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Print for the Digital Age

ISS Award 2020 Key Visual.001

Prof. Dr. Gerhard Kilger, Chairman of the International Senefelder Foundation. Photo: Andreas Weber

 

Internationaler Senefelder-Preis — SIEGEREHRUNG

Redetext von Prof. Dr. Gerhard Kilger, Vorstandsvositzender der Internationalen Senefelder Stiftung, Offenbach am Main   |  English translation below | Fotos und Videos von Andreas Weber, Franfiurt am Main

Heute begrüße ich das Festpublikum für die Siegerehrung des 12. Internationalen Senefelder-Preises. Allerdings ist in diesem Jahr das Publikum nicht in Offenbach: Durch die Pandemie müsse alle zuhause bleiben und die Zeremonie auf dem Bildschirm erleben. Die originalen Lithographien jedoch sind jetzt alle in diesem Ausstellungsraum des „Hauses für Stadtgeschichte“ in Offenbach versammelt. Hier ist es in den nächsten Wochen auch möglich, dass sie ganz real von interessierten Museumsbesuchern besichtigt werden können.

 



 

Als wir den Preis 2019 ausgelobt haben, konnten wir natürlich nicht ahnen, wie dieser Tag stattfinden würde. Deswegen war auch die Arbeit der Jury nicht einfach, sie hat aber ganz deutliche Entscheidungen getroffen. So wurden in diesem Jahr neben den drei Hauptpreisen auch zwei Sonderpreise vergeben. Gerade weil sich die Lithographie gegenwärtig in einem tiefgreifenden Wandel befindet, sind der Jury zwei Arbeiten besonders aufgefallen: Diese beiden weisen auf ganz unterschiedliche Art neben hoher künstlerischer Qualität durch ihre Technik zum Einen auf den langen Weg von der professionellen und industriell bedeutsamen Arbeitsweise hin zu den heute sehr unterschiedlichen Praktiken individueller Gestaltung, zum Anderen auf ganz neue Perspektiven zu experimentellen Formen der Lithographie.

 

Einer der Sonderpreise geht an den Lithographen Jean-Michel Machet in Paris, der mit dem bretonischen Künstler Jaques Gedan eine ganz bemerkenswerte Lithographie geschaffen hat: Bei dieser wird sowohl durch Farbgebung und kunstvolle Feinheiten als auch durch die besonders exakte Drucktechnik die hohe Meisterschaft der traditionellen Lithographie deutlich, wie sie heute weltweit kaum noch anzutreffen ist. Der Künstler hat – vielleicht unbewußt – in einer großartigen Metapher den Wandel der Lithographie in der Darstellung „Penduik auf der Reise zum Nordpol“ geschaffen: Die hohe Kenntnis des Segelns hat einen vergleichbaren Wandel durchgemacht, die alten Kapitäne und Seeleute sind verschwunden, Segelboote erfahren heute neue Anwendungen.

 

Ein weiterer Sonderpreis geht an Katarzyna Tereszkiewicz aus Polen. Sie hat eine ganz eigenwillige Arbeit geschaffen, die den Druck selbst nicht vollzieht, sondern den lithographischen Prozeß  zur künstlerischen Bearbeitung nutzt. Die Zinkplatte als Druckträger wird selbst zum Werk, die chemischen und künstlerischen Prozesse erzeugen ganz neue Farben und Formen, die in ihrer Struktur an eigenartige Malerei erinnern und die ihre eigene Ästhetik erzeugt. Hierbei wurden bekannte Techniken des Abreibens und Ätzens angewandt, die allerdings so zu ganz neuen Ergebnissen geführt hat. Dieser außergewöhnliche Eigensinn, keinen Druck, sondern das Ergebnis eines Experiments für den Wettbewerb einzureichen, hat die Jury überzeugt.

 


 

Die eigentlichen Hauptpreise sind für originale Lithographien vergeben, die alle drei nach ganz unterschiedlichen Kriterien begutachtet wurden. Natürlich stand bei allen die hohe künstlerische Qualität im Vordergrund, wichtig war für die Jury auch, dass hier Ausführungen von Lithographie sichtbar sind, die nicht bereits bekannt und vielfach angewandt wurden. Diese Kriterien anzuwenden, war tatsächlich nicht einfach, weil dafür durchaus viel mehr Preise hätten vergeben müssen als vorgegeben war. Diese Schwierigkeit läßt sich auch nachvollziehen, wenn man die Qualität in der heute eröffneten Ausstellung der 32 nominierten Kandidaten besichtigt.

Nun möchte ich aber Ihre Spannung nicht mehr überstrapazieren, wir kommen zu den drei Hauptgewinnen:

Der dritte Preis wurde an den Spanier Rafael Rodriguez Garcia vergeben, der seine Arbeiten in Belgien macht. Er hat einen Master in Fine Arts, Print Making an der Royal Academy of Fine Arts Antwerp gemacht und bereits viele internationale Preise erhalten. Die nun prämierte Arbeit mit dem Titel „Begegnung II“ ist 2019 entstanden. Rafael Rodriguez untersucht die Eigenschaften des Steins als Objekt und nicht als einfache Oberfläche, auf der ein Bild gezeichnet werden soll. Dieses entsteht bei ihm durch verschiedene Zustände, wobei die Oberfläche des Steins zwischen jedem Zustand leicht gelöscht wird. So wird die „Erinnerung“ des Steins Ausgangspunkt für den nächsten Zustand. Darüber hinaus werden Spuren und Fragmente früherer Zustände sichtbar, die er eine „Archäologie“ des Bildes nennt.

 

Die Jury hat dies besonders überzeugt: Der Künstler hat nicht einfach einen Druckträger bemalt, sondern die Eigenschaften des Steins und die der besonderen Wirkungen von Senefelders „Chemischer Steindruckerey“ als künstlerische Technik entwickelt.

Doch diese beeindruckende Arbeit wurde nach Einschätzung der Jury noch von zwei weiteren übertroffen:

Den zweiten Hauptpreis hat die Polin Magdalena Uchman erhalten. Sie ist Graphic Designerin und hat nach ihrem Diplom am Fine Arts Institut der Universität Rzesów sogar den Doktor an der Academy of Fine Arts in Cracow gemacht. Seit 2012 ist sie in der Lehre an der Universität Rzeszów tätig. Darüber hinaus hat sie seit 2006 sehr viele Ausstellungen im In- und Ausland gemacht.

 

Die sehr geheimnisvolle Arbeit aus dem Jahre 2018 verwendet das Bild im Bilde, so wie wir in deutsch das Bewußtwerden mit der Redewendung „über etwas im Bilde sein“ aussprechen. Es ist ihr „Movie“, den sie uns mit wasserfestem Marker auf „Algrafia“, der Zinkplatte vorführt. In Abreibetechnik sehen wir ihre persönliche Erscheinung als Bild von hinten. Sie schreibt uns: „Die Grafiken bestanden aus zwei Matritzen: gekörntes Aluminiumblech unter Verwendung von Lithografietinte und kombiniert mit Lithografie, die in der Technik des Nachdrucks und des wasserdichten Markers entwickelt wurde.“

Das eingereichte Blatt ist drucktechnisch von hoher Qualität, die Jury hat Magdalena Uchman mit dieser experimentellen Arbeit von hoher künstlerischen Ausdruckskraft voll überzeugt.

Nun kommen wir endlich zum hochbegehrten ersten Hauptpreis: Er geht an den Thailänder Amnat Kongwaree. Auch er ist in der Lehre tätig: Er ist Assistenzprofessor an der Silpakorn Universität in Bangkok für Graphic Arts, Faculty of Printing, Skulpture and Graphic Arts. Dort hat er auch seine Ausbildung zum B.F.A. und M.F.A. gemacht und schon seit 1995 viele Preise erhalten.

 

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Seine Arbeit ist 2019 auf Aluminiumplatten entstanden, weil dies – wie er sagt – in Thailand nicht anders möglich ist. Aber er hat die industriellen Platten mit traditioneller lithographischer Technik behandelt und dabei eine sehr beeindruckende Drucktechnik geschaffen. Bei dem eingereichten Blatt „Parasitism“ aus dem Jahre 2019 hat er zehn Platten verwendet und dadurch eine hohe Farbqualität erreicht. Die realistische Darstellung einer jungen Frau, die offensichtlich einen jungen Kukuk in der Hand hält, läßt eine geheimnisvolle Geschichte des „Parasitism“ vermuten. Das ganze Kunstwerk ist sowohl technisch als auch künstlerisch bis ins gegenständliche Detail durchgearbeitet und besticht durch seine geheimnisvolle Ausdruckskraft. Die originale Lithographie zeigt an diesem Beispiel eine in Farbe und Auflösung erstaunliche Qualität, die durch heutige Drucktechniken kaum zu erreichen ist. Es war ein ganz eindeutiges Votum der Jury, dass der Internationale Senefelder-Preis dieser Arbeit zugesprochen werden soll.

Bedauerlicherweise können die Preise nicht wie üblich persönlich überreicht werden. Doch wir hoffen alle, dass das persönliche Zusammentreffen der prämierten Lithographen in besseren Zeiten wieder möglich sein wird.

