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Valy: Der da, der die Könige krönt. Malerei, 140 auf 100 cm, 2009

 

Im Vorfeld zur Eröffnung der Ausstellung „Valy — Kunst DurchLeben“, die am 1. Dezember 2015 eröffnet wird, möchte ich an meinen Vortrag vom 1. Juni 2010 erinnern, als die „Retrospektive“ mit rund 100 Arbeiten aus knapp 50 Schaffensjahren von Valy im Mainzer Rathaus eröffnet wurde. Zur Ausstellung wurde erstmals ein Buch als Werkverzeichnis publiziert, das ihren Werdegang aufzeigt. Dem Buch sind die gezeigten Bilder entnommen, die perfekt auf die neuen Arbeiten einstimmen..  —Andreas Weber

 

 

„Die ich rief, die Geister, Werd’ ich nun nicht los.“ 

J. W. von Goethe, Der Zauberlehrling, Weimar, 1797

 

Die Künstlerin, die es zu entdecken, zu erfahren und zu bewundern gilt, ist Valy Wahl, vielen auch als Valy Schmidt-Heinicke bekannt. Valy hat ihre ganz eigene Zauberformel gefunden, ohne jemand heimlich zu belauschen oder zu kopieren. Das Resultat ist ein eigenständiges Werk, das sich mit den ganz großen der Kunst- und Kulturgeschichte messen lassen kann. Kaum eine andere Künstlerpersönlichkeit hat sich so konsequent und zielstrebig entwickelt, um es zur Meisterschaft zu bringen. Kunstgeschichtler werden sich die Zähne an Valy ausbeissen. Denn Valy ist ikonographisch und ikonologisch nicht einzuordnen. Überhaupt, Denken nach Schema F ist ihr nicht nur fremd, sondern vermutlich auch zuwider. Künstler und Kunstsinnige lieben Valy, weil sie uns unverblümt, geradezu kompromisslos ihre Sicht der Dinge mitteilt und uns wachrütteln kann. Valy versteht es, das kunsthandwerkliche mit dem freien künstlerischen Schaffen und Experimentieren zu verweben. Obgleich (oder weil?) sie in der Pfalz, in Kaiserslautern, geboren ist, liebt sie das Kommunizieren, ohne jemals geschwätzig zu werden. Ihre Kreativität, ihr Gestaltungswille, ihr Mitteilungsbedürfnis, ihre Lebensfreude, ihre Kraft und Ausdauer, ihr Mut, ihr Engagement für andere sind beispielhaft. Valy versteht es dabei, sich als Person zurückzunehmen und gleichzeitig präsent zu sein.

Sie entfacht mit ihrer Kunst einen stillen oder besser: lautlosen Dialog. Und sie erschließt uns Kulturräume, sie stellt Dinge in den Kontext und begibt sich auf viele „Spielwiesen“ und Entdeckungsreisen. Ohne dogmatisch zu sein oder sich den Regeln eines kommerziell getriebenen Kunstbetriebs zu beugen, bezieht Valy eine klare Position, gerne auch polarisierend: Valy versteht es, aus Kunst nachhaltige Kommunikation in höchster Vollendung werden zu lassen. Allein ihr druckgrafisches Werk genügt, um als Beweis herangezogen zu werden. Plakate, Fotoarbeiten, gedruckte Publikationen greifen wichtige Themen auf und stellen kulturgeschichtlich orientierte Meilensteine dar. Mehr als 25 Jahre hat Valy ihr Engagement in den Dienst der Kommunikation gestellt. Als Dozentin und Professorin unterstützte sie an der Fachhochschule Mainz ganze Hundertschaften von Kommunikationsdesignern beim Finden des richtigen Weges und bei der Ausgestaltung künstlerischer Fähigkeiten. Lautlos und im Stillen Dialoge zu führen, heisst eben nicht, stumm oder wirkungslos zu sein. Dies ist umso wichtiger, da die Kommunikationswirtschaft in ihrem Werbegelderrausch laut und schreiend uns alle dermaßen belästigt, dass wir auf der Flucht sind.

Flüchten oder Standhalten?

Gute Frage. Valy stellt sich den Dingen. Valy gestaltet. Valy bezieht Position. Valy schafft es, zweidimensionales mehrdimensional erscheinen zu lassen. Und sie stellt Bezüge her, die ungewöhnlich sind, um den Assoziationen freien Lauf zu lassen.

Valy sagt über ihre Kunst: „Der Mensch steht im Vordergrund. Die Befindlichkeiten der menschlichen Empfindungen, von innen oder außen geprägt, spielen eine ent-scheidende Rolle. Das Miteinander oder Gegeneinander bieten starke Kontraste, die dann auch entsprechend hart formuliert werden müssen. Gesellschaftliche und persönliche Erfahrungen fordern heraus, diese bildnerisch zu beschreiben. Meist treibt innere Unruhe oder Unzufriedenheit über Qualitäten die kreative Arbeit an.“

