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Rück-Blick aus der Schweiz: Stimmen zum Tode von Adrian Frutiger

Quelle: http://fontslate.info/designers/adrian_frutiger.html

FOTO: http://fontslate.info/designers/adrian_frutiger.html

2015 ist für die Schriftkunst-Szene ein Schicksalsjahr. Es galt, große Verluste zu meistern: Im Februar starb der Buch-Künstler Hermann Rapp. Im Juni der Kalligraph Prof. Hermann Zapf. Und im September Adrian Frutiger. Alle drei waren über Jahrzehnte miteinander verbunden. Und sogar eng befreundet. — Zum Tod von Adrian Frutiger verweisen wir auf zwei persönliche Kommentare: Von unserem Geschäftsfreund Martin Spaar. Und auf den Nachruf des Typo-Experten Ralf Turtschi. —Andreas Weber

Eine wegweisende Jahrhundertfigur

Es gibt Bücher, die werden ihren festen Platz in meiner durch den Kindle zunehmend reduzierten Bibliothek auf immer verteidigen. Adrian Frutigers «Ein Leben für die Schrift» gehört da an erster Stelle mit dazu.

Wieso? Einerseits, weil mir dieses Werk als Quereinsteiger ins Publishing Typografie wirklich nahe gebracht hat. Frutiger geht das Thema packend und erfrischend anschaulich an. Etwa indem er einzelne Schriften bezüglich ihrer Funktion mit Schuhen vergleicht oder mit Autos bezüglich der Stil-Epochen. Grossartig!

Frutigers Autobiografie gibt aber auch jenseits der Typografie viel her. Sie zeichnet das Bild einer Jahrhundertfigur, von der man viel lernen kann. Dieses Werk ist nicht nur typografisch und gestalterisch inspirierend, sondern zeigt eine Geisteshaltung, einen Spirit, wie er gerade in der heutigen Situation der grafischen Industrie wegweisend sein sollte: Da ist eine fast kindliche Offenheit gegenüber allem Neuen und Anderen. Frutiger hat die Herausforderungen durch den technologischen Wandel freudig angenommen; vom Fotosatz über den IBM-Composer bis zu den ersten PCs, die ihn als Schriftgestalter mit dem Instrument der Bézier-Kurven geradezu begeistert haben.

Dazwischen galt es auch Rückschritte wegzustecken. So etwa, als mit den ersten Computern die Schriften nur pixelmässig dargestellt werden konnten. Da blieb viel Qualität auf der Strecke. Frutiger hat diesen «Weg durch die Wüste» auf sich genommen, ist am Ball geblieben und hat darauf vertraut, dass wieder typografisch fruchtbarere Technologien folgen würden.

«Ich war und bin ein Kind meiner Zeit», schreibt er und als solches hat er nicht mit dem Schicksal gehadert und auch bei schweren persönlichen Schicksalsschlägen seine Schöpferkraft, seinen positiven Spirit bewahrt – oder mehr in Frutigers Sinn gesprochen: als Geschenk demütig und freudig angenommen.

Frutiger hat sich früh und immer wieder an Vorbildern orientiert und ist so selbst eines geworden. An ihn und vor allem seinen Spirit dürfen wir uns immer wieder erinnern lassen. Denn Adrian Frutiger wird in der Schweiz wohl noch lange allgegenwärtig bleiben. Er winkt uns von jedem Einzahlungsschein (von ihm entworfene OCR-B), von jedem Autobahnschild (Astra) und von jeder Postfiliale (Frutiger) entgegen. Und falls Sie es nicht schon längst bemerkt haben: Auch das Publisher-Logo basiert auf der Frutiger. Eine Reminiszenz, die wir gerne bewahren!

Martin Spaar,
Verleger des Fachmagazins PUBLISHER, Winterthur

frutiger_interlaken_2004

Quelle/Foto: fontshop.de

Was bleibt

Nachruf von Ralf Turtschi

Am 10. September 2015 starb der Schriftgestalter und Typograf Adrian Frutiger 87-jährig in Bremgarten bei Bern. Sein Schaffen hat die Welt verändert.

Als ich Adrian Frutiger 1971 zum ersten Mal «begegnete», stand ich vor einem Setzkasten, der mit Univers bezeichnet war. Man war sich damals nicht ganz einig, ob man Univers französisch oder deutsch aussprechen würde. Sie war ein Gegenentwurf zur omnipräsenten Helvetica und der Akzidenz-Grotesk. Ich konnte sie anfangs nicht so richtig auseinanderhalten und schaute deswegen auf das kleine t, welches im Gegensatz zur Helvetica angeschrägt war. So konnte ich aufs Erste die Schriften auseinanderhalten. Später entdeckte ich weitere Merkmale, welche die Helvetica geradezu altbacken aussehen liessen.

Adrian Frutiger studiert nach seiner Schriftsetzerlehre an der Kunstgewerbeschule Zürich und zieht 1952 nach Paris, wo er für die Schriftgiesserei Deberny et Peignot tätig ist. Ein Jahr später beginnt er mit den Entwürfen an der Univers, die 1957 zuerst für den Fotosatz, später für den Bleisatz herauskommt.

Die Univers ist radikal anders, als es die damalige Zeitempfindung vorgibt – Schriften ohne Serifen sind im Mengensatz sowieso ein Unding. Frutiger legt eine Systematik vor, die alles Bisherige in den Schatten stellt. Für die einzelnen Schriftschnitte der Univers sieht er ein Klassierungssystem vor, welches aus zwei Buchstaben besteht. Die Zehnerzahl deutet auf die Fette, die Einer bedeuten Lage und Breite.

Den ganzen Nachruf auf Adrian Frutiger finden Sie in der aktuellen Online-Ausgabe des Publisher. 

frutiger_Buch

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