 


 

Impressionen zur Ausstellung im Haus der Stadtgeschichte zu Offenbach am Main | Virtual tour throug the exhibition in the museum Haus der Stadtgeschichte Offenbach, Germany. Photo/Video: Andreas Weber


Auf einen Blick / At a glance

#ISSAward2020 — And the winner is… We proudly present:

1. Hauptpreis / 1st main award: Amnat Kongwaree , Bangkok/Thailand

2. Hauptpreis / 2nd main award: Magdalena Uchman, Rzeszów/Polen

3. Hauptpreis / 3rd main award: Rafael Rodriguez Garcia, Antwerpen/Belgium, Spain

Special Awards:
• Jean-Michel Machet, Paris/France (Drucktechnik)
• Katarzyna Tereszkiewicz, Rzeszów/Polen (Experimentalkunst)

Gratulation an alle Teilnehmer | Congrats to all fantastic attendees.

Die Offenbach Post hat einen lesenswerten Artikel von Reinhold Gries publiziert zur Verleihung des 12. Internationalen #Senefelder-Preises der Internationale Senefelder Stiftung am 6. Dezember 2020 und der Ausstellung der Finalisten und Gewinner im Haus der Stadtgeschichte (Offenbach).

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English Translation

International Senefelder Award — LAUDATIO

By Prof. Dr. Gerhard Kilger, Chairman of the International Senefelder Foundation

Today I greet the audience for the award ceremony of the 12th International Senefelder Award. However, this year the audience is not in Offenbach: Due to the pandemic, everyone has to stay at home and experience the ceremony on screen. The original lithographs, however, are all gathered in this exhibition room of „House of City History“ in Offenbach. In the next few weeks it is also possible that interested museum visitors can view them in real life.

 


 

 


 

When we announced the award in 2019, of course, we had no idea how this day would take place. That´s why the work of jury wasn´t easy, but it made very clear decisions. So this year, in addition to the three main prizes, two spezial prizes awarded. Just because the lithography currently in profound change, the jury are two particularly noticed work: These two have very different ways in addition to high artistic quality by their technique on the one hand the long way from the professional and industrial working method to the very different practices of individual design today, on the other hand to completely new perspectives on experimental forms of lithography.

 

One of the special prizes goes to the lithographer Jean-Michel Machet in Paris, who has created a very remarkable lithograph with the Breton artist Jaques Geda: With this, the high mastery of traditional lithography is demonstrated through the coloring artistic fineness as well the particularly precise printing technique clearly as it can hardly be found anywhere in the world today. The artist – perhaps unconsciously – created the change in lithography in a great metaphor in the description „Penduit on the journey to the Northpole“: The high level of knowledge of sailing has undergone a comperable change, the old captains and seamen have dissapeard, sailboats are experienced today new applications.

 

Another special award goes to Katarzyna Tereszkiewicz from Poland. She has created a very idiosyncratic work that does not print itself, but uses the lithographic process for artistic processing. The zink plate as pressure medium becomes the work itself, the chemical and artistic processes generate completely new colors and shapes, the structure of which is reminiscent of strange painting and which creates its own aesthetic. Well-known techniques of rubbing and etching were used, which, however, led to completely new results. This extraordinary stubborness of submitting the result of an experiment for the competition, not printing, convinced the jury.

The actual main prizes awarded for original lithographs, all three of which were appraised according to very different criteria. Of course, standing on the high artistic quality in the foreground, was important for the jury also that the works of lithography are visible here are not already known and have been widely used. Applying these criteria was actually not easy, because many more prizes shoult have been awarded than were given. This difficulty can also be understood if one inspects the quality in the exhibition of the 32 nominated candidates that opened today.

Now I don’t want to overstrain your tension, we come to the three main prizes:

The third prize was awarded to the Spaniard Rafael Rodriguez Garcia, who does his work in Belgium. He has a Masters in Fine Arts, Print Making at the Royal Academy of Fine Arts Antwerp and has already received many international awards. The now award-winning work entitled „Encounter II“ was created 2019. Rafael Rodriguez Garcia investigated the properties of the stone as an object and not as simple surface, on which a picture is to be drawn. This arises in him through different states, whereby the surface of the stone is slightly erased between each state. So the „Memory“ of the stone becomes the starting point for the next state. In addition, traces and fragments of earlier states become visible, which he calls an „Archeology“ of the picture.

The Jury was particuarly impressed by this: The artist did not simply paint a print substrate, but developed the properties of the stone and the special effects of Senefelder’s „chemical stone printing“ as an artistic technique.

But according to the jury, this impressing work was surpassed by two more:

The second main prize went to Magdalena Uchman from Poland. She´s Graphic Designer and has even made the doctor at the Academy of Fine Arts in Cracow after her diploma at the Fine Arts Institude of the University Rzesów. She has been teaching at the University of Rzeszów since 2012. In addition, since 2006 she has done a lot of exhibitions at home and abroad.

 

The very mysterious work from 2018 uses the picture in the picture, just as we pronounce awareness in German with the phrase“ being in the picture about somthing“. It is her „Movy“ that she shows us with waterproof marker on „Algraphia“, the zink plate. In the rubbing technique, we see her personal appearance as a picture from behind. She writes to us: „The graphics consisted of two matrices: grained aluminium sheet using lithographic ink and combined with lithography, which is develop using the technique of reprint and waterproof marker“.

The submitted lithograph is of high printing quality, the jury fully convinced Magdalena Uchman with this experimental work of high artistic expressivness.

 


 

Now we finally come to the coveted first main prize: It goes to the Thai Amnat Kongwaree. He is also active in teaching: He is assistant professor at the Silpakorn University in Bangkok for Graphic Arts, Faculty of Printing, Sculpture and Graphic Arts. There he also did his academic degree in BFA and MFA and have received many awards since 1995.

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His work was created on aluminium plates in 2019 because –  as he says – there is no other way in Thailand. But he has treated the industrial plates with traditional lithographic techniques, creating a very impressing printing technique. He used ten plates for the lithography „Parasitism“ submitted in 2019, which resulted in high color quality. The realistic depiction of a young woman who obviously holding a young cuckoo in her hand suggests a mysterious story of „Parasitism“. The entire work of art it worked through both technically and artistically down to the tanggible detail and impresses with  its mysterious expressiveness.In this example, the original lithograph shows an amazing quality in terms of color resolution, which can hardley be achieved with today’s printing techniques. It was a very clear vote of the jury that the International Senefelder Prize should be awarded to this work.

Unefortunately, the prizes cannot be presented personally as usual. But we all hope that the personal meeting of awardees is possible in better times.

 


Epilog

The celebration of all ISS Award 2020 attendees and winners was broadcasted live via YouTube. Youn can see the movies on the Youtube Page of Haus der Statdgeschichte Offenbach. Please follow the Links:

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And there will be also a booklet available showcasing the Award and the work of the winners in german and english.

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Von Andreas Weber | English Version via INKISH.NEWS

Eine Gruppe von Journalisten hatte am 15. Oktober 2020 die Gelegenheit zum Preview in Wiesloch auf dem Werksgelände von Heidelberger Druckmaschinen. Thema war die Heidelberg Innovation Week, sozusagen die hauseigene, virtuell ausgestaltete Fachmesse, die vom 19. bis 23. Oktober 2020 virtuell stattfinden wird.

Thema waren Produkt-Neuheiten bei Print (Label, Packaging, Akzidenzdruck, inkl. Veredelungen) und Weiterverarbeitung, automatische End-to-End-Lösungs-Szenarien sowie die Erläuterung der neuen Plattform-Strategie mit Zaikio.

Wie bereits in meinem INKISH-Interview „Heidelberg auf Kurs“  hat CEO Rainer Hundsdörfer nochmals Strategie und neuen Fokus von Heidelberg dargelegt. Auszug: „Die Zukunft von Heidelberg heißt in erster Linie nicht Größe und Wachstum um jeden Preis, sondern Fokus auf die Profitabilität. Damit legen wir den Grundstein, um mit unserer Neuausrichtung von einer Erholung der Märkte zu profitieren. Heidelberg packt die richtigen Dinge an.“

Auf Basis eines starken Kerngeschäfts soll Heidelberger Druckmaschinen AG nachhaltig profitabel aufgestellt werden, um für sich und seine Kunden eine prosperierende Zukunft anzustreben.

Ludwig W. Allgoewer, Chief Sales & Marketing Officer, betonte im Gespräch den Nutzen und die Neuartigkeit der Heidelberg Innovation Week. An fünf Tagen werde nach je drei mal zwanzig Minuten währenden Kurz-Präsentationen Gelegenheiten geboten für Kunden aus aller Welt ihren persönlichen Video-Chat zu führen. Dazu stehen global rund 250 Heidelberg-Mitarbeiter zur Verfügung. Das heisst: Der persönliche Dialog mit dem Kunden steht im Fokus. Was in Anbetracht der Fülle an Neuheiten ausserordentlich sinnvoll erscheint.