Dieser Impetus der Künstlerin verlangt nach neuen, ausdrucksstarken malerischen Inszenierungsmöglichkeiten. Dazu hat Valy eine ganz eigene Maltechnik erfunden, die eher an Fresco, als an Tafel- oder Leinwandmalerei erinnert. Die fünf bis zehn Millimeter starken, mit Papier kaschierten Kunststoffplatten, bieten eine samtweiche, glatte Oberfläche. Recycling-Klarlack wird aufgetragen, je nachdem eingefärbt mit Pigmenten. Der Auftrag erfolgt spontan und rhythmisch, teilweise abgehoben. Die Suche und Auswahl bildnerisch-substantieller Motive erfolgt intuitiv, oft liegen Skizzen zugrunde. Darüber wird nicht mit Pinsel oder Spachtel gemalt, sondern mit einer Tube, die klaren Gummikleber enthält. Dadurch werden strukturelle Formationen den skizzierten Motiven angenähert. Im Anschluss wird Druckfarbe mit einem Lappen über beinahe die komplette Bildfläche verteilt. Sodann wird der Gummikleber entfernt. Mit der Druckfarbe und dem Lappen werden die Formen konkretisiert und bearbeitet. Weitere Effekte ergeben sich daraus, wie etwa Mehrschichtigkeit und Transparenz. Diese Maltechnik ist nicht zu kopieren, weil sie nur funktioniert, wenn die der Künstlerin eigenen Arbeitsabläufe und Methoden hinzugefügt werden – vom Sehen und Wahrnehmen bis zur Modulation und Bestimmung der Inhalte.

 

 

Mainz als Brennpunkt künstlerischer Schaffenskraft

Beginnend mit Schrift-, Schreibübungen und Plakatentwürfen seit 1957, weitergeführt von Plakaten aus der Zeit seit 1974 reihen sich dutzende Arbeiten ein. Denn bei allen Stadtgeschichte-Ausstellungen für die Stadt Mainz, wurde ein Gesamterscheinungsbild konzipiert, gestaltet und realisiert. Dazu gehörte die didaktische Aufbereitung des Archivmaterials der jeweiligen Thematik, Gestaltung der Ausstellung, Plakat, Einladungskarte und Katalog.

Themen sind Juden in Mainz, Deutsche Jakobiner, Deutschland und die Französische Revolution, Die Mainzer und ihr Rathaus sowie Die Mainzer Kunstszene nach der Stunde Null 1945 – 1954, um nur einige zu nennen.

Siebdrucke wie die Pi-Serie von 1978 kommen hinzu, die als freie künstlerische Arbeiten entstanden, ebenso Fotografien. Reisebilder und Reiseberichte führen uns nach Valencia (2005) oder ins ferne Japan (Fotografien von 2007). Entstanden sind aber auch Blei und Glasarbeiten sowie Kooperationsprojekte wie mit Hendrik Liersch und Ute Eckenfelder aus dem Jahr 2009.

Auf einen wichtigen Punkt will ich aber hinweisen. Die Nähe von Valy zur Literatur und Poesie, ebenfalls eine lautlose, aber äußerst mächtige und klangvolle Form der Kommunikation.

 

„Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib’ im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.“ —Goethe: West-östlicher Divan, Buch des Unmuts

 

Entstanden ist in einer an den Symbolismus angelehnten visionären Bildsprache eine alptraumhaft-chaotische Welt des Triebs und des Horrors. Maldoror erscheint in immer neuen Metamorphosen und Masken und präsentiert sein Ich als allegorisches, vampirisch-destruktives Leitbild. Er symbolisiert die Inkarnation des Bösen selbst, ein schwarzer, zerschmetterter Erzengel von unsagbarer Schönheit, der dem Menschen (Leser) seine eigene Hässlichkeit vor Augen führt. Comte de Lautréamont lässt Maldoror sagen: „Ich bediene mich meines Geistes, um die Wonnen der Grausamkeit zu schildern, keine flüchtigen, künstlichen Wonnen, sondern solche, die mit den Menschen begonnen haben, die mit ihm enden werden.“ Die archaischen Metaphern der Gesänge sind nicht als Vergleiche aufzufassen, sondern als Annäherung von zwei mehr oder weniger voneinander entfernten Wirklichkeiten, wie seinerzeit die Entdecker von Comte de Lautréamont, die Dichter Paul Éluard, Louis Aragon, Philippe Soupault und André Breton herausstellten. Breton übernahm Passagen der Gesänge in seine Anthologie des schwarzen Humors: „Die Grenzen sind gefallen, in denen Worte in Beziehung zu Worten, Dinge in Beziehung zu Dingen treten können. Ein Prinzip ständiger Verwandlung hat sich der Dinge wie der Ideen bemächtigt und zielt auf ihre totale Befreiung ab, die die des Menschen impliziert.“ Comte de Lautréamont hinterließ mit seinem Werk ein verwirrend-verrätseltes Vexierspiel, das die Erwartungshaltung des Lesers immer wieder untergräbt.

