herausragend, dass im Jahr 2023 mit 157 Einreichungen aus allen Teilen der Welt ein Rekordniveau erreicht wurde. Davon schafften es 29 auf die Short-List mit den Finalisten. Stellte zu Beginn vor vielen Jahrzehnten der deutschsprachige Raum den Schwerpunkt dar, hat sich dies komplett gewandelt und global erweitert. Die diesjährigen Finalisten kommen aus Polen, Kanada, Slovakei, den Niederlanden, der Schweiz, Litauen, Thailand, Mexiko, Portugal und Deutschland. Die guten internationalen Kontakt-Strukturen zeigen auch unsere Spezialveranstaltungen wie Druckvorführungen oder die Fachsymposien, die im Frühjahr 2024 in Offenbach am Main fortgesetzt werden. Unsere Kontaktmöglichkeiten haben sich durch Social Media dynamisch erweitert. Wir stehen mit hunderten und über befreundete Communities mit tausenden Künstlern und Lithographie-Interessierten aller Altersklassen aus vielen Ländern der Welt im stetigen Kontakt und Austausch.

 

 

 

Umso erfreulicher erscheint mir, dass wir heute persönlich zusammenkommen, um die Finalisten und die Preisträger zu würdigen. Geladen sind alle Wettbewerbs-Einreicher und Finalisten. Das Spannende: Wir wissen nicht wer persönlich anwesend sein wird, vor allem dürfen wir die Preisträger an sich nicht vorab informieren. Mal schauen, wie sich das heute gestaltet. Denn es wurden einstimmig drei Hauptpreise vergeben. Dem ersten Preis schließen sich zwei hochkarätige Prämierungen auf Rang Zwei an. Entsprechend teilt sich das Preisgeld von insgesamt € 2.000,00 auf: der 1. Platz ist mit € 1.000,00 dotiert und mit je € 500,00 die beiden Zweitplatzierten. (Anmerkung: Die Preisgelder werden im Nachgang zur Preisverleihung an die Gewinner überwiesen!)

 


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Zur nachhaltigen Ehrung gehören natürlich auch die Ausstellung sowie Vorberichte und Nachberichte zur Preis-Ausschreibung und -Verleihung. Ein besonders gelungener, umfassender Vorbericht stammt von Markus Terharn in der Offenbach-Post vom 29. August 2023. Herzlichen Dank dafür. Auf der ISS-Website werden die Gewinner dauerhaft gelistet. Und die Werke werden wie gesagt in der Stiftungs-Sammlung aufgenommen. Zudem informieren wir unsere Social-Media-Netzwerk-Partner, was eine hohe Resonanz hervorruft.

Die Gewinner erhalten on-top eine Gratis-Mitgliedschaft in unserem Stiftungs-Förderverein FISS e.V., dem ich vorstehen darf. Natürlich sind alle Anwesenden soweit noch nicht geschehen, herzlich eingeladen, ebenfalls FISS-Mitglieder zu werden. Das Anmeldeformular findet sich auf der Senefelder-Stiftungs-Website senefelderstiftung.de.


 

Meine Damen und Herren, wer sich von Ihnen bereits umschauen konnte, wird festgestellt haben, wie vielfältig und variantenreich die ausgestellten Werke künstlerisch gearbeitet sind. Es war und ist uns eine Herzensangelegenheit, eine Finalistenarbeit ausnahmsweise als komplette Serie auszustellen. Sie trägt die Nummer 26 und stammt von einer jungen Künstlerin, Karolina Turek, aus Gdansk, Polen. In einer Art schlangenartigem Fluss des Lebens, umgeben von Fauna & Flora, wird eine umfangreiche Geschichte von Menschen (wenn ich es richtig deute: aus Afrika) erzählt, inklusive der kolonialen Vergangenheit, mit Höhen und Tiefen, in Ketten, mit Schmerz, Gewalt und Ausbeutung.

Das ganze Ensemble zeugt von einer ungeheuren Ästhetik und starken inhaltlichen Durchdringungs-Kraft. In der künstlerischen Selbstbeschreibung der Arbeit wurde für die Jury vermerkt: „Ich habe die Arbeit ‚Alles vergeht, außer der Vergangenheit‘ aus zwei Schichten eines lithografischen Drucks erstellt. Die rote Schicht besteht aus gerasterten historischen Fotografien, die mit einem Laserstrahldruck mit Aceton auf den Stein übertragen wurden. Sie enthält auch einige lithographische Farbspritzer. Die zweite, grüne Schicht besteht aus verdünnter Steindruckfarbe und Pflanzen, die mit lithografischer Kreide gezeichnet wurden.“

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„…alles vergeht, außer der Vergangenheit“ (8 Blätter) — Lithographie-Zyklus von Karolina Turek, Gdansk/Polen, 2023. Foto: Eckhard Gehrmann

 

Es wird darüber hinaus beim Betrachten der Einreichungen sichtbar, wie sich Umfeld-Bedingungen auf die drucktechnische Umsetzung auswirken. Dies gilt vor allem für Afrika und Asien, sowie für den Zugang zu Solnhofener Kalkstein, dem bevorzugten Druckmedium für Lithographen. Insofern hat alternativ der Druck von Aluplatten einen hohen Stellenwert gewonnen und unfassbar neue, hohe Maßstäbe gesetzt.

Gerade auch was das spontan-kreative Arbeiten angeht, da gegenüber dem Druck mit Steinplatten müheloser gearbeitet werden kann. Die Ausstellung spiegelt das wider, mit einem maximal hohen Facettenreichtum an figürlichen und abstrakten Motiven. Sicher ist Eckhard Gehrmann – übrigens ein Schüler unseres legendären und unübertrefflichen Erstpreisträgers Christian Kruck an der Städelschule in Frankfurt am Main – bereit, über seine Eindrücke bei der Hängung und dem damit verbundenen künstlerischen Dialog mit den Exponaten Auskunft zu geben. Bitte sprechen Sie ihn an!

 

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Blick in den Ausstellungsraum des Kunstervein Offenbach mit allen Finalisten-Arbeiten. — kurz vor der Preisverleihung. Fotos: Andreas Weber

 


 

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Kommen wir nun zu unseren diesjährigen Preisträgern. Alle Drei sind äußerst verdiente, hoch-talentierte, erfolgreiche und überaus sympathische Kunstschaffende, die sich vielseitig mit Zeichnen, Malerei, skulpturalen Objekten, künstlerischen Inszenierungen u.v.m. beschäftigen.

Die lithographischen Gewinnerarbeiten sind drei ganz unterschiedlich motivierte ‚Kunst-Stücke‘, die sich in Machart und Format dennoch unterscheiden. Und trotzdem ist jedes für sich ‚meisterlich‘ gelungen.

Kurz noch zum Procedere: Ich gebe jeweils kurze Erläuterungen zu Werk und Person und rufe dann die Gewinnerinnen und Gewinner namentlich auf, um nach vorne zu kommen, damit wir die Urkunden überreichen können.Beginnen wir mit dem Ersten der beiden Zweitplatzierten. Es ist eine Arbeit, die die Formatgröße des Steindrucks mit 110 x 95 cm nahezu maximal ausschöpft. Die Jury urteilte: „Die Preiswürdige Arbeit, die einen zweiten Platz verdient, zeichnet sich dadurch aus, dass die klassischen Techniken meisterhaft eingesetzt sind, es wurden große Herausforderungen im auf Stein größtmöglichen Format bewältigt, mit einer ausgezeichneter Druckqualität.“

Der Name unseres Gewinners: Herman Noordermeer aus Goutum/The Netherlands.

