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Spannendes Gespräch im Vorfeld des Druck Medien Tag in Salzburg mit Peter Sodoma und Christian Handler, VDMÖ.

Premiere bei #printisback: Gemeinsam mit Peter Sodoma und Christian Handler vom Verband Druck | Medien Österreich mit Hauptsitz in Wien entstand die erste Episode in deutscher Sprache.

Das von Jacques Michiels und Boris Andreas Weber moderierte Gespräch beleuchtet eindrucksvoll die vielschichtige Transformation der Druckindustrie in Österreich — sicher mit Vorbildfunktion für andere Regionen in Europa. Im Fokus stehen der Wandel von traditionellen zu modernen, dienstleistungsorientierten Betrieben, die tief verankerte Nachhaltigkeit der Branche und die unaufhaltsame Integration digitaler Technologien wie künstlicher Intelligenz (KI).

Die Experten stellen fest, dass Print im Jahr 2026 als nachhaltige und innovative Kommunikationsform hoch relevant ist, insbesondere in Österreich mit seiner starken Papier- und Faserkompetenz (z.B. Mondi, Lenzing).

Lebenszyklusanalysen zeigen laut Peter Sodoma, dass Print je nach Anwendung eine bessere CO2-Bilanz als digitale Alternativen aufweisen kann.

Der Verband Druck | Medien Österreich wirkt laut Peter Sodoma mit der Kampagne „Print wirkt nachhaltig“ gezielt Greenwashing entgegen und fördert einen differenzierten Kommunikationsmix, statt pauschal Digital oder Print zu bevorzugen. Die Branche hat sich von nostalgischen Bildern zu einer effizienten, evidenzbasierten Industrie entwickelt, die ökologische Verantwortung ernst nimmt, was durch Zertifizierungen wie das Österreichische Umweltzeichen unterstrichen wird.

V.l.o.n.r.u.: Jacques Michiels, Christian Handler, Peter Sodoma, Boris Andreas Weber. Foto: Screenshot aus Podcast-Aufzeichnung.

Ein zentrales Thema ist die Auseinandersetzung mit neuen Technologien. Hier liegt der Arbeitsschwerpunkt von Christian Handler. Ähnlich wie bei der Einführung des Desktop-Publishing in den 80er/90er-Jahren, stellt für ihn die aktuelle Welle von KI und Tools wie Canva eine Herausforderung dar, die proaktiv gemeistert werden muss. Anstatt diese abzulehnen, sollten Druckereien sich als Berater positionieren, die Kunden bei der Erstellung druckfähiger Daten unterstützen und so Mehrwert schaffen.

Gleichzeitig wird ein „Print-Revival” beobachtet: Gerade jüngere Generationen schätzen die Haptik, Beständigkeit und sinnliche Erfahrung von gedruckten Produkten wie Büchern als Statussymbol und Zeichen der Individualität in einer digitalen Welt.

Die größte Herausforderung und zugleich größte Chance liegt in der Synthese von menschlicher Kreativität und den Möglichkeiten der KI. KI wird als mächtiges Werkzeug (wie seinerzeit die Menschheitsentdeckung des Entzünden von Feuer) gesehen, das beherrscht werden muss. Es soll repetitive Aufgaben übernehmen und als „Resonanzraum” für Kreativität dienen, während strategische Vision, emotionale Intelligenz und die finale Kontrolle („human in the loop”) menschliche Domänen bleiben.

Kernbeobachtung von Christian Handler: Erfolgreiche Druckereien transformieren sich vom reinen Dienstleister zum kreativen Partner, der mithilfe von KI-Analysen maßgeschneiderte Kommunikationslösungen entwickelt.


Die wichtigsten Elemente der Diskussionsrunde

Struktur der Branche in Österreich: Rund 500 Druckbetriebe, stark regional geprägt. Der Verband Druck | Medien Österreich agiert als moderne, vernetzte Interessensvertretung für ca. 200 Mitgliedsunternehmen und Industriepartner.

Historie vs. Gegenwart:

Die Branche hat sich von ineffizienten „goldenen Zeiten“ zu einer hochmodernen Industrie entwickelt, die auf Effizienz, Qualität und Verantwortung setzt.

Nachhaltigkeit als Kernkompetenz:

Die gesamte Wertschöpfungskette (Maschinen, Papier, Druck) ist seit Jahrzehnten auf Nachhaltigkeit ausgerichtet (Cradle-to-Cradle, Recycling).

Ökologische Maßnahmen sind oft auch ökonomisch sinnvoll und stärken die lokale Wertschöpfung im Gegensatz zu globalen Digitalkonzernen.

Die Kampagne „Print wirkt nachhaltig“ kommuniziert evidenzbasiert die ökologischen Vorteile von Print und bekämpft Greenwashing.

Haptik und Wertigkeit als Alleinstellungsmerkmal: Die physische und sinnliche Erfahrung von Printprodukten gewinnt in einer digitalen Welt an Bedeutung und wird auch von jüngeren Zielgruppen als Statussymbol und Mittel zur Individualisierung geschätzt.

Proaktiver Umgang mit neuen Technologien:

Die Unsicherheit gegenüber KI und Canva spiegelt frühere Umbrüche (z.B. Desktop-Publishing) wider, die die Branche stets gemeistert hat.

Druckereien sollten Kunden bei der Nutzung neuer Tools wie Canva beraten, anstatt sie abzulehnen, um sich als kompetenter Partner zu positionieren.

KI als Chance, nicht als Ersatz:

KI ist ein unumgängliches Werkzeug zur Optimierung, Automatisierung und kreativen Transformation. Sie ersetzt nicht die menschliche Kreativität, sondern unterstützt sie.

Vom Dienstleister zum kreativen Partner:

Die Zukunft liegt darin, die Rolle vom Auftragsabwickler zum strategischen Berater zu wandeln, der für Kunden maßgeschneiderte Kommunikationslösungen entwickelt.

Mensch im Mittelpunkt („Human in the Loop”):

Trotz rasanter technologischer Entwicklung bleiben strategisches Denken, Kreativität und die finale Kontrolle entscheidende menschliche Kompetenzen. KI ist ein „guter Diener, aber ein schlechter Herr”.

Herausforderung Lesekompetenz:

Eine gesellschaftliche Sorge ist die abnehmende Fähigkeit zum sinnerfassenden Lesen bei Jüngeren durch schnelllebige digitale Inhalte, was auch die Printbranche betrifft.


Der Podcast #printisback findet sich auf den gängigen Plattformen von Apple und Spotify sowie im Kanal des Kooperationspartners PrintIsland auf YouTube.


Checkliste für Unternehmen und die Druckbranche

[ ] Kommunikationsmix strategisch prüfen:

Analysieren, ob für langlebige, haptische Inhalte Print und für Kurzinfos/Interaktion Digital besser geeignet ist.

Die Wertschätzung für Haptik bei jüngeren Zielgruppen als Verkaufsargument nutzen.

[ ] Nachhaltigkeit belegen und optimieren:

LCA-Daten (z.B. Öko-Institut-Studie) nutzen, um Greenwashing zu vermeiden.

Lieferkette (Papier, Energie, Farben, Lacke) auf Umweltwirkung und Recyclingfähigkeit prüfen.

[ ] Neue Technologien proaktiv annehmen:

Sich aktiv mit Tools wie Canva und KI auseinandersetzen.

Mitarbeiter durch In-House-Schulungen technologisch auf den neuesten Stand bringen.

[ ] Geschäftsmodell transformieren:

KI-Kompetenz aufbauen, um Prozesse zu optimieren und neue Dienstleistungen (z.B. Zielgruppenanalyse, Personalisierung) zu entwickeln.

Sich vom Auftragnehmer zum strategischen Berater und kreativen Partner für Kunden entwickeln.

[ ] Den Menschen im Fokus behalten:

Sicherstellen, dass Kreativität, Reflexion und persönlicher Kontakt trotz Automatisierung im Zentrum stehen (“Human in the Loop”).

[ ] Vernetzung und Dialog nutzen:

Partnerschaften mit Verbänden (z.B. für Lobbying auf EU-Ebene), Herstellern und IT-Unternehmen zur Teilung von Best Practices nutzen.

Den offenen Austausch über die Zukunft der Branche fördern (z.B. bei Tagungen wie am 6. November 2026 in Salzburg).

Erkenntnisse

Die Druckbranche befindet sich in einem ständigen, aber beherrschbaren Wandel. Anstatt Opfer der Digitalisierung zu sein, hat sie die Chance, sich als unverzichtbarer, nachhaltiger und kreativer Partner zu positionieren.

Die Lage ist oft besser als die Stimmung. Die Zukunft liegt in der intelligenten Synthese aus der emotionalen Stärke haptischer Produkte und der analytischen Kraft von KI. Der Erfolg wird jenen gehören, die es schaffen, ihre Kunden kompetent zu beraten, technologische Innovationen proaktiv als Werkzeug zu nutzen und sich vom reinen Produzenten zum visionären Kommunikationsgestalter zu entwickeln.

Mit dem Bewusstsein, dass Technologie ein Diener ist, die Kreativität und Strategie aber menschlich bleiben, kann die Branche ihre Relevanz in einem hybriden Medienmarkt sichern und sogar ausbauen.


Hinweis

Unter dem Motto „Transformation trifft Transformation“ widmet sich der Druck Medien Tag am 6. November 2026 in Salzburg der Frage, wie der Spagat zwischen bewährten Strukturen und notwendiger Transformation gelingen kann.

Im Mittelpunkt stehen dabei aktuelle Herausforderungen und Chancen: von Innovation und Nachfolge in Familienunternehmen über den Wandel der Medienlandschaft bis zu Diskussionen rund um Print und digitale Kanäle.

Infos und Anmeldung


Screenshot aus KI Festival-Video-Doku des Städel Museum mit Constanzes Kurz, Gitta Kutyniok, Ingo Dachwitz, Nora Al-Badri, moderiert von Vivian Perkovic

KI ist längst Alltag – und sie bleibt. Die Diskussion beim KI-Festival im Städel Museum mit Moderatorin Vivian Perkovic und Expertinnen und Experten wie Constanze Kurz, Prof. Gitta Kutyniok sowie Ingo Dachfeld zeigte eindrücklich: Wir stehen an einem Wendepunkt. Es geht nicht um Hype oder Angst, sondern um kluge Gestaltung.

Vom „Ausbruch“ der KI zur Verantwortung der Anbieter

Jüngste Vorfälle bei OpenAI und Anthropic, bei denen Modelle Sicherheitsbarrieren umgingen, wurden kontrovers bewertet:

Constanze Kurz sieht darin vor allem Marketing und warnt vor Vermenschlichung: KI simuliert Verhalten, hat aber weder Bewusstsein noch eigene Ziele.

Gitta Kutyniok betont die wachsende Mächtigkeit der Systeme: Der Fehler lag in der unzureichenden Abschottung – die Agentenkommunikation wirkt intelligent, bleibt aber zweckgebunden.

Kernpunkt: Verantwortung liegt bei den Anbietern – technische Grenzen müssen robust sein, Narrativen sollte man kritisch begegnen.

Der vergessene Faktor Mensch und die Lieferkette der KI

Ingo Dachfeld lenkt den Blick auf Produktionsbedingungen: Content-Moderation und Datenlabeling, oft ausgelagert in den globalen Süden, schützen Nutzerinnen und Nutzer, belasten aber jene, die diese Arbeit leisten. Verantwortung darf nicht in komplexen Lieferketten diffundieren. Fair-Work-Standards sind überfällig.

Daten, Vielfalt und Entmystifizierung

Datensätze prägen, was Modelle „sehen“. Historisch dominierte der globale Norden (z. B. ImageNet). Die Antwort: kuratierte, kontextbewusste Southern Data Sets und Projekte wie „Babylonian Vision“, die KI als Mustererkenner begreifen – als Werkzeug, nicht als Wesen.

Infrastruktur sichtbar machen

Rechenzentren verbrauchen Energie und Wasser – oft ohne Transparenz. Pflichtkennzahlen zu Verbrauch, Kühlung und Emissionen sind notwendig, damit Unternehmen und öffentliche Hand rational entscheiden können. Wenn Kapazitäten ausgebaut werden, braucht es klare Berichte und Audits.

Technik, Effizienz und Vertrauen

Neuromorphes und photonisches Computing versprechen Effizienzgewinne; Biocomputing zeigt experimentelle Pfade. Standards und Programmierbarkeit müssen mitwachsen.

LLMs halluzinieren. Vertrauen entsteht durch Herkunftsnachweise, Modellkarten, Risikoberichte, unabhängige Audits und Optionen für lokale, datenschutzfreundliche Nutzung ohne Zwangsintegration.

Medienkompetenz als Pflichtfach

LLMs haben kulturelle und politische Färbungen. Medienkompetenz muss dauerhaft in Schulen und Weiterbildung verankert werden – wer KI bewusst nutzen will, muss sie verstehen. Transparenzlabels, ähnlich dem Energieeffizienzlabel, könnten Verbrauch, Zuverlässigkeit und Datenherkunft sichtbar machen – echter digitaler Verbraucherschutz.

Chancen nicht übersehen

KI löst komplexe Theoreme und eröffnet personalisierte Medizin – schon heute. Gleichzeitig sollten versteckte Kosten (Energie, Wasser, epistemische Risiken, militärische Anwendungen) ehrlich eingerechnet werden. Oft sind kleinere, spezialisierte Modelle präziser und ressourcenschonender als Generalmodelle.

Kreativität, Kultur und digitale Souveränität

Künstlerische Praxis zeigt die konstruktive Kraft von KI: Projekte wie „The Post Truth Museum“ von Nora nutzen Deepfakes, um dekolonisierte Zukunftsnarrative zu imaginieren. Kulturinstitutionen und Qualitätsjournalismus können eine Renaissance erleben: kuratieren, kontextualisieren, Sinn stiften.

Europa sollte seine Werte – Datenschutz, Urheberrecht, Transparenz – selbstbewusst durchsetzen. Ein europäisches KI-Modell auf den Datenschätzen öffentlich-rechtlicher Sender, Bibliotheken und Forschung ist realistischer Aufruf zum Handeln.

Drei konkrete Schritte

  • Verantwortung sichtbar machen: Fair-Work-Standards entlang der gesamten Lieferkette, inklusive ausgelagerter Moderationsteams.
  • Transparenz verpflichtend machen: Energie- und Wasserberichte für Rechenzentren, Modellkarten, Herkunftsnachweise, unabhängige Audits und klare Datenschutzpraktiken.
  • Vielfalt in Daten fördern: Kuratierte, kontextreiche Datensets aus der globalen Mehrheit in Kooperation mit Communities, Kunst und Forschung.

Die Zuversicht entsteht nicht aus blindem Technikglauben, sondern aus unserer Fähigkeit, KI gemeinsam klug zu gestalten.


Screenshot der KI-Festival Videos des Städel Museum auf YouTube. Hier sind die Podiumsbeiträge per Live-Stream-Mitschnitt dokumentiert.


Im Rahmen der #besserleben Berichtsreihe werden von mir alle wichtigen Beiträge auf Bühne 1 des KI-Festivals thematisiert und kommentiert. 

Bereits im Blog erschienen:

Bitte auch die Posts auf LinkedIn beachten!


Wird fortgesetzt!


Bild: Screenshot aus dem Live-Video des Städel Museums auf YouTube.

Zusammenfassung der Diskussionsrunde beim KI-Festival im Städel Museum zum Thema „Wie können wir Begegnungen schaffen im KI-Zeitalter?“ mit Bernhard Pörksen, Christian Uhle, Sarah Diefenbach, moderiert von Vivian Perkovic.

Wie verändern generative KI und Social Media unsere Gespräche, Beziehungen und die Qualität unserer Öffentlichkeit? Daten und Erfahrungen zeichnen ein konsistentes Bild: Wir erleben eine Entfremdungsdynamik, die Technik verstärken kann – und zugleich Werkzeuge bietet, um Verbundenheit neu zu gestalten.

Wesentliche Befunde:

  • Laut American Time Use Survey sinkt die Zeit mit Freunden seit 2005; Tiefstand in der Pandemie, weiterhin niedrig in 2024.
  • „Sex Recession“: Der Anteil der 18–64-Jährigen mit wöchentlichem Sex sank von 55% (1990) auf 37% (2004); Sexlosigkeit bei 18–29 steigt bis 2024 deutlich.
  • Freizeitmonitor: Treffen mit Freunden bleibt wichtig, verliert aber stark; regelmäßige Freundestreffen fielen von 37% (1986) über 41% (2003) auf 19% heute.
  • Deutsche Depressionshilfe: Etwa ein Viertel der Bevölkerung fühlt sich einsam; nach dem Pandemie-Peak weiterhin über dem Vorpandemischen.

Vivian Perkovic erläutert wichtige Statistiken aus aktuellen Studien. Foto: Weber

Was treibt die Entwicklung?

  • Social Media optimiert auf Aufmerksamkeit, Emotionalisierung und Retention
  • Intransparenz wird zur demokratischen Frage.

Und doch: Kein Kulturpessimismus. KI kann Resonanzräume öffnen – für Struktur, Recherche, Zusammenfassungen, Barrierefreiheit, kreative Impulse und bessere Konfliktkommunikation. Entscheidend sind Anreize und Design: Qualität der Begegnung statt Nutzungsdauer; Reflexion statt Echokammer.


Das Städel Museum hat Aufzeichnungen der Livestreams von der Hauptbühne des KI Festival auf seinem YouTube Kanal publiziert.

Gestaltungsprinzipien für Freundschaften, Teams und Organisationen:

  • Klare Trennung: KI für Information und Struktur, Menschen für Nähe und Vertrauen.
  • Kommunikationshygiene: KI-Dialoge als Vorbereitung realer Gespräche nutzen – Argumente sortieren, Perspektiven spiegeln.
  • Friktion zulassen: Unvollkommenheit, Pausen, Widerspruch gehören zur echten Begegnung.
  • Rhythmus stärken: Verbindliche analoge Zeitfenster, Rituale, kleine Gruppen – 19% regelmäßige Freundestreffen sind zu wenig.
  • Transparenz: KI-Einsatz offen benennen, Datennutzung erklären, Erwartungen an menschliche Zusammenarbeit priorisieren.
  • Beziehungs-Skills üben: Zuhören, Konfliktfähigkeit, Ambiguitätstoleranz, Empathie.
  • Design für Bindungsqualität: Coachende Funktionen, die Selbstwirksamkeit und soziale Brücken fördern – nicht klebrige Retention.
  • Digitale Öffentlichkeit schützen: Regulierung mit wirksamen Standards (Transparenz, Altersdesign, Suchtprävention) und Bildung (z. B. ein Schulfach „Digitale Öffentlichkeit/Medienkompetenz“).
  • Demokratische Beteiligung erweitern: KI kann Konsensfelder erkennen und Politikgestaltung stärken.
  • Vorausschauend denken: „Cassandra“-Methoden für Worst-Case-Szenarien und werteorientiertes, resilientes Technikdesign.
  • Online-Dating fair gestalten: KI als „digitale Kupplerin“ mit Transparenz, Diversität und ohne manipulative Gamification.

Zuversichtlicher Ausblick

Die menschliche Sehnsucht nach echtem Gegenüber ist robust. Wenn wir Anreize verschieben – weg von Aufmerksamkeit, hin zu Qualität der Begegnung – entsteht ein produktiver Hybrid: mehr Fokus, bessere Informationen, stärkere Beziehungen. Unsere Aufgabe ist, Räume für konzentriertes Zuhören zu schaffen und Technologien so zu bauen, dass sie Reflexion statt Erregung belohnen. KI bleibt – die Frage ist, was sie ergänzen darf und was unersetzlich menschlich bleibt.

Echte Verbundenheit entsteht nicht in der perfekten Antwort, sondern im gemeinsamen Aushalten, Denken und Lachen. Genau das sollten wir wieder öfter kultivieren. Nicht „wird schon“, sondern „wir machen es gut“. Heute ist ein guter Tag, damit zu beginnen. Oder?


Hinweis: Der Bericht wird fortgesetzt mit Zusammenfassungen der weiteren Podiumsdiskurse auf der Hauptbühne des KI-Festivals.

Siehe auch: „Die Zukunft ist menschlich!“ — Bericht zur Keynote von Prof. Dr. Björn Ommer


Foto: Städel Museum via Instagram

Innerhalb unserer Arbeit der Ideenbörse für positive Lebens-Perspektiven, kurz „Besser Leben. Schöner Sterben.“ ist für den Arzt David Sonntag und mich äußerst wichtig, die Entwicklungen rund um und mit KI /AI besonders umfassend und real einschätzen zu können. Gemäß unserem Motto „be more human“ achten wir darauf, wie stets der Mensch und nicht die Technik im Fokus steht.

Prolog

Das KI-Festival im Städel Museum am 4. und 5. September 2026 setzt Maßstäbe.

Es erscheint geradezu wunderbar und bemerkenswert, was das Städel Museum in Frankfurt am Main mit seinem KI Festival 2026 als pure Inspirationsquelle auf die Beine gestellt hat. Nachfolgend erste kurze Anmerkungen zur noch laufenden Veranstaltungen, die wir umfassend auswerten werden.

These 1 — Die Zukunft ist menschlich: Warum KI uns zu den analogen Werten zurückführt

In einer digitalen Welt wächst die Sehnsucht nach dem Echten, Greifbaren und Menschlichen. Während KI heute Texte schreibt, die vielen besser gefallen als menschliche Werke, und digitale Normierung unseren Ausdruck vereinheitlicht, entsteht eine Gegenbewegung – nicht aus Protest, sondern aus einem tiefen menschlichen Bedürfnis.

These 2 — Vom Nerd zum Visionär: Eine Lektion in Demut

Lange belächelten wir technikaffine „Nerds“, bis sie zu Architekten unserer Zukunft wurden. Diese Erfahrung lehrt Demut. Statt KI aus Angst abzulehnen, sollten wir ihre Potenziale neugierig erkunden. Die Chance liegt darin, zu verstehen und mitzugestalten – nicht in der Sorge, Status zu verlieren.

These 3 — Die Renaissance des Analogen: Mehr als Nostalgie

Schon heute suchen junge Menschen bewusst analoge Erlebnisse: Museen, Buchmessen, echte Begegnungen. Der Mensch braucht nicht nur digitale Versorgung, sondern körperliche Erfahrungen und authentische Kontakte.

These 4 — Die neue Währung heißt Knappheit

In einer Welt des technologischen Überflusses gewinnt das Knappe und Einzigartige an Wert. KI wird viele Güter im Überfluss verfügbar machen. Doch was wird dann kostbar sein?

  • Das Original: Der Moment vor einem echten Kunstwerk wie Picassos „Guernica“.
  • Das Erlebnis: Unberührte Natur oder das Gefühl, an einem einzigartigen Ort zu sein.
  • Die Begegnung: Direkter, persönlicher Austausch – unersetzbar durch Videokonferenzen.

Diese „knappen Güter“ werden die wahren Statussymbole einer von KI geprägten Zukunft sein. Sie definieren Reichtum nicht über Besitz, sondern über authentische Erfahrungen.

These 5 — Unsere Chance: Brücken bauen, keine Mauern

Technologie ist kein Gegner, sondern ein Werkzeug. Nutzen wir digitale Möglichkeiten, um Menschen an das Analoge heranzuführen. KI kann Kontexte schaffen, die uns die Tiefe eines Originals erst richtig schätzen lassen.

Erste Erkenntnis: Die Zukunft ist nicht entweder digital oder analog – sie ist beides. Packen wir sie an.


Foto: Städel Museum via Instagram

Von der bloßen Optimierung zur echten Transformation

Tenor: KI formt die Zukunft – lass uns mitgestalten.

In seinem herausragenden Einführungsvortrag analysierte Professor Dr. Björn Ommer von der LMU München die dualistische Natur der künstlichen Intelligenz (KI), indem er die Risiken der reinen Optimierung (z.B. Monopolisierung, „AI-Slop”) der Chance einer transformativen Wertschöpfung gegenüberstellt. Er argumentiert, dass positive Ergebnisse nicht automatisch eintreten, sondern bewusste Anstrengungen in Bildung, Souveränität und die Entwicklung spezifischer KI-Anwendungen erfordern, und positioniert Museen als essenzielle Vertrauens- und Orientierungsinstanzen in einer zunehmend komplexen, von KI geprägten Informationsgesellschaft.

Die Rolle der KI im musealen Kontext

Es tut sich bereits einiges im Museumswesen. Björn Ommer beleuchtete die bereits existierenden und zukünftigen Anwendungen von KI als Werkzeug in Museen. Er stellt dar, wie KI Prozesse wie das Sammeln, Katalogisieren, Konservieren und Erforschen von Kunstwerken unterstützt und die Vermittlung an Besucher durch animierte Kunstwerke oder Museumsroboter bereichert. Im Prozess des Sammelns unterstützt KI das Erstellen und Verbinden von Katalogen, den Abgleich von Einträgen und das Finden von Duplikaten. Sie ermöglicht die automatische Objekterkennung und Bildsuche, während moderne LLMs (Large Language Models) auch heterogene Freitextdaten durchsuchen und so einen tieferen inhaltlichen Zugang schaffen. In der Konservierung wird KI zur Detektion von Schäden wie Farbabsprengungen oder zur Vorhersage von Alterungsprozessen eingesetzt.

Die Kunstforschung profitiert von der Analyse des Wandels von Stil und Duktus über Jahrhunderte, während ein anderes Projekt KI zur Entzifferung von Keilschrift nutzt. Für die Vermittlung werden Kunstwerke animiert, wie im Harvard Art Museum, oder Roboter wie der historische „Rhino” im Deutschen Museum Bonn als Führer eingesetzt. Der Wandel des Roboters Rhino vom Werkzeug zum Museumsobjekt selbst illustriert dabei den technologischen Wandel und leitet zur übergeordneten gesellschaftlichen Diskussion über.

