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Tag Archives: politik

 

Die Ankündigung durch die Veranstalter des 2. Forum Bellevue am 30. November 2017 in Berlin klang vielversprechend — ging es doch im Kern auch um das Thema Demokratie und Digitalisierung. Fragestellungen im Vorfeld waren: Wie gehen wir als liberale Gesellschaft mit Anfechtungen der Meinungsfreiheit um? Haben Intellektuelle an Autorität verloren? Wie steht es um das Verhältnis von Literatur und Politik? Wie ist es um die kritisch-aufklärerische Kraft der Literatur und Kunst in Deutschland und weltweit bestellt? Reflektiert die zeitgenössische Literatur die politischen Veränderungen innerhalb der liberalen Demokratien?

Diesen und weiteren Fragen widmen sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Gäste am 30. November 2017 in Schloss Bellevue. Mit Sir Salman Rushdie, Eva Menasse und Daniel Kehlmann diskutiert der Bundespräsident, wie es gegenwärtig um die Freiheit des Denkens steht und welche Aufgabe Intellektuellen zukommt, wenn in unseren Gesellschaften neue geistige und emotionale Mauern entstehen, sich immer mehr Menschen aus der gesellschaftlichen Debatte zurückziehen und autoritäre Ideen an Attraktivität gewinnen. Das Gespräch moderiert die Journalistin Luzia Braun.

 


Nachfolgend Exzerpte mit Zitaten und spontanen Anmerkungen während der Live-Übertragung auf Facebook.

My Take:

Interessant, dass die wirklich relevanten politischen Diskussionen zu Demokratie und Digitalisierung derzeit beim Bundespräsidenten stattfinden. Mit Schriftstellern. Und nicht mit Parteien/Parteiführern.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: Guten Tag in die Runde! Schön, dass schon so viele von Ihnen dabei sind!

Heike Hild (via Livestream): Einfach ein sympathischer Bundespräsident; die ruhige Art, die Stimme und er kann einfach super Diskussionen führen. Zuhören, ausreden lassen und dann erwidern und das gefällt mir 👍

Petra Potthoff (via Livestream): Es ist wunderbar, daß die Schriftsteller die Möglichkeit haben, ihr Denken in Wort und Schrift öffentlich zu Gehör zu bringen, hier in Deutschland! Herr Bundespräsident, Sie sind ein Geschenk für Deutschland, wo die Freiheit des Denkens in unruhigen Zeiten besteht.

  • Andreas Weber (via Livestream): Oha. Bei Tagespolitik sollten sich Schriftsteller nicht aktuell einmischen! Sagt der Schriftsteller Daniel Kehlmann, der das auf dem Podium aber offensichtlich tut. Eva Menasse hält dagegen, dass Schriftsteller sich immer mit aktuellen Details des Lebens beschäftigen und sie persönlich z. B. aus Elternsprechstunden und Alltagsdingen viel Herausziehen könne. Dabei gäbe es in der analogen (realen) Welt, die nach wie vor funktioniere, die beste Sicht der Dinge.

 


Die aus meiner Sicht wichtigste Frage: Geht Pluralität durch Soziale Medien zu Lasten der Intellektualität verloren?
Ja, sagt Salman Rushdie. (…) Ich habe nach 6 oder 7 Jahren Twitter verlassen und mich von Social Media distanziert, ergänzt Salman Rushdie.

 


Herausragende Statements/Kommentierungen:

Um Werte zu schützen, brauchen wir in der Demokratie gar nicht so sehr Mut, sondern Wertvorstellungen durch Bewertungsmöglichkeiten, sagt Bundespräsident Steinmeier.

  • Das Internet bewirkte vor allem neue Formen der künstlerisch-visuellen Ausdrucksformen. Schriftsteller sind da anders als Journalisten wenig betroffen. Das Narrative ändert sich allerdings durch Hyperlink-Strukturen, wobei ich hier keine Beispiele kenne. —Salman Rushdie
  • Großartig: Bücher schreiben um etwas Neues zu lernen. —Salman Rushdie.
  • Schriftsteller müssen/können nicht die Stimme des Volkes sein, sagt Salman Rushdie. — My take: Gut so, man darf sich nicht vereinnahmen lassen.