 

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„Der Moment des Sichtbarmachens” — 2. Preis des Internationalen Senefelder-Preises von Herman Noordermeer, Lithographie auf Stein, 110×95 cm, aus sem Jahr 2022.

 

Auf seiner Website publiziert Herman Noordermeer sein Künstler-Statement, ich zitiere:

Wechselwirkung zwischen Sterblichkeit und Unsterblichkeit. — Der Moment des Visualisierens, die Visualisierung, spielt in meiner Kunst eine wichtige Rolle. Das Bild, die Bedeutung, ihr Verhältnis zueinander, der emphatische Eindruck des Bildes. Das sind Elemente, die sehr wichtig sind. Materialien, Handhabungsweisen usw. sind weniger wichtig. Nicht nur die Idee, sondern auch die Art und Weise, wie sie konkretisiert wird, ist es, was sie interessant macht. Die dabei entstehenden unterschiedlichen Bedeutungsebenen unterstreichen den symbolischen Charakter der Bilder. Meine Arbeitsweise ist geprägt von einem ständigen Fluss von Zeichnungen und Notizen, aus denen sich langsam Bilder entwickeln. Diese Bilder werden in Gemälden und Lithografien dargestellt, als wären sie eingefrorene Momente. Betrachtet man die bisher entstandenen Bilder rückblickend, so scheinen sie eine Wechselwirkung zwischen Sterblichkeit und Unsterblichkeit zu sein.“

Herman Noordermeer ist ein international anerkannter Künstler,  der in Sammlungen in Peking/China, Seoul/Süd-Korea, Alexandria/Ägypten, Portugal, Polen, Taiwan, Bulgarien und der Türkei vertreten ist. Er hat zudem zahlreiche internationale Preise gewonnen. In Armenien, England, Bulgarien, China, Süd-Korea, Türkei, Polen, Mazedonien. Und: Bereits 2015 war er mit dem 3. Platz unter den Gewinnern des Internationalen Senefelder-Preises.

 

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Foto/Quelle: Website von Herman Noordermeer

 

 

Für die Preisverleihung hat er mir vorab folgendes Statement übermitteln, das ich gerne vortrage: „Über meine Litho-Arbeit: Nun, ich bin nicht nur Grafiker, sondern auch Maler.

Für mich ist die Kombination zwischen Lithographie und Malerei eine sehr gute Kombination. Beim Lithographie und auch beim Malen wird auf einer ebenen Fläche gearbeitet. So sehen Sie direkt, was Sie tun. Und natürlich zeichne ich gerne auf den Stein. Die Maserung des Steins zum Beispiel gibt mir die Möglichkeit, sehr weiche Grautöne zu erzielen. Aber man kann viele Handhabungsmethoden anwenden, man kann Litho-Bleistifte, Litho-Tusche mit mehr oder weniger Wasser oder Terpentin verwenden. Man kann auf dem Stein zeichnen, aber auch malen. Meistens vermische ich alle Bearbeitungsmethoden und das gibt mir endlose Möglichkeiten, mich auszudrücken.“

Ich bitte um tüchtigen Applaus für unseren großartigen Gewinner aus den Niederlanden, Herman Noordermeer, der heute aus dem nördlichsten Teil der Niederlande zu uns gekommen ist in Begleitung seiner wunderbaren Frau!

 


 

 

 

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2. Preis beim 13. Internationalen Senefelder-Preis 2023 ging an Cordeila Heymann, Frankfurt am Main, Titel: Bild 2241. 64 x 76 cm, Bütten, 2020 / 2023. Das Foto zeigt einen Ausshcnitte.

Kommen wir nun zum gleichberechtigten weiteren 2. Preis-Gewinn, der ebenfalls einstimmig von der Jury gewählt wurde.

Die Jury zeigte sich sehr beeindruckt von der künstlerischen Virtuosität der eingereichten Arbeit und urteilte: „Ungewöhnlicher Umgang in Gestaltung und Ausführung der Farblithographie, außerordentlich-kreative Komposition auf unterschiedlichen Farbebenen, gute Qualität des Drucks!“

Im Detail wurde der Jury gegenüber angegeben:

Zweifarbige Lithographie von 3 Steinen, kombiniert mit Schablonendruck, gedruckt an der Handpresse der Klosterpresse e.V., Papierformat 64 cm x 76 cm, Bütten, 2020 / 2023

Meine Damen und Herren, ich bitte für einen tosenden Applaus für Frau Cordelia Heymann aus Frankfurt am Main!

 

Urkundenverleihung an Cordelia Heymann

Urkundenverleihung an Cordelia Heymann durch Andreas Weber (links) und Dr. Gerhard Kilger.

 

Die Künstlerin Cordelia Heymann studierte an der Akademie der bildenden Künste Karlsruhe, ist seit 1985 freischaffend in Frankfurt am Main tätig. 1992 erhielt sie den Preis der Marielies-Hess-Stiftung, weilte 2001 in Budapest als Artist in Residence und erhielt 2020 ein Arbeitsstipendium der Hessischen Kulturstiftung.

In einem Bericht zur Ausstellung im Frankfurt-Oberrader Ausstellungsraum Becker heisste es, ich zitiere: „Von der Leichtigkeit, mit und auf Papier zu arbeiten“.

[Bei den Arbeiten von] Cordelia Heymann steht das Prozesshafte am Anfang ihrer Werke. Cordelia Heymann untersucht die Schattenseiten der menschlichen Existenz und die Veränderungen der Gesellschaft …

[Das ausgestellte Werk] von Cordelia Heymann … spiegelt die elektronische Einflussnahme auf das einzelne Individuum bis zum gesellschaftlichen Ganzen wider. Dazu entwickelte sie Stereotypen, die keine Individualität mehr besitzen … Die eigens für den ausgestellten Zyklus angefertigten Schablonen aus gefundenem Sperrholz ermöglichen ihr ein variantenreiches Drucken ihres Themas.“

Die Künstlerin beherrscht das Zeichnen, die Malerei sowie das Experiment, vor allem auch mit Farbspray über Schablone und Farbpigmenten. Und natürlich liebt sie die Arbeit mit der Lithographie.

In „FeuilletonFrankfurt. Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt“ schreibt die Kunstwissenschaftlerin Brigitta Amalia Gonser im Jahr 2011 zur Ausstellung „Das Bilderhaus zeigt: Cordelia Heymann — Schöne neue Welt“, ich zitiere:

Sie stellte in Frankfurter Galerien und Institutionen, im Kunstverein Jena, im Künstlerhaus Karlsruhe und im Künstlerforum Bonn aus und beteiligte sich wiederholt an den Kunsttagen in Dreieich und mit ihren Künstlerbüchern an der Minipressen-Messe in Mainz. Sie ist auch Gründungsmitglied der Frankfurter Klosterpresse im Frankensteiner Hof.