KI als gesellschaftliche Herausforderung: Optimierung vs. Transformation

Es ist unverzichtbar, die kritische Unterscheidung zwischen der reinen Optimierung bestehender Prozesse und der echten Transformation durch KI zu analysieren. Björn Ommer argumentiert, dass eine rein optimierende KI zu negativen Folgen wie Monopolisierung, Jobverlusten im Einstiegsbereich und der Verbreitung von minderwertigen Inhalten („AI-Slop”) führt. So zeigt eine Studie in Nature, dass der Einsatz von KI in der Wissenschaft zwar zu mehr Publikationen (3x) und Zitaten (5x) für den Einzelnen führt, der Gesamt-Impact der Wissenschaft jedoch sinkt, da nur noch leicht automatisierbare Bereiche erforscht werden.

Die hohen Ressourcenkosten der KI (Chips, Energie) fördern eine Monopolisierung. Gleichzeitig entsteht eine Flut an „AI-Slop”, wobei künstlich generierte Inhalte bereits die von Menschen erstellten übersteigen. Diese Entwicklung führt zu einer Verlagerung der kognitiven Leistungsfähigkeit auf die KI und schafft Abhängigkeiten. KI wird zu einer Infrastrukturtechnologie, einem “Foundation Layer”. Ommer betont, dass diese negativen Konsequenzen automatisch eintreten, während die eigentliche, transformative Wertschöpfung bewusster Anstrengung bedarf.


Über die Hälfte der Firmen nutzt KI nur zur Effizienzsteigerung, obwohl die massive Wertschöpfung („Value Creation”) erst bei echter Transformation stattfindet.


Die zwei Zukünfte: Dystopie durch Passivität vs. Utopie durch Gestaltung

Entscheidend erscheint, die Dichotomie der KI-Zukunft darzustellen: eine, die automatisch zu Beliebigkeit und Kontrollverlust führt, und eine andere, die durch gezieltes Handeln Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft „empowern” kann. Der positive Ausgang ist nicht garantiert. Negative Effekte wie algorithmische Manipulation oder das Ersetzen von Einstiegsjobs treten automatisch ein. Positive, transformative Wertschöpfung hingegen erfordert bewusste Entscheidungen. Die Vorstellung einer KI als „Universal Problem Solver“, die alles automatisch verbessert, wird als steile Hypothese kritisiert. Im Bereich der Cybersicherheit herrscht bereits ein „Arms Race“, bei dem „Troll-Fabriken“ gezielt Desinformationen streuen, die laut Schätzungen bereits ein Drittel der ausgespielten Informationen manipulieren. In Anlehnung an Charles Dickens kann die Gegenwart als die „beste“ und „schlimmste“ aller Zeiten beschrieben werden: Sie ermöglicht einen beispiellosen Zugang zu Wissen, führt aber gleichzeitig zu einer Flut an Beliebigkeit („Arbitrarität”) und einem Verlust von Authentizität.


Das Städel Museum hat Aufzeichnungen der Livestreams von der Hauptbühne des KI Festival auf seinem YouTube Kanal publiziert.

Voraussetzungen für transformative Wertschöpfung mit KI in Deutschland

Es lohnt sich, die Hürden und Potenziale für eine erfolgreiche KI-Transformation in Deutschland und Europa zu betrachten. Als zentrale Hemmnisse werden der Mangel an Fachkräften für eine komplette Transformation, die Abwanderung von Talenten in die USA, hohe Compliance-Hürden und ein im Vergleich zu den USA deutlich geringeres Investitionskapital identifiziert. Auch die hohen Energiekosten stellen eine Herausforderung dar. Demgegenüber stehen deutsche Stärken wie exzellent ausgebildete Forscher, eine starke industrielle Basis und der Zugang zu hochspezifischen Industriedaten durch Weltmarktführer.

Björn Ommer plädiert dafür, nicht den großen US-Modellen nachzueifern, sondern auf Nischen wie industrielle, physikalische und verlässliche KI zu setzen. Der größte Hebel für Wertschöpfung liegt in Investitionen in „Upskilling”, da diese eine mehr als fünffache Rendite bringen. Es ist eine Verpflichtung gegenüber der nächsten Generation, jetzt ins „Doing“ zu kommen und die Souveränität bei Technologie und Engineering-Skills zu sichern, anstatt bei der reinen Optimierung stehen zu bleiben.

Die neue Rolle des Museums in der KI-Ära

Was hat all das mit dem Museum als Institution zu tun? Dessen Rolle wandelt sich in Zeiten von Informationsflut und schwindender Verlässlichkeit fundamental. In einer Welt, in der Content zur Commodity wird und die Verlässlichkeit von Informationen sinkt, gewinnen klassische museale Kompetenzen – die Prüfung von Provenienz, Kontext und Glaubwürdigkeit – eine neue, gesellschaftliche Relevanz. Während KI zu personalisierten Informationsblasen führt, steigt die Bedeutung gemeinschaftlicher Erlebnisse („Shared Experience“).

Museen werden zu unverzichtbaren Ankerpunkten und Vertrauensinstitutionen, die in einer „lauten”, schnelllebigen Welt Orientierung und Kontinuität bieten. Als „Cultural Memory Institutions“ bilden sie ein Gegengewicht zur kurzlebigen Aufmerksamkeitsökonomie, deren Horizont oft nicht über den Moment hinausreicht. Sie helfen, historische Entwicklungen und Wertewandel sichtbar zu machen, ohne eine feste Wahrheit vorzugeben, und unterstützen so die persönliche Entscheidungs- und Einordnungsfähigkeit in einer komplexen KI-Ära.


Zur Person

Björn Ommer ist Professor an der LMU München und leitet dort die „Computer Vision & Learning Group“. Darüber hinaus ist er als Co-Vorsitzender des Bayerischen KI-Rats sowie als langjähriger Associate Editor des führenden Journals zu KI, den IEEE T-PAMI, tätig. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen generative KI, automatisches Bildverstehen und erklärbare neuronale Netze. Ommer arbeitet an wegweisenden Ansätzen zur Demokratisierung generativer KI, darunter „Stable Diffusion“, einem revolutionären Open-Source AI-Modell, welches in der Lage ist, aufgrund von Text-Prompts fotorealistische Bilder zu erstellen. Diese Arbeiten finden breite Anwendung und haben bereits zahlreiche neue Wege in Forschung, Industrie, Medien und darüber hinaus eröffnet.


Hinweis: Der Bericht wird fortgesetzt mit Zusammenfassungen der weiteren Podiumsdiskurse auf der Hauptbühne des KI-Festivals.

Siehe auch den Bericht: „KI, Social Media und echte Begegnungen: Warum wir jetzt bewusst gestalten müssen“

https://valuetrendradar.com/2026/09/06/ki-social-media-und-echte-begegnungen-warum-wir-jetzt-bewusst-gestalten-mussen/amp/


Das vollständige Programm im Überblick.


Blick in die Druckwerkstatt im Bernardbau. Foto: Thomas Lemnitzer

Oder: Warum wir wieder schwarze Finger brauchen

Wenn man den Bernardbau in Offenbach am Main betritt, wird man nicht von dem üblichen Summen unserer digitalen Geräte begrüßt, sondern von einem Duft. Eine Mischung aus frischer Farbe, Schmieröl und Terpentin – ein Hauch von Nostalgie. In einer Zeit, in der wir meist über die glatten Bildschirme unserer Smartphones streichen, fühlt sich die raue Oberfläche eines Solnhofener Kalksteins oder die Kühle einer metallenen Letter fast wie eine kleine Rebellion an.

Warum erlebt ein Handwerk, das von der Digitalisierung eigentlich schon abgeschrieben wurde, ein Comeback? Das „Hot Printing“ Druck-Festival in Offenbach gibt uns die Antwort: Wir sehnen uns nach etwas Greifbarem. Wir wollen nicht nur zuschauen, sondern die Welt wieder mit unseren Händen erleben.

Weltkarrieren starteten mit Steinplatten (und Mozart)

Dass dieses Festival in Offenbach stattfindet, ist kein Zufall. Die Stadt ist tief mit der Druckgrafik verbunden. Hier wurden Unternehmen wie Manroland zu Weltmarktführern, doch die eigentliche Revolution begann schon viel früher. Alois Senefelder erfand die Lithographie zwar in München, aber erst in Offenbach eroberte sie im 19. Jahrhundert die Welt.

Johann Anton André, ein Verleger mit einem Gespür für das Besondere, erkannte das Potenzial der Steinplatten und erwarb den musikalischen Nachlass von Wolfgang Amadeus Mozart. Mit der neuen Technik konnte er Mozarts Partituren in einer Qualität und Menge vervielfältigen, die es vorher noch nicht gegeben hatte. Man könnte sagen, in Offenbach wurde die „Popkultur“ geboren. André machte Hochkultur für die breite Masse zugänglich und erschwinglich – eine Art Vorläufer der heutigen Indie-Print-Szene und der Risographie-Kultur.

Dieses Erbe ist kein altes Relikt, sondern das Fundament, auf dem moderne Gestalter heute experimentieren, um der Beliebigkeit digitaler Bilder zu entkommen.

„Elisabeth“: Ein fünf Tonnen schwerer Gigant aus Eisen

Mitten in der Druckwerkstatt, wo die Maschinen ratternd arbeiten, steht „Elisabeth“ (als Leihgabe der Internationalen Senefelder Stiftung, die ihren Sitz in Offenbach am Main hat). Elisabeth ist eine motorisierte, speziell angefertigte Flachdruckmaschine von beeindruckender Größe, die den industriellen Geist vergangener Zeiten verkörpert. „Sie wiegt fast fünf Tonnen, so viel wie ein großer Elefant“, beschreibt Werkstattleiter Dominik Gußmann die Maschine mit einem Hauch von Ehrfurcht.

Während „Elisabeth“ für den effizienten, technisch ausgefeilten Druckvorgang steht, erlebt die manuelle Andruckpresse eine kleine Renaissance. Hier zeigt sich der schöne Kontrast zum maschinellen Flachdruck: Der Mensch ist der Taktgeber. Man muss die Kurbel mit etwas Kraft und dem richtigen Rhythmus bedienen – „Ruhig etwas schneller“, sagt Gußmann freundlich, damit das Druckbild schön scharf wird. Erst wenn das mechanische „Klick“ ertönt, ist alles fertig. Es ist eine schöne körperliche Erfahrung, die zeigt, wie ein Bild entsteht.

Experimentelle Alchemie: Von Mainwasser bis Borkenkäfer

Was die Besucher beim Festival begeistert, ist die Abkehr von der sterilen Perfektion. Das „Hot Printing“ – benannt nach einer Serie des experimentellen Druckers Hendrik Nicolaas Werkman – ist ein Spielplatz für Alchemisten. Hier wird die Technik zum Medium des Zufalls.

Stellt euch vor: Künstler sammeln Rückstände direkt vom Main und bannen sie auf Papier – das ist Wasserlithographie! Oder Materialdruck, bei dem Borkenkäfer zerfressene Rindenstücke in faszinierende, organische Druckstöcke verwandeln. Marina Kampka nennt das den „Wundermoment“. In der digitalen Welt können wir ja einfach „Strg+Z“ drücken und Fehler rückgängig machen. Im analogen Druck ist das anders: Ein Fehlgriff ist kein Datenmüll, sondern wird Teil des Kunstwerks. Diese Unvorhersehbarkeit, diese kleine Überraschung, die der digitalen Welt oft fehlt, macht jedes analoge Druckwerk zu einem einzigartigen Unikat.

Warum Handwerk plötzlich wieder „sexy“ ist

Die Sichtweise auf Handarbeit hat sich total gewandelt! Marina Kampka, heute 42, erinnert sich noch gut an ihre Studienzeit in Offenbach, wo Handwerk eher als uncool und altmodisch galt. Heute ist das genau umgekehrt: Wer sich die Hände schmutzig macht, ist voll im Trend. „Man merkt einfach, dass die Leute Handwerk brauchen, weil es immer weniger wird“, erklärt die Künstlerin Ina Hengstler den Wandel.

Hengstler, die für ihre Studien nach Japan und Südkorea gereist ist, bringt eine internationale Perspektive mit nach Offenbach. In Südkorea gibt es zum Beispiel eine lange Tradition des Handsatzes, die schon viel früher begann als bei Gutenberg; in Japan wird das Papierschöpfen und Buchbinden seit Jahrhunderten als Hochkultur gepflegt. Dieses Gefühl für Beständigkeit trifft in Europa auf eine Generation, die von der passiven Bildschirm-Welt genug hat.

Marina Kampka ergänzt: Es sei schön, „selbst etwas zu machen, nicht nur zu konsumieren. Und sich einfach mal die Hände schmutzig zu machen.“

Das bedrohte Erbe: Ein Hilferuf aus Blei

Aber hinter der Begeisterung des Festivals steckt auch ein bisschen Wehmut. Rainer Gerstenberg, mit 79 Jahren der letzte aktive Schriftgießer Deutschlands, steht vor den Trümmern seines Lebenswerks. Seit die Schließung des Darmstädter Hauses der Industriekultur Ende 2023 kam, darf er seine eigene Werkstatt nicht mehr betreten.