Epilog

Rolf Stöckel via Facebook:

Die “Freiheit des Denkens” war Motor, Freidenker und verfolgte bzw. verbannte Schriftsteller die Avantgarde der gescheiterten bürgerlichen Revolution 1848 gegen die feudalistische Reaktion. Sie waren die Gründerväter der Sozialdemokratie und die ersten Europäer. Diese Tradition und die Funktion aufgeklärter Modernisierer und Gesellschaftskritiker in Deutschland gilt es weiterzuführen.

Link zur Doku des Facebook-Livestreams:

 

Link zu YouTube

 


 

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01 Anna Grau – Das Buch zu Lilith

 Coverbild des bereits vorliegenden Buches zum Ausstellungsprojekt. Herausgeber: Andreas Weber. Fotos nach den Gemälden von Anna Grau.

 

„Ich male Gefühle!“ — Zur Malerin Anna Grau und ihrem Werk. Gedanken von Andreas Weber.

 

 „Kreative Intelligenz geht einher mit Reflexionsfähigkeit, um zu Erkenntnis zu gelangen. Durch ihren Lilith-Gemäldezyklus und die interaktive Ausstellungskonzeption setzt Anna Grau Maßstäbe. Gut so!“ —Andreas Weber 

 

Die Malerin Anna Grau und Andreas Weber als ihr Mentor und Kurator gestalten gemeinsam das „Lilith“-Projekt.

Vorspiel. Das umfassende bildkünstlerische Engagement von Anna Grau für äußerst wichtige, Zeitgeist-unabhängige und gesellschaftlich-kulturell relevante Themenstellungen in einer besonderen Dimension verdient Anerkennung und Respekt. Zumal Anna Grau als Malerin freischaffend tätig ist. Den im Entstehen befindlichen Lilith-Gemäldezyklus bearbeitet sie in Eigenregie, um unabhängig an den Bildern und ohne überstarken Zeitdruck arbeiten zu können.

Geplant ist eine auf Interaktion ausgelegte Ausstellung des Lilith-Gemäldezyklus mit einer Rahmenprogramm-Inszenierung, die Stimmen anderer Persönlichkeiten aus der Kunstszene, der Forschung, der Wirtschaft, des alltäglichen Lebens umfasst. Ergänzt wird die Ausstellung durch multimediale Präsentationen, etwa zum „Werden“ der jeweiligen Bilder bzw. mit der Darstellung ihrer „digitalen“ Metamorphosen.

 

 

Lilith Thesenpapier

In medias res. Anna Grau lernte ich im November 2015 in Mainz kennen — vor ihrem Gemälde „Meister“, das den 1. Preis beim 26. Mainzer Kunstpreis Eisenturm erhielt. Über 650 Bewerber hatten sich dem gewählten Thema „Kollaps der Moderne?“ im Rahmen einer bundesweiten Ausschreibung gestellt. Die Jury (bestehend aus Kunstwissenschaftlern und vor allem kompetenten Künstlern) hatte unter dieser Vielzahl an Arbeiten das ausdrucksstarke, in seiner Farbgebung herausstechende und dynamisch-expressiv gemalte Werk einstimmig zur Siegerarbeit auserwählt.

In der persönlichen Auseinandersetzung mit Anna Grau als 1. Preisträgerin konnte ich in Mainz von Angesicht zu Angesicht erfahren, was sie empfindet, wenn sie malt. Sie antwortete mir auf die Frage „Was machst Du, wenn Du malst? Denkst Du an Picasso und seine Les Demoiselles D’Avignon?“ kurz und knapp und mit einem versonnenen Lächeln: „Ich male Gefühle!“. 

Diese Gefühlswelt ist die einer in Moskau geborenen Deutsch-Russin, die als 15-jährige nach Berlin kam und dort seit über 20 Jahren lebt. Eine Tochter hat. Die als Europäerin fühlt und denkt! Die Entwicklungen in ihrem Geburtsland mit großer Sorge sieht. Hätte man sie dazu bei der Preisverleihung in Mainz vor dem Publikum direkt gefragt, zu Putin und der Re-Sowjetisierung Russlands, sie hätte gesagt: „Oh nein, ich male keine politischen Bilder. Mich interessiert der Mensch mit seinen Tiefen und Leidenschaften und Schwächen.“ Sie hätte gesagt, wie wichtig Malerei für sie ist. Gerade in einer „digitalen Welt“.

Dem spontanen Kennlernen in Mainz folgte Ende November 2015 ein weiteres Treffen in Berlin; es entwuchs ein seitdem ständiger Kontakt. In der Reflexion dessen, was Anna Grau in Mainz erlebt hatte – vor allem das Zusammentreffen mit den Mainzer Künstlerinnen Prof. Valy Wahl und Fee Fleck – ergab sich die Idee, ein neues, ambitioniertes Vorhaben in die Tat umzusetzen: Den Gemäldezyklus „Lilith“.

Aufhänger für „Lilith“ war der Bilderzyklus von Fee Fleck „Medea – die Fremde“, das die Künstlerin speziell zur Ausstellung im Landesmuseum Mainz anlässlich ihres 80. Geburtstags im Jahr 2012 geschaffen hatte. Anna Grau war fasziniert, dass eine wesentlich ältere und bedeutendere  Kollegin ihrem eigenen Menschenverständnis so nah kam. Wobei sich Anna Grau in ihrer unendlichen Bescheidenheit nie mit Fee Fleck in eine Reihe sehen würde… — Beide Künstlerinnen haben übrigens am gleichen Tag Geburtstag, wenn auch zwei Generationen auseinander! — Fee Fleck setzt sich als Holocaust-Überlebende gegen das Vergessen ein. Und für die Rolle der Frau im Besonderen. Der damalige Bundespräsident Gauck überreichte Fee Fleck für ihr Engagement, ihre Lebensleistung im Jahr 2012 das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland.

Beide Künstlerinnen, Fee Fleck wie auch Anna Grau, beziehen in einer von Männern dominierten Kunstszene eine besondere und nach meiner Ansicht herausragende Position: Sie widmen sich den Extremen wie Ausgrenzung, Vernichtung, Unterdrückung ohne jegliche Aggression; vielmehr in einer behutsamen Bestimmtheit und Deutlichkeit, die den Betrachter ins Nachdenken und letztlich zu neuen Erkenntnissen bringt. Mehr kann man nicht erreichen. Anna Grau hat Anfang 2016 begonnen, den Lilith-Bilderzyklus auszugestalten. Bis dato sind sechs (unterschiedlich formatige, bis zu 120 x 180 cm große) Gemälde fertig, acht oder zehn sollen es insgesamt werden. In meinem ValueBlog und über Facebook kann man den Entstehungsprozess verfolgen.

Anna Grau hat selbst dazu einen lesenswerten Text verfasst, der in einem eigenen Buch abgedruckt ist: „Auf den Spuren von Lilith…“

 

 

 

Kerngedanke ist es, „Lilith — die Getarnte!“ in all ihren Facetten lebensnah zu inszenieren. Dies alles bietet aus meiner Sicht einen kompakten Einblick in das bildkünstlerische Schaffen von Anna Grau, das sie von anderen unterscheidet und besonders macht. Die erfolgreiche Teilnahme an zahlreichen Ausstellung sowie Wettbewerben zeigt, dass Anna Grau nicht nur Aufmerksamkeit findet, sondern auch hohe Wertschätzung.

 


 

Unbekannte Fakten zu Lilith

Aus der Antike gibt es Überlieferungen, die wir beiseite geschoben haben. Das berichten Quellen der altsumerischen wie altbabylonischen Zeit gleichermassen. Auch im Talmud wird aufgegriffen, was in der biblischen Überlieferung und in den Schriften der christlichen Kirche verschwiegen wird:  Der Anfang der Menschheitsgeschichte wurde durch ein Wesen geprägt, das Gutes tut, aber durch seine Überlegenheit Männern Angst einflösste, weil es ihre Macht und ihre Bedeutung in Frage stellte.

Gemeint ist Lilith. In der männlich dominierten Welt wurde sie als Dämon, sogar als Kindsmörderin diffamiert. In der jüdisch-feministischen Theologie wird Lilith im Midrasch als eine Frau dargestellt, die sich nicht Gottes, sondern Adams Herrschaft entzieht und im Gegensatz zu Eva resistent gegen den Teufel und die Verführung zum Bösen ist. Sie symbolisiert die gelehrte, starke und unbeugsame Frau. Parallel wird angemerkt, dass Lilith die Urmutter der Menschheit darstellt und als erste Frau Adams Gott dazu brachte, ihr seinen heiligen Namen zu verraten. Das Wissen um den Namen verlieh ihr unbegrenzte Macht. Lilith verlangte von Gott Flügel, um das Paradies resp. Adam zu verlassen; und sie flog davon. In Lilith sehen einige auch den Gegenentwurf zur biblischen Eva, die wie später Maria als Mutter Gottes in der patriarchalen Tradition stehe.

