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Tag Archives: Drohnen Zyklus

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Von Andreas Weber aus Anlass der Ausstellungseröffnung „Fee Fleck — Im Reich der Drohnen“ im Frankfurter Hof zu Mainz

Ein historisch bedeutsamer Ort wie der Frankfurter Hof zu Mainz bietet das beste Ambiente für eine historisch bedeutsame Vorstellung eines Gemälde-Zyklus von Weltrang. Fee Fleck hat einzigartige „historische Ereignisbilder als einen Gemäldezyklus erschaffen, den sie in seiner Gesamtheit erstmals öffentlich präsentiert. Sie steht damit in einer reichen Tradition. Das „Historienbild” ist ein kunsthistorisch gesetzter Topos, der sich fachlich wie folgt klären lässt: Das Historienbild ist neben Portrait, Genrebild, Landschaftsbild und Stillleben eine der klassischen, selbständigen Gattungen der Malerei. Bildinhalte (Sujets) des Historienbildes sind Darstellungen historischer bzw. geschichtlicher Ereignisse, die auf diese Weise vergegenwärtigt bzw. rekonstruiert wurden. Ob Albrecht AltdorfersAlexanderschlacht aus dem 16. Jahrhundert oder „Die Freiheit führt das Volk auf die Barrikaden des französischen Künstlers Eugène Delacroix bis hin zu „Guernica von Pablo Picasso — die Liste bedeutender Werke ist lang. Alle diese Künstler setzten ein wichtiges Ereignis aus der (fernen oder nahen) Geschichte malerisch in grossartiger Art und Weise um. Diese Malereien gehören zu den Ikonen der Menschheitsgeschichte.

Die in Mainz lebende Künstlerin Fee Fleck geht einen Schritt weiter: Es geht ihr vor allem wie seinerzeit Picasso darum, zu mahnen, niemals zu vergessen. Aber: Anders als ihre (zumeist männlichen) Maler-Kollegen antizipiert sie zeitgenössische Geschehnisse und Grausamkeiten, die Menschen an Menschen begehen, zu einem Zeitpunkt an dem dies nachhaltig stattfindet, aber noch nicht im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist. Fee Fleck tut dies seit Jahrzehnten, mit Fokus auf die lange Historie der Unterdrückung, Diskreditierung und Verdammnis der Frauen (Medea-Zyklus) oder im Gedenken an die schändlich-mörderischen Untaten der Nazi-Zeit (Ständige Ausstellung der Installation „Die Grube in der Gedenkstätte KZ-Osthofen, Rheinland-Pfalz).

 

 

Den aus Fee Flecks Sicht bedeutsamsten Werkkomplex hat sie seit 2013 konzipiert und nunmehr zum 19. März 2016 realisiert: „Im Reich der Drohnen. Drohnen, jene automatisiert gelenkten Vernichtungskampfsysteme, die nahezu unsichtbar aus dem feigen Hinterhalt töten. Zumeist Unschuldige, Frauen und Kinder einbezogen. Prekär ist dabei, dass die zu tausenden eingesetzten Drohnen der US-Armee nur ferngesteuert werden können, wenn riesige Datenströme über die US-Airbase in Ramstein/Pfalz, also nicht weit weg von Mainz, gebündelt und gelenkt werden. Fee Fleck lässt dies seit Jahren nicht ruhen. Akribisch hat sie sich mit dem Thema beschäftigt. Und darüber kommuniziert. Der SWR widmete ihr im Spätsommer 2015 dazu ein herausragendes Porträt. Fee Fleck traf sogar den Drohnen-Whistleblower Brendon Bryant persönlich, der die USA verlassen musste, vor dem NSA-Untersuchungsausschuss in Berlin aussagte und derzeit in Oslo unter dem Patronat des Nobel-Preis-Komitees steht. Sie traf ihn in Mainz. Im U17 des Staatstheaters. Im Mainzer Kommunikationsparadies hat sie einer interdisziplinär besetzten Runde ihr Werk vorgestellt und darüber diskutiert.

Fee Fleck hat in ihrem „Arbeitsbuch jeden Gedanken, jede Bildnotiz notiert und eine einzigartige Bild-Geschichte entwickelt, die es in sich hat. Sie zeigt in fünf drei-mal-zwei-Meter großen Gemälden den Flug und Einsatz der Drohne, die quasi über unsere Köpfe und unser Land rauschen um in fernen Krisengebieten zu observieren und letztlich massenhaft töten. Der „Predator-Turm zeigt auf acht Bildtafeln die Arbeit des Drohnen-Piloten in seinem „Käfig“, einem Container vollgepfropft mit High-Tech-Computersytemen und Bildschirmen, den sich zwei Elitesoldaten teilen müssen. Wie Computerspiele-Roboter gehen sie ihrer Kampfmission nach, um letztlich nach wenigen Wochen und Monaten selbst Schaden zu nehmen. So grauenhaft die Tat, so grausam die Folgen.

