Die überraschende Vitalität der ‚alten’ Druckkunst
Blick in die Druckwerkstatt im Bernardbau. Foto: Thomas Lemnitzer
Oder: Warum wir wieder schwarze Finger brauchen
Wenn man den Bernardbau in Offenbach am Main betritt, wird man nicht von dem üblichen Summen unserer digitalen Geräte begrüßt, sondern von einem Duft. Eine Mischung aus frischer Farbe, Schmieröl und Terpentin – ein Hauch von Nostalgie. In einer Zeit, in der wir meist über die glatten Bildschirme unserer Smartphones streichen, fühlt sich die raue Oberfläche eines Solnhofener Kalksteins oder die Kühle einer metallenen Letter fast wie eine kleine Rebellion an.
Warum erlebt ein Handwerk, das von der Digitalisierung eigentlich schon abgeschrieben wurde, ein Comeback? Das „Hot Printing“ Druck-Festival in Offenbach gibt uns die Antwort: Wir sehnen uns nach etwas Greifbarem. Wir wollen nicht nur zuschauen, sondern die Welt wieder mit unseren Händen erleben.
Weltkarrieren starteten mit Steinplatten (und Mozart)
Dass dieses Festival in Offenbach stattfindet, ist kein Zufall. Die Stadt ist tief mit der Druckgrafik verbunden. Hier wurden Unternehmen wie Manroland zu Weltmarktführern, doch die eigentliche Revolution begann schon viel früher. Alois Senefelder erfand die Lithographie zwar in München, aber erst in Offenbach eroberte sie im 19. Jahrhundert die Welt.
Senefelder & André — ein Dreamteam, das Geschichte schrieb. Noch heute leitet Hans-Jörg André das über 250 Jahre erfolgreiche Familiengeschäft.
Johann Anton André, ein Verleger mit einem Gespür für das Besondere, erkannte das Potenzial der Steinplatten und erwarb den musikalischen Nachlass von Wolfgang Amadeus Mozart. Mit der neuen Technik konnte er Mozarts Partituren in einer Qualität und Menge vervielfältigen, die es vorher noch nicht gegeben hatte. Man könnte sagen, in Offenbach wurde die „Popkultur“ geboren. André machte Hochkultur für die breite Masse zugänglich und erschwinglich – eine Art Vorläufer der heutigen Indie-Print-Szene und der Risographie-Kultur.
Dieses Erbe ist kein altes Relikt, sondern das Fundament, auf dem moderne Gestalter heute experimentieren, um der Beliebigkeit digitaler Bilder zu entkommen.
„Elisabeth“: Ein fünf Tonnen schwerer Gigant aus Eisen
Mitten in der Druckwerkstatt, wo die Maschinen ratternd arbeiten, steht „Elisabeth“ (als Leihgabe der Internationalen Senefelder Stiftung, die ihren Sitz in Offenbach am Main hat). Elisabeth ist eine motorisierte, speziell angefertigte Flachdruckmaschine von beeindruckender Größe, die den industriellen Geist vergangener Zeiten verkörpert. „Sie wiegt fast fünf Tonnen, so viel wie ein großer Elefant“, beschreibt Werkstattleiter Dominik Gußmann die Maschine mit einem Hauch von Ehrfurcht.
Das Flaggschiff unter den Druckpressen: die Elisabeth von Manfred Hügelow aus der Sammlung der Internationalen Senefelder-Stiftung.
Während „Elisabeth“ für den effizienten, technisch ausgefeilten Druckvorgang steht, erlebt die manuelle Andruckpresse eine kleine Renaissance. Hier zeigt sich der schöne Kontrast zum maschinellen Flachdruck: Der Mensch ist der Taktgeber. Man muss die Kurbel mit etwas Kraft und dem richtigen Rhythmus bedienen – „Ruhig etwas schneller“, sagt Gußmann freundlich, damit das Druckbild schön scharf wird. Erst wenn das mechanische „Klick“ ertönt, ist alles fertig. Es ist eine schöne körperliche Erfahrung, die zeigt, wie ein Bild entsteht.
Experimentelle Alchemie: Von Mainwasser bis Borkenkäfer
Was die Besucher beim Festival begeistert, ist die Abkehr von der sterilen Perfektion. Das „Hot Printing“ – benannt nach einer Serie des experimentellen Druckers Hendrik Nicolaas Werkman – ist ein Spielplatz für Alchemisten. Hier wird die Technik zum Medium des Zufalls.