Detail aus Lilith.8

Anna Grau: Detail aus Lilith.8

Warum ist das auch heutzutage relevant?

Es wäre zu einfach zu sagen, dass es um Emanzipation oder Geschlechterkampf geht. Wobei die Unterdrückung der Frau durch den Mann noch immer in fast allen Kulturkreisen stattfindet. Der ‘Lilithmythos’ steht vielmehr für die Selbständigkeit der Menschen und den (bereits biblischen) Versuch einer Seite, vorwiegend der Männer, mittels einer höheren Autorität andere zu unterdrücken. Sei es mit Gewalt, mit Aggression und Einschüchterung, mit Waffen oder mit Geld und Macht. Das alles, was von Gott so erschaffen scheint, wie es ist, verabscheut Lilith und entzieht sich.

Ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt? Betrachtet man das, was sich bis heute erhalten und wohl in der Zukunft weiter fortsetzen wird, erkennen wir, dass vieles was wir tun, Traditionen und Gepflogenheiten folgt, die in ihren Wurzeln weder wahr noch ehrenhaft sind. Das Prinzip der Unterdrückung, der Ellbogenmentalität, des Handelns in der richtig geglaubten (aber tatsächlich falschen) Überzeugung und ohne Mitmenschlichkeit setzt sich fort.

 


 

Anna Grau und Andreas Weber im Martin-Gropius-Bau zu Berlin (Nov 2015)

Zur Person: Andreas Weber ist Gründer und Vorstandsvorsitzender der Value Communication AG sowie u.a. Beiratsmitglied des Vorstands des Kunstverein Eisenturm Mainz e.V. KEM, Beiratsmitglied der Internationalen Senefelderstiftung, Offenbach, Lehrbeauftragter der Hochschule RheinMain, Wiesbaden. | LinkedIn: https://de.linkedin.com/in/andreasweber | Blog/ValuePublishing:  https://valuetrendradar.com 

Zu Anna Grau und ihrem Schaffen: http://www.annagrau.de  — Anna Grau und Andreas Weber gestalten gemeinsam das „Lilith“-Projekt.

 

 

 


 

Work in progress

Lilith 7: Zustandsfotos im Atelier (Oktober 2017)

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Lilith 7 Work in Progress 10-2017

 


Lilith 9: Zustandsfoto im Atelier (Januar 2018)

Lilith.9 in Progress

 


 

Whistleblower Brandon Bryant in Mainz.001

Von Andreas Weber, im Kontext der Projektarbeit mit Fee Fleck und Prof. Valy Wahl

Der wichtigste Satz von Whistleblower Brandon Bryant fiel fast beiläufig, als das zentrale Wesensmerkmal seiner Tätigkeit als „Drone-Operator“ im Container in Nevada und im fernen Irak  beschrieb: „I had only pictures and no context!“

Ein schauriger Moment. Ich habe im Staatstheater Mainz einem staatlich instrumentalisierten und sanktionierten Serienkillerkomplizen die Hand geschüttelt. Intendant Markus Müller und Hausregisseur Jan-Christoph Gockel hatten Brandon Bryant zu einem Podiumsgespräch am 17. Oktober 2015 eingeladen, weil im neuen Stück „Game of Drones“, das am 27. November 2015 in Mainz Premiere haben wird, die US-Airbase Ramstein eine zentrale Rolle spielt und auch Brandon Bryant im Stück vorkommt.