Apropos. Da ist noch Der Zauberlehrling: 

»In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid’s gewesen.
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
Erst hervor der alte Meister.«

 

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Text sowie Fotos/Bildcollage:
Andreas Weber, Mainz/Frankfurt am Main, 7. Februar 2014

Warum es sich lohnt, diesen Blogpost zu lesen:

1. Kunst = Kommunikation

2. Kommunikation = Kunst

3. Kunstverein Eisenturm K3 = KunstHochDrei

Liebe Freunde erhabener Kunst, liebe Fans des Kunstverein Eisenturm!
Wie kann man eine wichtige, zukunftsweise KEM-Mitgliederversammlung besser krönen, als mit einer wunderbaren Ausstellung von Format. „Kunst Hoch Drei“ bietet ungeahnte Überraschungen. Und begeistert. Nach dem gelungenen Intermezzo von Martin Kosa am letzten Wochenende zur Vorstellung des Fotobuchs „Tokio Translated“ geht es also Schlag auf Schlag. Kunst Hoch Drei – auch kurz K3 genannt, ist ein Format mit kultureller und kreativer Dimension. Der Ideengeber — Dietmar Gross – hatte zusammen mit den Kuratoren im Sinn, Begegnungen herbeizuführen und Mono-Dimensionen zu überwinden, indem jeweils drei Kunstschaffenden Gelegenheit gegeben wird, ihre Arbeit nicht nur zu präsentieren, sondern in den Kontext künstlerischer Schaffenskraft zu stellen.

Ein herzliches Willkommen gilt darum nochmals Irma Hartberg und ihren Assemblagen, Alice Stäglich und ihren Skulpturen sowie Angelika Wende mit ihren Malereien.

K3 bezieht aber auch topografische Dimensionen ein. Drei Räume treffen drei Künstler geht damit einher, aber noch wichtiger die Tatsache, dass K3 ein Bergmassiv im Himalaya meint, den Broad Peak, übersetzt: das ausgedehnte Gipfelgebiet, das zu dem 14 Achttausender dieser Welt gehört. Seine Dimension umfasst in etwa das Areal, das zwischen Mainz, der Gemeinde Heidenrod (hinter Wiesbaden) und Gemünden im Hunsrück, den Wohnorten unserer Künstlerinnen, liegt.

Ein Gipfelpunkt wie K3 liefert einzigartige Ausblicke und Einblicke, indem man im Team mit sich selbst und mit ausgewählten anderen den Aufstieg geschafft hat.

Der Weg der Künstler ist mitunter ein steiniger, nicht selten riskanter. Man muss, wie Alpinisten wissen, stets an sich glauben, durchhalten und darf sein Ziel wie auch sein Umfeld nie aus den Augen verlieren. Natur und Mensch sind ein ungleiches Paar!

Was macht nun die drei Künstlerinnen, deren Werke wir heute bewundern dürfen, aus? Sie bilden keine Seilschaft im klassischen Sinne, haben zuvor auch noch nie im Dreier-Ensemble ausgestellt. Das kann man kaum glauben. Denn wer genau hinsieht, entdeckt zum Beispiel Elemente von Alice Stäglich im Werk von Irma Hartberg. Und umgekehrt. Angelika Wende greift Gedanken der beiden anderen auf und übersetzt sie in furiose, zweidimensionale Kompositionen, die Malerisches und Fotografisches zu Transformationen und Metamorphosen vereinen.

Grund genug für uns, sich auf eine andere, intuitive, erlebnishafte Herangehensweise an die Exponate einzulassen. Gerade so, wie auf einer Expedition, wenn das Vorhersehbare anders eintritt, als man erwartet hat.

Irma Hartberg und ihrer Kunst nähert man sich am besten, so meine Erfahrung gestern, als ich ganz für mich die Ausstellung vorbesichtigen durfte, indem man den Blick zunächst tief in die Exponate „hineinzoomt“. Hier erkennt man die Kunstfertigkeit der Assemblagen am besten, rostige Metallelemente treffen Farbaufträge, selbst wenn die Bildwerke hinter Glas sind. Reliefcharakter mit Dreidimensionalität entsteht. Und ein Feuerwerk an Farbimpressionen, die mitunter geometrisch angelegt sind, aber Gegenständliches abstrahieren. Irma Hartberg, in Kassel geboren, hat zunächst Kunsterziehung / Polytechnik an der FH Darmstadt studiert bevor sie an die Freien Wiesbadener Kunstschule ging, um danach am Hessischen Staatstheater als Theaterplastikerin und an anderer Stelle einige Jahre als Kunsttherapeutin zu arbeiten. Sie hat eine ganze Reihe erfolgreicher Ausstellungen absolviert, in ganz Hessen, in Nord- und Ostdeutschland sowie in Wien. In Mainz war sie mehrfach zu Gast beim KEM in den Kooperationsausstellungen mit der Mainzer Volksbank.

Die Inspirationsquellen für Irma Hartberg sind vielfältig. In ihren Werkzyklen finden sich Anregungen aus der mexikanischen Volkskunst für die Fadenkollagen. Sie sagt selbst: „Diese Bilder versuchen Gefühlszustände wie Schmerz, Hoffnung, Ambivalenz, Geborgenheit in abstrakte Formen zu transformieren. Jedes Bild beschränkt sich auf wenige Farben und lässt Tiefe durch Farbabstufungen entstehen.“ Die Künstlerin steht im Dialog mit der Natur: „Die Natur ist Mitgestalterin, indem sie durch Form und Struktur … die Bildkomposition bestimmt. Natur und Kunst werden hier eins. Hintergründe wachsen mit Naturmaterialien zusammen und werden zu archaischen Gebilden, die von einer ganz eigenen, geheimnisvollen Welt erzählen.“

