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Hermann Rapp, meinem Freund, zum Abschied

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Das Gedenkbild bei der Trauerfeier: Hermann Rapp über seine Kunst im Gespräch mit einem begeisterten Günter Grass in Oslo im Jahr 2000. — Photo und © 2015 by Andreas Weber, Frankfurt am Main

Abschiedsrede von Andreas Weber aus Anlass der Beisetzung von Hermann Rapp am 11. April 2015 im Friedwald, Altweilnau (Gemeinde Weilrod, Taunus)

“Das ist mein bester Freund“, so stellte mich Hermann Rapp den Pflegern und Ärzten im Krankenhaus vor. Ich war erfreut und irritiert zugleich. Bin ich das wirklich, fragte ich mich. Kann ich dem Bild, das Hermann von mir hat, gerecht werden? Was hat ein bester Freund zu tun? Aristoteles soll gesagt haben: „Freundschaft, das ist eine Seele in zwei Körpern.“ Und das trifft aus meiner Sicht zu. Als ich vor fast 30 Jahren Hermann kennenlernte, über den Beruf, waren wir sehr unterschiedlich. Allein in Altersdimensionen. Er, ein Schwabe im Exil, in den besten Jahren, mit Familie, beide Töchter schon aus dem Haus, ich ein Saarländer, unverheiratet, der in RheinMain lebt, gerade dem Studium entsprungen. Dass wir seelenverwandt waren, stellte sich rasch heraus. Das Zusammenarbeiten hat uns verbunden, das gemeinsame Erleben und viele wunderbare Erfahrungen haben uns zusammengeschweisst. Und wenn wir nicht zusammen sein konnten, haben wir uns ausgetauscht. Man tat etwas, berichtete dem anderen darüber, erfuhr Anregungen, Lob oder auch Kritik und entwickelte sich weiter. Gemeinsam. Ein Herz und eine Seele.

Epikur von Samos umschrieb Freundschaft so: „Von allen Geschenken, die uns das Schicksal gewährt, gibt es kein größeres Gut als die Freundschaft — keinen größeren Reichtum, keine größere Freude.“ Hermann, mein Freund, wir nehmen Abschied. Unsere Freundschaft aber bleibt. Beständig, durch vielerlei dokumentiert. Erinnerungswürdig. Wie oft habe ich Dinge, die Du, Hermann, mein Freund, geschaffen hast, in die Hand genommen. Und mich daran erinnert, was wir darüber sprachen. Manches noch in der Konzeptphase, manches fertig, aber noch nicht öffentlich präsentiert. Erstaunlich, wie sinnfällig alles für mich war und ist, was Hermann schuf. Immer mit Gisela als Sparringspartner. Das funktionierte. Denn beide kannten sich seit der Jugend, über mehr als 60 Jahre lang.

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Gisela und Hermann Rapp am 30. Januar 2014. — © 2014 by Andreas Weber, Frankfurt am Main

Sie waren befreundet, ein Liebespaar, eine Familie, eine Wertegemeinschaft und bildeten einen in sich autarken Mikrokosmos, um eigene und fremde Gedanken zu besprechen, zu durchdenken, anzureichern und ihnen eine neue Gestalt zu verleihen. Nicht nur zuhause, sondern auch auf unzähligen Reisen, besser: Expeditionen. Diese Besonderheit der beiden hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Das haben sicher viele von uns so erlebt. Herzlich und froh, aber immer wachsam-kritisch sich mit allem beschäftigen, was das Leben und vor allem das Menschsein sowie das Miteinander ausmacht.

Hermann, mein Freund, Du konntest einen inspirieren und durch Deinen Taten- und Schaffensdrang faszinieren. Deine menschliche Fürsorge und Anteilnahme, Deine Meisterschaft in dem was du geschaffen hast und Deine Hilfsbereitschaft Freunden gegenüber waren grenzenlos. Sicher ging es immer um die Großen Dinge, die die Welt ausmachen. Aber ebenso auch um die vielen Kleinen Dinge, die Details, die Nebensächlichkeiten ohne die das Leben weder Sinn noch Spass macht. Herrlich unsere Spaziergänge oder Wanderungen. Unsere Ausstellungsbesuche, und vor allem das Zusammensein im Haus zur Goldenen Kanne. Ein wunderbarer Ort, der zeigt, wie Leben und Arbeiten harmonieren, auch wenn es mit den Jahren eng wurde, da die Sammlungen und Materialien sich vergrösserten, die Goldene Kanne als Fachwerkgebäude aber blieb wie sie ist.