Stellt euch vor: Hier schlummern Schätze von unschätzbarem ideellem Wert – historische Maschinen aus der Zeit vor 1900 und über eine Million Matern, also Formen für lateinische, kyrillische und arabische Schriften. Das Ganze hat einen Sachwert von weit über 100.000 Euro! Leider droht diesen Schätzen die Verschrottung, weil das Land Hessen bisher noch keinen Platz für dieses wunderbare Erbe gefunden hat.

Dass das öffentliche Interesse an dieser Tradition riesig ist, zeigt die Tatsache, dass beim letzten Festival in Offenbach rund 2.500 Besucher dabei waren. Dorothee Ader, die Leiterin des Klingspor Museums, setzt sich mit voller Kraft für den Erhalt ein: „Das sind Zeugen eines riesigen Industriezweigs und echtes Kulturgut. Das darf einfach nicht verschwinden!“

Fazit: Die Zukunft ist analoger, als wir dachten! Die Renaissance der Druckkunst ist kein rückwärtsgewandter Kitsch, sondern eher ein Zeichen dafür, dass uns in der digitalen Welt etwas Wichtiges fehlt: die menschliche Wirksamkeit. Die Digitalisierung hat das Analoge nicht ersetzt, sondern vielmehr aufgewertet. Sie hat es vom Zwang der Massenproduktion befreit und zu einer Ausdrucksform für Individualität, Entschleunigung und Nachhaltigkeit gemacht.

Das Festival in Offenbach zeigt, dass die Sehnsucht nach Substanz wirklich generationsübergreifend ist. Wir brauchen die „schwarzen Finger“, um uns selbst in einer Welt zu spüren, die immer flüchtiger wird. Wann habt ihr das letzte Mal etwas mit euren eigenen Händen erschaffen, das man nicht einfach mit einem Klick wieder löschen kann?

Blick in die Druckwerkstatt im Bernardbau. Foto: Thomas Lemnitzer

9. Lithographie Symposium Tidaholm: Eckhard Gehrmann erklärt und demonstriert die ‚Kruck Technik‘ der Steindruckmalerei

Ein Kommentar von Boris Andreas Weber im Namen der Internationalen Senefelder-Stiftung sowie des Förderverein FISS, mit Sitz in Offenbach am Main

The summary in English can be found at the very bottom of the German text.

Stein, Papier, Leidenschaft

Warum eine schwedische Kleinstadt alle vier Jahre durch Senefelders Steindruck zum Nabel der graphischen  Kunstwelt wird

In einer Ära, in der die Halbwertszeit von Bildern in Millisekunden und Algorithmen gemessen wird, wirkt der Prozess fast wie ein anachronistisches Sakrileg: Künstlerinnen und Künstler, die im Jahr 2026 in Summe tonnenschwere Solnhofener Kalksteine schleifen, sie stundenlang mit Fettkreide bearbeiten und chemisch präparieren, nur um einen einzigen Abdruck zu erzeugen. Warum nimmt man diese körperliche Mühsal auf sich? Die Antwort liegt im schwedischen Tidaholm. Alle vier Jahre wird diese beschauliche Kleinstadt während des Internationalen Lithographie-Symposiums zum Zentrum einer globalen Bewegung für Entschleunigung und handwerkliche Tiefe. Vom 28. Juli bis zum 9. August 2026 zelebrierte die 9. Ausgabe dieses Treffens (bestens organisiert von Patrick Wagner) die Lithographie nicht als Museumsstück, sondern als hochaktuelles Medium für zeitgenössische Diskurse.

Foto: Barbara Wilhelmi

Die Vulcan-Insel: Wo Industrie auf Inspiration trifft

Das Epizentrum dieses künstlerischen Ausnahmezustands ist die „Vulcan-Insel“ im Herzen von Tidaholm. Wo einst die industrielle Produktion den Rhythmus vorgab, atmen heute die Druckwerkstätten der Lithographischen Akademie den Geist der Transformation. Es ist ein kuratorisches Statement für sich: Die Umwandlung eines ehemaligen Fabrikareals in ein Zentrum für Grafik symbolisiert die Beständigkeit der Kunst inmitten des industriellen Wandels. Während das benachbarte Marbodal Center in Vorträgen Raum für theoretische Reflexion bot, verwandelte das Symposium die gesamte Stadt in ein begehbares Gesamtkunstwerk. Die Ausstellungen sind dabei nicht auf einen Ort begrenzt, sondern erstrecken sich über drei Galerien im Stadtgebiet, was Tidaholm für zwei Wochen in ein echtes „Art Village“ verwandelt.

Eines der täglichen Highlights, das die Brücke zwischen technischem Erbe und moderner Anwendung schlägt, ist das „Printing on the Schnellpresse“ (Made by Faber&Schleicher in Offenbach/Main) unter der Leitung der Experten Ernst Hanke (1. Senefelder-Preisträger 1984) und Rolf Maas. In einer Welt des „Instant Print“ wird die Arbeit an historischen Maschinen zu einem innovativen Akt des Widerstands. Hier geht es nicht um Nostalgie, sondern um die Wiederentdeckung der Langsamkeit als Qualität. Die Bedienung dieser Kolosse erfordert eine physische Präsenz und eine Sensibilität für das Material, die im Digitalen verloren gegangen ist. Es ist die ‚Renovatio’ einer Technik, die durch ihre Widerständigkeit besticht und dem fertigen Druckkunstwerk eine Aura verleiht, die kein moderner Inkjet-Drucker imitieren kann.

Auf den Spuren von Alois Senefelder: Teilnehmer aus aller Welt beschäftigten sich in Tidaholm auf höchstem Niveau mit dem chemischen Druck durch die bahnbrechende Lithographie-Druckkunst

Das ‚globale Dorf‘ der Steindrucker

Trotz seiner geografischen Abgeschiedenheit ist Tidaholm während des Symposiums ein Schmelztiegel der internationalen Avantgarde. Diese Vielfalt bricht die Isolation des Ateliers auf und schafft ein kollektives Bewusstsein, das in den sozialen Medien unter dem Schlagwort „Litho Love“ weltweit Resonanz findet.

„Ich fühle mich so inspiriert und erfüllt von dieser ‚Litho Love‘ nach einer Woche des intensiven Austauschs … es ist eine fantastische Reise nach Schweden.“ — Danielle Creenaune, Teilnehmerin des Symposiums.

Das Fest der Lithograph*innen: Wenn Steine feiern könnten

Kunst entsteht nicht nur durch den Druck der Presse, sondern durch das soziale Bindegewebe der Gemeinschaft. Die traditionelle Lithographen-Party am Freitagabend, den 31. Juli, markierte den emotionalen Höhepunkt der ersten Symposiumswoche. In dieser informellen Atmosphäre werden jene Netzwerke geknüpft, die die internationale Grafik-Szene über Jahre hinweg tragen. Es ist das Fest einer Community, die verstanden hat, dass der Austausch von Wissen und Leidenschaft ebenso dauerhaft sein muss wie das Bild auf dem Stein.

Fazit: Ein Abdruck, der bleibt

Als am 9. August 2026 die Ausstellungen in den drei Galerien Tidaholms geschlossen wurden, blieb mehr zurück als nur bedrucktes Papier. Tidaholm beweist, dass die Lithographie kein Relikt ist, sondern ein lebendiges Labor für die Zukunft. Die Geduld, die ein Steindrucker aufbringt, ist eine Lektion in Demut gegenüber dem Material und der Zeit.

Vielleicht ist dies die wichtigste Frage, die wir alle aus Tidaholm ableiten können: Was könnten wir über die Qualität unseres eigenen Schaffens lernen, wenn wir der Entstehung unserer Ideen dieselbe Beharrlichkeit und physische Hingabe widmen würden, die Lithograph*innen für einen einzigen perfekten Abdruck aufwendet?

„Es war sehr eindrucksvoll, dass bei den interessanten Tagen in Tidaholm so viele Lithographinnen und Lithographen aus aller Welt in Begeisterung zusammenwirkten, sich austauschten und neue Freundschaften schlossen. Besonders beeindruckt hat mich die Vielfalt von experimentellen und spielerischen Anwendung lithografischer Techniken.“

So lautet auch das Fazit von Prof. Dr. Gerhard Kilger (Vorstandsvorsitzender der Internationalen Senefelder-Stiftung, ISS, mit Sitz in Offenbach am Main), der zusammen mit anderen Vertretern und Freunden der ISS am Symposium im schwedischen Tidaholm teilnahm.

(v.l.n.r.) Gerhard Kilger, Eckhard Gehrmann und Barbara Wilhelmi vom Vorstand der Internationalen Senefelder-Stiftung mit Sitz in Offenbach am Main waren vom 9. Lithographie Symposium im schwedischen Tidaholm hellauf begeistert.

Der Bericht von unserer geschätzten Kollegin Lorena Pradal, Leiterin der Freie Druckgraphik Werkstatt an der HfG Offenbach am Main, und Mitglied in verschiedenen Gremien der Internationalen Senefelder Stiftung / FISS, fasst hervorragend zusammen, was sich in Tidaholm ereignete und welchen Stellenwert eine solche Zusammenkunft hat.

Und im Nachgang nimmt mein ISS Vorstandskollege Eckhard Gehrmann noch Kommentierung und Erläuterungen vor.

Lorena Pradal (links) mit der Künstlerin und Lithographie-Liebhaberin Kiki, die auf Instagram via @printkikiprint fantastische Videoimpressionen aus Tidaholm präsentiert.

Bitte klicken, um sich das Video auf Instagram anzuschauen.


Foto: Lorena Pradal

Tidaholm: Eine globale Lerngemeinschaft rund um dem Stein

9. Internationales Lithographisches Symposium · Tidaholm, Schweden · 2026

Impressionen und Gedanken von Lorena Pradal

Im Mittelpunkt des diesjährigen Internationalen Lithographischen Symposiums in Tidaholm stand ein besonderes Thema: Bildung und Vermittlung. Mehrere Tage lang kamen Künstlerinnen, Druckerinnen, Lehrende, Forschende und Lithograph*innen verschiedener Generationen und aus unterschiedlichen geografischen Kontexten zusammen, um Wissen, Erfahrungen und Fragen rund um eine künstlerische Praxis auszutauschen, die keineswegs statisch ist, sondern sich kontinuierlich weiterentwickelt.

Das Symposium war in zwei miteinander verbundene Bereiche gegliedert. Am Vormittag fanden Vorträge und Präsentationen statt, in denen die Teilnehmer*innen Forschungsprojekte, Erfahrungen oder Aspekte ihrer jeweiligen Praxis vorstellten. Am Nachmittag wurden diese Themen direkt in die Werkstatt übertragen und durch Demonstrationen und praktische Experimente vertieft.

Eine Besonderheit veränderte diese Struktur jedoch grundlegend: Die Werkstatt stand allen Teilnehmer*innen rund um die Uhr zur Verfügung.

Die Werkstatt war damit nicht nur der Ort für die geplanten Demonstrationen. Sie wurde zu einem permanenten Raum für Begegnung, Beobachtung, Gespräch, Experiment und Produktion. Fragen, die während eines Vortrags entstanden waren, konnten Stunden später vor einem Stein weitergeführt werden; eine Demonstration konnte von anderen Teilnehmer*innen erneut aufgegriffen werden; eine Technik konnte beobachtet, diskutiert und anschließend in die eigene Praxis integriert werden.

Das Wissen endete nicht mit dem Ende eines Vortrags.

Lernen unter Gleichberechtigten

Diese Struktur ermöglichte eine Form des Lernens, die sich von ausschließlich vertikalen Vermittlungsmodellen unterscheidet. In der Werkstatt konnte jemand mit großer Erfahrung in einer bestimmten Technik die Rolle der Lehrenden übernehmen – und zugleich selbst zum Lernenden werden, wenn er oder sie mit einer unbekannten Praxis konfrontiert wurde.

Dabei geht es nicht darum, Unterschiede in Erfahrung oder Wissen aufzuheben, sondern darum, sie in Bewegung zu bringen und miteinander zu teilen.

Lernen findet zwischen Generationen und unter Gleichberechtigten statt: durch Beobachten, Fragen, Ausprobieren, Fehler machen, Wiederholen und Teilen. Viele dieser Formen der Wissensvermittlung sind nicht zwingend an institutionelle Strukturen gebunden. Sie entstehen im alltäglichen Leben einer Werkstatt, dort, wo technisches Wissen auf Körper, Materialien und konkrete Probleme der Praxis trifft.

Tidaholm war in diesem Sinne auch eine Erfahrung darüber, wie eine (internationale!) Lerngemeinschaft entstehen kann.

Viele Formen, Lithographie zu lehren, zu erlernen und zu praktizieren

Die Vielfalt der Präsentationen machte deutlich, dass es nicht nur eine einzige Möglichkeit gibt, Lithographie zu lehren oder zu praktizieren.