Die hier gezeigten Assemblagen aus Kiefernholz und Metall mit den Be- und Übermalungen haben für Irma Hartberg eine ganz besondere Bedeutung. Sie nennt dies die „Ästhetik des Zerfalls“ und wertet sie als Zeichen der Vergänglichkeit. Sie lasse den Bildern Zeit, da mitunter das Metall noch reifen muss, bis es die richtige Patina aufweist. Die eingesetzten Materialien hätten „viel zu erzählen“, gerade wenn sie Abfall waren und durch die Kunst wieder ins Leben zurückgeholt werden. Irma Hartbergs Themen sind wie sie sagt durchweg „Verbinden, Zusammenhalten, Getrenntheit überwinden. Und die Zeit. Die Zeit als vierte Dimension ist Thema eines Konzeptpapiers, das Irma Hartberg zu Ausstellung verfasst hat und mir schickte. Ich darf es kurz vortragen:

Zeit – die vierte Dimension

„Zeit an sich ist ein abstrakter Begriff, der sich am besten sichtbar machen lässt an Materialien, die, wenn sie äußeren Einflüssen ausgesetzt sind, sich langsam auflösen.

Hier ist die Zeit die Gestalterin. Am eindrucksvollsten lässt sich dieser Prozess bei Metall oder Eisen beobachten. Ich habe ein Stück Zinkblech, das 30 Jahre in der Erde lag, ausgegraben und wieder ‚zum Leben erweckt‘, indem ich es in eine Assemblage eingebaut habe.

Diese „Ästhetik des Zerfalls“ ist mein Thema. Die lebendigen Spuren der Zersetzung von Materie (auch Kunststoff und Holz) füllen meine Bilder mit Leben. Wie ein Künstler gestaltet der Zerfall durch Verfärbung, Bruchstellen und das Abblättern von alten Lacken. Er ist das Gesetz des Universums und am Ende durch nichts aufzuhalten! Ein Prozess, den wir allzu gerne verdrängen, da auch wir von ihm nicht verschont bleiben.

Die Teile, die ich finde, werden als Müll bezeichnet.

Ich gebe Ihnen ‚ihre Würde‘ zurück (wie es die amerikanische Künstlerin Louise Nevelson formulierte). Ich füge sie neu zusammen und bediene mich dabei der dem Zeitgeist trotzenden ästhetischen Formgebung, die für mich nach wie vor von großer Bedeutung ist.

Irma Hartberg, Februar 2014“

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Foto: Andreas Weber, 6. Februar 2014

Transformation, Zerfall, Metall und Rost kennzeichnen auch das Gestaltungsfeld von Alice Stäglich. In Warschau geboren, hat sie lange schon ihr Atelier im Hunsrück, im Gut Neuhof, mit atemberaubenden historischen Räumlichkeiten, die die Wirkung der Skulpturen bestärken. Ganz wie auch hier im Eisenturm, getreu dem Motto: „Etwas Altes wird etwas Neues“.  —

1980 begann Alice Stäglich ihr Studium der Bildhauerei an der Europäischen Akademie für Bildende Kunst in Trier und Salzburg. Sie gehört dem Berufsverband Bildender Künstler BBK an — wie auch seit 1989 der Künstlergruppe Nahe e.V.. Seit über 10 Jahren stellt sie auf der Mainzer Kunstmesse aus, ebenso wie auf Kunstmessen in Bonn oder München sowie in Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Ihre Arbeiten sind in öffentlichen wie in privaten Sammlungen vertreten. Zu nennen sind auch Veröffentlichungen wie „Blaue Sonne“, „Fundstücke“ oder „Das Konzert“.

Dr. Angela Nestler Zapp, Leiterin der Bad Kreuznacher Kunst- und Kulturtage, Museumsdirektorin Schlossparkmuseum und Römerhalle Bad Kreuznach, urteilt wie folgt: “Die Plastiken von Alice Stäglich entstehen aus der Montage verschiedenartiger Fundstücke aus der Alltagskultur, die isoliert von ihrem ehemaligen Umfeld und ihren damit verbundenen Funktionen eine neue Wertigkeit und Bedeutung erhalten.”

Alice Stäglich stellt ihren Arbeiten ein wunderbares Zitat von Marcel Duchamp voran: „Kunst ist eine viel tiefere Sache als der Geschmack einer Zeitepoche, und die Kunst einer Zeitepoche ist nicht der Geschmack dieser Zeitepoche“.

Wer mit diesen Worten im Ohr den Ausstellungsraum betritt, erhält eine andere Vorstellung. Und kann eine quasi metallische Orchestrierung von Musik- oder Konzertdarbietungen erleben. Vertraute Elemente kombinieren sich in neuer Art und Weise. Der originale Notenständer führt eine schwere Last, da das Notenpapier anders als gewohnt nicht aus Papier geformt ist.

Alice Stäglich erweitert das aus der Kunstgeschichte bekannte Repertoire des Object Trouvé, des Fundstücks, und agiert nicht ohne Humor und Ironie. Gerade so, wie ein Picasso, der aus Fahrradsattel und -lenker einen Stierkopf formte. „Ambivalenz und die Lust an der Dechiffrierung der einzelnen Gestaltungselemente machen den Reiz der Rezeption aus“, schreibt die bereits zitierte Dr. Angela Nestler Zapp, die weiter ausführt: „Die Figurationen verblüffen ebenso durch paradoxe Kompositionen von ehemals unvereinbaren Objekten wie durch witzige und ironische Details. Frontalansichtig beziehen sie ihre Wirkung durch die silhouettenartig abstrahierte Umrissform.