Mein Fazit: Manches wird die Branche aufhorchen lassen und zeigt Heidelberg in ganz neuem Licht! Mehr dazu in den nächsten Tagen über INKISH.NEWS und INKISH.TV.


Link zu allen aktuellen Posts zur Heidelberg InnovationWeek via LinkedIn mit vielen Details und Foto-/Video-Impressionen.


Impressionen per Video-Compilation (ca. 9 Minuten)

 

 


 

INKISH @WORK Auguts 2020.001

Von Andreas Weber

INKISH hat Mitte August 2020 einen weiteren Meilenstein gesetzt: Eine Woche lang reiste das Team quer durch Deutschland, um in der Heimat Gutenbergs mit führenden Firmen und exponierten Persönlichkeiten intensive Gespräche zu führen.

Das Ergebnis ist fulminant: Print erscheint lebendiger, facettenreicher und zukunftssicherer als vielfach im Hinblick auf die Corona-Krise gedacht. Ohne der Publikation der Interviews vorgreifen zu wollen, ist folgendes bemerkenswert:

  • Zum einen, seit Juli 2020 zeichnet sich wieder eine Belebung des Geschäfts auf breiter Front ab. Druckereien aus den verschiedensten Anwendungsbereichen haben ihre Hausaufgaben gemacht. Gemäß dem Motto: Not macht erfinderisch. Wer flexibel ist und sich neu erfinden kann, wird Bestand haben, vor allem, wenn die Druckprodukte nicht als Massenware beliebig, sondern werthaltig, sorgfältig mit Hingabe und hoher Kreativität produziert werden.
  • Zum anderen, die Zulieferer der Druckereien hinken dabei in nichts nach, verstärken ihre Kundenorientierung/-zentrierung, besinnen sich auf ihre Stärken und verzeichnen wieder steigende Auftragseingänge.

 

 

Der Technik-Fokus liegt darauf, entlang der Wertschöpfungskette nicht nur neue Produkte, sondern integrierte und automatisierte Lösungsszenarien marktreif anzubieten. Das Rückgrat für den industriellen Druck bilden nach wie vor etablierte Technologien im Offsetdruck, die sich aber immer perfekter und nahtlos in digitale Prozesse sowie Pre-Media und Post-Press einbinden lassen. Und durch Inkjet-Technologien ergänzt und verstärkt werden.

Bemerkenswert ist auch eine neue Offenheit. Sowohl in der Unternehmens-Kommunikation als auch im Anbieten von Schnittstellen und offenen, Cloud-basierten Plattformen, die allen zur Verfügung stehen. Die gemeinsame Formel: Print als Medium beflügelt die Kommunikation im Digitalzeitalter dynamisch. Durch Agilität, Interaktions-Fähigkeit, Emotionalisierung und Nachhaltigkeit.

Viele Stunden Filmmaterial sind noch auszuwerten. Und werden vom INKISH Filmteam rund um Jan Majnik und Morten B. Reitoft aufbereitet und sukzessive auf INKISH.TV publiziert. Bleiben Sie am Ball. Es wird sich lohnen.


Mein Eindruck

Auf die Krise folgt die Katharsis. Print steht vor einer Renaissance. Mit ungebrochener Innovations- und Inspirationskraft. Allerdings bedeutet diese Wiedergeburt keinesfalls, dass wir zu alten Zeiten resp. der Situation vor der Corona-Panademie zurückkehren werden. Durch die Rückbesinnung auf Werte und Stärken, die Print seit Jahrhunderten geformt haben, eröffnet sich ein neues Spiel. Gut so!

 


 

Making-Off-Videos

Bereits auf LinkedIn fanden unsere Posts sowie die kurzen Making-Off-Videos zu den Interview mit Koenig & Bauer, Heidelberg und Zaikio im Rahmen der INKISH @Work Tour in Deutschland grosses Interesse (bis dato über 35.000 Views).

 

 

 

 

 


 

HD Screen Webcast 13082020

 

Von Andreas Weber, CEO INKISH D-A-CH | English Version via INKISH.NEWS

Die Aktie von Heidelberger Druckmaschinen AG bewegt sich zwar noch immer als Penny-Stock im Keller, stieg aber von € 0,567 im Juni 2020 auf € 0,724 — Stand heute Mittag. Der Grund: Der Plan von CFO Marcus A. Wassenberg scheint momentan aufzugehen. Ein straffes Finanzmanagement steht über allem und erscheint alternativlos. (Siehe Analyse “Heidelberg’s need for money”  von Morten B. Reitoft via INKISH.NEWS).

Als Priorität Nummer Eins nannte Wassenberg heute in der Präsentation der Ergebnisse für Q1 2020/2021: drastische Reduzierung der Verschuldung, gefolgt vom geschickten Handling der Kurzarbeit und Arbeitszeitreduzierung sowie der Portfolio-Bereinigung. Das führte zu einem EBITDA von 60 Millionen (ohne Restrukturierungs-Ergebnis und dank Ertrag der Neuordnung der betrieblichen Altersvorsorge). Der Umsatz lag mit rund 330 Mio. € rund ein Drittel unter dem Vorjahresquartal (502 Mio. €). Der Auftragseingang ging in den ersten drei Monaten insgesamt um 44 Prozent auf 346 Mio. EUR zurück (Vorjahr: 615 Mio. EUR).

Bei bis zu 80 Prozent Kurzarbeit durch COVID-19-Krise bleibt wenig Spielraum. Zu bedenkne ist: Ohne Fabrikation keine Lieferungen, ohne Lieferungen/Installationen beim Kunden keine fakturierbaren Umsätze. Und da ist es fast schon zuträglich, dass im Vergleich zum Vorjahresquartal der Umsatz (minus 30 %) und Auftragseingang (minus 44 %) sich dramatisch verschlechtert haben. Damit liegt Heidelberg übrigens bei Umsatzrückgang und AE schlechter als Wettbewerber wie Koenig & Bauer oder BOBST, die allerdings beide fürs 1. Halbjahr 2020 Verluste ausweisen müssen.

Wassenberg kompensiert diese missliche Lage durch Verkäufe (Gallus, CERN) und Stilllegung von Unternehmensbereichen. Alles in allem sollen so innerhalb der nächsten drei Jahre rund 100 Mio. € eingespart werden. Die Rückholung von Pensionsmitteln dient dem Ausgleich der Schulden und spart rund 12 Millionen Zinszahlungen.


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Facts & Figures von Heidelberg.

 


Schrumpfkur unvermeidlich?

Als künftiges Umsatzziel benennt Wassenberg 2,0 Mrd. € bis 2,1 Mrd. €. Das sind rund eine halbe Milliarde € weniger als in den letzten Jahren. „Wir halten Wort“, betonte Wassenberg, und lobt gleichzeitig die „grandiose Mannschaftsleistung“, nicht nur im Finanzbereich, sondern überall im Unternehmen. Er spricht dabei von einer Belebung auf „niedrigem Niveau“, „mehr Freiheiten zum Investieren“ und einer „schrittweisen Erholung“. Der Wermutstropfen bei Heidelberg sei das (niedrige) Eigenkapital und der Cash Flow, der zwar immer noch negativ sei, sich aber verbessert habe.

CEO Rainer Hundsdörfer bleibt in dieser Lage nur, optimistisch zu sein. Er betont, das Ziel sei, Heidelberg „wetterfest“ zu machen, „überfällige und unabdingbare“ Maßnahmen vorzunehmen, um „erfolgreich und nachhaltig Geld zu verdienen“ sowie das „Kerngeschäft strategisch weiter zu entwickeln“.

Während Wassenberg sehr konkret wird, oder besser: werden muss, zeichnet Hundsdörfer ein letztlich stets vages Zukunftsbild von Heidelberg, das einerseits auf Besitzstandswahrung („Wir tracken online in Echtzeit weltweit die Situation unserer Offsetdruck-Kunden und stellen uns exakt darauf ein“) und andererseits auf Innovationen in Form von zarten Pflänzchen beruht, die mit dem Kerngeschäft nichts zu tun haben: Rund 5 Mio. € wurden im Werk Wiesloch laut Hundsdörfer in eine Produktionsstrecke investiert, um per innovativer „Printed Electronics“ hochwerte Sensoren v. a. für den Medizinsektor zu fertigen.

Wohin geht die Reise?

Nun denn. Für den Moment steht Heidelberg einigermaßen gut dar in Zeiten der Pandemie. Aber ob das so bleibt? Für den weiteren Verlauf wird schicksalhaft, ob der Verkauf von Gallus Bestand haben kann und der hohe Kaufbetrag auch gezahlt wird. Darüber gibt es Zweifel und CFO Wassenberg sprach heute nicht mehr vom Kaufpreis in Cash von 120 Mio. €, sondern ‚nur‘ von einem „erheblichen Betrag“.

Der Verkauf von Gallus ist für Heidelberg nicht nur wichtig, um Verluste auszugleichen, sondern vor allem um rund 450 Mitarbeiter aus der Kostenliste zu bekommen.

Schau’n wir mal. Es bleibt spannend!


