Tatort Wien: Steckte der Kopf der Papier-Leiche im Zellstoffbottich?

Tatort Papiermühle.001

Von Andreas Weber, Wien/Mainz

Vorbemerkung — Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Wiener EMGE-Konferenz war ausgezeichnet. Bestens von Martin Glass und seinem engagierten Team organisiert. Dazu gehörte auch, dass Projektmanager Iwan Le Moine es schaffte, mit Vertretern des Führungs- und Kompetenzteams der MGA Metro Group einen der international wichtigsten Kunden der Papier- und Druckbranche aufs Podium zu holen. Aber: Es wurde klar, dass die Papierbranche in einem gravierenden Dilemma steck!

Chefinspektor Martin G. von der EMGE-Sonderkommission PAPIER ist nicht zu beneiden. Es galt, in Wien ein schweres Kapital-Verbrechen aufzuklären. Ein international besetzter “Untersuchungsausschuss” bestand auf Rede und Antwort zum aktuellen Stand der Ermittlungen. Die brennende Frage: Was geschah mit unserem Kapital, das wir seit dem Jahr 2000 so fleißig in Papiermaschinen und -fabriken investiert haben? Wieso soll(te) Papier sterben? Und wenn ja, wer ist der Täter?

Tatverdächtige gibt es ausreichend, beruhigt der Chefinspektor die Runde. Nur keine heisse Spur. Der Anfangsverdacht, „Die Generation X resp. Smartphone ist es. Die klickt und wischt Papier ohne Skrupel einfach weg!“, liess sich nicht bestätigen. Der von der Anwaltschaft bestellte Gutachter, Professor Richard H. aus London, belegte eindrucksvoll, dass Papier, vor allem in Form von gedruckten Büchern ‚un-tötbar’ sei. Und somit lebendiger denn je. Der Grund: Bedrucktes Papier vernebelt den Kopf nicht. Und es führt auch nicht ins digitale Nirwana, sondern passt sich perfekt in eine Wissensgesellschaft ein, die das Denken und die Erkenntnis nicht den Computern, Servern und Rechenzentren überlässt.

Ach je, was nun? Die Ermittlungen gehen unverdrossen weiter. Eine ganze Reihe glaubhafter Zeugen gibt an, unwiderlegbar beweisen zu können, dass die Papierbranche zwar leben wolle, aber ermordet werde… Oder zumindest qualvoll stirbt, weil sich selbst totredet. Oder besser totschweigt, weil sie nicht verständlich über das in der Öffentlichkeit redet, was sie weiss und tut und machen könnte… Aber hoppla, das ist ja dann gar kein Mord oder Totschlag, noch nicht mal ein Selbstmord oder eine Straftat… „Wo keine Leiche, da kein Mord. Die Ermittlungen werden eingestellt.“, so der Chefinspektor. — Also weiter wie bisher!

[Ende des Tatort-Krimis. Der Chefinspektor dankt allen und tritt ab.]

„Meine Verkäufe leiden. Jetzt erhöhe ich erstmal die Preise!“ 

Während in Wien ermittelt und konferiert wurde, schickte sich zeitgleich ein weltweit aktiver Premium-Papierhersteller aus Südafrika an, notwendige Preiserhöhungen ab Januar 2016 anzukündigen. Begründung: Gestiegene Kosten sowie Margenverfall. Margenverfall heisst im Klartext, die Profitspanne sinkt. Als muss, so die Logik, der Kunde (Papiereinkäufer) mehr bezahlen, damit der Gewinn bei dem Lieferanten wieder aufs gewohnte Niveau steigt. Im konkreten Fall wird Druckpapier bis zu 8 Prozent teurer! — Wenn das mal gut geht!

Bildschirmfoto 2015-10-22 um 10.22.39

Konferenz-Website: http://www.emge.com/wp1/

In Wien jedenfalls wurde klar: Man sucht Schuldige (die ‚Digital Natives‘, die Googles und Facebooks dieser Welt) für einen Vorgang, der so gar nicht stattfindet. Papier und Print haben gar keine Probleme, schon gar keine Krise, wie eine Expertenrunde in Wien bei der EMGE-Konferenz „Riding the Transition“ belegte. Die Krise hat die befallen, die bislang weitgehend sorgenfrei mit Papier gute Geschäfte und Profite machen konnten und weitgehend alle Entwicklungen im Markt zwar zur Kenntnis nahmen, ohne aber adäquat darauf zu reagieren. Dies sind in hohem Maße Grosskonzerne, die kaum jemand in der breiten Öffentlichkeit kennt oder wahrnimmt. Viele sind gigantische Forstbetriebe, mit angeschlossenen Fabriken, die nach modernsten und nachhaltigen Methoden fertigen. Zählt man die Jahresumsätze der Top-Ten Papierkonzerne zusammen, erhält man mit über 100 Milliarden Umsatz fast das zehnfache Volumen dessen, was mit dem Verkauf von Druckmaschinen erzielt wird. Damit machen international tätige Händler seit Jahrzehnten ein Bombengeschäft…

Erneut: Hausgemachte Probleme bringen das Medium Print unter Druck!