Gegenständliches und Abstraktes werden kombiniert, Konstruktivistisches und Surreales miteinander verschränkt. Dafür bleibt jedoch immer die Identität der Fundstücke, die in sparsamen Kompositionen zusammengefügt werden, erhalten. Auf diese Weise werden Relikte unserer Alltagskultur in einen neuen Kontext gesetzt und die Ihnen innewohnenden plastischen Qualitäten vor Augen geführt.“

Die Namensgebung der Werke vereint Musikinstrumente wie auch -gattungen und Musikerberufe. Klaviermädchen, Orgelmann, Schlagzeug, Orgel, Trommel etc. sowie das gekonnt-gemischte Ensemble der Stühle, die zugleich Konzertbesucher darstellen. So unterschiedlich wir Menschen sind, so unterschiedlich sind auch die Bildwerke, die entstehen.

Meine Damen und Herren, soweit möglich, wenn nicht heute, dann morgen oder ein anderes Mal, schauen Sie bitte, dass sie die Exponate von Alice Stäglich alleine und in Ruhe genießen können. Es liegt auch ein wunderbarer Katalog aus, mit vielen weiterführenden Informationen, der auf dem Umschlag die Farbwelt der Skulpturen nach aussen trägt. Im Katalog sind auch Fotos des Ateliers im Gut Neuhof zusehen, die ad hoc den Wunsch nach einem Besuch bei Alice Stäglich im Hunsrück anregen.

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 Foto: Andreas Weber, 6. Februar 2014

Wie wichtig persönliche und mediale Präsenz ist, das weiss Angelika Wende ganz besonders. Sie hat in Mainz Literaturwissenschaften an der Johannes Gutenberg Universität studiert, war bei Pro7 und ZDF Fernsehmoderatorin und verfügt über eine Ausbildung als Psychologische Beraterin. Sie arbeitet als Freie Journalistin, Autorin, Kuratorin und Kunstschaffende. Übrigens ziert die Einladung zur heutigen Ausstellung im Eisenturm als Profilbild die Facebook-Seite von Angelika Wende… Es kam heute zu viel Interaktion auf Facebook.

Künstlerische Studien unternahm Angelika Wende u.a. bei:

Reinhold Petermann, Bildhauer, Mainz,

Matthias Rüppel, Maler und Bildhauer UdK, Berlin, sowie

Christian Felder, Maler, Mainz.

Auf die Frage: „Warum machst Du Kunst?“ antwortete sie spontan in einem auf  YouTube publizierten Video: „Weil ich nicht anders kann. Ich muss mich ausdrücken!“ [Gemeint, wohl eher: austoben!]. Neben Sprache und der Verschriftlichung von Gedanken sind malerische und fotografische Ausdrucksformen ihr Metier. Den Fotografie-Arbeiten auf ihrer Website hat Angelika Wende ein Zitat von Max Beckmann vorangestellt: „Das Selbst ist das grosse Rätsel.“

Und ihrer Schrift „Die andere in mir – KALi“ stellt sie voran:

„In einer Aprilnacht in die Welt geworfen

Heimat ist in mir selbst

Mein Lebensweg – eine Suche

Meine Sehnsucht – die nach Wissen und Gelassenheit

Mein Motor – Kreativität

Mein Glaube – Liebe …

Malerei:

Ich male, wenn die Worte nicht ausreichen,

um das zu beschreiben was in mir ist …“

Das Neue bewegt sie wie das Alte. Gedanken aus Platons Symposion tauchen auf. „Wir Menschen sind halbierte, die sich nach Ganzheit sehnen“. So sind ihre Bildwerke zu verstehen. Sie erheben nicht den Anspruch, akademisch perfekte Malerei verkörpern zu müssen. Sie sind spontan visualisierte Gefühlsexplosionen, die über das Intellektuelle hinausgehen. Es ist beindruckend zu sehen, wie viel Grosses in ganz kleine Bildformate gepackt werden kann. Anscheinend braucht die Geisteswelt ein Äquivalent auf der Gefühlsebene.

Sich wie Immanuel Kant den Lebensfreuden und -nöten völlig zu entziehen, kann für Angelika Wende wohl kaum vorstellbar sein. Dazu ist sie dem Mensch–Sein, mit allen Höhen und Tiefen seiner Existenz, viel zu sehr verbunden. „Wir werden zu dem, was wir sind…“ findet sich zu ihrem Text- und Bildband „Medea – Metamorphosen“.

Hier heisst es weiter:

„Er ist schwach und sie ist stark. Er nimmt ihre

Stärke, solange sie ihm nützt und hält sie nicht

aus, weil sie ihn kleiner macht in seinen Augen.

Dieser Mann ist klein, zu klein für eine große

Frau.

Warum macht diese starke Frau die

Erfüllung ihrer Sehnsucht an ihm

fest? Ist sie blind, oder im Innersten

so einsam, dass sie im Gefühl

endlich geliebt und gebraucht zu

werden, seine Schwäche übersieht

und verdrängt? Beginnt das Drama Medeas

nicht dort, wo alle menschlichen Dramen beginnen?

In ihr selbst, in ihrer psychischen Struktur.

Und ist das Außen nicht nur der Spiegel dessen,

was der Mensch in sich trägt?