Eine symbolhafte Ästhetik dominiert das künstlerische Werk Cordelia Heymanns … Auf der Suche nach neuen suggestiven Ausdrucksformen für reale und imaginäre Seins-Zustände entwickelt Cordelia Heymann in ihren Arbeiten prägnante Metaphern und Symbole. Die Imagination ist die wichtigste Quelle ihrer Kreativität. Doch sie will auch Ideen vermitteln, die zum Nachdenken anregen. Um zu offenbaren, vereinfacht sie ihre Formensprache.“

Vorgestern hatte ich noch die Möglichkeit, mit Cornelia Heymann zu telefonieren. Sie erläuterte mir sehr charmant, welchen Stellenwert das lithographische Arbeiten für sie hat, welchen Freiraum es ihr bietet, wie sich gerade auch spielerisch-kreativ, manches mal gar zufällig wunderbare innovative gestalterische Aspekte ergeben. Und ganz bescheiden sagte sie, dass bei ihr, was das rein Drucktechnische angeht, noch Weiterentwicklungspotenzial bestünde. Ich halte das für eine echte Untertreibung… In jedem Fall zeigte sie sich begeistert, nachdem sie bereits 2020 unter den Finalisten war, die Preisverleihung Corona-bedingt aber virtuell stattfinden musste, dass wir uns jetzt und hier persönlich treffen können.

 


 

124 Am Ende des Raums 2020

1. Platz beim Internationalen Senefelder-Preis 2023 für Aron Herdrich,
Die Arbeit ‚Am Ende des Raums (II)’ von 2020m Analoger Offsetdruck auf Papier, 70 x 50 cm

 

Und last but not least kommen wir zum 1. Preis als Hauptpreis des Internationalen Senefelder-Preis 2023.

Das der Jury mitgeteilte Statement zur eingereichten Arbeit:

Analoger Offsetdruck auf Papier, 70 x 50 cm

Die Arbeit ‚Am Ende des Raums (II)’ von 2020 ist ein Flachdruck einer analogen Offsetdruckplatte, gedruckt an einer Handpresse. Die Offsetdruckplatte habe ich zunächst zu einem dreidimensionalen Raum geknickt; ähnlich einer kleinen Ecke. Das natürlich einfallende Licht brach sich durch die ‚Architektur‘ und der dadurch entstehenden Reflexion auf bestimmte Art und Weise.

Dadurch habe ich mich als Künstler ein Stück weit dem Prozess entzogen und das Licht zeichnen lassen; Lichteinfall, Lichtstärke, Architektur, Papier und Farbe sind zwar von mir bestimmt. Jedoch verliere ich bei diesem Prozess ein großes Stück meines Einflusses auf die entstehende Zeichnung. Wieder aufgeknickt, habe ich die Offsetdruckplatte entwickelt und dreifach mit demselben Blau auf ein BFK Rives übereinander gedruckt.“

 


Aron Herdrich bei der Urkundneverleihung

Aron Herdich (rechts), stolzer Gewinner des 1. Preis des Internationalen Senefelder-Preises mit Andreas Weber. Foto: Roland Walter

Persönliches Statement des Künstlers und Senefelder-Hauptpreis-Gewinner Aron Herdrich

Noch am Tag vor der Preisverleihung bekam ich von unserem Hauptpreisträger, der bis dahin nichts von seinem 1. Platz wusste, folgendes als Kommentar per E-Mail:

Die Lithografie, bzw. der Flachdruck, besitzt eine faszinierende Direktheit im Arbeitsprozess. Sprich im Umgang mit der Druckform und später im Druck. Ob das Arbeiten auf Stein oder Platten, den künstlerischen Prozess nehme ich bei mir, aber auch bei anderen Künstler*innen, als intensive Auseinandersetzung mit einem Objekt (der Druckform) wahr.

Die Direktheit im Arbeitsprozess wird dann durch den Druck nicht unbedingt aufgelöst. Er löst sich zwar von der Druckform und bekommt eine Eigenständigkeit, dennoch kann diese Direktheit verstärkt und sichtbar gemacht werden und verweist somit im fertigen Kunstwerk auf den technischen und künstlerischen Prozess.

Die Technik erscheint auf den ersten Blick vielleicht als kompliziert und kleinteilig. Darin liegt jedoch auch eine Stärke, die mir als Künstler eine Freiheit verschafft viele Entscheidungen bewusst zu treffen oder sie eben nicht zu treffen; es sind viele Stellrädchen an denen gedreht werden kann oder die sich von alleine drehen.

In meiner künstlerischen Arbeit will ich eigene Entscheidungen treffen, andere aber bewusst abgeben.

Speziell die Möglichkeit der Offsetplatten mit Licht (als raumdefinierendes und Raumgrenzen-überschreitendes Medium) zu zeichnen. Oder besser; das Licht selbst zeichnen zu lassen fasziniert mich. Lediglich fange ich es in diesem Prozess ein und kann ihm eine neue Sichtbarkeit verschaffen.

Mich begeistert es außerdem, dass der Flachdruck als technische Weiterentwicklung einen bedeutenden Einzug in unsere Gesellschaft in Form von Druckerzeugnissen im Alltag und weiteren technischen Errungenschaften bekommen hat. Daher erachte ich ebenfalls den künstlerischen Umgang mit dem Medium (und mittlerweile all seinen technischen Möglichkeiten) als wichtig und für die heutige Zeit als sehr relevant.

Und zum Stellenwert des Senefelder-Preises:

Ich freue mich sehr, dass die Senefelder Stiftung es sich zur Aufgabe macht, zeitgenössische Lithografie zu fördern.

Somit dem Medium eine Wichtigkeit und ein Alleinstellungsmerkmal als künstlerisches Medium verschafft.

Zwar haben alle Drucktechniken inhaltliche und konzeptuelle Überschneidungen und Gemeinsamkeiten. Dennoch muss auch gleichzeitig jede der Drucktechniken (und überhaupt jede Technik) ihre Relevanz für sich, bzw. von Künstler*innen verhandelt werden und im zeitlichen Kontext neu definiert werden. So eben auch der Flachdruck.

Der Senefelder Preis hilft außerdem dabei, nicht nur durch die Preisausschreibungen, sondern auch durch die Sammlung und die Stiftungs-Arbeit einen Überblick und Tendenzen sichtbar zu machen.

Ich freue mich auf morgen! Viele Grüße!“


 

Meine Damen und Herren: Die Jury war einstimmig überzeugt, einen äußerst würdigen Hauptpreisträger gewählt zu haben. Die Gründe: sehr innovative, experimentelle Arbeit, hohe künstlerische Qualität, ausgezeichneter Druck. Die Kombination von technischem Experimentiergeist sowie hoher Innovation und einzigartiger künstlerischer Kreativität gab den Ausschlag. Zudem ist das fast einfarbige, aber intensiv-blaue Farbgefüge aussergewöhnlich und zeigt, wie brillant und erlebnisreich lithografische Kunstwerke eine faszinierende und unerreichbare Wirkung erzielen.

Ich bitte um einen Riesenapplaus für den 1. Preisträger des Internationalen Senefelder-Preises 2023, Aron Herdrich aus Aschau in Bayern, am schönen Chiemsee. Und lassen sie mich vor der Urkundenüberreichung bitte noch einige Bemerkungen machen zum künstlerischen Werk unseres Hauptpreisträgers als Ganzes.

Das Gesamtwerk des Künstlers umfasst bis dato großformatige skulpturale resp. dreidimensionale Werde wie Objekte aus belichteten Offsetplatten, Druckfarbe, angebrannte Holzbalken oder auch belichtete Offsetplatten, Druckfarbe, Gips, Pigmente. Und auch digitale Kollagen kombiniert mit Flachdruck.

