Hilflosigkeit

Kommentar zu einer neuen Blogpost-Episode von „Besser Leben. Schöner Sterben.“

Hilflosigkeit ist kein Makel – sondern ein wichtiges Signal

Was uns ein Podcast-Gespräch über einen der unterschätztesten emotionalen Zustände unserer Zeit lehrt.

Wenn ich, Boris Andreas Weber, frisch aus einem Kontrolltermin nach einer Notfalloperation an der Uniklinik, auf dem Wartestuhl sitzt und mich an den Moment erinnere, in dem ich „Hilfe, hilft mir denn keiner!” rief – obwohl ringsum Menschen wimmelten – dann ist das kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein zutiefst menschlicher Moment. Und genau darum geht es in der aktuellen Folge des Podcasts „Besser leben, schöner sterben”.

Hilflosigkeit: Ein tausend Jahre altes Wort mit hochaktueller Bedeutung

Der Begriff kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutete ursprünglich schlicht schutzlos. Heute hat er sich angereichert: Verlassenheit, Passivität, Ratlosigkeit. Arzt und Sparringspartner David Sonntag bringt es auf den Punkt:

„Hilflosigkeit beginnt dort, wo Menschen merken: Mein Wille reicht nicht mehr aus, um etwas zu verändern.”

Ich will schlafen – aber ich kann nicht. Ich will funktionieren – aber bin erschöpft. Das innere System wünscht sich etwas, doch der Rest zieht nicht nach.

Die Falle der Machbarkeitskultur

Wir leben in einer Welt voller Imperative: Optimiere dich. Atme besser. Denke besser. Achte auf Achtsamkeit. Das klingt hilfreich – erzeugt aber enormen Druck. Wer trotz aller Bemühungen nicht vorankommt, landet schnell in einer Negativspirale aus Insuffizienzgefühlen.

Das Ergebnis: Statt Veränderung entsteht Lähmung. Statt Steuerung fühlen sich viele Menschen nur noch als Beifahrer im eigenen Leben.

Die Autobahn-Metapher: Erst anhalten, dann reparieren

David Sonntags Lieblingsmetapher trifft den Kern:

Wer mit 180 km/h auf der Autobahn merkt, dass ein Reifen nicht stimmt, wechselt ihn nicht während der Fahrt. Die logische Reaktion: Bremsen. Rechts ranfahren. Anhalten. Durchatmen. Warnweste anlegen. Dann erst nachschauen.

Doch genau das wird gesellschaftlich selten empfohlen. Stattdessen heißt es: schneller handeln, sofort umkehren, alles auf einmal lösen. Das kann nur schiefgehen.

Hilflosigkeit zuzugeben ist keine Schwäche

Für viele Menschen – besonders im Beruf, im Hochbetrieb, im roten Drehzahlbereich – fühlt sich das Eingestehen von Hilflosigkeit wie ein Makel an. Dabei ist es das genaue Gegenteil: Es ist ein Warnsignal. Ein Hinweis, dass eine Bestandsaufnahme fällig ist.

Wer dieses Signal ignoriert und stattdessen das Radio lauter dreht, um das Klackern nicht mehr zu hören, löst kein einziges Problem – er verdrängt es nur.

Was wirklich hilft

Innehalten – nicht noch mehr Gas geben

Verbindung zu sich selbst herstellen – im Hier und Jetzt ankommen

Kleine Schritte statt 180-Grad-Wenden

Gespräche suchen – mit Menschen auf Augenhöhe

Sich Hilfe erlauben – das ist Stärke, keine Niederlage

Und bei akuten Panikattacken, dem „Superlativ der Hilflosigkeit”: beide Füße auf dem Boden spüren, tief ein- und ausatmen, fünf Farben im Raum suchen. Den Kopf wieder über die Wasseroberfläche bringen.

Fazit: Nicht hoffnungslos – nur gerade ohne Hilfe

Hilflosigkeit ist kein Dauerzustand. Sie ist ein Prozess, der gekommen ist – und als Prozess auch wieder geht. Das Motto, das Boris Andreas Weber für sich formuliert hat: heitere Gelassenheit. Sich selbst nicht zu wichtig nehmen. Durchatmen. In den Dialog gehen – auch mit sich selbst.

Denn wie David Sonntag es abschließend sagt: „Jeder Mensch hat etwas zu teilen, was wertvoll ist.”

🎧 Die vollständige Episode von „Besser leben, schöner sterben” gibt es auf Spotify und YouTube.

💬 Rückmeldungen, Fragen oder Gesprächswünsche? Gerne direkt über LinkedIn oder die Kommentarfunktionen auf Spotify und YouTube.

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