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In mehr als 6.000 Stunden Drohnenkampfeinsätzen hat der heute 29-jährige Brandon Bryant als Ex-Staff Sergeant der US-Luftwaffe im Team mit seinen Kollegen 1.626 Menschen gezielt und aus dem Hinterhalt getötet. Sozusagen per Bildschirm und Joystick wie in einem Video-Computerspiel. Er agierte quasi als Scharf- resp. Präzisonsschütze, der die finalen Informationen lieferte um per Predator-Drohne die tödlichen Hellfire-Raketen fern seiner Heimatbasis mit Hilfe von Metadaten der Geheimdienste, Zielplanungen und optischen Analysen abzufeuern. 98 Prozent seiner Dienstzeit habe er mit dem Beobachten von Menschen in ihren jeweiligen Lebensbereichen verbracht. (Dazu gehörte, wie ein bewaffneter Afghane die Kalaschnikow beiseite stellte, um liebevoll von seinem kleinen Kind einen Kuss zu bekommen.) — Zwei Prozent seiner Zeit habe der tatsächliche, tödliche und zerstörerische Angriff benötigt. Danach wurden checklistenartig Reports erstellt, um den „Erfolg“ zu bewerten: Grad der Zerstörung, Zahl der Verletzten und Toten. Die Kollateralschäden sind immens. Zu bis zu 95 Prozent sollen Unschuldige resp. nicht an Terrorhandlungen Beteiligte getötet werden. Opfer von Kriegshandlungen in Kriegsgebieten können zu Tätern des Terrors stilisiert werden, die dann Opfer der Drohnenangriffe werden. Laut Brandon Bryant haben sich die agierenden Militärs eine plausible Rechtfertigung zurechtgelegt: Getötet werden Terroristen und auch solche, die es noch werden könnten. „They don’t care who gets killed!“ (Quelle: rt.com).

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Ich habe einem Serienkillerkomplizen die Hand geschüttelt. Ich konnte es tun, weil er dramatische und schmerzliche Erfahrungen machte, die ihn psychisch zusammenbrechen ließen. Die ihn zur Umkehr zwangen. Schon bevor die US-Luftwaffe Brandon Bryant im Juli 2011 nach 5 Jahren und 5 Tagen aus seinem Vertrag entließ. Er bereut, was er tat. Und bittet um Vergebung. Und möchte nunmehr dazu beitragen, sein Land, das er liebt, zum Umdenken zu bewegen. Und das vor allem auch bei uns, hier in Deutschland, dem wichtigsten Verbündeten der USA. Dazu hatte er kurz zuvor in Berlin stundenlang vor dem NSA-Untersuchungsausschuss ausgesagt. (Siehe u. a. Zeit Online).

Und er hatte in Baden-Baden den Whistleblower-Preis 2015 erhalten. Die Begründung der Jury ist lesenswert! Auszug: „Die US-Regierung hat zu keiner Zeit seine Informationen als unzutreffend dargestellt oder dementiert. Bryant gab mit seinen Informationen den Anstoß für weitere detaillierte Recherchen und Enthüllungen zahlreicher investigativer Journalisten. Es ist seinen Informationen zu verdanken, dass sich der Fokus der Debatte um den globalen Drohnenkrieg der USA in Deutschland nunmehr immer stärker auf die Aktivitäten der USA in Ramstein konzentrieren kann. Die Bundesregierung begeht mit ihrer Politik der Duldung der dortigen Vorgänge selbst ein völkerrechtliches Delikt.“ (Quelle: Netzfrauen.org).

Ein Soldat tötet und sei jederzeit bereit, sein Leben für sein Land, das er liebe, herzugeben. Dazu stehe er, sagte uns Brandon Bryant in Mainz. Nicht mehr vertreten könne er aus ethischen Gründen die Art und Weise, wie das mit Drohnen geschehe. Er warnte davor, dass man sich in Deutschland zum Ermöglicher und damit zum Mittäter von nicht zu rechtfertigendem Vernichten, Zerstören und Töten mache.

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Ich habe einem Serienkillerkomplizen die Hand geschüttelt. Ebenso wie die Mainzer Künstlerin Fee Fleck, die derzeit als Aufschrei ihren Drohnen-Zyklus malt und die Inszenierung ihrer Serie an grossformatigen Gemälden im Team mit Prof. Valy Wahl und mir als Projekt umsetzt. Zu sehr ist die Künstlerin entsetzt über das, was geschieht und wie es gerade ignoriert und  bagatellisiert wird. Fee Fleck hat Brandon Bryant davon berichtet. Er zeigte sich berührt und interessiert, die Bilder zu sehen. Es helfe ihm ungeheuer im Voranbringen seiner Sache, wenn engagierte, kluge Menschen aus Kunst und Kultur das Thema Drohnen-Krieg aufgreifen, richtigstellen, brandmarken und darüber pro-aktiv kommunizieren. Gerade auch weil er selbst erleben musste, wie eine solche Tätigkeit bei der US-Luftwaffe Leben ruiniert und Beteiligte wie ihn in die Isolation getrieben haben, mit schwersten psychischen Belastungen. „Irgendwann lässt es Dich nicht mehr los. Du gehst abends nach Hause, aber gedanklich bist Du immer noch in Afghanistan oder im Irak.“ Der wichtigste Satz von Whistleblower Brandon Bryant fiel im Übrigen fast beiläufig, als das zentrale Wesensmerkmal seiner Tätigkeit als „Drone-Operator“ im Container in Nevada und im fernen Irak  beschrieb: „I had only pictures and no context!“