Per Andersson sprach über die Papiermühle von La Ceiba Gráfica und stellte die Verbindung zwischen Papierherstellung, grafischer Praxis und dem Aufbau von Gemeinschaften rund um technisches Wissen her.

Bemerkenswert: Der Film von Cathrine Alice Liberg aus Oslo sowie die Präsentation „Permeability of the paper“ von Abigail Mirro und Nicole  Kobylanski.

Miriam del Saz präsentierte die Erfahrung von La Nómada Gráfica sowie Arbeiten an der UPV, die sich mit Gemeinschaft und kollaborativen Lernprozessen beschäftigen. Ihre Präsentation öffnete den Blick auf künstlerische Bildung jenseits der Grenzen des Klassenzimmers und jenseits traditioneller Modelle der Wissensvermittlung.

Aus einem anderen geografischen und pädagogischen Kontext berichtete Satoru Itazu über die Lithografie in Japan, ihre Vermittlung an der Universität und über seine eigene Werkstatt, in der er Editionen entwickelt. Seine Präsentation zeigte, wie dieselbe technische Tradition unterschiedliche Formen annehmen kann, wenn sie sich durch verschiedene kulturelle und institutionelle Kontexte bewegt.

Brandon Gunn stellte Bildungsprogramme des Tamarind Institute als weltweit wichtigster Bildungseinrichtung für Lithographie vor, einer wichtigen Referenz für die Vermittlung und Professionalisierung der zeitgenössischen Lithographie. Brandon berichtete auf ganz lockere Art über die neuen didaktischen Angebote von Lithographie-Kursen, die gegenwärtig sehr viele, oft junge Leute begeistern.

Michal Günzburger eröffnete mit dem Projekt Drucken-Denken eine weitere Perspektive auf das Verhältnis von Denken, Praxis und grafischer Produktion.

Simoni Philippou präsentierte ihre Arbeit in ihrer Werkstatt auf Zypern und zeigte, wie sich lithographische Praxis in einem spezifischen geografischen und kulturellen Kontext entwickelt und vermittelt.

Patrycja Podkościelny brachte ihre Erfahrungen aus Grafikdesign und Lithografie ein und zeigte damit ein weiteres Feld des Austauschs: die Begegnung zwischen planographischen Techniken und den Anforderungen und Sprachen des zeitgenössischen Designs.

So unterschiedlich diese Erfahrungen waren, verband sie doch eine gemeinsame Frage:

Ein reichhaltiges Programm mit perfekter Balance zwischen Theorie, Praxis und persönlichem Erleben.

Wie vermitteln wir eine Praxis?

Tradition, Technik und Innovation

Die Demonstrationen und praktischen Erfahrungen vertieften diese Fragestellung.

Michael Barnes zeigte eine Demonstration zur Manier Noir-Technik und brachte damit ein Verfahren aus der Geschichte der Druckgraphik in den Dialog mit anderen graphischen Praktiken.

Eckhard Gehrmann präsentierte eine Demonstration zur Kruck Lithographie und machte dabei die unmittelbare Demonstration als eine wesentliche Form der Weitergabe technischen Wissens erfahrbar. (Hinweis: Christian Kruck gilt als bedeutendster Lithographie-Künstler und Lehrmeister, dessen sog. Steindruckmalerei ihn im Jahr 1975 als Ersten Preisträger des Internationalen Senefelder Preises qualifizierte. Eckhard Gehrmann als Krucks Schüler am Städel in Frankfurt am Main wurde selbst im Jahr 1991 als 1. Preisträger des Internationalen Senefelder Preises ausgezeichnet).

Franz Hoke zeigte, wie Aluminiumplatten für die Algrafie gekörnt werden, und eröffnete damit einen praktischen Dialog zwischen lithografischen Prinzipien und zeitgenössischen Verfahren auf Aluminium.

Danielle Creenaune stellte Mokulito vor und zeigte damit eine weitere Möglichkeit, lithografisches Denken durch alternative Materialien und Verfahren zu erweitern.

Peter Stephan entwickelte Demonstrationen und Experimente gemeinsam mit verschiedenen Künstler*innen, darunter Ana Pireva, und zeigte, wie technische Forschung zu einer gemeinsamen Praxis werden kann.

Ernst Hanke (1. Preisträger des Internationalen Senefelder-Preises 1984) arbeitete gemeinsam mit Rolf Maas und der Künstlerin Carolyn Muskat im Werkstattbereich und verband dort an allen Sympoiumstagen technisches Erfahrungswissen und Experiment unmittelbar mit der praktischen Produktion an einer originalen Offenbacher Schnellpresse von Faber&Schleicher.

Die Vielfalt der vorgestellten Verfahren machte etwas besonders deutlich: Tradition und Innovation sind keine zwangsläufigen Gegensätze.

Tradition erscheint nicht als ein abgeschlossenes Verfahren, das unverändert bewahrt werden muss. Sie kann vielmehr als Ausgangspunkt verstanden werden. Materialien verändern sich, neue Werkzeuge entstehen, neue Probleme tauchen auf – und damit auch neue Möglichkeiten.

Innovation bedeutet nicht zwangsläufig, die Tradition zu verlassen.

Manchmal bedeutet sie, zu einer historischen Technik zurückzukehren und zu fragen, welche neuen Möglichkeiten sie in der Gegenwart eröffnet.

Steine, Steinbrüche und Landschaft

Die Auseinandersetzung mit dem Stein erschien auch aus Perspektiven, die über seine rein technische Funktion hinausgingen.

Olivia Christen präsentierte Dokumentationen über Steinbrüche und lenkte damit die Aufmerksamkeit auf den materiellen Ursprung des lithografischen Steins und auf die Landschaften im deutschen Solnhofen, aus denen er stammt.

Ann Kristin Källström aus Schweden stellte ein künstlerisches Projekt vor, in dem Steine in der Landschaft ausgestellt werden. Der Stein ist damit nicht mehr nur eine Matrix, die ein Bild aufnimmt, sondern wird zu einem Objekt, das bewegt, betrachtet und neu interpretiert werden kann.

Diese Erfahrungen machen eine Frage, die meine eigene Forschung begleitet, besonders relevant:

Wohin gehen die Steine?

Ein lithographischer Stein ist selbstverständlich ein materielles Objekt. Gleichzeitig kann er als Träger von Erinnerung verstanden werden. Er bewegt sich zwischen Werkstätten und Generationen, wechselt den Besitzer, nimmt neue Bilder auf und sammelt Spuren und Nutzungen.

Doch die Steine reisen nicht allein.

Mit ihnen reisen Verfahren, Gesten, Wissen und Formen des Verständnisses einer Technik.

Zu fragen Wohin gehen die Steine? bedeutet deshalb auch zu fragen: Wohin geht das Wissen?

Wer bewahrt es?
Wer gibt es weiter?
Was geschieht, wenn eine Technik von einer Werkstatt in eine andere gelangt?
Was bleibt erhalten?
Was verändert sich?

In Tidaholm tauchten diese Fragen immer wieder auf, auch wenn sie nicht immer ausdrücklich formuliert wurden.

Von der Werkstatt ins Museum, von der Gemeinschaft zur Edition

Auch die Verbindung zwischen Technik, Edition und der Zirkulation von Wissen wurde durch verschiedene Projekte sichtbar.

Cora Texier aus Paris präsentierte das Editionsprojekt von Anthese Litho für die Produktion der Matisse-Ausstellung im Centre Pompidou. Ihre Präsentation zeigte, wie das technische Wissen einer Druckwerkstatt in groß angelegte Ausstellungs- und Editionsprojekte einfließen kann.

Lithografie bewegt sich ständig zwischen unterschiedlichen Kontexten:

• von der Werkstatt zur Universität,
• von der Universität zur Gemeinschaft,
• vom Steinbruch in die Werkstatt,
• von der Werkstatt ins Museum,
• vom Atelier der Künstler*innen in die Landschaft.

Und bei jeder dieser Bewegungen verändert sich etwas.

Work in progress…

Die Werkstatt als Form des Widerstands

Diese Erfahrung bestätigte eine Idee, die auch meine eigene pädagogische Arbeit begleitet: Die Werkstatt kann eine Form des Widerstands sein.

Ein Widerstand gegen das Verschwinden technischen Wissens; gegen den Verlust von Orten, an denen dieses Wissen praktiziert und weitergegeben werden kann; und gegen die Vorstellung, künstlerisches Wissen sei etwas Individuelles, Abgeschlossenes oder ausschließlich Institutionelles.

Die Werkstatt bietet eine andere Logik.

Sie ist ein Ort, an dem Wissen mit den Händen entsteht, aber ebenso durch Gespräche, Fehler, Fragen und gemeinsam verbrachte Zeit.

In Tidaholm haben wir uns alle als Gleichberechtigte im Dialog erlebt.

Das bedeutet nicht, dass alle dasselbe wussten. Im Gegenteil: Der Reichtum der Begegnung lag gerade in den Unterschieden. Jede/r Teilnehmer/in brachte eine spezifische Erfahrung mit und konnte diese mit der Gruppe teilen.

Wissen wurde dadurch von etwas, das ausschließlich der Person gehört, die es besitzt, zu etwas, das geteilt, verändert und weitergegeben werden kann.

Diese Form des Lernens ist gerade in einer Disziplin wie der Lithographie von besonderer Bedeutung. Ein wesentlicher Teil des technischen Wissens liegt in Gesten, Beobachtung und materieller Erfahrung und kann nicht vollständig durch Texte oder Anleitungen vermittelt werden.

Von den sozialen Netzwerken zu den Körpern

Eine der bereicherndsten Erfahrungen war es, Kolleg*innen, denen viele von uns seit Jahren in den sozialen Netzwerken folgen, plötzlich persönlich gegenüberzustehen.

In einer Zeit, in der ein großer Teil unserer professionellen Kommunikation über digitale Plattformen mit Fotos und Videos stattfindet, verwandelte die physische Begegnung diese virtuellen Beziehungen in materielle Erfahrungen: einen Stein gemeinsam zu bearbeiten, eine Demonstration zu beobachten, Papier in den Händen zu halten, über eine Farbe zu sprechen oder jemandem bei der Arbeit zuzusehen.

Kolleg*innen aus verschiedenen Teilen Europas, Asiens und Amerikas brachten ihre eigenen Geschichten, Materialien, Methoden und Arbeitskontexte mit.

Das internationale Netzwerk der Lithographie erhielt dadurch eine weitere Dimension. Es war nicht mehr nur ein Netzwerk aus Bildern und Ergebnissen, sondern ein Netzwerk aus Menschen, Werkstätten, Steinen, Werkzeugen, Papieren, Farben und Wissen.

Lernen an einem gemeinsamen Tisch

Die gemeinsamen Frühstücke waren ein scheinbar einfacher, aber zugleich sehr bedeutender Teil der Erfahrung.

Bevor wir in die Werkstatt gingen, trafen wir uns an einem gemeinsamen Tisch. Dort wurden Gespräche vom Vortag fortgesetzt, neue Fragen entstanden und Geschichten aus den verschiedenen Ländern und Arbeitszusammenhängen ausgetauscht.

Diese informellen Momente erinnern daran, dass eine Gemeinschaft nicht allein um eine Technik herum entsteht.

Sie entsteht auch an einem gemeinsamen Tisch.

Die Pädagogik der Begegnung fand sowohl in einer lithographischen Demonstration als auch in einem Gespräch beim Frühstück statt. In beiden Fällen entstand etwas, das schwer messbar, aber grundlegend ist: Vertrauen und ein Gefühl der Zugehörigkeit.

Ein generationenübergreifendes Netzwerk

Vielleicht war es eine der bewegendsten Erfahrungen des Treffens zu erkennen, dass Wissen weiterhin über Generationen hinweg weitergegeben wird.

In einer Zeit, in der viele handwerkliche Praktiken und historische Techniken vom Verschwinden bedroht sind, zeigt die Begegnung mit Künstler*innen, Lehrenden, Drucker*innen und Studierenden, die sich für Lithographie interessieren, dass die Technik weiterhin neue Körper und neue Fragen findet.

Bildung und Wissensproduktion in der Kunst reisen, verändern sich und breiten sich aus.

Sie bewegen sich nicht notwendigerweise linear und auch nicht ausschließlich innerhalb von Institutionen. Sie zirkulieren zwischen Werkstätten, Schulen, Universitäten, Begegnungen, Publikationen und Gemeinschaften. Sie werden von Lehrenden an Studierende weitergegeben, aber ebenso von Studierenden an Lehrende, von Kollegin zu Kollegin und von einer Generation an die nächste.

Dieses generationenübergreifende Netzwerk verweist letztlich auf eine Demokratisierung planographischer Techniken: Wissen soll zirkulieren können, Werkzeuge sollen gemeinsam genutzt werden können, und immer mehr Menschen sollen nicht nur Zugang zu den Ergebnissen einer Technik erhalten, sondern auch zu dem Wissen, das notwendig ist, um sie zu verstehen und weiterzuentwickeln.