Dr. Birgitta Heid, Staatliche Graphische Sammlung München, betont die innovativen eigenen konzeptionellen Verfahren, die von ihm für seine Exponate entwickelt werden. Und sie hebt vor allem auf die Betrachtung eines dreidimensionalen, Vitrinen-artigen Werkes ab, das sie ausstellen konnte:

„Der Künstler hat die vorhandene Vitrinenbeleuchtung druckgraphisch ‚nachgezeichnet‘ und damit einen selbstreferentiellen Bezug zwischen Raum, Raumlicht und Druck geschaffen – das Kunstwerk hat sich durch die Choreographie selbst erzeugt. … Das konzeptuelle Werk wird für den Betrachter zum sinnlichen Raumerlebnis, und die simple Druckfarbe Blau wird in eine metaphysische Dimension transformiert.“

Soviel Schaffenskraft brachte in den letzen 10 Jahren einiges hervor: Ausstellungen quer durch Deutschland, u.a. in München, Berlin, Kassel, Leverkusen, Hamburg sowie Tokio, Shanghai, Wroclaw/Polen sowie Bratislava, Slowakei.

Nach dem Studium der Kunstpädagogik folgte das Studium der freien Kunst mit Diplom und Meisterschüler bei Prof. Pia Fries, AdBK München; dort wirkt er auch seit 2021 als Lehrbeauftragter im Bereich freie Kunst sowie als Künstlerischer Mitarbeiter.

Seit 2013 konnte er einige Preise und Stipendien erwirken:

  • Kooperation mit dem Tamarind Institut | University of New Mexico | Albuquerque, USA
  • Preis des Akademievereins | Gruppensausstellung Neubau
  • 2. Preis | III Lithographietage International — Stipendium der Jürgen Ponto-Stiftung
  • Kunstförderung | Neustart Kultur – Kunstfond Kunstförderung | BayernInnovativ
  • Und nun, im Sommer 2023, der 1. Preis der Internationalen Senefelder-Stiftung

Nochmals bitte ich um einen Riesenapplaus für Aron Herdrich, den Träger des 1. Preises des Internationalen Senefelder-Preises 2023!


 

 

Ausklang im Haus der Stadtgeschichte mit Direktor Dr. Jürgen Eichenauer und einer Vorführung in der Druckwerkstatt mit Dominik Gußmann.

 


 

Das Finale

Damit ist die Preisverleihung abgeschlossen. Verweilen Sie bitte noch bei einem Kaltgetränk mit den Preisträgern, der Jury, den Organisatoren  und den Finalisten mit ihren herausragenden Werken sowie allen Gästen.

Zum Abschluss besteht ab 19h30 die Möglichkeit in wenigen Schritten zum Haus der Stadtgeschichte in der Herrnstraße 61, 63065 Offenbach am Main, zu wechseln, wo uns Direktor Dr. Jürgen Eichenauer empfängt und uns ein Imbiss erwartet sowie eine Vorführung in der Lithographie-Druckwerkstatt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Bleiben Sie uns gewogen! Und denken Sie darüber nach, uns im Förderverein als Mitglied weiterhin zu unterstützen. Besten Dank!

 


 

Alle Finalisten des 13. Internationalen Senefelder-Preises 2013 im Überblicksfilm

 

 

 


 

Liste der Finalisten

Liste der Nominierten u. Preisträger_ KOMM Offenbach (4.-9. September 2023)

 

 


 

Presse-Echo

 

Senefelder Preis Nachbericht Offenbach Post 13092023

Quelle: Offenbach-Post, 13. Septmevr 2023, Seite 18

 


 

 

Vorbericht Offenbach Post Markus Terharn

Vorbericht in der Offenbach Post von Markus Terharn vom 29. August 2023.

 


 

#ISSAward23 Jury 26062023.‎001

Fotos | Photos: Dr. Volker Dorsch, Offenbach am Mai/Germany

English Version Below

#ISSAward23 / Internationaler Senefelderpreis 2023 — Der von der Internationalen Senefelder-Stiftung ISS ausgeschriebene internationale Lithographie-Wettbewerb ist entschieden. Drei Hauptpreise wurden am 26. Juni 2023 vergeben, die am 9. September 2023 im Kunstverein Offenbach im Rahmen einer Ausstellung öffentlich verliehen werden.

Insgesamt gab es 27 Finalisten-Arbeiten aus 157 Einreichungen aus allen Teilen der Welt. Bewertet wurde dabei künstlerischer Wert, technische Fertigkeit und Innovation der Lithographien. Alle Finalisten-Arbeiten werden ausgestellt und gehen danach in die weltweit einzigartige ISS-Lithographie-Sammlung über.

Bemerkenswert war aus Sicht der Jury, „dass eine überwiegend große Anzahl hochwertiger Beiträge eingereicht wurden, es zeigte sich ein beeindruckender Querschnitt des gegenwärtig weltweiten Schaffens mit lithographischen Drucktechniken.“

Hinweis: Der Internationale Senefelderpreis 2023 wird gefördert vom Rotary Club Offenbach am Main. Die Jurysitzungen fanden im Print-Technology-Center des ISS-Fördermitglieds manroland Sheetfed GmbH in Offenbach am Main statt. Die Organisation der ordnungsgemäßen Wettbewerbsdurchführung lag in den Händen von Dr. Volker Dorsch, ISS-Geschäftsstellenleiter.

Im Bild

Die Jury bei der Arbeit zur Preisfindung am 26. Juni 2023. Im Gruppenbild von links nach rechts: Eckhard Gehrmann (ISS-Vorstandsmitglied), Prof. Dr. Kilger (ISS Vorsitzender und Juryleiter), Andreas Weber (ISS-Vorstand und Chairman FISS e.V.), Wilhelm Graeff (ISS-Beirat), Roswitha Pape (BBK Künstlerin), Dr. Ralf Philipp Ziegler (ISS-Vorstand), Barbara Wilhelmi (ISS Vorstand).


 

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#ISSAward23 / International Senefelder Award 2023 — The international lithography competition announced by the International Senefelder Foundation ISS has been decided. Three main prizes were awarded on June 26, 2023, which will be publicly presented on September 9, 2023 at the Kunstverein Offenbach/Main, Germany as part of an exhibition.

There were a total of 27 finalist works from 157 submissions from all parts of the world. The artistic value, technical skill and innovation of the lithographs were evaluated. All finalist works will be exhibited and then transferred to the ISS lithography collection, which is unique in the world.

From the jury’s point of view, it was remarkable “that a predominantly large number of high-quality contributions were submitted; an impressive cross-section of current global work with lithographic printing techniques was shown.”

Note: The International Senefelder Award 2023 is sponsored by the Rotary Club Offenbach/Main. The jury sessions took place in the Print Technology Center of ISS sponsoring member manroland Sheetfed GmbH in Offenbach/Main. The organization of the proper execution of the competition was in the hands of Dr. Volker Dorsch, ISS office manager.

Caption

The jury working on the award on June 26, 2023. In the group picture from left to right: Eckhard Gehrmann (ISS board member), Prof. Dr. Kilger (ISS chairman and head of the jury), Andreas Weber (ISS board and chairman FISS e.V.), Wilhelm Graeff (ISS advisory board), Roswitha Pape (BBK artist), Dr. Ralf Philipp Ziegler (ISS Board), Barbara Wilhelmi (ISS Board).