PS: Übrigens war heute, so mein Empfinden, das Interesse der Presse an dem Heidelberg Webcast zum Quartals-Ergebnis erstaunlich gering. Ebenso wie die Fragen an CEO Hundsdörfer und CFO Wassenberg, die nur von der Regionalpresse kamen und nicht von von FAZ, Handelsblatt, Reuters oder DPA.


 

 

 

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Von Andreas Weber, Head of INKISH D-A-CH

Paukenschlag vom Neckar, der den Rhein-Pegel bei Düsseldorf quasi auf Niedrigwasser bringt: Heidelberger Druckmaschinen AG, einst — 1951 — Motor und Ermöglicher der drupa um sich als globale Leitmesse der Druck- und Papier-Branche zu etablieren, sagte seine Messeteilnahme für 2021 ab. Dies wurde lapidar heute am Morgen, Mittwoch, 8. Juli 2020, per Pressemitteilung verkündet.

Man habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, sagte Heidelberg CEO Rainer Hundsdörfer im exklusiven Ad-Hoc-Gespräch mit INKISH D-A-CH. „Wenn keine Kunden kommen können, dann macht es auch keinen Sinn“, führt der Unternehmenschef weiter aus.

Die drupa als ‚Festival der Drucker‘ brauche aber Publikum. Die fatalen Folgen der COVID-19-Pandemie würden sich laut Hundsdörfer länger auswirken, als bislang angenommen. Dadurch sei zu erwarten, dass Besucher vor allem aus den wichtigsten Märkten USA und China nicht nach Düsseldorf reisen werden können.

Heidelberg habe in den letzten Monaten eine Reihe digitaler Formate entwickelt und erfolgreich etabliert, um zu Kunden neue und vor allem wirksame Kontaktmöglichkeiten aufzubauen. Dies wolle man laut Hundsdörfer zielgerichtet weiterentwickeln, um vom 19. bis 23. Oktober 2020 eine Innovation Week abzuhalten.

Das ursprüngliche drupa-2020-Motto von Heidelberg, ‚Unfold your Potential’, werde man beibehalten. Themen seien vor allem Neuheiten, Vorführungen, Schulungen und Supportleistungen. Und dies in Anbetracht der Tatsache, dass sich die Entwicklungszyklen radikal verkürzt hätten. Das heisst: Unternehmen wie Heidelberg müssen Instrumentarien parat haben, die in Echtzeit erlauben, mit Kunden wirkungsvoll und nachhaltig in den Dialog zu treten.

Übrigens: Wenige Stunden nach der Veröffentlichung von Heidelberg veröffentlichte die Messe Düsseldorf eine Pressemitteilung mit dem Titel „Bereit für den Neustart: Messe Düsseldorf setzt Hygiene- und Infektionsschutzkonzept auf“. Es wurde dargelegt, dass man ab September 2020 den Messebetrieb wieder aufnehmen wolle. Die drupa wurde allerdings nicht erwähnt.

Ob das Prinzip der Messeveranstalter, „allein der Wille zählt“, sich durchsetzen kann, steht zu bezweifeln. Denn schon vor der Covid-19-Krise war erkennbar, gerade auch durch das Ende der IPEX (UK) sowie Print (USA) im Bereich der Print- und dem Ende der CeBIT auch bei IT-Fachmessen, dass es sich für Aussteller kaum mehr lohnt, an Messen in der gewohnten Art und Weise teilzunehmen. Auch der in 2019 erfolgreiche Messe-Newcomer Printing United in den USA hat sein für Oktober 2020 vorgesehene traditionelle Messeveranstaltung umgewidmet in einen virtuellen Messe-Event. Wie die Alternativen tatsächlich aussehen werden und sich auch zum Wohle der Besucher bewähren können, muss sich erst noch zeigen.

My Take

Die Entscheidung bei Heidelberg erscheint folgerichtig, nachdem auch schon Bobst und Xerox die drupa-2021-Teilnahme abgesagt haben.

Denn gerade die drupa hatte sich bereits vor vielen Jahren umdefiniert: War es einst das Ziel, Marktplatz für Print-Experten und -Liebhaber aus aller Welt zu sein, verwandelte man seit dem Jahr 2000 die drupa in eine Art Anbieter-Börse, die sich weniger um die Belange der Besucher kümmerte als vielmehr darum, Aussteller dazu zu bringen, ihre Investments in den Messeauftritt zu maximieren. Kein Wunder also, dass auch ohne COVID-19-Pandemie die Besucher deutlich weniger wurden.

 


 

 

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„Hirn, lass nach“ – Multimediales Vexierspiel von Hans-Georg Wenke über die Fallstricke der Kommunikation. Foto: Martina Hörle, Solingen 2018

 

Nachruf von Andreas Weber

„Bieten, was erstaunt. Nicht nur, was erwartet wird.“ — Besser als mit seinen eigenen Worten kann ich wohl nicht auf den Punkt bringen, worum es sich bei Hans-Georg („Schorsch“) Wenke in seinem nun am 4. Juli 2020 zu Ende gegangenen Leben drehte. 72 Jahre und rund fünf Monate wurde er alt. Ein durchaus langes, aber gemessen an der Fülle seiner Leistungen ertaunlich kurzes Leben. Wir verdanken ihm unendlich viel.

Hanko, sein Solinger Freund seit Jugendtagen, charakterisierte ihn einst so: „Schorsch, Du schreibst schneller als viele denken können!“ — In der Tat, Schorsch war schnell, präzise, urteilsstark. Er liebte es, Dinge auf den Punkt zu bringen und keinesfalls mit seiner Meinung hinterm Berg zu halten. Bei Pressekonferenzen im In- und Ausland lernte so mancher Vorstandschef das Fürchten, wenn etwas angeblich neues, ultimatives vorgestellt wurde, und Schorsch nonchalant anmerkte: „Sagen Sie mal, was kann ihre Publishing-Software, was Software XY nicht schon längst kann?“

Schorsch urteilte nie aus einer Laune heraus, sondern stets mit Kalkül auf Basis seines profunden Wissens. Er wusste, worum es tatsächlich geht. In seiner Leidenschaft als ‚gelehrter‘ Setzer, später dann diplomierter Druck-Ingenieur, betriebswirtschaftlicher Berater beim Verband und seit 1978 selbständig, als Fachjournalist, Buchautor und Vortragsredner zeichnete er sich als einzigartiger Universal-Gebildeter der Print- und Publishing-Branche aus, der modernste Technik mit dem Leben und dem Wohl der Menschen verbinden konnte.

 


Schorsch Wenke war wohl von uns allen der Einzige, der bemerkte, dass im Wort „Kommunikation“ das Wort UNIKAT steckt.


 

Es gab wenig, was er nicht beherrschte. Und das Wenige, das ihm nicht lag, kümmerte ihn nicht. Die besten Ideen kamen Schorsch nicht nur in seiner Denkstube in der Solinger Hasselstrasse 182, sondern stets im Dialog mit anderen. Beim Reden, Kochen, Genießen, Experimentieren, Inszenieren, Kokettieren. Er liebte den Disput, ohne jemals despotisch zu sein. 

Schorsch war Kosmopolit. Seine Liebe galt den USA ebenso wie dem fernen Osten. Am wohlsten fühlte er sich meines Erachtens nach in der Schweiz, wo er auch heute noch eine treue Fan-Gemeinde hat. Unzählige Reisen und Erlebnisse haben ihn inspiriert. Und an dieser Inspiration hat er uns auf kreative, unnachahmliche Weise teilhaben lassen.

Seine Vorträge, getragen durch seine wohlklingende, elegante und variantenreiche Vortragsweise, mit tiefer, angenehmer Stimmlage, werden uns für immer in Erinnerung bleiben. Und stellen einen unverzichtbaren, dauerhaften Wert für sich dar.

 


Sein Meisterwerk: 1994 veröffentlichte Schorsch als Handpressen-Druck der Offizin die Goldene Kanne die von Hand gesetzte und von Hermann Rapp illustrierte Aphorismus-Sammlung „Bedachtes.“. Und reichte damit heran an Hölderlins Kernsatz aus dem „Hyperion“, der da lautet: „Eins zu sein mit Allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen.“


 

Schorsch Wenkes barock anmutende, fulminante Gestalt barg ein hochsensibles Wesen, das äußerst feinfühlig Dinge erspüren konnte, die anderen zumeist verborgen blieben. Kam er auf Hochtouren, war er kaum zu stoppen. Es sei denn, wenn seine liebenswerte Frau Monika sagte: „Ach, Schorschi…“ — Will man den Menschen Schorsch Wenke in all seinen Facetten begreifen, dann muss man ihn im Kontext mit dem für ihn Wichtigstem sehen: mit seiner verehrten und geliebten Frau Monika Wenke in der geliebten Heimatstadt Solingen.

Lieber Schorsch, gute Reise. Und tiefsten Dank für so unendlich Vieles, was wir Dir voller Demut verdanken. Und in Ehren halten wollen. — PS: Und sage bitte, wenn Ihr Euch begegnet, unserem gemeinsamen Freund Peter Schwarz herzliche Grüße!