Das Meisterhafte am Drohnen-Zyklus besteht im Zufügen der dritten Episode, mit dem Titel „Kontrapunkte. Hier wird gezeigt, was Menschen eigentlich zusteht, als verbrieftes Menschenrecht, das global für alle gelten muss: Liebe, Freude, Glück, Nähe, Wohlklang sind bildnerisch umgesetzt. Lange gingen Fee Flecks Überlegungen dahin, wie die Vorlagen aus ihrem Arbeitsbuch am besten umzusetzen sind. Im Gespräch mit den beiden Freunden und Kuratoren, Prof. Valy Wahl und mir selbst, wurde aus der Not eine Tugend gemacht: Andreas Weber formte aus den Arbeitsbuch-Bildern eine digitale, filmische Bildanimation, die im Frankfurter Hof am 19. März 2016 öffentlich uraufgeführt wird. Das Medium Film/Computeranimation schien besonders passend, da Liebe, Glück, Freude, Nähe, Wohlklang etwas flüchtiges sein können. Fast wie eine virtuelle Erfahrung, die dennoch besonders kostbar ist. Entstanden ist nicht nur das Zeigen von zweidimensionalen Bildern, sondern eine 17-minutige, bewegte und bewegende multimediale Reise durch die Bildwelten der Fee Fleck. Mitunter fliegt das Kameraauge über Fee Flecks Bilder hinweg, fast wie die Drohne, aber ohne Vernichtung zu bringen, sondern die Erkenntnis, was das Menschsein tatsächlich ausmacht: Das friedliche Miteinander, die Glückseligkeit, die einst auch die Gründungsväter der USA in ihrer Unabhängigkeitserklärung als zentrales Bestreben proklamierten.

Die erste deutsche Übersetzung der Unabhängigkeitserklärung veröffentlichte einen Tag nach ihrer Verabschiedung am 4. Juli 1776 die deutschsprachige Zeitung Pennsylvanischer Staatsbote in Philadelphia. Sie gab diesen Abschnitt folgendermaßen wieder:

„Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit. Daß zur Versicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingeführt worden sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Einwilligung der Regierten herleiten; daß sobald einige Regierungsform diesen Endzwecken verderblich wird, es das Recht des Volks ist, sie zu verändern oder abzuschaffen, und eine neue Regierung einzusetzen, die auf solche Grundsätze gegründet, und deren Macht und Gewalt solchergestalt gebildet wird, als ihnen zur Erhaltung ihrer Sicherheit und Glückseligkeit am schicklichsten zu seyn dünket. (…)

Damit ist alles gesagt. Oder? Fee Fleck ermahnt uns also im 21. Jahrhundert, die Werte zu erinnern und zu achten, die im ausgehenden 18. Jahrhundert die Welt veränderten. Höchste Zeit, in unserer Krisen-geschüttelten Neuzeit, Kontrapunkte zu setzen. Bildanimation ab!

Exklusiver Preview der Bildanimation “Kontrapunkte” von Fee Fleck, geschaffen von Andreas Weber

Fee Fleck Arbeitsbücher 2012:2015.001

Fee Fleck: Aus dem Arbeitsbuch zum neuen Drohnen-Zyklus (2015). Erste Skizze zum Bild “Predator”. Foto: Andreas Weber.

Auszug aus dem Redetext von Andreas Weber
anlässlich der Ausstellung im Kunstverein Eisenturm Mainz (November 2012)

Rückschau aus aktuellem Anlass: Seit Jahrzehnten führt Fee Fleck Arbeitsbücher, die sie vor einiger Zeit erstmals komplett im Kunstverein Eisenturm Mainz präsentierte. Darin wird umfassend, bisweilen penibel, in jedem Fall akribisch, alles notiert und gesammelt, was zur Entstehung von Ideen, Konzepten, Gedankengängen, Skizzen bis hin zur Realisierung von Kunstwerken oder Performances von Fee Fleck führt. Arbeitsbücher von Fee Fleck gehen über die gewohnten Notiz- oder Skizzenbücher weit hinaus. Sie sind eine einzigartige Dokumentation eines Schaffensprozesses, der nie endet, selbst wenn ein Thema abgeschlossen scheint. Arbeitsbücher bilden – anatomisch gedacht – das Skelett, die Muskulatur, sogar die Organe, den Stoffwechsel, das Kreislauf- und Nervensystem der KünstlerInnenexistenz. Das Gehirn als Kreatives Cockpit ist auf all dies angewiesen, um sich ausbreiten, mitteilen und verständlich machen zu können.

