Advertisements

Neues aus der Gutenberg Galaxis

Image

 Illustration @ 2013: Lidia Lukianova, SF Bay Area/California

Text: Andreas Weber

 

In Mainz hat es begonnen. In Mainz geht es nun weiter. Neue Lösungswege und innovative Werkzeuge für die Verlags- und Medienbranche versprach die „media.expo 2013“. Im Fokus stand der fachliche Austausch – Vorträge, Podiumsdiskussionen, das Get-Together – sowie das Networking. Das ist in Anbetracht der Umsatz- und Vertragsentwicklungen bitter nötig. Denn es scheint, also hätten bislang viele Verlage (nicht nur in Deutschland) die Zeichen der Zeit verschlafen. Trotz Euphorie und Feuereifer beim „Digitalgeschäft“ haben Verlage bei innovativen Entwicklungen so gut wie keine Karten im Spiel. Doch außer Spesen ist bis dato nichts gewesen. Tausende Verlags-Apps und Verlags-Websites finden nicht ausreichend Nutzer bzw. spielen die hohen Investments nicht rein. Würde Google nicht den Traffic bringen bzw. Apple nicht die iPad-Plattform gestellt haben, wäre beim Thema „Digitaler Verlags-Content“ keine Perspektive für Verlage vorhanden.

Denn Verlage steuern oder entwickeln keine eigenen intermedialen Kommunikationssysteme, sondern nutzen ›nicht-dialogische‹ Kommunikationskanäle. Sie wenden nach wie vor einen hohen Umsatzanteil für die Content-Erstellung auf. Ratlos werden Phänomene wie Twitter, Facebook sowie Blogs hingenommen, ohne Paroli zu bieten.

Noch schlimmer: Verlage investieren nicht mehr ins Kerngeschäft „Print“. Durch ein offensichtliches Desinteresse an Print-Innovations-Technologien und eine nicht zeitgemäße Medienproduktionstechnologie-Kompetenz bleibt nur, den Rotstift bei den Herstellungskosten anzusetzen: Kleinere Auflagen, billigeres Papier usw. Oder man kehrt Print den Rücken. Bei der media.expo fand das Niiu-Projekt seine Wiederauferstehung. Seit dem 02. April 2013 ist die individualisierte Tageszeitung Niiu als iPad-App erhältlich — nachdem die Print-Version der „Wünsch-Dir-Was-Zeitung“ 2011 gescheitert war. Also: Ade Print, wir haben es nicht hinbekommen. Versuchen wir es halt auf dem Tablet-PC. Da kann man auch prima scheitern…

Rotiert der arme Gutenberg im Grab?

Durch die Innovation der Print-Medienprodukte kann eine weitaus bessere Wertschöpfung erzielt und es können neue Märkte erschlossen werden. Das hat der alte Gutenberg gewusst und damit die Welt verändert. Nur den modernen Print-Verlagen fehlt eine solche Vision und Power. Konkrete Hinweise, wie man dies bewerkstelligt, gab es schon vor mehr als einer Generation. Damals entwickelten an verschiedenen Orten der Welt Menschen die Idee, die Kommunikation mit Medien zu revolutionieren. IT/Computing, Web und Print wurden als integraler Bestandteil einer neuen Kommunikationskultur gesehen. Treiber der Entwicklung war damals neben Xerox Corporation der IT-Konzern Hewlett-Packard und nahm Mitte der 1990er Jahre vorweg, was heute in beeindruckender Art und Weise Gestalt angenommen hat: Digitale und analoge Medien stellen in der Kommunikation keinesfalls einen Widerspruch dar, sondern bilden ein neues, intermediales, hybrides System.

Die grundlegenden Ideen und Visionen von Damals sind immer noch gültig und lauteten:

• Durch das Internet und das TCP-IP-Protokoll entstand eine neue Infrastruktur, die den Wert und die Effektivität von Print-Medienprodukten exponentiell steigert. Vorausgesetzt, drucken wird digital.

• Print und Online sind vernetzt und bilden eine Einheit.

• Die bedarfsgerechte Print-Medienproduktion erfolgt als Just-in-time-Fertigung.

• Print-Medienprodukte entstehen auf Basis automatisierter Prozesse.

• Print-Inhalte werden relevanter, wenn sie auf Wunsch des Kunden individuell gestaltet sind.

Kein Wunder also, das sich beste Beispiele für Print-Innovationen im Angebot von führenden Digitaldruckern wie Elanders Germany finden: Mit Calvendo.de werden automatisiert übers Web personalisierte Kalenderbücher gefertigt und vertrieben. Oder über Socialmemories.com werden automatisch aus Social Media-Inhalten bei Facebook, Twitter und Co. feinste Druckwerke. Partner von Elanders sind allerdings nicht mehr traditionelle Verlage, sondern Start-ups.

Fazit: Der Verlagsbranche fehlt es an geeigneten zeitgemäßen Ideen und es fehlt an Motivation zur Innovation des Kerngeschäfts mit Print, die durch digitale Kommunikations-Technologie-Kompetenz getrieben ist. Statt dessen läuft man den Entwicklungen hinterher und fokussiert sich ausschließlich auf ständig neue, von Dritten für ihre (und damit andere!) Zwecke entwickelten Kommunikationskanäle, die willkürlich von Verlagen zu „ihren neuen Medien“ umgewidmet werden, um darin wie bisher Werbung in Medien zu betreiben. Traurig aber wahr: Dadurch ist eine wirtschaftliche Schieflage vorprogrammiert, wie es die Verlagsumsätze jetzt schon zeigen!

Advertisements
1 comment
  1. Hallo Herr Weber, man kann (große) Teile der Verlagsbranche so sehen, wie von Ihnen beschreiben. Aber es gibt durchaus Innovation. Das ELANDERS zugeschriebene Businesskonzept von CALVENDO (www.calvendo.de) ist nämlich eine Verlagsgründung. Dahinter steht die Cornelsen Gruppe deren klassisches Buchprogramm über 23.000 Titel umfasst. Mit seinen Marken Heye, Weingarten sowie Harenberg und parallel CALVENDO ist Cornelsen auch der größte Anbieter für Kalender in Europa. Viele Grüße, H.-J. Jauch

Leave a Reply

%d bloggers like this: