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Fotos/Collage: Andreas Weber, Mainz/Frankfurt am Main.

 

„Hier und anderswo. Malerei und Collage“ lautet der Titel einer Ausstellung der Künstlerin Gisela Ruth, die am Freitag, 23. September, 18 Uhr, im ersten Stock des VG-Rathauses (Foyer) in Bodenheim von Verbandsgemeindebürgermeister Dr. Robert Scheurer eröffnet wurde. Einführende Worte sprach Andreas Weber, Beiratsmitglied im Vorstand des Kunstvereins Eisenturm Mainz. Die Ausstellung ist bis Donnerstag, 27. Oktober 2016, geöffnet, und zwar mittwochs von 14 bis 19 Uhr, an den übrigen Arbeitstagen von 8 bis 11.30 Uhr. Nachfolgend per ValuePublishing-Exkulsivreport die Eröffnungsrede von Andreas Weber im Wortlaut. Siehe auch die lesenswerte Ausstellungsbesprechung von Jürgen Strickstrock in der Allgemeine Zeitung Mainz vom 26. September 2016.

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

„hier und anderswo“ ist ein gelungener, wunderbarer Ausstellungstitel. Er passt zum Ort Bodenheim und der Region Rheinhessen, in der wir uns befinden. Und er passt zur Künstlerin Gisela Ruth, dies aus Soest in Westfalen stammt und lange hier ansässig ist, und ihrem Werk. Vorweg — da ich nicht weiss, wie es Ihnen ergeht: Es ist die erste Ausstellung, in der ich einen umfangreicheren Einblick in das Schaffen von Gisela Ruth erhalte. Wir beide kennen uns über den Kunstverein Eisenturm Mainz e.V. KEM, dem ich als Mitglied und seit einiger Zeit im Vorstand als Beirat angehöre. Im Rahmen von KEM-Ausstellungen und den Jour Fixe-Veranstaltungen von Dr. Otto Martin lernten wir uns näher kennen. Das neueste, hier gezeigte Werk — Land am Fluss.Zeitreise — eine Collage auf Leinwand im Format 50 auf 50 Zentimeter, war Teil der Mitgliederausstellung „Viva Rheinhessen“, die im Sommer 2016 der Region ein fulminantes Ausstellungs-Denkmal setzte, weit über die 200 Jahre hinaus, die den Bezug zu einer ganzjährigen Jubelfeier mit unzähligen Events herstellt. 80 Künstler stellten ihre persönliche Sicht, ihre Gefühle, ihre Gedanken vor. Gisela Ruth setzte einen ganz besonderen Akzent: In zarten, fasst pastell-tonhaft, sensitiv gehaltenen Farben werden kunstvoll Versatzstücke ineinander verwoben, die handschriftliche Dokumente, Urkunden, Fotos, Personen, Landschaftsimpressionen, Grundrisszeichnungen, Kartografien, Architekturen und Bauelemente, eine Stadtansicht von Mainz sowie Spuren der Neuzeit in Form von Windrädertürmen, die schemenhaft aber unübersehbar auftauchen. Natürlich erscheinen auch Rebstöcke und Weinberge — ganz unten im Bild, quasi als Fundament.

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Gisela Ruth: Land am Fluss.Zeitreise. Collage auf Leinwand, 2016, Format 50 x 50 cm. Foto: Gisela Ruth

 

Gisela Ruth hat als Notiz verfasst: „Gestern und heute und was die auf dem Wiener Kongress 1816 künstlich kreierte Region ausmacht: Geprägt von Wasser und Erde als Lebensspender und Energielieferant; Stadt und Land und seine wechselhafte Geschichte, beginnend mit seinem ersten Regenten Ludwig I.; von den Wassermühlen im Rhein zu den Windrädern auf dem Land als weithin sichtbare technische Errungenschaft; ein von seinem Handwerk und seinem Weinbau geprägter Landstrich.“

In Summe ergibt sich eine äußerst vielschichtiges Bild von Rheinhessen, das zunächst ungewöhnlich, fast disruptiv erscheint. Und das immer vertrauter wird, je detaillierter man das Werk betrachtet. — Hier und anderswo.

Ich muss zugeben: An dieser Stelle empfinde ich zur Künstlerin eine starke, für mich selbst überraschend-erfreuliche Seelenverwandschaft. Das Sehen als wichtigste Instanz der Sinneswahrnehmung bedeutet für mich nicht einfach, fotografisch Abbilder zu speichern, sondern visuell Sinneseindrücke zum Teil meiner eigenen Wirklichkeit werden zu lassen, die vom Erleben geprägt ist.

 

Impressionen vom Eröffnungsabend am 23. September 2016. Fotos: Andreas Weber

 

Noch etwas verbindet Gisela Ruth mit mir, meinem Leben: Der intensive Kontakt und die Freundschaft zu einem leider allzu früh verstorbenen Maler, Professor Guido Ludes, den ich Anfang 2014 in meinem Nachruf als den „Meister der Inspiration“ bezeichnet habe. Gisela Ruth, die seit 1972 über die Fotografie und ab 1984 über das Textildesign mit Studienaufenthalten in Japan und Indonesien zum Zeichnen, Collagieren und Malen gefunden hat, hat zunächst den Abschluss eines juristischen Fachstudiums absolviert und sich zusätzlich auf vielfältige Weise künstlerisch weitergebildet. Durch die Rheinhessen Akademie in Oppenheim kam sie mit Guido Ludes in Kontakt, der sie in experimentellen Drucktechniken und Stillleben anleitete. Das Prägende und Einzigartige, das ihr vermittelt wurde, schildert Gisela Ruth wie folgt: „Sehen mit allen Sinnen und die Kommunikation: Aus dem stillen Kämmerlein raus, den Dialog suchen, sich auseinandersetzen.“

Dies ist ein ebenso probates wie weit gefasstes Leitmotto, dem zur Seite steht, sich einerseits intensiv mit ihren Lehrerpersönlichkeiten auseinanderzusetzen, darunter vor allem die Malerin Susann Gassen, Nikola Jaensch (Zeichnung und Collage), Michael Apitz (Zeichnung) sowie Josua Mattern (Abstraktion und Collage) und Andreas Mattern (Aquarell). Hinzukommt andererseits das Identifizieren und genaue Studieren von weltweit renommierten Künstlerpersönlichkeiten. Gisela Ruth schrieb mir dazu auf meine Frage „Wer oder was hat sie am meisten und nachhaltigsten inspiriert und beeindruckt?“: „Alex Katz: Entgegen des Zeitgeistes entschied er sich für konkrete Malerei und abstrahierte dabei, in dem er Dreidimensionalität in Fläche verwandelt. Mich beeindruckt seine ‚eigenen Sprache‘, die Reduzierung alltäglicher Motive und ihrer gleichzeitigen Erhöhung. In meinen Bildern steht oft Reduktion bis zur Flächigkeit neben räumlichen Passagen. — An Sigmar Polke beeindruckt mich seine Vielseitigkeit. — Edward Hopper: Auch hier die Reduzierung des Dargestellten auf das Wesentliche und seine besondere Sicht auf die amerikanische Lebenswelt fast als Filmkulisse.“ Katz — Polke — Hopper bilden eine aussergewöhnliche Kombination und Inspirationsbasis. Wichtig ist, dass sich Bezüge zu Gisela Ruth aufgebaut haben, die nicht einfach nur formal gestalterischen Aspekten folgen, sondern das Wesen dieser exponierten Menschen versteht und im Rahmen des eigenen Schaffens neu interpretiert.

 

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Detail aus dem Gemälde von Gisela Huth „Havanna“ von 2015, das eine neue Sichtweise liefert, indem das Alte im Spiegel der Moderne erscheint. Foto: Andreas Weber.

 

Und auf meine Frage „Wie nehmen Sie das aktuelle Kunstgeschehen um Sie herum wahr? Wie wichtig ist die Auseinandersetzung mit KollegInnen und vor allem mit dem Publikum?“ antwortete Gisela Ruth: „Ich nehme das aktuelle Kunstgeschehen heute als sehr lebendig und so vielfältig wahr, wie noch nie, bei den Stilen wie auch den verwendeten Mitteln, ohne dass es eine bestimmte Stilrichtung gibt. ‚Everything goes‘  führt heute zu einem enorm erweiterten Kunstbegriff auch unter Einbeziehung der aktuell möglichen technischen Mittel, wobei Malerei sich trotz aller Möglichkeiten m. E.  gut behaupten kann. Mich im Kunstbetrieb zu bewegen (Galerien, Messen, Ausstellungen, Kunstvereine, Künstlerbücher, Vorlesungen an der Uni Mainz zu aktueller Kunst in Amerika und im nächsten Semester zu aktueller Kunst in China) macht mir großen Spaß und ist für mich eine Bereicherung. Hierbei neue Kontakte zu knüpfen, gute Gespräche zu führen, Erhellendes zu erfahren oder durch Widerspruch des Gesprächspartners mein Denken neu zu formieren — all dies bringt mich künstlerisch weiter.  Für mich ist es wichtig zu erfahren, ob meine Bilder für sich sprechen, ob ein Dialog mit Betrachter und meinen Bildern stattfindet. Daher suche ich das Gespräch mit dem Publikum (was mir nicht immer leicht fällt, da ich eigentlich mehr zurückhaltend bin).“

Meine Damen und Herren, sie bemerken, es äußert sich eine Künstlerin, die nicht nur hochtalentiert sehenswerte und sammlungswürdige Bildwerke erschaffen kann; hier teilt sich auch mit Worten eine Persönlichkeit mit, offen, mit hellwachem Verstand, die sich durch ihre Sinneswahrnehmung und in der Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur ständig weiterentwickelt. Vermutlich liefert im besten Sinne Neugierde, oder besser: Entdeckungsgeist, einen starken Antrieb. Vor allem für das „hier und anderswo“. Die ausgestellten Werke (fast 20 an der Zahl, die meisten aus den letzten drei Jahren) sind der beste Beleg. Wer schon Gelegenheit hatte, sich umzuschauen, stellt fest, dass hier im Bodenheimer Rathaus visuelle Impressionen ganz unterschiedlicher Art repräsentiert sind. Aus dem „hier und anderswo“. Siehe: „Havanna“, von 2015, das eine neue Sichtweise liefert, indem das Alte im Spiegel der Moderne erscheint. Oder das grandiose Landschaftsbild „Spitzbergen“ von 2016, also jüngst erst entstanden, ein meisterhaftes Werk, das sich aus den Zacken der zerfurchten Berge und den in Gelb, Orange, Rot und Blauschwarz gehaltenen Horizontalen formt, wobei die Grenze zwischen Land und Wasser aufgehoben wird; das Gemälde grenzt sich stilistisch deutlich ab von anderen Gemälden. Gisela Roth versteht es, sich treu zu bleiben und trotz allem für ihre Themen jeweils spezifische Akzente in der Darstellung zu finden. — Dies ist eine ganz eigene Sicht auf einen Ort mit extremer Lage, die uns Menschen bisweilen eher lebensfeindlich vorkommen mag. — Gleichzeit gilt Spitzbergen aber als „sicherster Ort der Welt“.

 

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Freude über eine sehr gelungene Eröffnung: Petra Schippers, Gisela Ruth, Andreas Weber (v.l.n.r.). Foto: Armin Ruth, Bodenheim

 

Lebensmomente werden erfasst, zum Beispiel durch die Acrylgemälde „Stillstand“ von 2015, „Mit Kerze“ und „Frühstück“, beide von 2016. In diesen Werken kommt Gisela Ruth dem Geist von Edward Hopper sehr nahe. Vereinzelt erscheinen Menschen in einer glatt und kühl wirkenden urbanen Umgebung. Spiegelungen spielen eine grosse Rolle. Ebenso wie bei dem Gemälde „Angekommen“ von 2013, das den Moment erfasst, indem eine weibliche Gestalt aus dem U-Bahnzug aussteigt, eine andere, nicht näher identifizierbare gerade verschwindet. Der Bildtitel ist wie bei allen der ausgestellten Werke knapp gefasst. Präzision gehört zum künstlerischen Geschick der Gisela Ruth. Doch bei „Angekommen“ gibt es ein Momentum der Irritation: Der Bahnsteig kann nicht das Ziel der Ankommenden sein, sondern nur eine Zwischenstation. Unklar bleibt, wohin die Reise, der Weg tatsächlich führt. —Das „hier und anderswo“ kann man erspüren, auf eine „transitorische“ Art und Weise.

Diese einfühlsamen malerischen Momentaufnahmen haben einen Hauch von Melancholie, der aber zugleich durch die Farbgebung kompensiert wird: Dominierend sind Blautöne. Experten für die Symbolik von Farben charakterisieren das Blau wie folgt:

  • Blau gilt als tiefgründige Farbe und schafft eine ruhige, entspannte und stabilisierende Atmosphäre.
  • Blau wird mit vielen positiven Eigenschaften assoziiert: Sympathie, Harmonie, Freundlichkeit, Friedfertigkeit, Zufriedenheit, Heiterkeit, Ausgeglichenheit, Gelassenheit, Frieden und Freundschaft. 
  • Blau ist die Farbe des Vertrauens und der Verläßlichkeit, die Farbe der Intuition und Kommunikation, Ganzheitlichkeit und Verbundenheit, Passivität.
  • Blau ist die Farbe der Ferne, der Weite und der Unendlichkeit: Als Farbe des Himmels steht Blau auch für Ewigkeit und Wahrheit. Helle Blautöne vergrößern Räume und haben eine frische, kühle Wirkung.
  • Blau ist auch die Farbe, die auf Fotos oder Bildern den stärksten Perspektiveffekt erzeugen kann.