Wir werden zu dem, was wir sind …

[…]

Die Beziehung zwischen Mann und Frau ist

die vertrauteste und unheimlichste, die unbedingteste

und konfliktreichste – Urgrund unzähliger

Dramen, damals wie heute.

Es ist die Unfähigkeit dem anderen sein Anderssein

zu lassen. Weit ab von Einsicht,

Akzeptanz und friedlicher Koexistenz, wabert

der Kampf der Geschlechter, durchzogen vom

Trieb uns fortzupflanzen. Nicht ohne einander

und schlecht miteinander.“

Soweit Angelika Wende in ihren Medea-Texten, die den Bildwerken sprachlich-codierte Ausdrucksform verleihen. Bild und Text definieren sich gegenseitig, quasi als iterativer Prozess.

Ihr Mentor, der genannte Maler Christian Felder, stellt klar: „Das Werk Angelika Wendes konfrontiert den Betrachter mit einer ungeschönten aber auch zugleich unumstößlich notwendigen Bildwelt. Diese lockt durch ihre Intensität. Wir sehen Figuren. Einzelne, im Paar, im Drei-Mensch-Verhältnis. Gemalt in einem Stil, der sich von der Individualität des abgebildeten Subjekts entfernt und als Stilmittel die Reduktion der Form zu nutzen weiß.“

Und Christian Felder fährt an anderer Stelle fort, unter der Überschrift „Zurückgeworfen auf das Selbst“:

„Angelika Wende ist keine staatlich lizenzierte Künstlerin. Sie hat keinen Abschluss einer Kunsthochschule vorzuweisen. Doch sie hat etwas, das vielen ‚Meisterschülern‘ fehlt: Innere Notwendigkeit. Der Trieb die Ereignisse der Welt malerisch zu verarbeiten, ist tief in ihr verwurzelt.“

Man kann bei den Bildwerken von Angelika Wende von einer „Rauschhaften Empathie“ sprechen. Gerade so, wie wenn man bewusst oder unbewusst den Verstand ausblendet, um seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Doch anders als beim Action Painting oder sonstigen Spontan-Kunstformen, lässt sie über das Gefühl (und Mitgefühl) dem Intellekt freien Lauf. Dies schafft eine Entrücktheit, wie man sie aus der Psychologie kennt: Das Ich drängt über den Rahmen, den Natur und Gesetz uns Menschen auferlegen, hinaus.

Das gemeinhin „Verrückt“ genannte im Wesen von Menschen, die wir als krank bezeichnen, wird ja zu einem „Entrückt“-Sein als Notwendigkeit, um sich der Wirklichkeit aus anderer Perspektive anzunähern.

Christian Felder beschreibt das exakt: „Diese Malerin folgt keinem Programm, sie folgt ihrer Intuition. Intuition als Maxime, das authentische Gefühl aus Erfahrung als Messlatte, die Notwendigkeit bildnerisch zu gestalten. Dies scheinen mir die drei Grundpfeiler ihres Schaffens zu sein. Und fordert uns als Betrachter auf: ‚Lassen wir die Bilder sprechen‘.“

Angelika Wende formuliert ihr Selbst wie folgt:

„Ich reiße die Form auf und reduziere die Figur.
Das Aufgerissene ist Symbol meiner eigenen Zerrissenheit.
Ich spachtle, ich kratze. Ich wische und verwische, ich zerstöre und baue auf.
Ich hinterlasse Narben auf der Leinwand.
Es ist ein immer wieder neues Zerstören des Bildes.
Es hat etwas Verletzendes und etwas Schöpfendes.
Ich mache das, solange bis auf der Leinwand eine fragile Schönheit
zum Vorschein kommt.
Es ist wie Stroh zu Gold spinnen.“

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Meine Damen und Herren, Stroh zu Gold spinnen, das finde ich bemerkenswert, hier im „Eisen“-Turm. 

Ich wünsche der Ausstellung und den Künstlerinnen den angemessenen Erfolg und die notwendige Aufmerksamkeit vieler Besucher. Das Prinzip „K3“ – Kunst Hoch Drei – lädt wie eingangs gesagt, zum Gipfelsturm ein. Also, dann los!

 

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Ausstellungsungsbesprechung in der Mainzer Allgemeinen Zeitung:

http://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/mainz/nachrichten-mainz/schau-wider-den-zeitgeist-im-eisenturm_13870561.htm

 

Visueller Rundgang per YouTube (Video-Animation)::

 

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Eröffnungsrede von Andreas Weber
am 14. Dezember 2013 im Kunstverein Eisenturm, Mainz

 

Premiere der besonderen Art: Eisenturm wird zum Kunstraum!

„Schwindende, du kennst die Türme nicht.
Doch nun sollst du einen Turm gewahren
mit dem wunderbaren
Raum in dir. Verschließ dein Angesicht.
Aufgerichtet hast du ihn
ahnungslos mit Blick und Wink und Wendung.
Plötzlich starrt er von Vollendung,
und ich, Seliger, darf ihn beziehn.
Ach wie bin ich eng darin.
Schmeichle mir, zur Kuppel auszutreten:
um in deine weichen Nächte hin
mit dem Schwung schoßblendender Raketen
mehr Gefühl zu schleudern, als ich bin.“

Aus: Sieben Gedichte, Gedicht Nummer 4, von Rainer Maria Rilke, verfasst zw. 14. Oktober und 9. November 1915, Ort unbekannt

Meine Damen und Herren, willkommen im Reich der Transformation. Der Eisenturm wird heute zum besonderen, anderen Ort. Vergessen wir für einen Moment, dass wir uns hier versammelt haben, um eine Kunstausstellung zu eröffnen. Lassen wir uns ein in den Dialog mit dem Leben, unserer Vergangenheit und Zukunft. Unserem eigenen Sein. Der Veränderung durch Kunst. Der Neugeburt in uns selbst.

