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KI / AI

Bild: Screenshot aus KI Festival Video-Doku des Städel Museum

Die Welt dreht sich schneller als je zuvor. Push-Nachrichten, endlose Social-Media-Feeds und eine Flut KI-generierter Bilder prasseln unaufhörlich auf uns ein. So die Ausgangslage für eine spannende Podiumsdiskussion am 5. September 2026 beim Ki-Festival im Städel Museum.

Es diskutierten Johanna Zorn, Kay Voges, Christoph Koch, moderiert von Eva Schulz, das Thema „Macht Kunst resilient gegen den Overload?“ und lieferten inspirierende und zuversichtliche Antworten.

Fakt ist: Viele fühlen sich oft erschöpft und überfordert von dem, was der Autor Douglas Rushkoff als „Gegenwartsschock“ bezeichnet. Doch wie können wir in diesem digitalen Sturm nicht nur bestehen, sondern gestärkt daraus hervorgehen?

Die Diagnose: Der Kampf um unsere Aufmerksamkeit

Unsere Aufmerksamkeit ist zur knappsten Ressource geworden. Wir scrollen endlos durch Inhalte auf zweidimensionalen Bildschirmen, die uns in unserer eigenen Komfortzone halten. Algorithmen auf TikTok oder Instagram liefern uns zwar eine enorme emotionale Bandbreite, doch am Ende bleiben wir in einer Art Homöostase – wir reagieren nur noch, statt wirklich in die Tiefe zu denken. Das Problem ist nicht nur die schiere Menge an Informationen, sondern auch der gefühlte Zwang, ständig darauf reagieren zu müssen. Wir wechseln rastlos zwischen Aufgaben, was unsere Konzentration schwächt.

Kunst als kraftvolles Gegenmittel: Fokus, Reibung und dreidimensionales Denken

Genau hier setzt die transformative Kraft der Kunst im KI-Zeitalter an. Anders als Algorithmen, die auf gefällige Bestätigung abzielen, kann Kunst eine „Zumutung“ sein – im besten Sinne. Sie irritiert, fordert uns heraus und schafft Reibung.

  • Fokus trainieren: Ein Museums- oder Theaterbesuch zwingt uns, innezuhalten und uns bewusst einer Sache zu widmen. Diese Fokussierung ist eine essenzielle Kompetenz in einer Welt der ständigen Ablenkung.
  • Tiefe statt Fläche: Kunst öffnet einen dreidimensionalen Gedankenraum. Im Theater oder bei der Lektüre eines Buches versetzen wir uns in andere hinein und üben Empathie – die Fähigkeit, einen fremden Standpunkt einzunehmen. Es geht um echte Bewegung und Erschütterung, nicht um stoische Gleichmütigkeit.
  • Wahrheit im postfaktischen Zeitalter: In einer Zeit, in der Fakten und Fiktion verschwimmen, kann Kunst einen Ort der Wahrheit erschließen. So bringen Theater wie das Schauspiel Köln mit Produktionen wie „Geheimplan gegen Deutschland“ faktenbasierte, journalistisch recherchierte Geschichten auf die Bühne und werden zu „Medienhäusern“, die analoge und digitale Welten verbinden.

KI in der Kunst: Jenseits der Imitation – Ein neuer, nachhaltiger Weg

Während die Debatte oft von der Flut an KI-generiertem „Slop“ geprägt ist, der meist nur frühere Medien wie die Fotografie imitiert, entstehen bereits visionäre Alternativen. Die künstlerische Auseinandersetzung mit KI begann schon vor über einem Jahrzehnt und hat stets die unsichtbare Infrastruktur hinterfragt: den enormen Energieverbrauch, die Ausbeutung von Ressourcen und die prekäre Klickarbeit.


Zwischenruf zur Perspektive von KI

Ein wegweisendes, noch nicht öffentliches Forschungsprojekt (Projektname LOSSI), das seit 2024 entwickelt wird, zeigt, dass es anders geht. In ihrer Live-Videosession „AI: ARTIST INCLUDED“ gab die Künstlerin Hito Steyerl, (seit 2024 als Professorin für Aktuelle Digitale Medien an der Akademie der Bildenden Künste München tätig) einen kurzen Einblick: Als erstes Modell seiner Art wird es ausschließlich mit gemeinfreien Daten trainiert – ohne Urheberrechtsverletzungen. Es ist transparent und verbraucht im Training mehr als zehnmal weniger Energie als herkömmliche Systeme. Die Ästhetik ist nicht fotorealistisch, sondern eigenwillig und schräg – sie spiegelt die Eigenheiten des Mediums wider, anstatt etwas zu kopieren.


Mit Zuversicht nach vorn: Wir gestalten unsere Zukunft aktiv

Kunst ist kein simples Wellnessprogramm, sondern ein Trainingsfeld für unsere kognitiven und emotionalen Fähigkeiten. Sie lehrt uns, uns abzugrenzen, Ambivalenz auszuhalten und der Welt mit geschärfter Wahrnehmung zu begegnen.

Die gute Nachricht ist: Wir können beides haben – die Vernetzung der digitalen Welt und die Tiefe des dreidimensionalen Denkens. Projekte wie LOSSI beweisen, dass eine ethische, nachhaltige und kreative KI möglich ist. Kulturinstitutionen entwickeln sich weiter zu „Trusted Sensemakern“, die in einer Welt des Überflusses Orientierung bieten.

Indem wir bewusst Räume für Kunst schaffen, unsere Feeds kuratieren und Irritationen zulassen, stärken wir unsere Resilienz.

Wir bleiben handlungsfähig und gestalten aktiv unsere Aufmerksamkeit. Das ist Grund zur Zuversicht – für einen bewussteren Umgang mit unserer Zeit und einen klaren Blick nach vorn. Die Reise für uns alle hat gerade erst begonnen.