… Jedenfalls bislang. Denn die Umsätze sind rückläufig: Die Druckbranche darbt, die Zahl der Betriebe schrumpft und, fast noch schlimmer, der Verbrauch von Office Paper geht zurück, weil in den Büros immer „digitaler“ gearbeitet wird. Angeblich. Denn schaut man genauer hin, kreuzen sich der Strukturbruch im Medienkonsum mit einem optimiertem Kommunikationsverständnis. Die Industrialisierung der Druck- und Papierbranche im 20. Jahrhundert förderte den gedankenlosen Umgang mit Drucksachen. Vieles wurde produziert, was, weil unaufgefordert zugeschickt und dadurch als „Belästigungskommunikation“ empfunden, direkt im Papierkorb landete. Noch schlimmer in den Büros: Wie Studien und Analysen von Canon im letzten Jahr ergaben, ist das Informationsmanagement in den meisten Firmen zu schlecht. Papier wurde regelrecht verschwendet. Denn optimiert man die Prozesse, stellt man fest, dass viele Dokumente mehrfach ausgedruckt und dann wieder vernichtet wurden, weil die Prozesse nicht durchdacht und durchgängig gestaltet waren. Mit der Qualität von Papier als Trägermedium und seiner Akzeptanz hat das nichts zu tun.

Impressionen von der EMGE Conference 2015 “Riding the Transition”, Wien
(Fotos: Andreas Weber)

Hinzu kommt, wie sich in einem Gespräch ergab, das ich mit Prof. Richard Harper führte: Die Big Player der Papier- und Druckbranche haben keinerlei Kontrolle über ihre Märkte. Papierhersteller vertreiben überwiegend über den Handel, der Innovationen und anspruchsvolle Papiere nicht besonderes mag. „Commodity“-Papier in hohen Tonnagen zu verkaufen, ist dagegen beliebt, weil kostengünstiger und einfacher zu handhaben. — Und die Druckmaschinen-Hersteller als Lieferanten der Druckereien haben kaum Einfluss auf diese Vorgänge, zumal neueste Entwicklungen in der Digitaldruck-Technik erst nach Jahren und mitunter Jahrzehnten von den Papierhersteller unterstützt werden. So musste Ricoh’s Europa-Chef für Professional Printing, Benoit Chatelard, in der Konklusion seines Vortrags zugeben, dass trotz Milliardeninvestitionen in High-Speed-Inkjet-Drucktechnik viel zu wenig „inkjet coated paper“ verfügbar ist. Man erinnere sich: die drupa 2012 wurde euphorisch die „Inkjet“-drupa genannt. Ohne dass dies aber im Drucksektor nennenswerte Auswirkungen hatte. Inkjet ist unter Druckprofis verpönt. Logisch, wenn Bedruckstoffe fehlen, die höchste Ansprüche bedienen und in grossen Mengen verfügbar sind. — Oh je, gleicht das nicht einer Bankrott-Erklärung?

Lichtblick: Die Kunden halten Papier die Treue!

Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Wiener EMGE-Konferenz war ausgezeichnet. Bestens von Martin Glass und seinem engagierten Team organisiert. Es gab viele wichtige, faktenreiche Präsentationen und Informationen zur Technik, zur Marktentwicklung und sich daraus ableitenden Prognosen sowie zur Lage in in außereuropäischen Märkten. Hinzu kam, dass Projektmanager Iwan Le Moine es schaffte, mit Vertretern des Führungs- und Kompetenzteams der MGA Metro Group einen der international wichtigsten Kunden der Papier- und Druckbranche aufs Podium zu holen. MGA kauft 260.000 Tonnen Papier pro Jahr ein, und ist damit auf Augenhöhe mit dem Axel-Springer-Konzern. Warum? Im Handel ist Multichannel Trumpf, da Käufe online aggregiert und durch Drucksachen gestützt werden. Fazit: Ohne Papier-gebundene Kommunikation geht nichts. Allerdings wirken sich die von mir o. g. Punkte auch für Kunden wie Metro nachteilig aus. Innovationen muss man Nachjagen, die Kommunikation mit Herstellern und Dienstleistern ist lückenhaft bis kompliziert, da diesen Kunden gegenüber nicht pro-aktiv und schon gar nicht marktgerecht genug kommuniziert wird. Die Druck- und Papierbranche ist viel zu sehr mit sich und ihren selbst verursachten Problemwelten beschäftigt; und droht, die Chancen, die im Markt bestehen, zu verpassen. — Zeit, das sich was ändert. (Bald ist wieder drupa…). Oder?

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