Machmal steht in Fee Flecks Arbeitsbüchern auch Kritik/Selbstkritik. Oder es finden sich Fragen, Ärger und heftige Kommentare.  Wie zum Beispiel 1984 bei den Arbeiten zu Performance und Film „Zur Musik von Karl Josef Müller“. Da heisst es – handschriftlich notiert: ”Bin verzweifelt. Verflucht!“

Kaum eine Künstlerpersönlichkeit legt so schonungslos offen, worum es geht.

Kaum eine Künstlerpersönlichkeit lässt uns in solcher Dimension teilhaben an den, was gedacht, ausgedrückt und kommuniziert werden muss. Dabei ist Fee Fleck niemals lautstark. Eigentlich eher still und zurückhaltend. 

Kaum eine Künstlerpersönlichkeit ist so multimedial aktiv und begabt wie Fee Fleck.

Kaum eine Künstlerpersönlichkeit geht so strukturiert und konsequent vor wie Fee Fleck.

Kaum eine Künstlerpersönlichkeit ist in der Lage, über Emotionen, die bei Fee Fleck immer am Anfang stehen, zu solch rational-durchdrungenen und zugleich virtuosen Ausdrucksmöglichkeiten zu finden.

Fee Flecks Arbeitsbücher sind ein illustrierter Kultur- und Neuzeit-historischer Roman. Quasi ein spezieller Baedeker für Kunst-Erleben, der viele wichtige Stationen ansteuert. Die Reise führt über Erinnerungen, Entdeckungen, Entgleisungen, Gräueltaten und Vergessenes. Und landet immer im hier und jetzt. Ihre Arbeitsbücher sind Zeugnis eines inneren Dialogs, der auch die Reaktionen einfängt, wenn ein Werk, ein Zyklus, ein Film, eine Performance, ein künstlerisches Ergebnis präsentiert und diskutiert wird. Denn aufgepasst: Wenn der heutige Tag und die Präsentation der Arbeitsbücher erfolgt ist, wird dies wiederum in einem Arbeitsbuch-Vermerk Niederschlag finden. Fee Fleck nutzt dadurch einen Perpetuum-Mobile-Effekt von ungeheurer Tragweite. Und das ist bedeutsam für ihr Leben und Arbeiten: Niemals vergessen, wie es wirklich war.


Fee Fleck  Arbeitsbücher — Liste zur Ausstellung im Kunstverein Eisenturm

1984 Zur Musik von Karl Josef Müller – Performance, Film

1987 VICTORY WRECKERS – Film

1987 PIMA-Indianerstamm, „Die die gegangen sind” – Flugzeugfriedhof Tucson bei Phönix in der Wüste von Arizona – Fotos, Zeichnungen, Malerei, Film, Ausstellung — 75m lange Bänder, Installation — „Wir decken uns mit Müll zu”.

1994 SPURENSUCHE IN GMÜND“, Entwertung von Pankratius” — Performance

1994 WASSER – SCHUTZ – WASSER, Kunst für Bonn – Skulptur

1994 INGEBORG BACHMANN,

  1. emotionale Entwürfe im Großformat
  2. Abstraktion erfolgt im Arbeitsbuch,
  3. großformatige abstrakte Bilder,  Ausstellung im Landesmuseum Mainz

1996 OSTHOFEN „Die Grube gegen das Vergessen” – Installation

1998 INGELHEIM ERINNERT SICH – Installation

1998 BILHILDIS, Altmünster Kirche, Mainz – Malerei im Großformat auf Seide

1999 WARSCHAUER AUFSTAND 1944 – Mahnmal, Großmodell

2001 KATHINKA ZITZ – Leben und Tod – Performance, Film

2005 HINZERT – KZ im Hunsrück – Mahnmal – Entwurf

2012 MEDEA, DIE FREMDE – Malerei, Ausstellung im Landesmuseum Mainz

2012 ARBEITBÜCHER – Präsentation im Kunstverein Eisenturm Mainz

Seit 2014 enstanden die Skizzen und das Arbeitsbuch zum Them “Drohnen”, ein Projekt, das wir in Kürze vorstellen werden. Details finden sich auf unserer speziellen Facebook-Seite, die ständig aktualisiert wird. 

Bildschirmfoto 2015-07-10 um 16.39.51

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