 

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Zur Vita von Hans-Georg Wenke (von ihm selbst)

 

Schorsch Wenke Vita

 


 

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Günter Thomas (links) mit Christian Nienhaus im GT Trendhouse42 in Gelsenkrichen. Im Zentrum: Das neue Werk WORLD-20 vs. COVID-19 »Invisible Enemy«vom Frühjahr 2020.  Foto: Blog Christian Nienhaus.

Von Andreas Weber

Seit Jahrhunderten haben Künstler die Druck-Kunst vorangetrieben. Und auch heute, im Digitalzeitalter, zeigt sich, dass der Druck-Kunst einen neue Wertigkeit zugemessen wird. Und wer hätte das gedacht: Die spannendsten Impulse kommen aus Gelsenkirchen.

Zur Erinnerung: Dürer, Rembrandt, Daumier, Beckmann, Picasso, Warhol — um nur einige zu nennen — waren stets an der Spitze, wenn es darum ging, druckgraphische Experimente in wahrhaft Einzigartiges zu verwandeln. Eine Sonderstellung nahm dabei seit über 200 Jahren die Lithographie ein, der chemische Druck vom Stein. Lithographische Drucke konnten mit Malereien gleichziehen, wie im 20. Jahrhundert Christian Kruck über Jahrzehnte an der Frankfurter Städelschule demonstrierte.

Auch Kunst-Fälscher fanden Gefallen an der Druck-Technik: Geradezu inflationär wurden in den 1970er/1980er Jahren Aquarelle von Dali, Picasso, Chagall und vielen anderen in Lithografien umgesetzt oder auch per Trockenoffset-Druck vervielfältigt. Falsche Signaturen inklusive. In New York City fand die Polizei Lager mit fast 100.0000 gefälschten Kunstdrucken. Skandale gab es in Deutschland um Kunstmessen/Ausstellungstourneen v. a. mit falschen Chagall-Grafiken. Selbst Museen sind drauf reingefallen. Letztlich hat dies dem Wert und der Beachtung künstlerischer Druckgraphik schwer geschadet.

Für mich ist es umso erfreulicher, dass ein namhafter Künstler wie Christian Nienhaus im Team mit dem auf Special Printing Effects spezialisierten Günter Thomas — beide in Gelsenkirchen beheimatet — neue Formen der Druck-Kunst entwickelt haben.

 


Im Blog/Online-Shop von Christian Nienhaus heisst es:

Druckkunstwerk — Hier ist der Name Programm!

Und wo sich Wort und Ton gesellt,
Wo Lied erklingt, Kunst sich entfaltet,
Wird jedesmal der Sinn der Welt,
Des ganzen Daseins neu gestaltet.

So dichtete es Hermann Hesse im 19. Jahrhundert und zwei Kreative aus dem 21. Jahrhundert interpretieren diese Zeilen in unsere Gegenwart mit Kunst, Druck und Leidenschaft.

Günter Thomas, einer der erfolgreichsten Druckveredler weltweit und der Künstler Christian Nienhaus kreieren in jahrelanger Zusammenarbeit eine neue einzigartige Präsentation der Druckkunst. Das Verfahren ist ein langer und aufwendiger Weg nach der Vollendung des Kunstwerkes.

Die Leinwand wird in der Schaffensphase im Atelier von Christian Nienhaus grundiert, collagiert, übermalt, beklebt und wieder bemalt. Diese verschiedenen Schichten geben dem Kunstwerk Strukturen und der Betrachter kann durch diese Technik die verschiedenen Schichten durchdringen und entdecken.

Durch einen speziellen 3D Scan ist es möglich das fertige Kunstwerk so zu digitalisieren, dass nach vielen Arbeitsstunden am Computer das Bild in verschiedene Ebenen aufgeteilt wird. Durch jahrelange Erfahrung und Innovation kann die Firma GT Trendhouse 42 von Günter Thomas diese Ebenen durch Farben, Folien, Struktur und UV-Lacke, Pigmente, Reliefeplatten und Prägungen auf ein spezielles Papier drucken.

Mit diesem einzigartige Druckverfahren entsteht etwas Neues, sichtbar sowie fühlbar. Ein DRUCKKUNSTWERK.

Christian Nienhaus COVID19


 

Meine Meinung

Die beiden ‚Kunst-Druck-Innovatoren‘ Christian Nienhaus und Günter Thomas aus Gelsenkirchen setzen eine lange, wertvolle Tradition im künstlerischen Schaffen fort. Und erweitern das Spektrum der Druck-Kunst ganz enorm und in bis dato nie gewohnter Manier.

Mit Vorteilen für alle: Der Künstler erweitert sein Spektrum und seine ‚Reichweite’; der Druck-Kunst-Spezialist kann zeigen, was ultimativ möglich ist; und der Kunstliebhaber kann zu erschwinglichen Preisen ‚Druckkunstwerke‘ erwerben, die nicht einfach nur ‚Reproduktiongrafiken en‘ sind, sondern eigenständige Werke mit Unikat-Charakter.

Bravo! Bravissimo. Gott grüß die Kunst.

 


 

 


 

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Ein Nachruf von Andreas Weber

Am 27. Mai 2020 starb Peter Schwarz im Alter von 78 Jahren. Am 8. Juni hätte er einen 79. Geburtstag begehen können. Aufgrund der Corona-Pandemie fand die Trauerfeier mit Urnenbeisetzung im engen Familien- und Freundeskreis auf dem Friedhof Neuenbürg-Arnbach nahe Pforzheim statt.

Wir verdanken Peter Schwarz unendlich viel. Er gehörte Ende der 1980er Jahren zu den Vorreitern beim Desktop-Publishing. Und setzte dies nach 1993 fort, als er für Süddeutschland Handelspartner von Xeikon BV wurde, um dem Farb-Digitaldruck zum Durchbruch zu verhelfen. 2001 wurde diese Partnerschaft auf ganz Deutschland ausgedehnt, um die Stellung des Xeikon-Markengeschäfts in Deutschland weiter voranzutreiben. Den professionellen Farb-Digitaldruck sah er stets als logische Fortführung der DTP-Revolution. Und das zu einer Zeit, als die Meisten dies für Zukunftsmusik mit ungewissem Ausgang hielten.

Peter Schwarz war ein unermüdlicher Kämpfer, stets charmant, neugierig und aufmerksam. Einer, der auch gerne voll ins Risiko ging. ‚Wer nix riskiert, kommt zu nix‘, lautete seine Devise. Seine Herzlichkeit und Umsicht konnte viele begeistern. Aber nicht alle. Die Banken drehten ihm den Hahn zu und er musste für seine Unternehmungen Insolvenz anmelden. Was ihn hart getroffen hatte, aber kaum entmutigen konnte. Zuversicht gehört zu seinen Tugenden.

 

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Zwei persönliche, ganz besodnere Erlebnisse mit Peter Schwarz sind mir bestens und nachhaltig in Erinnerung.

1992, auf dem Rückweg aus der Schweiz besuchte ich ihn in seiner Firma SCS Schwarz in Stuttgart. Und erlebte ein frisches, junges, dynamisches Unternehmen in Aufbruchstimmung. Mitten im Zentrum des hehren Layout-Satzes, dominiert von elitären Anwendern der Berthold-Satztechnik-Szene, wagte er, Peter Schwarz mit DTP und Macintosh den Aufstand. Und reüssierte.

Ich zeigte ihm damals das druckfrische Büchlein „Do You Speak Computer English? Das Publishing-Lexikon — Über 3800 Stichwörter, Abkürzungen und Fachbegriffe aus EDV und Electronic Publishing von Hans-Georg Wenke und Stephan Jaeggi, das ich gemeinschaftlich mit der Typophil AG in St. Gallen verlegt hatte. Satz, Druck und Verarbeitung hatte Rolf Stehle mit der Typotron AG übernommen. „Donnerwetter“, sagte Peter Schwarz, „das ist ja genau, was ich brauche, um noch besser zu erklären, worum es uns geht. Kann ich sofort 100 Bücher kaufen?“.

1996 moderierte ich eine Digitaldruck-Fachveranstaltung in Stuttgart, Haus der Wirtschaft. Der Saal war proppenvoll. Geladen hatte die AGFA-Gevaert AG. Produktmanager Andreas Nielen-Haberl präsentierte stolz die AGFA Chromapress, eine von AGFA auf Basis der Xeikon-Technologie „veredelte“ Digitaldruck-Maschine, und brachte den ersten Kunden mit, Peter Schleider aus Frankfurt am Main.

Mitten in der Schilderung, wie Chromapress in der Praxis funktionierte, warf Prof. Albert G. Burkhardt, die Lehrinstanz für Drucktechnik in Stuttgart, empört und lauthals ein: „Das stimmt doch alles gar nicht. Solche Maschinen können gar nicht qualitätsoll farbig drucken.“ Alle im Saal erstarrten. Es war völlig still. Bis Peter Schwarz aufstand, um ruhig und gelassen zu sagen: „Natürlich stimmt das! Wir machen das schon länger mit Xeikon und haben begeisterte Kunden. Und – bei allem Konkurrenzdenken –  was AGFA da als OEM-Partner mit der Xeikon macht, ischt wirklich klasse!“

Der Professor war verdutzt, der Saal raunte. Und die auf Chromapress exzellent digital gedruckten Broschüren fanden im Nachgang zu den Vorträgen reißenden Absatz. Ohne Peter Schwarz wäre das anders gekommen.