Screenshot der KI-Festival Videos des Städel Museum auf YouTube. Hier sind die Podiumsbeiträge per Live-Stream-Mitschnitt dokumentiert.

Im Rahmen der #besserleben Berichtsreihe werden von mir alle wichtigen Beiträge auf Bühne 1 des KI-Festivals thematisiert und kommentiert.

Bereits im Blog erschienen:


Siehe auch die entsprechenden Posts auf LinkedIn!


Weitere Berichte folgen!

Bild: Screenshot aus dem Live-Video des Städel Museums auf YouTube.

Zusammenfassung der Diskussionsrunde beim KI-Festival im Städel Museum zum Thema „Wie können wir Begegnungen schaffen im KI-Zeitalter?“ mit Bernhard Pörksen, Christian Uhle, Sarah Diefenbach, moderiert von Vivian Perkovic.

Wie verändern generative KI und Social Media unsere Gespräche, Beziehungen und die Qualität unserer Öffentlichkeit? Daten und Erfahrungen zeichnen ein konsistentes Bild: Wir erleben eine Entfremdungsdynamik, die Technik verstärken kann – und zugleich Werkzeuge bietet, um Verbundenheit neu zu gestalten.

Wesentliche Befunde:

  • Laut American Time Use Survey sinkt die Zeit mit Freunden seit 2005; Tiefstand in der Pandemie, weiterhin niedrig in 2024.
  • „Sex Recession“: Der Anteil der 18–64-Jährigen mit wöchentlichem Sex sank von 55% (1990) auf 37% (2004); Sexlosigkeit bei 18–29 steigt bis 2024 deutlich.
  • Freizeitmonitor: Treffen mit Freunden bleibt wichtig, verliert aber stark; regelmäßige Freundestreffen fielen von 37% (1986) über 41% (2003) auf 19% heute.
  • Deutsche Depressionshilfe: Etwa ein Viertel der Bevölkerung fühlt sich einsam; nach dem Pandemie-Peak weiterhin über dem Vorpandemischen.

Vivian Perkovic erläutert wichtige Statistiken aus aktuellen Studien. Foto: Weber

Was treibt die Entwicklung?

  • Social Media optimiert auf Aufmerksamkeit, Emotionalisierung und Retention
  • Intransparenz wird zur demokratischen Frage.

Und doch: Kein Kulturpessimismus. KI kann Resonanzräume öffnen – für Struktur, Recherche, Zusammenfassungen, Barrierefreiheit, kreative Impulse und bessere Konfliktkommunikation. Entscheidend sind Anreize und Design: Qualität der Begegnung statt Nutzungsdauer; Reflexion statt Echokammer.


Das Städel Museum hat Aufzeichnungen der Livestreams von der Hauptbühne des KI Festival auf seinem YouTube Kanal publiziert.

Gestaltungsprinzipien für Freundschaften, Teams und Organisationen:

  • Klare Trennung: KI für Information und Struktur, Menschen für Nähe und Vertrauen.
  • Kommunikationshygiene: KI-Dialoge als Vorbereitung realer Gespräche nutzen – Argumente sortieren, Perspektiven spiegeln.
  • Friktion zulassen: Unvollkommenheit, Pausen, Widerspruch gehören zur echten Begegnung.
  • Rhythmus stärken: Verbindliche analoge Zeitfenster, Rituale, kleine Gruppen – 19% regelmäßige Freundestreffen sind zu wenig.
  • Transparenz: KI-Einsatz offen benennen, Datennutzung erklären, Erwartungen an menschliche Zusammenarbeit priorisieren.
  • Beziehungs-Skills üben: Zuhören, Konfliktfähigkeit, Ambiguitätstoleranz, Empathie.
  • Design für Bindungsqualität: Coachende Funktionen, die Selbstwirksamkeit und soziale Brücken fördern – nicht klebrige Retention.
  • Digitale Öffentlichkeit schützen: Regulierung mit wirksamen Standards (Transparenz, Altersdesign, Suchtprävention) und Bildung (z. B. ein Schulfach „Digitale Öffentlichkeit/Medienkompetenz“).
  • Demokratische Beteiligung erweitern: KI kann Konsensfelder erkennen und Politikgestaltung stärken.
  • Vorausschauend denken: „Cassandra“-Methoden für Worst-Case-Szenarien und werteorientiertes, resilientes Technikdesign.
  • Online-Dating fair gestalten: KI als „digitale Kupplerin“ mit Transparenz, Diversität und ohne manipulative Gamification.

Zuversichtlicher Ausblick

Die menschliche Sehnsucht nach echtem Gegenüber ist robust. Wenn wir Anreize verschieben – weg von Aufmerksamkeit, hin zu Qualität der Begegnung – entsteht ein produktiver Hybrid: mehr Fokus, bessere Informationen, stärkere Beziehungen. Unsere Aufgabe ist, Räume für konzentriertes Zuhören zu schaffen und Technologien so zu bauen, dass sie Reflexion statt Erregung belohnen. KI bleibt – die Frage ist, was sie ergänzen darf und was unersetzlich menschlich bleibt.

Echte Verbundenheit entsteht nicht in der perfekten Antwort, sondern im gemeinsamen Aushalten, Denken und Lachen. Genau das sollten wir wieder öfter kultivieren. Nicht „wird schon“, sondern „wir machen es gut“. Heute ist ein guter Tag, damit zu beginnen. Oder?


Hinweis: Der Bericht wird fortgesetzt mit Zusammenfassungen der weiteren Podiumsdiskurse auf der Hauptbühne des KI-Festivals.

Siehe auch: „Die Zukunft ist menschlich!“ — Bericht zur Keynote von Prof. Dr. Björn Ommer