Der Eisenturm ist nunmehr ein Kunstraum. Perfekt ausgestattet, mit Dingen, die es in dieser Kombination und Konstellation noch nie zuvor gab. Sorgsam, geradezu minutiös ausgerichtet. Man muss in kleinen Dingen exakt sein, damit es im „Großen Ganzen“ stimmt. — Meine Anregung: Verschließt den Eisenturm. Ändert nie mehr etwas.

Sucht Euch ab nun andere Räume für Wechselausstellungen.

„ES IST!“

Warum?

Weil – wie noch nie zuvor – sich zwei Künstlerseelen, die sich zuvor nicht kannten, hier vereinten und gemeinsam ihr kreatives Talent nutzten, um etwas KOSTBARES zu schaffen, dass stark und kraftvoll, aber auch zart und zerbrechlich zugleich ist. Und archaisch-modern unsere Vorstellungskraft neu auszurichten hilft. Handle with care – der Name ist Programm. Gehe sorgsam mit den Dingen, dem Sein, der Natur, den Gedanken und Gefühlen um. Fange an, Dich mit Dir selbst zu beschäftigen, indem Du Gedankenfetzen, Impulse, Beobachtungen, Assoziationen, Gefühle, Zweifel, Wut und Irritation unbeirrt und nie nachlassend visuell und haptisch für uns alle erfahrbar machst.

„Ist das ein Bild?“, fragte gestern Dr. Treznok, als er ein Werk von Christine Laprell zum ersten Mal sah. Seine Irritation provozierte eine wunderbare Debatte über Herz und Sinn der Ausstellung: Was nehmen wir wahr, weil wir es wahrnehmen wollen? Nicht wie ES IST, sondern wie wir es haben wollen. —— Ist eine Leinwand, die mit Farbe, Papierfetzen, Blättern, Schriftkritzeleien und anderem lückenhaft befüllt ist, tatsächlich ein Bild?

HA! Ein Bild ist ein Bild. Ein Bild muss kein Gemälde sein. Und eine Skulptur muss nicht aus Holz, Marmor oder Metall gegossen werden. Und ein narratives Gemälde als Erzählstück braucht schon gar keine Leinwand. Plastikfolie, also Kunststoff, zum Beispiel ist doch viel besser. Und liefert zudem Transparenz.

Kunst-Dinge, wie wir hier in unserem neuen Kunstraum Eisenturm sehen, können sprechen. Ohne etwas reden zu müssen. Non-verbale Kommunikation ist ungemein mitteilsam.

Die Bilder an der hohen Wand könnten zum Beispiel folgendes „sagen“:

„Mein Leben ? ! : ist kein Kontinuum! (nicht bloß Tag und Nacht in weiß und schwarze Stücke zerbrochen ! Denn auch am Tage ist bei mir der ein Anderer, der zur Bahn geht; im Amt sitzt; büchert; durch Haine stelzt; begattet; schwatzt; schreibt; Tausendsdenker; auseinanderfallender Fächer; der rennt; raucht; kotet; radiohört; ‘Herr Landrat’ sagt: that’s me!) ein Tablett voll glitzender snapshots.“

Arno Schmidt, Faun, 1953.

Oder die Plastikfolien-Bahnen unter der Empore unseres Kunstraums säuseln lyrisch-verwirrend:

„Dein Kopf ist ein Turm

mit strahlentanzenden Linsen.

Die geübte Hand weiss es oft viel besser

als der Kopf.

O Dichter!

Willst Du den Moder einer Gruft schildern

und gebricht es Dir dabei

an der so nötigen Inspiration,

kauf Dir einen Camembert,

und ab und zu daran riechend,

wirst Du können.

Gedicht von Paul Klee, 1906, Titel: Dein Kopf ist ein Turm

Hören Sie es es auch, das lyrische Säuseln meine Damen und Herren? Falls nicht, stelle ich fest, dass uns völlig unbewusst ist, was uns bewusst sein sollte oder könnte.

Die menschliche Wahrnehmung und Erinnerung läuft stark fragmentiert ab. Man nennt das auch das „musivische Dasein“. Wie erlange ich Zugang zur Sprache des Unbewussten? Wie kann ich sie aktiv gestalten?

Diese Fragen scheinen nunmehr beantwortet. Denn: Unser heute, zum 14. Dezember 2013, neu geschaffener und wunderbar inthronisierter Kunstraum der Mainzer Kunstverein-Eisenturm-Galerie, zeigt uns dies durch das Werk und Wirken der beiden Künstlerinnen Christine Laprell und Petra Jung.

Beide führen uns als Mainzer und Rheinhessen zurück an wichtige Eckpunkte unserer Geschichte, die unserer Wahrnehmung und unserer Erinnerung entrückt, also unbewusst geworden sind.