Time is running. Zuletzt — und viel zu lange her — habe ich Peter Schwarz persönlich im Sommer 2009 getroffen. Wie stets war er in Sachen Digitaldruck unterwegs. Und gab auf einer Xerox-Händler-Veranstaltung in Stuttgart seine Erfahrungen mit Digitaldruck kund, im Guten wie im Schlechten. Alle lauschten gebannt und beinahe ehrfürchtig. Eine schöne Erinnerung, die bleiben wird.

Lieber Peter Schwarz, wir vermissen Dich sehr! Gute Reise. Sicher wird es im Himmel auch bald Digitaldruck geben! Auf Dich ist ja immer Verlaß!

 


 

PS: Dank an liebe Mitstreiter aus alten Tagen — Kerstin Hinder und Martin Van Waeyenberge — für den Hinweis zum Tode von Peter Schwarz.

 


Nachtrag

Es gab zahlreiche Zuschriften und Kommentare aus persönlicher Sicht von Freunden, Kollegen, Mitstreitern, die ich an dieser Stelle veröffentlichen möchte. Schöner kann man das Andenken an Peter Schwarz nicht bewahren. Oder?

Über LinkedIn

Martin van Waeyenberge, Brüssel/Belgien

I’ve been introduced to Peter shortly before DRUPA 1995 and I had the honor to work with him during many years at Xeikon. His vision on how the digital printing market would evolve to the future has become a reality.

You can love him or hate the person for his way of working, but one thing for sure: he did leave an impression in the printing industry in Germany. Together with his partner in crime (if I may say so ;)), Stefan Birkhofer (RIP), they have build the foundations for what digital printing in Germany is today.

Thanks Peter!


 

Peter Sommer, Waiblingen/Deutschland

Er war wirklich ein Visionär und ein guter Typ noch dazu!


 

Andreas Nielen-Haberl, Frankfurt am Main, Deutschland

Ich habe ihm viel zu verdanken.


 

Hans Verberckmoes, Antwerpen/Belgien

Very nice person to work with and highly skilled, was always a pleasure having him over in the Demo.


 

Axel J. Mangelsdorf, Lüdersburg/Deutschland

Sehr sehr traurig. Er hatte so viele Ideen und war seiner Zeit voraus. RIP


Über Facebook

Harald Büttner  Burgbernheim/Deutschland

Peter Schwarz hat mit seinen Visionen den Digitaldruck in den Anfangsjahren entscheidend vorangebracht. In dankbarer Erinnerung an eine langjährige gute Zusammenarbeit.


Dieter Egelkraut Langgöns/Deutschland

Andreas, ich habe soeben den Nachruf von Peter Schwarz gelesen. Ich habe von ihm auch viel gelernt. Was mir gefallen hat, war seine Menschlichkeit, egal ob Kunden oder Mitarbeiter.

Ich bin inzwischen 76 Jahre alt. Peter: Vielleicht treffen wir uns am Himmelstor zu einem Viertele Wein. Mach’s gut, Peter und auch immer noch “Gott grüß die Kunst”!👍💙


 

Persönliches

Ralph Kissner | Vollständiger Text auf der eigenen Website

(…) Persönlich verdanke ich Peter Schwarz die Ermunterung zur Selbständigkeit, unzählige Stunden mit Ratschlägen und nicht zuletzt eine ganze Reihe von Geschäften. Seine Neugierde und Innovationsfreude haben mich immer begeistert und angesteckt, ich war immer fasziniert von seinem unerreicht gewinnenden Wesen und seiner Geradlinigkeit andererseits.

Wir waren weit über seine Zeit als Gesellschafter in Kontakt. Es bleibt mein Dank für seine entscheidende Rolle in meinem Leben und die vielen wertvollen Erfahrungen, die ich durch und mit ihm gemeinsam machen durfte.

Leb wohl, lieber Peter.

Ralph Kissner, 5. Juni 2020

 

Ralph Kissner und Peter Schwarz

 


 

Lesenswert ist vor allem auch der folgende, detailreiche Nachruf von Dirk Schornstein, München, Deutschland, den ich in voller Länge publizieren darf.

Nachruf Peter Schwarz im Juni 2020, Dirk Schornstein

Am 27. Mai 2020 verstarb Peter Schwarz. Mein Vater Heinz Schornstein und Peter Schwarz kannten sich vom Bundesverband Druck, in dem beide sehr aktiv waren. Sie waren gute Freunde und schätzten sich sowohl privat als auch beruflich.

Peter Schwarz war ein Pionier der Druckvorstufe. Schon Mitte der 80er Jahre trieb er in diesem Bereich die Digitalisierung voran. Zuerst mit digitalen Satzsystemen der Firma Siemens – später dann mit DTP auf Apple Computern.
Im Bundesverband Druck war er bekannt wie ein bunter Hund und ganz klar ein Vorreiter der neuen Technik – die anfangs von den Fachleuten eher belächelt wurde. Nur wenige konnten ahnen wie schnell Desktop Publishing die alten Systeme komplett ablösen würde. Und kaum jemand hatte für möglich gehalten, daß die professionelle Bildverarbeitung auf Desktop-Maschinen möglich wäre. Heute sind Namen wie Scitex und Chromacom unbekannte Dinosaurier. Drucksachen werden ganz selbstverständlich auf Desktop-Computern erstellt.

Peter Schwarz war Gründer von SCS Schwarz Computersatz, später „SCS Schwarz Satz und Bild Digital”. Die Büros in der Schwabstraße 43 in Stuttgart waren mein erster echter Arbeitsplatz. Im Belichtungsservice lernte ich in einem halbjährigen Praktikum direkt nach der Bundeswehr was ein Macintosh ist und was DTP bedeutet. Auch wie man in der Druckvorstufe mit modernen Maschinen Texte und skalierbare Grafiken erstellt. 10 Jahre zuvor hatte ich von meinem Vater noch gelernt, wie Bleisatz funktioniert – bei uns zu Hause im Keller.

Zu SCS Schwarz – dem Satzdienstleister – gesellten sich Tochterfirmen: Das Apple Center SCS Schwarz (wo ich meine Freunde Michael Müller und Joachim Attinger kennenlernte), das Schulungscenter SCSI mit Markus Ilka und die Firma “S.I.X. Schwarz und Kissner GmbH” – der Vorgänger der Six Offene Systeme GmbH bei der ich 1996 anfing und bis 2006 auch beteiligt war.

1992 zog die Firma Schwarz um, von den inzwischen viel zu engen Räumlichkeiten der Schwabstraße 43 (Stuttgart) in den Doppeltower in der Stadionstraße 1 in Leinfelden-Echterdingen. Der eine Turm gehörte den Tochterunternehmen Apple Center, SCSI und S.I.X. Auch die kleine Abteilung “Forschung & Entwicklung” war später dort beherbergt, wo ich mit meinem Kollegen Elmar Schulz neue Software und Konzepte testete. Der andere Turm gehörte der Geschäftsführung, Satz und Repro.

Während meines Studiums im Praxissemester lernte ich dort in der Repro meine guten Freunde Uli Münzenmaier, Stephan Seebauer und Andi Gschwind kennen. Wir hatten unheimlich viel Spaß, waren aber gleichzeitig sehr innovativ und produktiv – entwickelten beispielsweise eine neue Methode zur Einfärbung von Grafiken und ermöglichten so die Produktion eines großen Kataloges mit Desktop-Publishing.

Irgendwann kam das Thema Digitaldruck auf und man hörte immer öfter den Namen „Xeikon”. Es gab schon die ersten Farbkopierer. Aber eine Maschine, die mit dieser Technik größere Auflagen in akzeptabler Qualität erzeugen konnte zeichnete sich gerade erst ab. Xeikon war hier Vorreiter und Peter Schwarz wieder Pionier. Er schloss eine Partnerschaft mit Xeikon, kaufte eine alte Uhrenfabrik in Neuenbürg – seinem Heimatort – um dort das neue digitale Druckzentrum aufzubauen. Die Methode hatte sich bewährt: Als professioneller Dienstleister den Beweis liefern, daß die Technik funktioniert. Und als Händler der Produktionsmaschinen zusätzliche Gewinne erwirtschaften. Das hatte in der Kombination seiner DTP-Satz- und Repro-Abteilung und dem Apple Center hervorragend funktioniert. Schwarz trommelte, das Interesse war da, er bereitete die Welt-Premiere des farbigen Digitaldrucks vor. Aber die Xeikon-Maschine ließ leider auf sich warten. Ich erinnere mich an viele viele Verschiebungen auf „in zwei Wochen”. Und so fand irgendwann der lange vorbereitete Fachpressetermin in Neuenbürg vor einem leeren Podest statt.