Stellt euch vor: Künstler sammeln Rückstände direkt vom Main und bannen sie auf Papier – das ist Wasserlithographie! Oder Materialdruck, bei dem Borkenkäfer zerfressene Rindenstücke in faszinierende, organische Druckstöcke verwandeln. Marina Kampka nennt das den „Wundermoment“. In der digitalen Welt können wir ja einfach „Strg+Z“ drücken und Fehler rückgängig machen. Im analogen Druck ist das anders: Ein Fehlgriff ist kein Datenmüll, sondern wird Teil des Kunstwerks. Diese Unvorhersehbarkeit, diese kleine Überraschung, die der digitalen Welt oft fehlt, macht jedes analoge Druckwerk zu einem einzigartigen Unikat.
Warum Handwerk plötzlich wieder „sexy“ ist
Die Sichtweise auf Handarbeit hat sich total gewandelt! Marina Kampka, heute 42, erinnert sich noch gut an ihre Studienzeit in Offenbach, wo Handwerk eher als uncool und altmodisch galt. Heute ist das genau umgekehrt: Wer sich die Hände schmutzig macht, ist voll im Trend. „Man merkt einfach, dass die Leute Handwerk brauchen, weil es immer weniger wird“, erklärt die Künstlerin Ina Hengstler den Wandel.
Hengstler, die für ihre Studien nach Japan und Südkorea gereist ist, bringt eine internationale Perspektive mit nach Offenbach. In Südkorea gibt es zum Beispiel eine lange Tradition des Handsatzes, die schon viel früher begann als bei Gutenberg; in Japan wird das Papierschöpfen und Buchbinden seit Jahrhunderten als Hochkultur gepflegt. Dieses Gefühl für Beständigkeit trifft in Europa auf eine Generation, die von der passiven Bildschirm-Welt genug hat.
Marina Kampka ergänzt: Es sei schön, „selbst etwas zu machen, nicht nur zu konsumieren. Und sich einfach mal die Hände schmutzig zu machen.“
Das bedrohte Erbe: Ein Hilferuf aus Blei
Aber hinter der Begeisterung des Festivals steckt auch ein bisschen Wehmut. Rainer Gerstenberg, mit 79 Jahren der letzte aktive Schriftgießer Deutschlands, steht vor den Trümmern seines Lebenswerks. Seit die Schließung des Darmstädter Hauses der Industriekultur Ende 2023 kam, darf er seine eigene Werkstatt nicht mehr betreten.
Stellt euch vor: Hier schlummern Schätze von unschätzbarem ideellem Wert – historische Maschinen aus der Zeit vor 1900 und über eine Million Matern, also Formen für lateinische, kyrillische und arabische Schriften. Das Ganze hat einen Sachwert von weit über 100.000 Euro! Leider droht diesen Schätzen die Verschrottung, weil das Land Hessen bisher noch keinen Platz für dieses wunderbare Erbe gefunden hat.
Dass das öffentliche Interesse an dieser Tradition riesig ist, zeigt die Tatsache, dass beim letzten Festival in Offenbach rund 2.500 Besucher dabei waren. Dorothee Ader, die Leiterin des Klingspor Museums, setzt sich mit voller Kraft für den Erhalt ein: „Das sind Zeugen eines riesigen Industriezweigs und echtes Kulturgut. Das darf einfach nicht verschwinden!“
Fazit: Die Zukunft ist analoger, als wir dachten! Die Renaissance der Druckkunst ist kein rückwärtsgewandter Kitsch, sondern eher ein Zeichen dafür, dass uns in der digitalen Welt etwas Wichtiges fehlt: die menschliche Wirksamkeit. Die Digitalisierung hat das Analoge nicht ersetzt, sondern vielmehr aufgewertet. Sie hat es vom Zwang der Massenproduktion befreit und zu einer Ausdrucksform für Individualität, Entschleunigung und Nachhaltigkeit gemacht.
Das Festival in Offenbach zeigt, dass die Sehnsucht nach Substanz wirklich generationsübergreifend ist. Wir brauchen die „schwarzen Finger“, um uns selbst in einer Welt zu spüren, die immer flüchtiger wird. Wann habt ihr das letzte Mal etwas mit euren eigenen Händen erschaffen, das man nicht einfach mit einem Klick wieder löschen kann?
Blick in die Druckwerkstatt im Bernardbau. Foto: Thomas Lemnitzer