Oder erinnern Sie sich an das Jahr 1951?

An die Vergabe des Großer Literaturpreis der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz?

Wer war 1951 der Preisträger der im Jahr 1949 von Alfred Döblin gegründeten, noch heute erfolgreich aktiven Akademie? — Nun, ganz einfach ein Jahrhundert-Denker, Provokateur und Schriftsteller, der hier in unserem Kunstraum sogar noch posthum omnipräsent ist. Durch sein Schreiben, seine Text und die Wirkungsmechanismen, die seine verschriftlichte Sprachgewalt auslösen. Petra Jung trägt dies in sich, indem sie als naturkundige, reisebegeisterte und wache Beobachterin, Sammlerin organischer Materialien und Kunstschaffende verinnerlicht hat, worum es dem Preisträger von 1951 geht. Und Christine Laprell, in Deutsch und Kunst ausgebildet, macht dies zum täglichen Bestandteil ihrer Werke, indem sie dessen Texte und Sprachfetzen reflektiert und in ihrer ganz eigenen Art bildnerisch umsetzt.

Und, auf wen bezieht sich Christine Laprell? Wen meine ich? 

Zugegeben, meine Damen und Herren, ich mag Sie ein wenig in die Irre geführt haben. Eingangs zitierte ich ungenannt Rainer Maria Rilke, Sieben Gedichte, Gedicht IV, aus dem Herbst 1915. „Dein Kopf im Turm”, stammt aus dem Jahr 1906 von Paul Klee. Aber, die Sequenz mit „Herr Landrat“, „That’s me”, „glitzender snapshots“ stammt vom IHM, aus dem Jahr 1953.

Ich selbst kam mit IHM als 12jähriger in Kaiserslautern in Kontakt. Bei einer Szenischen Uraufführung, die der Künstler Prof. Eberhard Schlotter mit meinem Vater Wilhelm Weber in der Pfalzgalerie am 13. Mai 1971 veranstaltete. Bilder von Schlotter und Texte von Schlotters Freund Arno Schmidt. Schlotter hatte Mitte der 1950er Jahre Arno Schmidt vor den Attacken der katholischen Moselmanen gerettet, indem er ihn von Kastell im Saar-Mosel-Gebiet ins evangelische Darmstadt rettete. Arno Schmidt war durch seine sprachlich freizügigen Seelandschaft mit Pocahontas wegen Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Schriften angeklagt worden. Das Verfahren wurde im liberalen Darmstadt eingestellt. — Warum erzähle ich das, hier und heute?

Arno Schmidt steht für eine Symbiose aus traditionellem Erzählen (vorwiegend aus einer dominanten Ich-Perspektive) und avantgardistischer Schreibtechnik. Er hat sich mit schwierigen Themen auseinandergesetzt. Rebellierte gegen die Adenauer-Zeit. Setzte sich intensiv mit der Psychoanalyse von Freud auseinander, die er auf die Literatur übertrug. Es ging ihm um den Vorgang:, das sich das Unbewusste nicht nur in Bildsymbolik ausdrückt, sondern auch sprachlich in einem „eigenen Schalks=Esperanto“ aus AmphibolienWortspielenAssonanzen, usw., um neben der manifesten Bedeutungsebene gleichzeitig auch – meist sexuelle – Nebenbedeutungen auszudrücken.

Christine Laprell wendet nunmehr das Prinzip der Umkehrung an: Sie verwandelt sprachlich-schriftliches wiederum in Bildsymbole und Bildaussagen. So vielfältig die Text- und Sprachassoziationen sind, so vielfältig ist ihre bildnerische Ausdrucksweise. Es entsteht ein interaktiver Prozess von fulminanter Bedeutung. Und in dieser Interaktionslust und -befähigung fühlen sich Christine Laprell und Petra Jung im Herzen und im Geist aufs engste verbunden.

Aber Fragen wir doch die beiden Künstlerinnen direkt; damit, meine Damen und Herren, steigen wir in einen kurzen Dialog mit den Künstlerinnen ein, damit ich hier nicht vor Begeisterung im Kunstraum-Rausch zum Dauerredner und Alleinunterhalter mutiere.

Meine erste Frage:

Was verbindet Euch? Bzw. vielleicht kann Christine Laprell kurz schildern, was sie am Werk von Petra Jung fasziniert? Und umgekehrt?

Meine weiteren Fragen: 

Wie kam Christine Laprell zur Literatur, vorzugsweise Arno Schmidt?

Wie kam Petra Jung zum variantenreichen Umgang mit ausgefallenen organischen Materialien, die als Objekte erscheinen und von grafischen Arbeiten begleitet werden?

Und last but not least:

Was macht dieses Ausstellungserlebnis so einzigartig?

Welches sind Eure persönlichen Highlights?

Hinweis:
Impressionen von der Eröffnung mit Dietmar Gross und Andreas Weber sowie Diskussion mit den Künstlerinnen aus YouTube:

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Video der Reden von Dietmar Gross und Andreas Weber sowie der Diskussion mit den Künstlerinnen zur Eröffnung auf YouTube

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Video zum Making-off der Ausstellung auf YouTube

http://youtu.be/SMCLxgGMTsY

 

Fotoimpressionen von Andreas Weber, 13. Dezember 2013

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