Bildschirmfoto 2021-11-07 um 09.11.50

 


 

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Druck und Papier treffen KI  – Teil 4   |   Link zu Teil 3  |   Link zu Teil 2  |   Link zu Teil 1

Kommentiert von Andreas Weber, Head of HI (Human Intelligence)

Verbandsmanager Philipp von Trotha (VDMNO, Hannover) zeigt sich begeistert und kommentierte den Fachvortrag auf einem Firmenevent, der KI als Thema fokussierte, recht ausführlich.  (Siehe Screenshot vom 24. März 2023 zum entsprechenden LinkedIn-Post).

 


LinkedIn Philipp von Trotha zu KI 2023-03-24 um 10.24.11


 

Von Trothas Kernaussage:  „Die künstliche Intelligenz ist die große Chancen für die Druck- und Medienindustrie. Die Kunden der Druckindustrie werden unter großem Druck stehen etwas Einzigartiges auf die Beine zu stellen. Individuelle Mailings und hochwertige sowie haptische Druckprodukte werden wieder eine große Rolle spielen.“

Klingt nach einem neuen Heilsversprechen bzw. zumindest nach einem zur Zeit recht spekulativen Wunschgedanken. Oder? Denn es fehlt (noch) die konkrete Beweisverführung.

Fakt ist: In den letzten 30 Jahren gab es viel dieser „Frohlockungen“: Zu Digitaldruck im Produktionsumfeld, zum Druck mit variablen Daten, zu Inkjet-Druck, zu 3D-Printing, zu Augmented Reality etc. Es zeigte sich aber immer wieder, dass die Euphorie schnell verfliegen kann. Nicht weil das Neue nicht taugt, sondern weil wir den immer gleichen Fehler begehen: Das Neue wird sofort in den Kontext damit gestellt, das Bestehende zu stärken statt es grundlegend anders machen zu können.

Das ist zutiefst menschlich, weil wir eher Skepsis und Angst als Freude bei Veränderungen walten lassen. Aber gerade beim Themenfeld „Künstliche“ Intelligenz zeigt sich: Die KI-Technik erfordert ein Höchstmaß an Disruption, die vor allem im „menschlichen“ Mindset stattfinden muss.

Aber keine Bange: Wir können ja die KI, in dem Fall via #ChatGPT Version 4, selbst befragen, bevor wir als Noch-Nicht-So-Kundige-KI-Experten auf Abwege geraten könnten.

Frage an ChatGPT: Werden KI-Plattformen wie ChatGPT die Druckindustrie beschädigen?

Es ist unwahrscheinlich, dass KI-Plattformen wie ChatGPT die Druckindustrie direkt beschädigen werden, da sie nicht dasselbe Dienstleistungsangebot wie die Druckindustrie anbieten. Die Druckindustrie ist auf die Herstellung von physischen Produkten wie Büchern, Zeitschriften, Broschüren und Flyern spezialisiert. Diese Produkte haben eine physische Präsenz und bieten einzigartige Vorteile, die durch digitale Plattformen nicht ersetzt werden können.

KI-Plattformen wie ChatGPT bieten jedoch neue Möglichkeiten, die die Druckindustrie ergänzen können. Zum Beispiel kann KI-Technologie genutzt werden, um personalisierte Inhalte zu erstellen, die speziell auf die Bedürfnisse und Interessen des Lesers zugeschnitten sind. Dies kann dazu beitragen, dass gedruckte Materialien noch relevanter und ansprechender werden.

Darüber hinaus kann KI auch in der Druckindustrie selbst eingesetzt werden, um Produktionsprozesse zu optimieren und effizienter zu gestalten. Zum Beispiel können KI-gestützte Algorithmen zur Steuerung von Druckmaschinen genutzt werden, um die Auslastung und Qualität der Produktion zu verbessern.

Insgesamt ist es unwahrscheinlich, dass KI-Plattformen die Druckindustrie direkt beschädigen werden, sondern vielmehr eine Ergänzung und Unterstützung sein können.

 

#ChatGPT zur Druckindustrie 2023-03-23 um 08.59.26

Screenshot via ChatGPT-4 vom 23. März 23, 8h59.

 


Mein FAZIT: ChatGPT liefert eine exzellente Analyse, die hilfreich ist, das komplexe Thema (KI & Print) ad hoc und strukturiert einzuordnen. Ergebnis: Die Druckindustrie markiert eine andere (analoge) Welt bezogen auf Art, Nutzen und Produkt. Aber KI kann komplementär und unterstützend wirken: Bei der automatisierten Inhaltserstellung in Echtzeit, bei der Produktions-Prozess-Optimierung und meiner Meinung nach auch bei der Kundenkommunikation, dem Kunden-Beziehungsmanagement sowie der Echtzeit-Marktbearbeitung. Ich finde das ziemlich cool, oder?


 

Lesetipp: Mein geschätzter Kollege Joachim Thommes hat ein spannendes Interview geführt mit einem CRM-Experten, der das Thema KI beleuchtet.

HORIZONT Story zu KI und CRM 2023-03-24 um 15.58.38

Subscription meets AI.001

Druck und Papier treffen KI  – Teil 2  |  Link zu Teil 1

Kommentiert von Andreas Weber, Head of HI (Human Intelligence)

In der neuen Reihe von Artikeln, die unverändert die Ergebnisse von Abfragen via ChatGPT wiedergeben, ergibt sich weiter Hilfreiches und sogar Erstaunliches. Und es zeigt sich, dass falsche Wertungen oder Schilderungen wohl vor allem darauf beruhen, dass die Kommunikation im Netz unzureichend ist. Oder eben falsches kolportiert bzw. Wichtiges verschweigt.

Beispiel 1: drupa als Leitmesse für Druck und Papier war von Beginn an im jähr 1951 absolut international! Die Messe hat den Aufschwung des Nachkriegs-Deutschlands als Exportnation und -champion beflügelt und sofort hohes internationales Interesse erzeugt. Die aktuellen Probleme der drupa werden nicht thematisiert. [Siehe: „Die drupa ist tot! – Ein Nachruf“]. Scheinbares Defizit: Das „Informationstraining“ von ChatGPT berücksichtigt wohl den Stand bis 2021, wie Frank Siegel auf LinkedIn anmerkte; daher ist der letzte Punkt zur drupa nicht up-to-date.

Frage an ChatGPT: Wie hat sich die drupa als globale Leitmesse für Druck und Papier seit 1951 entwickelt?

Die drupa hat sich seit ihrer Gründung im Jahr 1951 zu einer der wichtigsten globalen Messen für die Druck- und Papierindustrie entwickelt. Hier sind einige der wichtigsten Entwicklungen im Laufe der Jahre:

  • In den ersten Jahren war die drupa eine regionale Messe für die deutsche Druckindustrie. Sie zog jedoch bald internationales Interesse auf sich und wurde zu einer globalen Veranstaltung.
  • In den 1960er Jahren begann die Einführung von Offsetdruckmaschinen, die die Druckindustrie revolutionierten. Die drupa war ein wichtiger Ort für die Vorstellung dieser neuen Technologien.
  • In den 1970er Jahren wurde die drupa zur wichtigsten internationalen Messe für die Druckindustrie und zog Besucher aus der ganzen Welt an.
  • In den 1980er Jahren wurden auf der drupa zunehmend digitale Technologien vorgestellt. Die Messe war ein wichtiger Ort für die Einführung von Desktop-Publishing-Software und digitalen Druckmaschinen.
  • In den 1990er Jahren setzte sich die Digitalisierung fort und es wurden immer mehr internetbasierte Lösungen für die Druckindustrie präsentiert.
  • Im neuen Jahrtausend entwickelte sich die drupa weiter und umfasste zunehmend auch Technologien für die Verpackungs- und Etikettenindustrie sowie für 3D-Druck und funktionale Druckanwendungen.
  • Die drupa 2020 musste aufgrund der COVID-19-Pandemie abgesagt werden, wurde aber für 2021 neu geplant. Die Messe hat sich in den letzten Jahren auch verstärkt darauf konzentriert, Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit in den Fokus zu rücken.