Das Erkunden und das Spüren der Natur war wichtig. Überhaupt, die Natur der Dinge, darum ging es immer. Der Ausflug in die Antike über das 19. Jahrhundert zurück in die Jetztzeit, welch eine Wonne und Erleuchtung. Hermann schrieb: „Ich sage, meine Werkstatt sei mein Garten. Hier pflanze ich, jäte und pflege das, was mir gefällt. Die Pracht mag ich nicht, ich freue mich, wenn auch das Unnütze blüht und Zufälliges seinen Platz findet…“.

Klingt schon fast wie ein Vermächtnis, was Hermann, mein Freund, in der 30. Ausgabe seines Neuweilnauer Viertelbogen schrieb. Wie so oft in der Auseinandersetzung mit Friedrich Hölderlin, mit Bezug auf das Homburger Folioheft. Weiter heisst es: „Ein Fragment wurde herausgegriffen. Sein Sinn will sich nicht offenbaren, die Schönheit der Sprache jedoch strahlt.“ — Das ist der Kern: „Schönheit, die strahlt!“

Wahre Schätze offenbaren sich in dem,  was Hermann uns hinterlassen hat und in die Obhut von Gisela übergab. Unzählige Drucke, Bücher, Mappenwerke, Karten, Zeichnungen, Gemaltes. Und viel Geschriebenes. Hermann konnte nicht nur mit Menschen, den Dingen an sich und der Sprache umgehen, er konnte all dies in einzigartiger Weise künstlerisch inszenieren. Seine Ausstellungen zogen ein weit gefächertes und internationales Publikum in den Bann. Nichts war dem Zufall überlassen und dennoch nicht einengend, fordernd oder übertreibend. Voller Demut und Bescheidenheit trat er konsequent und wirkungsstark für seine Sache ein. Er wusste stets, was zu tun war. Und er konnte wie kaum ein anderer sich und sein Talent in den Dienst der Sache stellen. Und andere einspannen. Das hat ihm Respekt und Bewunderung eingebracht, gerade auch von Kollegen, die sich auf höchstem Niveau mit Kunst, Kalligrafie, Typografie, Büchern u. a. m. beschäftigen. Grossartige Freundschaften entstanden. Allen voran, die mit Gudrun Zapf-von Hesse und Prof. Hermann Zapf. Oder mit Adrian Frutiger. Viele andere, auch heute, beim Abschied nehmen Anwesende, wären zu nennen. Und sogar ein Otl Aicher, der genial-eigenbrötlerische Übervater des Design, war fasziniert, wie sein Landsmann Hermann Rapp seine, Aichers, Schriftneuschöpfungen medial inszenierte.

Hermann, mein Freund, Du hast als Mensch und als Künstler die höchsten Weihen erreicht. Du warst stets ambitioniert, aber nie mit wilden Ellenbogen und Verdrängungsgesten unterwegs. Du warst stets bereit, das was Du tust, offen zur Diskussion zu stellen, um darüber zu reden und um Dinge in Gang zu setzen. Bei der Eröffnungsrede von Hermanns herausragender Ausstellung in Bad Homburg, Anfang des Jahres 2014, mit dem Titel „Lieber Karl“, konnte ich unter Zustimmung der Gäste feststellen: „Die Sinnhaftigkeit erschließt sich dadurch, dass Du über das, was Du schaffst, sympathisch, smart und lebhaft kommunizierst. Du erschaffst uns eine neue alte Basis für das Verstehen als Seinsweise. Wie man Gedanken ausdrücken, interpretieren, übersetzen kann; wie das Auslegen, Deuten und Verstehen gelingt; wie wir durch Sprache und Symbole Gemeinschaft ermöglichen; wie wir geschichtliche und kulturelle Zusammenhänge darlegen.“

Die letzten Lebenswochen von Dir, Hermann, mein Freund, waren nicht einfach. Und dennoch im Einklang. Vieles konntest Du mit Gisela und auch mit mir noch besprechen, was Dir wichtig war, am Ende Deines so reichen Lebens. Und Du hast uns etwas an die Hand gegeben, was uns hilft, den Abschied von Dir in Würde und Freude zu meisten. Ein meisterliches Buch, gerade fertig geworden. Und zum Buch konntest Du einen herausragenden Musiker begeistern, den Sohn Deiner Freunde Lotte und Fritz Hauser, Alban Hauser, der gemeinsam mit einem Kollegen eigens eine moderne Musik-Komposition schuf. — Hermann, mein Freund, wir danken Dir. Und bleiben Dir verbunden. Du hast Deinen Frieden und jetzt, in der von Dir geliebten Natur, eine neue, letzte Heimstätte gefunden.

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