Hinweis: Netzpolitik.org publizierte Befragungsprotokolle des NSA-Ausschusses. Nachfolgend als Screenshots.

NACHTRAG

Am 22. Oktober 2015 war Brandon Bryant zu Gast in der ZDF-TV-Runde von Markus Lanz. Hier stand, anders als im Mainzer Staatstheater, das persönliche Erleben von Bryant im Abgleich zu seinen beruflichen Anforderungen  im Fokus. Per Einspieler und Fotos wurde dies dokumentiert. Quelle: Archiv Lanz. Anbei zur Impression einige Screenshots aus der pdf Sendung:

#jesiusandreas

Unsere Jetztzeit wird in nie zuvor gekanntem Ausmaß von Krisen und Konflikten gezeichnet. Alle Bereiche sind betroffen: Gesellschaft, Ökonomie, Politik, Religion sowie letztendlich die Freiheit und Selbstbestimmung des Einzelnen. Moderne Zeiten sind keine guten Zeiten.

Viele Fragen tauchen auf und scheinen ungelöst. Dadurch entsteht ein Dilemma. Wir setzen auf Innovation, um uns weiterzuentwickeln. Nur: Das Innovative gilt zwar stets als „das Moderne“ — ist aber nicht gleich „das Neue“. Da das Innovative nicht gleich das Neue ist, das wir brauchen, um uns zu entwickeln, wie kommt dann das Neue in die Welt? Wie analysieren und bewerten wir, ob wir Rück- oder Fortschritte machen? Ist unser Denken und Handeln überhaupt noch auf Sinnhaftigkeit ausgerichtet? Taugen unsere Wertesysteme noch?

 

Mich interessiert daher vor allem: Hat der Mensch der Jetztzeit, dessen Existenz vom Neuen zehrt, dessen Leben immer mit Aufbruch, Zeitgeist, Fortschritt, Erneuerung zu tun hatte, noch eine Bedeutung? Oder ist das Verständnis der Menschen und ihrer Kultur, wie sie für die Avantgardisten des frühen 20. Jahrhunderts maßgeblich war, kollabiert, also in sich zusammengebrochen? Was empfinden „moderne Menschen“ der Jetztzeit tatsächlich? Was leitet sie in ihrem Schaffen?

#JeSuisAndreas — Wir müssen Position für uns selbst beziehen, um spezifische Gedanken und Vorstellungen mit uns allen zu teilen. Das gemeinsame Ziel ist es nicht, einfach einzelne Sachverhalte einseitig und im sinnentleerten Disput anzuprangern, sondern den kulturellen und kommunikativen Kontext herzustellen, um Barrieren zu brechen und gemeinsam Verständnis zu erzeugen. Wir müssen Orientierungspunkte setzen, die uns ermöglichen, das Dilemma der Jetztzeit zu lösen. Dafür ist es wichtig, eine vielfältige, von Sinnhaftigkeit geleitete Bestandsaufnahme zu ermöglichen, um zu beurteilen, ob das Streben nach dem Neuen, wie wir es kannten, noch existent ist und Bestand hat. Oder, falls nicht mehr existent, wiederbelebt werden kann! Dies kann weder durch Politik, Religion, Ideologie oder Ökonomie geleistet werden. Sondern nur durch Kunst in ihrer reinsten Form! — Picasso. We miss you!

 

Picasso guernica

Picasso äusserte sich im Dezember 1937 zu seinem Bild: „Es ist mein Wunsch, Sie daran zu erinnern, dass ich stets davon überzeugt war und noch immer davon überzeugt bin, dass ein Künstler, der mit geistigen Werten lebt und umgeht, angesichts eines Konflikts, in dem die höchsten Werte der Humanität und Zivilisation auf dem Spiel stehen, sich nicht gleichgültig verhalten kann.“

 

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