Eine Begegnung, die weitergeht

Als wir in unsere jeweiligen Werkstätten zurückkehrten, nahm jede*r von uns neue Fragen, Verfahren, Materialien, Kontakte und Erfahrungen mit. Aber auch etwas weniger Greifbares: die Gewissheit, Teil einer internationalen Gemeinschaft zu sein, die geografische, institutionelle und generationelle Grenzen überschreitet.

Der Wert eines Treffens wie Tidaholm in Schweden liegt deshalb nicht allein in den erlernten Techniken oder den gezeigten Demonstrationen. Er liegt ebenso darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen Wissen frei zwischen Menschen zirkulieren kann, die eine gemeinsame Praxis teilen und sie gleichzeitig verändern.

In diesem Sinne möchte ich mich besonders bei Patrick Wagner, dem Organisator des Symposiums, für seine enorme Arbeit und dafür bedanken, dass er die Voraussetzungen für diese Begegnung geschaffen hat.

Mein Dank gilt ebenso Bill Haberman und Jean Michael Schmidt als großartige Koordinatoren der Werkstatt und der Workshops in Tidaholm, für ihre Offenheit, ihre Großzügigkeit und dafür, dass sie die Werkstatt während des gesamten Treffens zu einem offenen, einladenden und lebendigen Ort gemacht haben.

Unser Dank gilt außerdem dem Verein, der das Symposium finanziell unterstützt hat. Diese Unterstützung war von großer Bedeutung, um diesen internationalen Raum für Austausch, Lernen und Wissensvermittlung zu ermöglichen.

Die Steine werden weiterreisen.

Und mit ihnen werden weiterhin Wissen, Fragen und Gesten derjenigen reisen, die mit ihnen arbeiten.

Vielleicht liegt genau darin einer der Gründe, warum die Lithografie lebendig bleibt:

Jede Generation übernimmt eine Tradition, aber keine Generation ist verpflichtet, sie genau so weiterzugeben, wie sie sie vorgefunden hat.

Sie übernimmt sie, arbeitet mit ihr, verändert sie – und gibt sie weiter.


Addendum

Eckhard Gehrmann beim Demonstrieren der kreativen Steindruckmalerei von Christian Kruck.

Addendum

Weitere Impressionen und Erläuterungen von Eckhard Gehrmann, der mit einem Vortrag sowie Exponaten am Symposium in Tidaholm beigetragen hat.

Dank an Lorena, Du hast einen wunderbaren Text geschrieben und die weltweite Lithogemeinschaft sehr gut dargestellt. Der freie, freundschaftliche Austausch von Fachwissen in solch einem Umfang war grandios. Der einzige Nachteil, man konnte nicht überall sein.

Ich habe mit Tonertusche eine Lasur auf einen Stein gezeichnet, um die Arbeitsweise von Christian Kruck an der Frankfurter Städelschule vorzustellen. Das anschließende Reduzieren in vielen Schritten in mehreren Farben kannten viele wohl nicht.

Die vielen Gespräche während der Arbeit waren sehr wichtig und ich habe viele neue Anregungen erhalten. Und dann sehe ich diese Hände vor mir, die meinen Stein feuchten. Ich kenne sie von Instagram, es sind die Hände von Saturo Itazu aus Tokyo. Und schon drucken wir zusammen ganz selbstverständlich ohne viele Worte. Wieder kommen andere hinzu, denen ich mein Material gebe, um damit Versuche zu machen.

Noch ergänzen sollte man, Bill Haberman und Jean Michael Schmidt sind die Werkstattleiter. Jean Michael musste am ersten Tag zur Beerdigung seines Vaters, so war es ein bisschen chaotisch. Später aber ging alles gut.

Tidaholm hat eine unglaubliche Werkstatt, ich glaube 10 Handpressen. Manches ist nicht in ganz so gutem Zustand, aber es kostet, so weit ich weiss, nichts um dort zu arbeiten.

Ein anschauliches Kurz-Video der legendären Schnellpresse Made in Offenbach in Aktion mit Ernst Hanke und Rolf Maas gibt es bei Stone Lithography auf Facebook. Link im Text.

Ernst Hanke und Rolf Maas haben an der Schnellpressee von Faber und Schleicher aus Offenbach eine Auflage gedruckt. Überhaupt Ernst Hanke, er ist der Größte, er reist mit über 80 Jahren durch Europa und die Welt (aktuell in China) gibt sein Wissen freigebig weiter. Dabei repariert er noch die Maschinen. Rolf Maas ist vom Steindruckmuseum in Holland. Ernst hat vor Kurzem dort gearbeitet und ihm vieles gezeigt.

Peter Stephan hat die ganze Woche den Auflagendruck mehreren Teilnehmern des Symposiums gezeigt.

Laurent Nikolai zeigte seine Farben, wie bei uns, beim ISS-Kolloquium in Offenbach.

Und Jim Berggren/ Eric Saline/ Bill Haberman haben die ganze Woche in einem eigenen Gebäude an einer Großen Flachbettpresse von Platten gedruckt zusammen mit den Chinesischen Teilnehmern.

Noch eine Anmerkung bezüglich der Neuen und Alten Techniken:

Wir selbst haben bei der Senefelder Preisvergabe eine „Neue Experimentelle Technik“ bevorzugt und die „alten“ Techniken nicht so stark berücksichtigt, um die Lithographie interessant zu halten.

Ich finde, die Neuen und die alten Techniken waren in Tidaholm sehr gut vertreten. Ich habe z. B. mit einer hervorragenden neuen Federfarbe, entwickelt von Brandon Gunn mit Cranfield, nach der alten Technik gedruckt.

Schönen Gruß

Eckhard Gehrmann, Friedrichsdorf, Hessen


Tidaholm Impressionen von Liesa und Eckhard Gehrmann

Hinweise

Das 10. Internationale Lithographie Symposium in Tidaholm wird im Jahr 2030 stattfinden.

Zuvor, 2028, wird der 14. Internationale Senefelder-Preis verliehen werden. Einreichungen sind noch bis 12. März 2027 möglich. Die Teilnahmeunterlagen können auf der Stiftung Website angesehen und runtergeladen werden.


Lesetipp

Würdigung von Christian Kruck zu dessen 100. Geburtstag am 12. Februar 2025.


English Summary

Litho-Love: Why Tonnes of Stone Hold the Key to Our Digital Fatigue

Introduction: The Longing for the Tangible

In an era where the lifespan of an image is measured in milliseconds and fleeting algorithms dictate our visual consumption, what happened in the Swedish town of Tidaholm in the summer of 2026 feels almost like a rebellious act of defiance. While the world drowns in the cult of “instant print,” artists grind tonnes of Solnhofen limestone, labor for hours with greasy crayons, and subject the stones to intricate chemical processes—all for the sake of a single, perfect print on paper.

Why endure such immense physical labor in today’s world? The answer lies in the 9th International Lithography Symposium. Every four years, this unassuming Swedish town transforms into the “epicenter of the graphic art world.” It’s a place of radical deceleration, where craftsmanship isn’t a nostalgic relic but a vital, physical counterbalance to the superficiality of the digital age.

The Vulcan Island: Where Industry Inspires Art

At the heart of this artistic revolution is the “Vulcan Island” in Tidaholm. Once dominated by industrial production, this former factory site now breathes with the creative energy of the Lithographic Academy’s workshops. The transformation of this industrial relic is a curatorial statement—it symbolizes the enduring power of art amid industrial change.

Organized by Patrick Wagner, Tidaholm became a true “art village” for two weeks. The exhibitions weren’t confined to sterile museum spaces but spread across three galleries throughout the town. This spatial integration sends a powerful message: when old industries fade, the human drive for material creation remains a steadfast foundation.

Innovation Through Resistance: The Rediscovery of Slowness

A highlight of the symposium was the project “Printing on the Schnellpresse”. Under the guidance of lithography legends Ernst Hanke—a master over 80 years young who still shares his expertise worldwide—and Rolf Maas, mechanical giants from Faber & Schleicher in Offenbach am Main were brought back to life.

This act of “renovatio” is far more than a technical revival. Operating these tonne-heavy presses demands physical presence—a stark contrast to the detached precision of modern inkjet printing. Innovation here also means reimagining materials: Brandon Gunn (Tamarind Institute) collaborated with Cranfield to develop a new “fountain solution,” blending ancient techniques with cutting-edge chemistry.

This deep connection has sparked a global movement under the banner “Litho Love.” Participant Danielle Creenaune captured the essence:
“After a week of intense exchange, I feel so inspired and fulfilled by this ‘Litho Love’… it’s an incredible journey to Sweden.”

The 24/7 Workshop: A Pedagogy of Connection

Perhaps the most radical decision by the organizers was opening the workshops round the clock. The workshop became a living space, fundamentally changing the dynamics of learning. While daytime lectures at the Marbodal Center provided theoretical insights, the nights were dedicated to hands-on experimentation with stone. Ideas weren’t just discussed—they were lived.

Vertical hierarchies dissolved here. What emerged was a “pedagogy of encounter” that transcended institutional boundaries. Seasoned masters became learners, and the “virtual relationships” once known only through Instagram images of hands on stone transformed into real, tangible experiences. Together, they held the paper, felt the stone’s dampness, and exchanged ideas over breakfast at a long table. It’s this social fabric—peaking in the traditional “Lithographers’ Party”—that sustains the community as much as the chemistry that binds ink to stone.

Tradition as a Starting Point: Technical Depth

The symposium proved that tradition is not a museum piece but a launchpad for contemporary discourse. The technical diversity was vast and international—here’s a glimpse:

Kruck Lithography: Eckhard Gehrmann, a student of the legendary Christian Kruck, demonstrated “stone painting” using toner ink and glazes—a process where the image is gradually reduced through multiple steps.

International Avant-Garde: Satoru Itazu brought Japanese tradition to the table, Simoni Philippou shared insights from her workshop in Cyprus, and Brandon Gunn showcased the professionalization efforts of the U.S.-based Tamarind Institute.

Hybrid Techniques: Whether Danielle Creenaune’s Mokulito (lithography on wood) or Franz Hoke’s Algrafie (on aluminum plates), the boundaries between classical stone printing and modern methods are fluid.

Innovation often means returning to historical techniques to uncover new possibilities in their very resistance to speed and disposability.

Where Do the Stones Go? The Journey of Knowledge

A stone is far more than a printing plate; it is a “carrier of memory.” This became especially clear when Olivia Christen documented the Solnhofen quarries, while Ann Kristin Källström presented a project where stones were returned to the landscape after serving as artistic media. The stone re-enters nature, its purpose fulfilled.

Lorena Pradal posed the pivotal question: “Where do the stones go?” Because with the stones travel techniques, gestures, and knowledge itself. When Satoru Itazu from Tokyo casually moistens a colleague’s stone, two cultures communicate wordlessly through the material.

Prof. Dr. Gerhard Kilger, Chairman of the International Senefelder Foundation, summed it up perfectly:
“It was truly impressive to see how, during the inspiring days in Tidaholm, lithographers from around the world came together in enthusiasm, exchanged ideas, and formed new friendships. What struck me most was the diversity of experimental and playful applications of lithographic techniques.”

Conclusion: A Print That Endures

The symposium in Tidaholm demonstrated that lithography functions as a “lab for the future.” The workshop is a form of resistance—against the erosion of technical knowledge and the fleeting nature of our digital existence. It’s not just about printed paper; it’s about the quality of engagement with the world.

At its core, the event leaves us with a fundamental question for our own, often digitally exhausted lives: What could we learn about the quality of our own creative work if we dedicated the same persistence, humility, and physical devotion to our ideas as lithographers do to a single, perfect print?

Perhaps this slow, laborious process is the only way to leave traces that aren’t washed away with the next feed update.


Notes


The 10th International Lithographic Symposium will return to Tidaholm in 2030.

Before then, in 2028, the 14th International Senefelder Prize will be awarded. Submissions are open until March 12, 2027. Application documents can be viewed and downloaded on the foundation’s website:
https://www.senefelderstiftung.com/de/senefelder-award-2028/


Jackson Pollock beim Action Painting: Offen für das Kommende. Ohne es kontrollieren zu wollen!

Die 150-Jahre-Baustelle: Warum wir aufhören müssen zu verwalten und anfangen müssen zu malen

Zusammenfassung des Podcast „Zukunft“ aus der Reihe „Besser Leben. Schöner Sterben.“ von Andreas Weber und dem Arzt David Sonntag.

1. Einleitung: Das Frösteln vor dem Morgen

Der Wind dreht sich. Es fröstelt uns. Nicht vor der Kälte, sondern vor dem Ungewissen. Wir blicken auf die kommenden Jahrzehnte und spüren eine unterkühlte Unsicherheit. Ist die Zukunft ein drohendes Schicksal, das wie eine Kaltfront über uns hereinbricht? Oder ist sie ein Raum, den wir erst noch betreten und gestalten müssen? Die Kälte ist lediglich eine Einladung, sich zu bewegen. Sind wir bereit, die Starre zu überwinden?