Insgesamt hat sich die drupa im Laufe der Jahre zu einer globalen Plattform für Innovationen und Trends in der Druck- und Papierindustrie entwickelt und ist nach wie vor eine wichtige Veranstaltung für diese Branche.

 

drupa via ChatGPT 220323

Screenshot aus ChatGPT zur drupa (Version ChatGPT-4, 22. März 2023, 8h50)

 


 

Beispiel 2: Gefragt nach der Zukunftsfähigkeit des früheren Branchenprimus Heidelberger Druckmaschinen AG, zeigt sich, dass es in Bezug auf Print ein unklares bzw. nicht ganz sauber differenziertes Bild von Digitaltechnik und Digitalisierung in der Drucktechnik gibt, das sich eher an der Eigenwahrnehmung der Heidelberg-Führung ausrichtet als an der Marktsicht von außen. Denn Heidelberg hat sich 2020 von seiner mit hohem Aufwand forcierten Digitaldruck-Produktlinie Primefire verabschiedet. Seitdem liegt der Fokus wieder vor allem auf Offsettechnik und Speedmaster-Maschinen, die von digitalen Software-Lösungen und Automatisierungskonzepten profitieren. Am Wachstumsmarkt der Hochleistungs-Produktions-Inkjet-Druckmaschinen nimmt Heidelberg aber nicht mehr Teil, sondern überlässt diesen Multimilliarden-Markt Konkurrenten wie Canon, Ricoh, Flint/Xeikon und anderen.

Frage an ChatGPT: Wird das Unternehmen Heidelberger Druckmaschinen AG in 10 Jahren noch existieren?

Als KI-Modell habe ich keine Möglichkeit, die Zukunft mit Sicherheit vorherzusagen. Es ist jedoch möglich, einige Einschätzungen und Vorhersagen zu treffen, basierend auf aktuellen Informationen und Trends.

Die Heidelberger Druckmaschinen AG ist ein etabliertes Unternehmen in der Druckindustrie, das seit vielen Jahren aktiv ist. Das Unternehmen hat in der Vergangenheit eine Reihe von Herausforderungen gemeistert, wie zum Beispiel den Übergang von analogem zu digitalem Druck. Die Branche, in der das Unternehmen tätig ist, ist jedoch von einer hohen Dynamik und Wettbewerb geprägt, was zu schnellen Veränderungen und Anpassungen führen kann.

Es ist schwer vorherzusagen, wie sich die Druckindustrie in den nächsten 10 Jahren entwickeln wird, aber es gibt einige Trends, die darauf hindeuten, dass sich die Branche in Richtung Digitalisierung und Automatisierung bewegt. Heidelberger Druckmaschinen AG hat in der Vergangenheit bereits entsprechende Schritte unternommen, um sich an diese Veränderungen anzupassen. Beispielsweise hat das Unternehmen in den letzten Jahren in die Entwicklung von digitalen Drucktechnologien und in die Automatisierung von Produktionsprozessen investiert.

Wenn das Unternehmen auch weiterhin auf die Trends und Herausforderungen der Branche reagiert und sich entsprechend weiterentwickelt, könnte es auch in 10 Jahren noch bestehen. Es ist jedoch auch möglich, dass unvorhergesehene Ereignisse oder Entwicklungen dazu führen, dass das Unternehmen in Zukunft nicht mehr existiert.

 

Heidelberger via ChatGPT 220323

Screenshot aus ChatGPT zu Heidelberger Druckmaschinen (Version ChatGPT-4, 22. März 2023, 9h10)

 


 

SOURCE ChatGPT Mar 14 Version. Free Research Preview. Our goal is to make AI systems more natural and safe to interact with. Your feedback will help us improve.

Heute, am 14. Dezember 2022, erschien die Anzeige in der Mainzer Allgemeinen Zeitung, initiiert von Monika Evelo, Valy Wahl und mir. Eine Herzensangelegenheit.

 

Daraufhin hat SWR 2 Kultur am Abend einen wunderbaren Radio-Beitrag gesendet. — Das Bild im Video ist eine Arbeit von Valy Wahl, geschaffen für die Jahresausstellung des Kunstvereins Ingelheim am Rhein im Dezember 2022.

 


 

 

01-Alle Vier Akteure

RLP Landtagsvizepräsidentin Astrid Schmitt (2.v.l.) mit Andreas Weber und dem Künstler-Duo Verena Reinmann und Christian Reinmann (rechts)

Vortrag von Andreas Weber
im Abgeordnetenhaus des Landtags von Rheinland-Pfalz

 

Reinmann & Reinmann — Das raffinierte Urgestein der rheinland-pfälzischen Kunst- und Kulturszene

Meine sehr geehrten Damen und Herren, Frau Vizepräsidentin Astrid Schmitt, liebes Künstler-Duo Verena Reinmann und Christian Reinmann! 

„Worauf wir stehen …“ impliziert zunächst, dass wir den Blick bewusst zum Boden führen. Oder aber, dass wir intuitiv die Augen schließen, um den Untergrund zu erspüren. Beides dient der Orientierung und Standpunkt-Bestimmung. 

Und beides kreiert dieses besondere Spannungsfeld zwischen Erkenntnis durch den Intellekt und das instinktive Fühlen, das sich heute durch diese Ausstellung für uns in einzigartiger Weise darstellt. 

Ministerpräsidentin Malu Dreyer äußerte zum Jubiläumsfest des Bundeslandes Rheinland-Pfalz am 18. Mai 2022: „Die Vielfalt der Menschen und Regionen ist der Schatz unseres Landes.“ Menschen prägen eine Region, nachdem zuvor Regionen Menschen geprägt hatten. Mit dem römischen Erbe in Trier und Mainz erhielten wir hierzulande eine großartige Mitgift auf dem Weg in die kulturelle Entwicklung unserer Region. Rheinland-Pfalz war ein Schmelztiegel der Kulturen – gestaltet von Menschen aus vielen Ländern. 

Vielfalt ermöglicht oder besser bedingt Perspektivwechsel, so die Botschaft von Reinmann & Reinmann durch die hier ausgestellten Werke. 