Als die Maschine dann endlich kam, kämpfte man mit Kinderkrankheiten in Zuverlässigkeit und Qualität. Irgendwann um 1995 müssen die enormen Investitionen in den Digitaldruck die Gewinne aus den anderen Sparten des Unternehmens aufgefressen haben – die Firma SCS Schwarz war insolvent. Vielleicht war Peter Schwarz einfach zu früh am Markt, das Produkt noch nicht reif. Mir tat es unendlich leid. Eine großartige Firma musste geschlossen werden.

 

 

In mir hat das zu keiner Zeit seine Fähigkeiten als Unternehmer in Frage gestellt. Ich habe ihn immer bewundert. Er hat mich früher immer angesprochen mit „Herr Schornstein“ und „Du“ – das hat mich nie gestört, im Gegenteil: ich fühlte mich dadurch noch mehr ihm verbunden. Viele Jahre später habe ich ihn mit „Herr Schwarz” und „Du” angesprochen, obwohl er darauf bestand, daß ich ihn „Peter” nenne.

Peter Schwarz und die von ihm gegründeten oder mitgegründeten Unternehmen haben in meinem Leben eine ganz entscheidende Rolle gespielt und meinen Berufsweg lange Zeit bestimmt. Ich habe ihm viel zu verdanken und werde ihn immer in liebevoller und guter Erinnerung behalten.

Was Peter Schwarz jenseits von unternehmerischen Erfolgen geschafft hat, zeigt sich an der Tatsache, daß es immer noch jedes Jahr eine „SCS Weihnachtsfeier” gibt, die von meinem Freund – dem damaligen Leiter der Reproabteilung – Uli Münzenmaier organisiert wird. Und jedes Jahr treffen sich dort alte Kollegen aus dem Kern- und den Tochterunternehmen. Mehr als 20 Jahre nach der Schließung der Firma SCS Schwarz. Leider konnte Peter Schwarz die letzten Jahre nicht mehr teilnehmen. Selbstverständlich war er aber jedes Jahr herzlich willkommen.

Steht Peter Schwarz vorm Himmelstor, dann stelle ich mir vor, daß sein langjähriger Freund Heinz Schornstein, mein Vater, ihn begrüßt. Mit den Worten: „Mensch, Herr Schwarz! Wo bleibst Du so lange? Ich habe Dir hier einen Platz freigehalten. Schön daß Du da bist, Peter. Warte, ich mach uns eine Flasche Wein auf.

Setz Dich und erzähl.”

In liebevoller Erinnerung Dirk Schornstein, München

 


 

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Nur noch ein Schatten seiner selbst? Oder lautet das Prinzip: Malen nach Zahlen? — Screenshot aus dem Titel des neuen Heidelberg Geschäftsberichts 2019/2020.

 

Von Andreas Weber

Auf seiner virtuell Bilanzpressekonferenz am 10. Juni 2020, ab 10 Uhr, also vor rund einer Stunde, hatte der Heidelberg-Vorstand wenig Neues zu vermelden. Weder zu dem am 31. März 2020 abgelaufenen Geschäftsjahr 2019/2020 noch für das laufende. 

  • Das Nachsteuer-Ergebnis weist einen hohen Verlust von 343 Mio. Euro aus.
  • Der Free-Cashflow konnte sich nur positiv entwickeln durch die Übertragung von 380 Mio. € aus dem Treuhandvermögen des Heidelberg Pension Trust e.V. im März 2020 (225 Mio. Euro gegenüber Vorjahr -93 Mio. Euro).
  • Der Umsatz ging um fast 150 Mio. Euro auf 2,349 Mrd. Euro zurück.
  • Für das laufende Geschäftsjahr will der Vorstand mit Bezug auf die anhaltende Corona-Pandemie und die dadurch schweren ökonomischen Schwierigkeiten keinen verbindlichen Ausblick geben, rechnet aber bis zum 31. März 2021 mit einen negativen Nachsteuer-Ergebnis.

Laut CEO Rainer Hundsdörfer treibe Heidelberg die Neuausrichtung zügig voran. Wobei „Neuausrichtung“ in diesem Fall bedeutet: Heidelberg reduziert sich auf das traditionelle Kerngeschäft, den Bogenoffset, und damit diesen in seinem verkleinerten Portfolio nur noch auf den Mittelformat-Bereich.

Gleichzeitig baut Heidelberg weiterhin massiv Personal und Fertigungskapazitäten ab. Erstmals seit dem Börsengang im Herbst 1997 sinkt die Zahl der Beschäftigten bei Heidelberger Druckmaschinen AG auf unter 10.000 durch den nach Unternehmensangaben sozialverträglichen Abbau von 1.600 Stellen. In Hochzeiten beschäftigte Heidelberg einst über 25.000 Mitarbeiter.

„Die Zeiten in denen Heidelberg rein durch Größe punkten konnte, sind vorbei“, so CEO Rainer Hundsdörfer. Es gehe ihm nicht mehr um Größe und Wachstum um jeden Preis. Vielmehr bestehe der Kulturwandel bei Heidelberg in der Wandlung vom Konzern zum flexiblen Mittelständler. Im Unternehmen herrsche Aufbruchstimmung — was sich aus meiner Sicht im Zuge von massenhaften Entlassungen ambivalent auslegen lässt!

Auch die Zahl der Vorstandsmandate wurde deutlich verringert, halbiert auf jetzt noch zwei, das des CFO und das des CEO. Das Vorstandsressort für Technik wurde bereits im Herbst 2019, das des Chief Digital Officers im März 2020 aufgelöst.

Die Quadratur des Kreises

Das Umsatzpotenzial für Offsetdruck-Maschinen ist ebenfalls dramatisch geschrumpft. Waren es bis zum Krisenjahr 2008 noch rund 9 Milliarden Euro per anno, sind es nach kontinuierlichen Rückgängen bis dato noch maximal 2,5 Milliarden Euro pro Jahr. Dies bezieht allerdings auch Formatklassen und technische Verfahren ein, die Heidelberg nicht mehr bedienen will und kann (Klein- und Grossformat sowie Rolle). Im Vergleich dazu: Das Marktpotenzial für Digitaldruck-Lösungen im Produktionsdruck (Akzidenzen, Verpackungen, Sign & Display) macht bereits rund doppelt soviel aus.

Dass die Heidelberg Bogenoffset-Druckmaschinen immer leistungsfähiger und die Rüstzeiten drastisch verkürzt wurden, löst das Problem der dramatischen Marktpotenzial-Schrumpfung nicht.

Neue Vertriebsmodelle, die Heidelberg unter dem Schlagwort „Subscription“ bietet, sind zwar vom Konstrukt her zeitgemäß und bewähren sich bei Software-Angeboten (SaaS), nicht aber unbedingt bei Hardware, da durch lange Vertrags-Laufzeiten von fünf Jahren wenig flexibel agiert werden kann und in Summe kaum finanzielle Vorteile gegenüber andere Finanzierungsformen erreicht werden.

Dies wirkt sich gerade auf die aktuelle Situation im Akzidenzdruck, der sich radikal wandeln muss, ungünstig aus. Denn Druckerei-Unternehmer müssen am vorhandenen Equipment und den festgelegten, auf Standardisierung fixierten Produktionsprozessen für Commodity-Produkte festhalten, die aber kaum noch Nachfrage haben. Spezialitäten sind dagegen gefragt. 

Wachstum im Markt bedeutet nicht automatisch mehr Umsatz für Heidelberg

Da mit der „Neuausrichtung“ bei Heidelberg auch der Ausstieg aus dem industriellen Inkjet-Druck einher geht, stellt sich die Frage: Wie will Heidelberg in Zukunft Wachstum generieren?

CEO Hundsdörfer betonte auf der Pressekonferenz in seiner kurzen Wettbewerbs-Einschätzung, dass Heidelberg alleine im Verpackungsdruck mehr Offsetdruck-Maschinen verkaufe als der wichtigste Wettbewerber an Maschinen  insgesamt, also auch im Akzidenzdruck. Was soll das heißen? Gemeint sein kann ja nur die Koenig & Bauer AG. Und die hat ein viel weiter gefasstes Produkt- und Lösungsportfolio als Heidelberg und engagiert sich extrem smart im Digitaldrucktechnik-Sektor (u. a. Kooperationen mit HP sowie Joint-Venture-Unternehmungen mit DURST AG).

Pikant: Die auf den Verpackungsmarkt fokussierte Firma BOBST Group SE (Umsatz;: Über 1,6 Mrd. CHF)  hat Hundsdörfer wohl gar nicht auf dem Radar! BOBST, weitaus solider als Heidelberg mit einer Marktkapitaliseriung von über 1 Millarde)  schickt sich aber an, den Markt für Verpackungsdruck ‘digital’ aufzumischen. Hierzu findet wie vermeldet heute, um 13 Uhr, eine internationale Pressekonferenz statt.

Die COVID-19-Krise hat nachweislich den Akzidenzdruck-Markt als wichtigsten Stammmarkt von Heidelberg komplett schachmatt gesetzt. Dies ergibt sich aus den Echtzeit-Analysen des Cloud-Daten-basierten PMI-Klima-Bericht als wichtigem Bestandteil des Heidelberg #We4You Programms. Hier teilt Heidelberg seine von Kunden betriebenen und in der Heidelberg Cloud gebündelten Maschinen-Informationen über die Auslastung von über 10.000 Speedmaster-Druckmaschinen rund um den Globus (davon 5.000 Installationen für Verpackungsdruck).