2. Die Pollock-Methode: Zukunft beginnt in einer Sekunde

Wir begreifen die Zukunft oft fälschlicherweise als einen fernen Horizont. Doch die Wahrheit ist radikaler: Die Zukunft beginnt in einer Sekunde. Alles danach ist bereits Erlebtes, geronnene Vergangenheit. Um diesen Übergang zu meistern, hilft uns die Ästhetik des Jackson Pollock. Sein „Action Painting“ war kein Plan, sondern ein Prozess. Die Leinwand lag auf dem Boden, die Farbe floss, spritzte und tropfte.

Das Bild entstand im Tun, ohne dass das Endergebnis vorab feststand. Diese Offenheit gegenüber dem Unbekannten ist das Fundament jeder Innovation. Wer krampfhaft am Status Quo festhält, gleicht einer Innovationsbremse, die aus Angst vor Fehlern die Leinwand weiß lässt. Wir müssen lernen, das Bild im Prozess zu entdecken, anstatt das Gestern zu verwalten.

3. Die 120-Jahre-Realität: Wenn das Leben zur Dauerleihgabe wird

Wir stehen vor einer biotechnologischen Konvergenz, die unser Verständnis von Biologie sprengt. Die heutige Medizin agiert oft noch als bloße „Krankheitsverwaltung“ – sie managt Defizite, anstatt die Gesundheit nachhaltig zu potenzieren, wie David Sonntag festgestellt. Doch der Gezeitenwechsel steht bevor:

In 10 Jahren: Die durchschnittliche Lebenserwartung erreicht die 120-Jahre-Marke.

In 30 bis 40 Jahren: Ein Alter von 150 Jahren wird zur statistischen Normalität.

Whole Genome Sequencing (WGS): Mit einem Preis von etwa 650 $ (bereits heute in den USA und China Realität) ist der demokratische Tipping Point erreicht. Die Entschlüsselung des eigenen Genoms via App wird zum Standard-Werkzeug.

Epigenetik: Wir begreifen unsere Gene nicht mehr als starres Schicksal, sondern als ein Set von Schaltern, die wir durch aktives Handeln und Prävention selbst steuern können.

4. Von Brain-Chips und lebenden Prozessoren

Die Grenze zwischen Mensch und Maschine erodiert. Während europäische Debatten oft in ethischer Bedenkenträgerei verharren, hat China die Phase der Tierversuche bereits hinter sich gelassen. Dort existieren längst Zulassungen, um Computerchips direkt in menschliche Gehirne zu implantieren. Noch beunruhigender und zugleich faszinierender ist das „Biological Computing“: Prozessoren, die mit lebenden menschlichen Gehirnzellen arbeiten. Die Hardware wird biologisch, der Mensch wird technologisch.

„Die Zeit, die es braucht, um über das Vergangene zu grübeln, fehlt, um die Zukunft zu gestalten.“

Wenn das Menschliche in die Technik transponiert wird und Chips in unsere neuronalen Netze wandern, ist eine tiefe ethische Reflexion unumgänglich. Während wir noch über das Vergangene grübeln, schaffen andere bereits vollendete Tatsachen.

5. Das Ende der Beschäftigungstherapie: Die 23-Stunden-Woche

Die Politik präsentiert uns oft „Reformpakete“, die sich bei näherem Hinsehen als bloße Flickenschusterei entpuppen – eine Reparatur der Vergangenheit, verkauft als Wurf für die Zukunft. Während man uns zuruft, wir müssten „mehr arbeiten“, zeigt die technologische Realität einen anderen Weg: Die 23-Stunden-Woche. Durch die Effizienz der KI wird Arbeit im klassischen Sinne zur Option.

Hier trennt sich die Spreu vom Weizen: „Beschäftigungstherapie“ vs. echtes „Wirken“. Ein 93-jähriger Schülerlotse, der jeden Morgen Kinder sicher über die Straße geleitet, ist kein Opfer des Arbeitsmarktes. Er ist ein Meister seiner eigenen Leinwand. Er arbeitet nicht für eine Bilanz, er wirkt für einen Sinn. Effektivität schlägt Effizienz; das Ziel ist nicht das Hamsterrad, sondern die Gestaltung von Lebensqualität.

6. Vorstellungskraft schlägt Wissen

Warum versagen unsere Prognosen? Weil Wissen stets ein Rückspiegel ist. Es basiert auf dem, was war. Albert Einstein wusste: „Wissen ist nichts im Vergleich zur Vorstellungskraft.“ Um wirklichen Fortschritt zu erzielen, müssen wir das Unmögliche denken und die Gabe der Vision kultivieren.

Andreas stellt im Podcast hierzu ein mutiges Postulat auf: Die 80/20-Regel der Selbstbestimmung. Er wettet darauf, dass 80 % unseres Lebens von uns selbst gestaltbar sind, während nur 20 % sich unserem Einfluss entziehen. Wer sich hinter den 20 % versteckt, betreibt Planwirtschaft des Geistes. Wahre Innovation braucht den Mut, sich jenseits des Wissensstandes neu zu erfinden.

7. Das Mantra der Zukunft: Be More Human

In einer Ära maximaler Technisierung wird „Be More Human“ zum ultimativen ethischen Kompass. Wir stehen vor einer anthropozentrischen Wende: Je mehr humanoide Roboter – in 50 Jahren womöglich zahlreicher als Menschen – unseren Alltag bevölkern, desto kostbarer wird das spezifisch Menschliche.

Die Zukunft ist eine Self-fulfilling Prophecy. Wer nur in den Rückspiegel starrt, wird unweigerlich kollidieren. Wenn wir uns jedoch eine Zukunft vorstellen, in der Technik uns die Freiheit schenkt, empathischer, kreativer und menschlicher zu sein, dann erschaffen wir genau diese Realität. Maximale Technik verlangt als Gegengewicht eine maximale Menschlichkeit.

8. Fazit: Ein offener Möglichkeitsraum

Andreas und David sind sich einig: Zukunft ist kein Schicksal, das uns zustößt, sondern ein dynamischer Prozess, der uns Anpassung und Lernfähigkeit abverlangt.

Visionäre wie Steven Spielberg (in seinem jüngsten Film „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“) lehren uns in ihren Werken – etwa wenn sie die intellektuelle Tiefe einer Begegnung mit dem Unbekannten ausloten –, dass wir nicht allein sind in unserem Gestaltungsdrang.

Wir müssen aus dem Schneckenhaus des Frusts heraustreten. Die Leinwand liegt vor uns, die Farben sind gemischt. Was ist der erste Pinselstrich, den Sie heute auf Ihre 150-jährige Leinwand setzen werden?


Links zum Podcast auf:

Spotify https://open.spotify.com/episode/43qvTUgaWumzay1hoXTuAa?si=XnRNq2WrSGySXx67VSt7vA

YouTube https://youtu.be/TskVRqv2Kkg?is=QoXFkZi5q55zMxiy


Erstes Manifest von den #PrintIsBack Podcast-Machern Jacques Michiels und Andreas Weber

Den Podcast #PrintIsBack gibt es auf Spotify, Apple etc. sowie via YouTube bei #PrintIsland.

Selbstwirksamkeit, Technologiepluralismus und strukturierte Erkenntnis als Schlüssel zum Erfolg

Warum Print mehr braucht als Parolen

Die Druckbranche steht vor einem Wendepunkt: Statt sich in kurzfristigem Aktionismus oder ideologischen Grabenkämpfen zu verlieren, sollte sie Selbstwirksamkeit, Technologiepluralismus und einen strukturierten Erkenntnisprozess in den Mittelpunkt stellen. Print entfaltet seinen Wert nicht durch leere Floskeln, sondern durch seine konkrete Wirkung auf Wahrnehmung, Erinnerung und menschliche Speicherbildung – besonders im Zusammenspiel mit digitalen Technologien.

Doch wie gelingt der Schritt von der „Säuglingserkenntnisphase“ zu einer reifen, lernenden Branche? Dieser Beitrag zeigt konkrete Initiativen, Handlungsanleitungen und einen Fahrplan für nachhaltige Veränderung.

1. Kernprobleme der Druckbranche: Was wirklich zählt

Die Branche leidet unter drei zentralen Defiziten:

❌ Fehlende Selbstwirksamkeit
Viele Akteure handeln reaktiv statt proaktiv – getrieben von Marktveränderungen, ohne eigene Gestaltungsmacht zu definieren.

❌ Veraltete Technologie-Debatten
Die Auseinandersetzung zwischen Offset, Digitaldruck & Co. blockiert Fortschritt. Dabei ist Technologiepluralismus längst Realität – die Frage ist nicht entweder/oder, sondern wie kombinieren wir das Beste aus allen Welten?

❌ Oberflächlicher Erkenntnisgewinn
Events, Marketinggetöse und Claqueure verzerren den Blick auf echte Innovationen. Statt fundierter Daten und Erfahrungsaustausch dominieren oft Hype und Einzelschicksale.

2. Strategien für mehr Selbstwirksamkeit: Ein 3-Stufen-Plan

🔹 Stufe 1: Selbstwirksamkeit definieren – wer beeinflusst was?

Frage: Welche Hebel hat die Branche – und jeder Einzelne – um die eigene Situation aktiv zu gestalten?

Checkliste für Führungskräfte:


✅ 1x pro Quartal ein „Selbstwirksamkeits-Meeting“ abhalten: Was können wir selbst beeinflussen – und was nicht?


✅ Mitarbeiterfeedback systematisch einholen (z. B. über anonyme Umfragen oder Retrospektiven).


✅ Kundenbeziehungen auf langfristige Partnerschaften ausrichten (z. B. durch Abo-Modelle für Print-Services).

🔹 Stufe 2: Technologiepluralismus leben – Vielfalt als Stärke

These: Print ist kein „entweder/oder“, sondern ein „sowohl/als auch“.

Checkliste für die Praxis:


✅ Technologie-Audit: Welche Verfahren sind im Unternehmen bereits etabliert? Wo gibt es Synergien?


✅ Pilotprojekte starten: Z. B. Digitaldruck + KI für personalisierte Mailings testen.


✅ Lieferanten diversifizieren: Nicht nur einen Technologiepartner, sondern ein Netzwerk aufbauen.

🔹 Stufe 3: Erkenntnis systematisch generieren – von Daten zu Handeln

Definition: Erkenntnis ist kein Zufall, sondern ein kontinuierlicher Prozess aus Wahrnehmung, Erfahrung und Reflexion.

Checkliste für Erkenntnisgewinn:


✅ 1x pro Monat eine „Erkenntnis-Session“ einberufen: Was haben wir gelernt – und was bedeutet das für unsere Strategie?


✅ Externe Perspektiven einbeziehen:Gastvorträge von Tech-Experten, Kunden oder Wissenschaftlern.


✅ Daten nutzen, um Marketing zu justieren: Nicht auf Bauchgefühl, sondern auf Fakten setzen (z. B. A/B-Tests für Print-Kampagnen).

3. Wie KI die Selbstwirksamkeit stärkt: Vier konkrete Anwendungsfälle

Künstliche Intelligenz ist kein Feind, sondern ein Enabler für mehr Kontrolle und Effizienz.

Checkliste für KI-Integration:


✅ Pilotprojekt starten: Z. B. KI-gestützte Layout-Optimierung für Verpackungen testen.


✅ Datenqualität sicherstellen: Saubere, strukturierte Daten sind die Basis für KI-Erfolge.


✅ Mitarbeiter schulen: KI ist kein Selbstläufer – Schulungen zu Tools wie Adobe Firefly oder Canva Magic Design sind essenziell.

4. Fazit: Print neu erfinden – aber richtig

Die Druckbranche steht vor einer einmaligen Chance:

  • Von der Defensive in die Offensive wechseln: Nicht auf den Untergang warten, sondern Print als strategisches Medium neu definieren.
  • Technologie nicht als Bedrohung, sondern als Werkzeug begreifen – besonders KI und digitale Ökosysteme.
  • Erkenntnis als Prozess etablieren: Daten sammeln, reflektieren, handeln – und das kontinuierlich.


Die zentrale Frage lautet nicht:
„Wie retten wir Print?“
Sondern:
„Wie gestalten wir Print so, dass er seine volle Wirkung entfaltet – für Kunden, Mitarbeiter und die Gesellschaft?“


📌 Next Steps: Wo anfangen?

Wenn Sie die „Säuglingserkenntnisphase“ hinter sich lassen wollen, starten Sie mit diesen drei konkreten Schritten:

🔹 1. Selbstwirksamkeits-Workshop(intern oder mit Partnern): Definieren Sie drei konkrete Ziele, die Sie selbst beeinflussen können – und legen Sie Messkriterien fest.


🔹 2. Technologie-Check: Analysieren Sie Ihr Portfolio – wo gibt es Synergien zwischen Offset, Digital und Online?


🔹 3. KI-Pilot: Starten Sie ein kleines, aber messbares Projekt (z. B. KI-gestützte Personalisierung) und evaluieren Sie die Ergebnisse nach drei Monaten.