Unser gemeinsamer Freund, der Kunsthistoriker Dr. Otto Martin, über Jahrzehnte in Mainz aktiv, vor allem mit dem Kunstverein Eisenturm, hat sich mit der Reinmann’schen Kunst intensiv auseinander gesetzt. Und führt an: „Für mich sind (diese) Arbeiten eine Hommage an die Natur – nicht auf direktem Wege, nein – in abstrakten Kompositionen, die an Archetypen der Landschaft erinnern, es baut sich etwas Auratisches zum Topos Landschaft auf, etwas Immerwährendes in innerer Stimmigkeit des Kunstwerks – etwas, das an die gute alte Harmonie im Kunstwerk denken lässt, nicht zuletzt auch formal unterstützt durch die Ausgewogenheit des oft gewählten Quadrates als Bildformat – diese können dadurch wie Module eingesetzt werden und ungeahnte Mobilität in Serien entfalten: zum ewig-kreativen Spiel!“ (Quelle: Vortrag vom Oktober 2014 zur Ausstellung Christian Reinmann „Spiegel der Erinnerung“ in der Mainzer Akademie der Wissenschaft und der Literatur, nachzulesen auf der Website von Christian Reinmann).

Und in der Tat, die Aura der hier versammelten Bildwerke und der noch in den Ateliers des Künstler-Duos versammelten Schätze hat mich sofort gepackt. Warum? Ich bin in der Pfalz großgeworden und 1978 nach Mainz umgesiedelt (wohl ungefähr zu der Zeit, als Verena Reinmann und Christian Reinmann ihr schönes Haus in Bodenheim bezogen haben). Das heisst, vom Kleinkind-Alter an, habe ich zunächst auf allen Vieren und später durch aufrechten Gang die Regionen, die Landschaften, die Natur erkundet. Teil meines Grundschul-Unterrichts in Kaiserslautern war, auf dem Feld bei der Kartoffelernte zu helfen. Noch heute ist mir das sinnhaft im Bewusstsein. Der Geruch der Erde, die Farbe und Beschaffenheit des Erdreiches der Ackerflächen auf dem Seß (wohl heute längst überbaut!), die mit Erdreich umgarnten Kartoffeln…

Mir war es sozusagen in die Wiege gelegt, die Regionen in RLP und ihren Naturreichtum zu erkunden. Durch die hier versammelten Bildwerke kann sich dieser persönliche Erinnerungs-Horizont aber entscheidend erweitern. 

 

 

Zur Erde — Zu Sand — Zur Kunst

Verena Reinmann und Christian Reinmann – ein leidenschaftliches Künstler-Duo – zwei Kreativ-Charaktere. Das zeigt sich, wie differenziert sie bei ihrer künstlerischen Arbeit mit ihrem Lieblingsmaterial aus der Natur umgehen. Aus Nah und Fern haben sie inzwischen eine weltweite, kunstvoll bearbeitete Sammlung von Originalsanden und -erden zusammengetragen. Der Ankerpunkt war aber immer Rheinland-Pfalz, das zur Heimat geworden ist. Dafür spricht insbesondere die ausdrucksstarke, als Tableau angelegte fünfteilige Bildkomposition, die Verena Reinmann zum 75-jährigen Bestehen des Landes geschaffen hat. 

Hier bietet sich ein einzigartiges Kaleidoskop an Erden und Sanden aus dem ganzen Land. Vom höchsten bis zum tiefsten Punkt, von Ost nach West und Nord nach Süd. Die Künstlerin nutzt dabei ihr kreativ-detektivisches Präzisions-Talent, ihre Sammel- und Dokumentationsleidenschaft, um Vorhandenes, eigentlich für uns alle Zugängliches, in einen unnachahmlichen künstlerischen Kontext zu stellen. Ihr Thema: „Worauf wir stehen“. Ihre Intention: Das Bewusstsein für die Schönheit unter unseren Füßen schärfen, sozusagen eine besondere, visuell-haptische Achtsamkeits-Erfahrung zu schaffen. 

Übrigens: Die wohl exklusivste Erd-Probe in der Kollektion von Verena Reinmann stammt vom Nordpol, geborgen in mehr als 4.000 m Tiefe.

Bedenkt man, dass unser leidenschaftliches Künstlerpaar global aktiv ist, so hat das Werk zum Rheinland-Pfalz-Jubiläum eine besonders strahlende Bedeutung. Die vielfältige Farbenkraft wirkt sogar für uns Lokalpatrioten unvermutet. Starke, intensive, mitunter bunte Farbigkeit verorten wir doch eher in der Karibik, in Afrika oder auch im orientalischen Raum. Aber weit gefehlt. – Und on top: Dieser Farb-Dynamik setzen die streng geometrischen Rahmenflächen eine Grenze, die hilft, die Vielfalt einzuordnen. 

 

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Sande und Erden (im Bild eine kleine Auswahl) aus aller Welt bilden das Roh-Material für die Kunstwerke von Verena Reinmann und Christian Reinmann.

 

Wenden wir uns kurz nochmal dem Gesamtbild der Ausstellung zu. Wir sehen die Werke zweier Künstler, die farbige Sande und Erden als Basis für ihr künstlerisches Schaffen nutzen. Und dabei zu ganz unterschiedlichen Gestaltungsansätzen finden, die gar nicht so leicht zu fassen sind, und uns beim Betrachten geradezu verblüffen. 

Und mich ganz eindrücklich berühren. — Nach meinem Atelierbesuch Ende Oktober, zur Einstimmung auf den heutigen Abend, kam mir spontan in den Sinn: 

Wenn man die Werke der beiden in andere Kunstgattungen transformieren könnte, so steht für mich die Arbeit von Verena Reinmann für Poesie, Lyrik – zum Beispiel im Sinne des Goethe’schen Impetus (Faust 1):

„Werd ich zum Augenblicke sagen:

Verweile doch! du bist so schön!

Dann magst du mich in Fesseln schlagen,

Dann will ich gern zugrunde gehn!“

Dahinter verbirgt sich das Streben nach Erkenntnis, die Suche nach Wissen und auch die damit verbundene Unrast und bisweilen auch Unzufriedenheit.

In Frage kommt auch die Anlehnung an Rainer Maria Rilkes „Sonette an Orpheus“ (publiziert 1922, Erster Teil, IV. Sonett): „Fürchtet euch nicht zu leiden, die Schwere, gebt sie zurück an der Erde Gewicht; schwer sind die Berge, schwer sind die Meere.“

Rilke sah seine Arbeit ja nicht als von spontaner Eingebung getrieben, sondern als Ergebnis akribischer, hoch präziser, intensiver Arbeit. Ganz klar ein Berührungspunkt mit Verena Reinmann – sicher finden sich ebensolche mit Dichterinnen wie Annette von Droste-Hülsdorff oder Ingeborg Bachmann.

Bei Christian Reinmann kam mir in den Sinn, dass er literarisch gesehen ein Geschichtenerzähler wäre, ein Romancier — vielleicht sogar gekoppelt mit Musik von Leonard Cohen, dessen Titel Hallelujah von 1984 gerade eine Renaissance feiert. Aber auch Gustav Mahler oder Antonín Dvořák kämen m. E. in Betracht. – Denken wir aber wieder literarisch. Mir kommt in den Sinn: Carl Zuckmayer, in Nackenheim, also in Nachbarschaft zum Rein-mann’schen Wohnort geboren: „Man steht am Ende der Welt und zugleich an ihrem Ursprung, an ihrem Anbeginn und in ihrer Mitte“, wie Zuckmayer 1966 in seiner Autobiografie „Als wärs eine Stück von mir“ schrieb.