 



 

Entgegen der Aussage von Heidelberg spiegelt der PMI-Klima-Bericht aber nicht die Marktsituation in der Print-Branche wieder, sondern Produktionskennzahlen ausgewählter Heidelberg-Kunden im Akzidenzdruck- und Verpackungsdruck-Sektor. Es zeigt sich, dass speziell Heidelberg-Kunden im Akzidenzdruck mehrheitlich existenzbedrohende Einbussen von 40 % und mehr verzeichnen müssen und sich wirtschaftlich im freien Fall befinden. Das trifft sogar die Elite der Heidelberg-Kunden im Online-Druck-Sektor. (Siehe hierzu die INKISH D-A-CH Expertenanalyse von Rainer Wagner).

Es bleibt auch zweifelhaft, ob und wie Heidelberg von der gestiegenen Auslastung und einem höheren Produktionsausstoß im Verpackungsmarkt profitieren kann, da Heidelberg nicht an den lukrativen Substraten, Kartonagen, Wellpappe, fexiblen Verpackungen etc. verdient. Und eine höhere Auslastung sowie steigende Nachfrage im Verpackungssektor ist nicht zwingend mit Maschinen-Neuanschaffungen im Mittelformat verbunden.

Übrigens: Alle Hoffnungen von CEO Rainer Hundsdürfer ruhen auf China. Aus seiner Sicht werden Druckereien in West-Europa und den USA kein signifikantes Wachstum mehr für Heidelberg liefern können. 

Mein Fazit

Der Heidelberg-Vorstand verfolgt konsequent seine Ziele, die Firma durch Gesundschrumpfen am Leben zu halten. Allerdings ohne eine glaubhafte und Vertrauen-fördernde Strategie präsentieren zu können. Denn das Motto „Heidelberg goes digital“ ist lediglich eine Willensbekundung. Oder Worthülse.

Aus meiner Sicht wurde bei Heidelberg eine wirksame Strategie durch den fast panischen Aktionismus „Rette, was zu retten ist“  ersetzt. Von den tatsächlichen Entwicklungen im Markt hat man sich abgekoppelt bzw. ignoriert diese gänzlich.

Die Frage bleibt völlig offen, wie Heidelberg künftig im Markt noch Impulse setzen will und Kunden (vor allem im Akzidenzdruck-Sektor) Entscheidendes liefern kann, um am Leben zu bleiben.

Wie der Heidelberg-Vorstand auf diese Art und Weise seine sog. Ziele „Profitabilität — Wettbewerbsfähigkeit — Zukunftssicherung“ erreichen will, bliebt mir ein Rätsel. Und offen bleibt auch: Gelten diese Ziele nur für Heidelberg oder tatsächlich auch für Heidelberg-Kunden?

 


 

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Glanz vergangener Tage. Heidelberg ist als Pennystock aus dem SDAX rausgeflogen.

 

Von Andreas Weber

Morgen, 9. Juni 2020,  wird ein spannender Tag. Der aus eigener Sicht als „Branchenprimus“ positionierte „Weltmarktführer im Bogenoffset“, Heidelberger Druckmaschinen AG, muss in einer Serie von Misserfolgen seit fast zwei Jahrzehnten wiederum schlechte Zahlen und hohe Verluste rechtfertigen. (Siehe: „Meine persönliche Heidelberg Saga“).

Sowohl Anleger, als auch Kunden und Analysten sind wenig zuversichtlich, dass der Plan von Vorstand und Aufsichtsrat aufgehen kann, durch rigide Einsparungen wieder zu Profitabilität und Wachstum zurückzukehren. Zumal Prosperität bei Heidelberg zuletzt um das Jahr 2000 zu verzeichnen ist. Entlassungen und das Einschrumpfen des Portfolios tun ein Übriges.

Das liegt nicht daran, dass Heidelberg unfähige Mitarbeiter beschäftigt oder Kunden nicht mehr so zahlungskräftig sind wie einst. Im Gegenteil. Es gibt hunderte und tausende talentierte Heidelberg-Mitarbeiter und noch immer zehntausende engagierter Heidelberg-Kunden, die Heidelberg gerne unterstützen würden. Allein, es fehlt der Glaube! Denn die Unternehmensführung macht es beiden Fraktionen zunehmend immer schwieriger bis unmöglich, an ein Happy End zu glauben.

Der Grund: Trotz hohem Schaden aus den letzten Jahren hat man im Top-Management nichts dazu gelernt. Dabei waren die Fakten eindeutig und lange bekannt.

Im für den Maschinenbau wichtigsten Kompendium, dem Branchenreport „Kernbranchen der deutschen Wirtschaft: Aktuelle Branchenreports und wichtige Themen, Jahrgänge 2011-2014, GBI Genios (Kindle Book), S. 2239, ist eindeutig für die Zeit um das Jahr 2011 (im Kontext mit der Insolvenz von manroland AG) festgestellt:

„Schon seit Jahren gelingt es den deutschen Druckmaschinen-Herstellern nicht, vom allgemeinen Boom im [deutschen] Maschinenbausektor zu profitieren. (…) Der Weltmarkt für Druckmaschinen wies in den Jahren vor der [Lehman-]Krise ein Volumen von durchschnittlich über 9 Milliarden aus. Inzwischen geht man davon aus, dass es im vergangene Jahr wohl nur noch 50 Prozent des einstigen Rekordwertes erreichen wird. (…) Da die Bedeutung von Printmedien zurückgeht, scheuen die Druckereien vor großvolumigen Investitionen zurück.“

Langer Niedergang

Und weiter heisst es: Experten sehen die Schuld am allgemeinen Niedergang der deutschen Druckmaschinen-Industrie auch bei den Unternehmen selbst. Die hätten sich viel zu lange im Licht der Marktführerschaft gesonnt und dabei existenziell wichtige Trends verschlafen. So habe die deutsche Druckmaschinen-Industrie bis heute keine richtige Antwort auf die digitale Revolution gefunden. Wortlicht heisst es in dem Branchenreport: Die großen Druckmaschinen aus Deutschland seien zwar Meisterwerke der Handwerkskunst, würden aber immer weniger gekauft. So werde in Amerika und USA kaum noch in Druckmaschinen investiert, während die Schwellenländer direkt ins digitale Drucken einsteigen.

Wie gesagt, das wurde als Mahnung bereits vor rund 10 Jahren von Experten publiziert.

 

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INKISH-Redakteur und CEO Morten B. Reitoft hat in einem lesenswerten Beitrag heute, am 8. Juni 2020, Strategie und Zahlenwerke von Heidelberg unter die Lupe genommen. Und kommt zu keinem guten Ergebnis. Seine zentrale Frage: „Is there an short-term fixes for Heidelberg?“ Morten’s Erkenntnis: „Heidelberg is a volume business. With a break-even, around 1.3 billion euros, and a profit of about 45-48%, their 2.3 billion euro turnover shouldn’t be lowered much before the shit hits the fan!“

Und nach gründlicher Analyse der Zahlenwerke führt Morten an: „Heidelberg is undoubtedly in trouble, and the biggest issue is that there are no quick-fixes. Heidelberg, of course, needs to work to be profitable. The dramatic changes in the market, not only because of the COVID-19 but also the expected recession, require a major focus on profitability. But from where?“

Richtig schlimm wird es, wenn man Heidelberg, den Branchenprimus, mit seinen Haupt-Mitbewerbern vergleicht. Die stehen allesamt besser dar, auch wenn sie nur halb so viel oder deutlich weniger Umsatz machen. Vor allem im Hinblick auf die Marktkapitalisierung, die bei Heidelberg (um die 200 Millionen Euro) in Relation zu Umsatz und Mitarbeiterzahl nicht nur lächerlich gering ist, sondern bedrohlich ist.

 

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Stand: 9. Juni 2020, 17 Uhr.

 

Und vor allem: Die Mitbewerber haben eine bessere, klar kommunizierte Strategie und auch das Talent, diese stringent umzusetzen. Siehe Koenig & Bauer AG (Marktkapitalisierung rund 355 Millionen Euro) oder BOBST Group SE (Marktkapitalisierung über 1 Milliarde Euro).

Bei den Mitbewerbern wird in den Top-Gremien nicht nur geredet und spekuliert, sondern klug und entschlossen gehandelt. Nur: Das nimmt der Heidelberg-Vorstand wie auch die Branchenreports gar nicht wahr. Man ist wie üblich mit sich selbst beschäftigt. Und sucht Ausflüchte. Man könnte fast sagen: Gott sei Dank, dass es die Corona-Krise gibt. Auf die kann man alles schieben.

Übrigens: Morgen, am 9.Juni 2020, wird ab 13 Uhr auch BOBST Group AG eine Pressekonefrenz abhalzten. Und seine Wachstumstrategie verkünden.

 

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Grafik: INKISH

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