Teilen Sie Ihre Erfahrungen!
Wie geht Ihre Druckerei oder Ihr Verlag mit diesen Herausforderungen um? Diskutieren Sie mit uns auf LinkedIn oder werden Sie Mitglied unserer #Printisback Community auf LinkedIn. Gemeinsam sind wir stärker. 🌱

Von Andreas Weber

Lang lebe #Print! Vor allem durch das Pflegen und Bewahren der hohen #Druckkunst. – Seit dem 15. März 2018 feiern wir in #Deutschland im Rahmen der Kultur des immateriellen Kulturerbes den sogenannten UNESCO #TagDerDruckKunst. Im Fokus stehen die künstlerisch genutzten grafischen Drucktechniken des Hochdruck, Tiefdruck und des Flachdrucks (besser gesagt: Chemischer Druck). Hier sind von Deutschland aus seit über 600 Jahren die wichtigsten Impulse gesetzt worden und in die ganze Welt gewandert.

Gestern, am 15. März 2025, durfte ich bei meinen guten Freund und Vorstandskollegen Eckhard Gehrmann in seinem Druckstudio in Friedrichsdorf nördlich von Frankfurt am Main sein. Eckhard und ich gehören seit langem dem Vorstand der Internationalen Senefelder Stiftung mit Sitz in Offenbach am Main an. 

Gut zu wissen!

Alois Senefelder hat vor über 200 Jahren mit der Erfindung des Chemischen Drucks das Medium Print nicht nur popularisiert, sondern wie kein anderer zuvor die Herstellung und Qualität von Printmedien nachhaltig innoviert. Durch den Chemischen Druck, bekannt auch als Lithographie – also das Drucken von Kalksteinplatten, später Aluminium –  konnten die Grundlagen gelegt werden für die modernen Flachdruck-Technologien, die wir als Offsetdruck kennen. Aber auch in der Halbleiter-Technologie ist der chemische Druck durch die sog. Photolithographie bis heute unverzichtbar. 

Fakt ist: durch die verfahrenstechnischen Eigenschaften und einzigartigen Vorteile der Lithographie inklusive der Vielfalt bzw. Güte an Farben und Farbpigmenten, die verwendet werden können, ist die Bebilderungsqualität des Chemischen Drucks unübertrefflich. Selbst modernste digitale Druckverfahren reichen daran nicht ran, was man einfach überprüfen kann, wenn man Original-Lithographien in anderen Druckverfahren reproduzieren möchte. Und auch die Darstellung auf Bildschirmmedien vermittelt eine andere Anmutung, die zwar beeindruckend ist, aber nicht die gleiche Wirkmechanismen besitzt wie der lithografisch-künstlerische Druck. Für mich steht fest: Künstler-Lithographien sind einzigartig in ihrer brillanten Darstellungsqualität und wirkungsvollen Vermittlung von gedruckten Inhalten aller Art. 

Eckhard Gehrmann führte gestern am #TagDerDruckKunst die Prinzipien des Chemischen Drucks vor. Und zeigte den interessierten Besuchern wie variantenreich und einzigartig hochwertigste Bilder gedruckt werden können, vom Kleinformat bis zum Grossformat (177 x 124 cm!). Dabei wird auch durch das Prinzip der sog. Non-Toxic-Lithography auf umweltbelastende Substanzen verzichtet. Es kommen ungiftige Lösungsmitteln und Druckfarben zum Einsatz. Auf seiner Website teilt der Künstler anschaulich seine Arbeit und sein Fachwissen.

Bei der Gestaltung der Bildmotive, die neben Zeichnen das Schreiben von Texten oder sogar im Tonerdruck vervielfältigte Fotos per Umdruckverfahren einschließen, sind keine Grenzen gesetzt. So gelingt eine Freiheit und Varianz bei der bildnerischen Formgestaltung mit raffinierten Effekten, wie sie anders kaum möglich sind. — Es sei denn, weltweit führende Special-Effect-Druckkunst-Spezialisten wie Günter Thomas und sein Team von GTTrendhouse42 in Gelsenkirchen, sind involviert :-).

Zum Video: Eindrücke vom 15. März 2025 in der Druckwerksatt von Eckhard Gehrmann in Friedrichsdorf bei Frankfurt am Main.


Aus Sicht der Nachhaltigkeit ist besonders hervorzuheben: Druckkünstler wie Eckhard Gehrmann, der übrigens bei dem legendären Steindruckmaler und Druckgrafik-Dozent Christian Kruck an der Städelschule in Frankfurt am Main ausgebildet wurde, schaffen Druckwerke, die nicht als kurzlebiges Verbrauchsgut verwendet werden, sondern hochwertige Sammlerstücke darstellen, die sorgsam bewahrt werden. Diese Druckwerke können auf Maschinen hergestellt werden, die nahezu unverwüstlich sind, über viele Dekaden eingesetzt werden bzw. aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammen können. Nachhaltiger geht es kaum, Oder?

Zum 100. Geburtstag — Fotos aus dem Nachlass-Archiv bei Florian Kruck, Hamburg

Alles Gute: Vor 100 Jahren, am 12. Februar 1925, wurde der herausragende Künstler Christian Kruck in Hamburg geboren. Jugend und die erste Studienzeit verbrachte er in der Dürer-Stadt Nürnberg an der Akademie der Bildenden Künste. Sein Kommilitone war unter anderen der Mainzer Gustl Stark, später hochangesehen mit seinen einzigartigen künstlerischen Prägetiefdrucken. 1949, wieder in Hamburg, heiratete Christian Kruck die Malerin Linde Körner. Das Paar zog 1953 nach Frankfurt am Main, da Christian Kruck auf Empfehlung von Erich Heckel zum Leiter der Druckwerkstätten an der Hochschule für Bildende Künste – Städelschule berufen wurde. Ab 1970 wurde er bis zu seinem Tod im Herbst 1985 auch Dozent für Druckgrafik.

„Mit Beginn der Tätigkeit an der Städelschule begann Christian Kruck, durch intensive Forschung und geschicktes Experimentieren die künstlerische Lithographie auf ein neues, bis dato unerreichtes Niveau zu heben. Das Ergebnis war die von ihm so benannte ‚Steindruckmalerei‘, gekennzeichnet durch das Drucken vieler Farben auf einem einzigen Stein“, erläutert Andreas Weber, Vorstandsmitglied der Internationalen Senefelder Stiftung, der Kruck als väterlichen Freund seit Kindheitstagen kannte. „Möglich wurde dies“, so Andreas Weber weiter, „da Christian Kruck eine Schreibtinte zum Vorzeichnen benutzte, die in den Stein eindrang, aber nicht mitdruckte. So konnte er passgenau Farbe um Farbe auftragen, was zu virtuosen Bilddarstellungen führte, die an Intensität und Farbkraft der Öl-Malerei in nichts nachsteht.“ Christian Kruck war aber nicht nur ein begnadeter Lithograph, sondern auch Maler, Bildhauer und verstärkt seit den 1970er Jahren Aquarellist.


Gut zu wissen: Infos von der Nachlass-Website von Christian Kruck

Auf der Website zu Christian Kruck wird zu seiner Lithographischen Arbeitsweise wie folgt erläutert: „Christian Kruck hat die Lithographie zu seinem persönlichen künstlerischen Ausdrucksmittel und Handwerkszeug gemacht. Statt Pinsel und Leinwand nutzt der Maler die besondere Beschaffenheit des Steines um Farben, Formen, Atmosphären und Stimmungen zu transportieren. Während beim üblichen lithographischen Farbdruck mehrere Steine verwendet werden, druckte Christian Kruck alle Farben von einem einzigen Stein.

Zunächst zeichnete er mit Schreibtinte die Konturen der zu druckenden Farbschicht auf ausgesuchte Kalkschieferplatten aus Solnhofen. Anschließend bearbeitete er die Oberfläche des Steins mit Wasser, Chemikalien und speziellen Farbmixturen und Materialien. Nach jedem Druckvorgang mit der Lithopresse wurde die gedruckte Farbschicht abgeschliffen, ohne dass dabei die Konturen der Schreibtinte verloren gingen.

In Ergänzung zu den ersten Flächen wurden jetzt die nächsten Motive aufgetragen, dann der Druck und Schleifvorgang wiederholt, bis alle Farben aufgetragen und die Bildkomposition abgeschlossen war. Bis zu 30 Farben hat Christian Kruck in einer Lithographie vereint. Für den aufwendigen Arbeitsprozess benötigte er nicht selten bis zu vier Wochen.

‚Die Farben überlagern sich in transparenten Schichten, gerinnen zu glasigen oder gedeckten Tönen, lösen sich in atomsphärisch wirkende Farbschleier auf und verdichten sich in Kernzonen‘. (Prof. Wilhelm Weber).


„Es geht mir nicht um die Vervielfältigung, sondern um die Vollkommenheit“ — Christian Kruck


Im Detail: Was macht die Lithographien von Christian Kruck aus?

Scan der Vorder- und Rückseite einer Originallithographie von Christian Kruck. Der Künstler hatte eine spezielle Technik, um auf der Rückseite einen zusätzlich Darstellungs-Effekt zu erzielen. Abbildung: Andreas Weber

Zur Bedeutung des Werks von Christian Kruck

Über seine lithografischen Erkenntnisse und Entdeckungen verfasste Christian Kruck bereits 1962 eine Schrift mit dem Titel „Technik und Druck der künstlerischen Lithographie“. Im selben Jahr 1962 erhielt er einen Lehrauftrag am renommierten Pratt Graphic Art Center in New York. „Keine Frage: Christian Kruck war im besten Sinne umtriebig, neugierig, stets auf Entdeckungsreisen, die ihn außer nach New York und Washington in den USA nach Italien, Spanien, Griechenland, Spanien, Israel und nach den Kanarischen Inseln führte“, erläutert Andreas Weber weiter. „Er konnte durch seine Bildwerke wie auch durch seine Erzählungen wunderbare Stimmungen vor allem rund um den Mittelmeer-Raum teilen. Insbesondere Italien galt seine große Leidenschaft.“

Die Kunstwelt war schon früh auf Christian Kruck aufmerksam geworden. Neben seiner Bekanntschaft mit Künstlerbund-Mitgliedern wie Erich Heckel, Otto Dix und Curth Georg Becker in den 1950er Jahren wurden Kunstexperten auf ihn aufmerksam. Der oben zitierte Kunst- und Lithographie-Experte Prof. Wilhelm Weber, seit Gründung der Internationalen Senefelder Stiftung im Jahr 1975 deren Beiratsvorsitzender bis 1999, stellte in seinem international anerkannten Standardwerk „Saxa loquuntur – Geschichte der Lithographie“ (1964 erschienen in München, London-New York und Paris) die hohe Bedeutung der Lithographie-Kunst von Christian Kruck vor. Ebenso wie Felix H. Man, der Christian Kruck in seinem Werk Artist’s Lithography (1970, London) würdigte. Für ausgewählte, bedeutende Künstler wie Emy Roeder und Oskar Kokoschka verwandelte er deren Vorlagen in künstlerische Lithographien.

Die Werke von Christian Kruck wurden in vielen Dutzend Ausstellungen gewürdigt und befinden sich über Deutschland hinaus in öffentlichen wie privaten Sammlungen in Amerika, England, Holland, Japan, Österreich und Schweiz. (Komplette Verzeichnisse sind in der Publikation der Edition H. W. Fichter „Christian Kruck – Italiens Tage“, 1998 in Frankfurt am Main erschienen).

Würdigungen durch die Internationale Senefelder Stiftung

„Mit Christian Kruck fand sich ein würdiger und hochverdienter Hauptpreis-Träger unseres allerersten Senefelder-Preises aus dem Jahr 1975. Wir werden sein Schaffen und Werk im Rahmen unserer Jubiläumsausstellung ‚50 Jahre Internationale Senefelder-Stiftung‘ im Offenbacher Haus der Stadtgeschichte besonders würdigen. Denn auch heute noch sind die künstlerischen Lithographien von Christian Kruck unerreicht und ein strahlendes Vorbild für nachfolgende Kunstschaffende“, wie Prof. Gerhard Kilger, Vorsitzender des Vorstands der Internationalen Senefelder-Stiftung, ausführt.

Und Eckhard Gehrmann, Vorstandsmitglied der Internationalen Senefelder Stiftung und Schüler von Christian Kruck, merkt an: „Christian Kruck hat zu seiner Zeit an der Frankfurter Städelschule die Druckgrafik als eigenständiges Medium durchgesetzt. In seiner Druckgrafik-Klasse hat er ganze Generationen von Studierenden für die Lithographie begeistert — unter anderem auch mich. In Christian Kruck’s Werkstatt herrschte eine ausgesprochen gute Gemeinschaft, eine große künstlerische Freiheit und seine Tür war, im wahrsten Sinne des Wortes, jederzeit offen.“


Weitere Informationen

Hinweis: Die vom Sohn Florian Kruck initiierte Website http://www.christiankruck.de/ gibt einen detaillierten Einblick in das Leben und Werk von Christian Kruck.


Informationen zu Internationale Senefelder Stiftung, dem Senefelder-Preis und der Jubiläumsausstellung 2025 finden sich auf der Website der Stiftung https://www.senefelderstiftung.de/