Nicht durch Zufall hat Christian Reinmann aus meiner Sicht den lesens- bzw. hörenswerten Text tituliert „Christian Reinmann – Zu meinen Arbeiten“ verfasst, den ich vortragen möchte:

„In meinen ungegenständlichen Bildern sehe ich oft Erinnerungen an die auf vielen Reisen erlebten faszinierenden Wüstenlandschaften und vulkanischen Gebiete gespiegelt. Die Arbeiten bilden keine konkreten Wirklichkeiten, keine bestimmten Landschaften ab. Es sind Erinnerungsspuren, die in der Bildgestaltung ihren Niederschlag finden – als formale oder stimmungsmäßige Elemente. So finden die Eigenarten und Schönheiten rauer Natur ihren Ausdruck aber auch die in vielen Landschaften sichtbaren Verletzungen der Umwelt durch Eingriffe des Menschen oder durch Naturkatastrophen. 

Meine Bilder – auf Leinwand oder Papier – sind in ihren Oberflächen meist von einer ausgeprägten Materialität bestimmt. Dabei spielt Sand unterschiedlicher Herkunft, Körnung und Farbe eine wesentliche Rolle als strukturgebendes Element. Als Basismedium der aus vielen Schichten aufgebauten Arbeiten dient oft ein speziell gehärtetes Gipsmischmaterial – bei der Überarbeitung kommen selbstgewonnene Naturpigmente, seltener auch Acrylfarben, zum Einsatz. Mit den starken Strukturen, Zerklüftungen und den erdigen, naturhaften Farbtönen versuche ich im Idealfall eine ‚eigene Natur‘ zu formen.“

Wie gesagt, hat Dr. Otto Martin eine umfassende kunsthistorische Einordnung der Arbeit von Christian Reinmann beim eingangs genannten Vortrag in der Akademie vorgenommen — von der Art Brut über Jean Dubuffets Intention “die Materie zum Sprechen zu bringen” zum Spanier Antonio Tapies. Bemerkenswert erscheint mir zudem folgendes zum Werk selbst, ich zitiere Dr. Otto Martin: 

Seine Bilder locken uns in einen andauernden Prozess zwischen genauer sinnlicher Wahrnehmung bis hin zum Tasten der Reflexion dieser Wahrnehmung und dem möglichen Bedeutungsumfeld. Dies obliegt weitgehend demjenigen, der sich auf den Prozess des Dialogs mit dem Kunstwerk einlässt. Dabei ist auch die Beschränkung auf Formal-Ästhetisches ein weiteres Erlebnisfeld.

(…)

Manche der Bildoberflächen erscheinen wie Bodenprofile – etwa die kleinen Landschaften, nahezu Assemblagen sind es, die im vergleichenden Blick auf die Natur eine Kraft entwickeln, als seien sie gerade geologischen Formationen entnommen. Man denkt an den sogenannten Lackabzug, an ein Verfahren, das die naturgetreue Bergung von Lockergesteinen erlaubt. Ein Erdschichtenbild entsteht, das naturgetreu, jedoch spiegelbildlich einen Ausschnitt der Ablagerungen in lockeren Sedimenten wiedergibt. In aufwändigen Arbeitsschritten werden mit Hilfe von Kunstharzen und Lacken dünne aber farbgetreue Schichten aus dem Grund herauspräpariert.“

Soweit Dr. Otto Martin. – Eine Beobachtung bzw. ein Erlebnis von mir schließt sich an: Im lichtdurchfluteten Atelier – umgeben von Ortschaft und Weinbergen – änderte sich meine Wahrnehmung der einzelnen Bildwerke mit ihren und durch ihre spezifischen Pigmente aus Sanden und Erden immerfort. Das heisst, die Werke bekommen je nach Lichtstimmung einen neuen Charakter und geben optisch wie spirituell immer mehr Inhalte frei. So wird das Betrachten zur sinnlich-experimentellen Erlebnistour, die nie enden will.

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Lenken wir zum Abschluss nochmals das Augenmerk auf das Tableau von Verena Reinmann zum 75-jährigen Jubiläum des Landes Rheinland-Pfalz. Sie erläutert detailgenau (und hier am Original-Werk per Skript nachzulesen) einige Beispiele für interessante Orte des Landes RLP.

Ich zitiere aus der Dokumentation von Verena Reinmann: „Bei den 133 Fundorten und über 270 Fundstellen in den Mosaikquadraten spielen nicht nur die vielen Farbvariationen der Erden eine Rolle, es sind auch herausragende geologische, geographische, historische, kulturgeschichtliche oder sonstige interessante Punkte des Landes Rheinland-Pfalz.

So zum Beispiel:

  • der Kastanienberg bei Neustadt, auf dem sich das Hambacher Schloss erhebt, das seit 1832 als Ort der Wiege der deutschen Demokratie gilt
  • am Rhein, direkt bei der Loreley-Statue
  • die Nationalen Geotope wie der „Druidenstein” im Westerwald oder der „Teufelstisch” in der Pfalz
  • die Fossilfundstätten wie das „Eckfelder Maar” in der Eifel oder die „Trift” in Rheinhessen
  • der steilste Weinberg Europas, der „Bremmer Calmont“ an der Mosel
  • ,,die Glöck“ in Nierstein a. Rh., die älteste dokumentierte Weinbergslage in Deutschland aus dem Jahr 742
  • der höchste Kaltwassergeysir der Welt in Andernach-Namedy
  • das einzige Felsenkloster nördlich der Alpen, die „Felseneremitage“ in Bretzenheim/Nahe
  • der höchste und niedrigste Punkt von RLP, der „Erbeskopf“ im Hunsrück und die Kalkgrube der Firma „Schaefer-Kalk” in Hahnstätten im Rhein-Lahn-Kreis (in die Grube passt sogar der Kölner Dom!)
  • die vielen unterschiedlichen Farbnuancen der wirtschaftlich bedeutenden Tonerden im Westerwald
  • aus der römischen Geschichte des Landes, der alte römische Steinbruch „Kriemhildenstuhl” in Bad Dürkheim oder auch
  • die Original-Tonerde, die die größte römische Töpferwerkstatt nördlich der Alpen verwendete; in Rheinzabern wurde das berühmte römische Terra-Sigillata-Geschirr gefertigt
  • das Material vom Mittelpunkt von Rheinland-Pfalz sowie von dem nördlichsten, südlichsten, östlichsten und westlichsten Ort des Landes.“

Soweit die Erläuterungen von Verena Reinmann zu den Highlights. Wenn Sie die umfangreiche Gesamtliste, die hier ausliegt, nachlesen – von Alsheim bis Zeller-Hamm – werden sie mit Freude erkennen, wieviel und welche Schätze es hierzulande zu entdecken gilt. 

Oder, wie Dr. Otto Martin in seinem genannten Vortrag so trefflich formulierte: „Es geht nicht um ein Verstehen auf die Schnelle, um ein befriedigendes Wiedererkennen, sondern es geht um den immer wieder neuen Austausch zwischen Betrachter und Bild – wenn dies gelingt, dann ereignet sich Kunst.“

In diesem Sinne: Auf in den Dialog mit Kunst und Künstler-Paar. Meine Frage wäre: Wie seid ihr darauf gekommen, das, was ihr macht, so zu tun wie ihr es macht?

Vielen Dank für ihre geduldige Aufmerksamkeit. Und Dank an den Landtag und die Organisatoren dieser gelungene Ausstellung. 

 

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Die Ausstellung läuft bis zum 6. Januar 2023. Mo–Fr 8.00 bis 20.00 Uhr, SA 10.00 bs 16.00