Der Renaissance-Künstler Leonardo da Vinci hatte dies als Erster erkannt und seine „Sfumato“ genannte Technik perfektioniert, um naturwissenschaftliche Erkenntnisse malerisch umzusetzen: In der perspektivischen Weitläufigkeit löst sich die Sicht in einen bläulich werden Dunst auf.

Blau ist zudem die Farbe des gespiegelten Wassers, der Stille und Entspannung. Dies wird in Bildmotiven von Gisela Ruth erfahrbar, die das Wasser in unterschiedlichen Zusammenhängen bis hin zu reinen Naturszenen zeigen: „Pool“ von 2007, „Spiegelungen I – IV“ von 2008, „Am Brunnen“ von 2014, „Im Wasser“ von 2014, „Leitgraben“ von 2016, und ganz besonders „Boot am Altrhein“ von 2010 sowie „Im Gespräch“ von 2016 (eine Uferszene mit zwei in sich versunkenen Spaziergängern) strahlen durch die Spiegelungen, zumeist in leichten Wellen oder aufgelöst durch Reflexionen sich spiegelnder Motive wie Bäume, eine ganz besondere Atmosphäre aus.

 

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Detail aus Gemälde von Gisela Ruth „Im Wasser I“, 2014, Acryl auf Leinwand, Format 50 x 70 Zentimeter

 

Gisela Ruth gelingt es, die Symbolkraft des Blau durch ihre besondere Darstellungsweise der Sujets inhaltlich zu verstärken. Der Betrachter, jedenfalls ergeht es mir so, wird in Gisela Ruths Bildwelten förmlich „barrierefrei“ hineingezogen und gleichzeitig auf Abstand gehalten, um über das, was er/sie erlebt, nachzudenken. 

In der Reihe der Exponate gibt es drei „Ausreißer“, wenn ich das so sagen darf. Zum einen das mit 70 auf 100 cm grossformatige Acrylgemälde „Schattenspiel“ von 2014. Wir sehen eine blonde Frau im Linksprofil, mit geneigtem Kopf und aufgesetztem Arm. Neben ihr erscheint ein Schattenriss, wobei unklar bleibt, ob dies ihr eigener Schatten oder der einer Betrachterin ist, die Frontal quasi ausserhalb des Gemäldes steht. Die Darstellung ist plakativ, fast perspektivlos, mit einer reduzierten Farbigkeit und Akzentuierungen — beinahe dem Prinzip der Valeurmalerei folgend und doch anders: Helldunkelkontraste und feinste Tonwert-Abstufungen innerhalb einer Farbgruppe verbinden die Szenerie mit der psychologischen Befindlichkeit der dargestellten Frau. Je länger man das Gemälde betrachtet, um so deutlicher wird der Drang, dass der Schattenriss so etwas wie die Seele oder der Geist sein könnte, der die Frau verlässt, sich als Teil von ihr separiert. Gisela Ruth schafft es, dass all dies nicht als Bedrohung wirkt, sondern nachdenklich macht, neugierig darauf, sich einzulesen in dieses besondere Motiv. Kunsthistorisch ließen sich eine Reihe von Darstellungen anführen, die in sich versunkene Frauen — meist aus der Mythologie – zeigen; allen voran die Seelenbilder durch Anselm Feuerbachs Iphigenie-Darstellungen. Direkte Parallelen ziehen zu wollen, ist aber meiner Ansicht nach wenig zielführend; es ergeben sich für mich zu viele Abweichungen. Zumal die Darstellungen Gisela Ruths stets im Hier und Jetzt, „hier und anderswo“, verhaftet sind.

Beachtenswert sind zum anderen die beiden kleinformatigen Collagen „Metamorphose“ von 2012 und „Hier ist Leben“ von 2013. Ersteres ist, wie Gisela Ruth sagt, die Umsetzung von Ovids „Apollo und Daphne“ und somit die Geschichte von der Liebe eines Gottes zu einer Nymphe und ihrer Verwandlung in einen Lorbeerbaum. Die zweite Collage versteht sich als Familiengeschichte mit vielen Elementen und persönlichen Ansichten aus der Historie der eigenen Familie. Elemente sind zu entdecken, die in der eingangs beschriebenen, Rheinhessen gewidmeten Collage „Land am Fluss.Zeitreise“ später wieder Verwendung gefunden haben.

Übrigens: Der Begriff Collage leitet sich vom französischen „coller“ — leimen kleben — sowie „colle“ (Leim) ab. Er kennzeichnet eine künstlerische Technik ebenso wie das Kunstwerk an sich. Im Kubismus sprach man daher von „Papier collé“. Verwendet werden beispielsweise Zeitungsausschnitte, Bänder, farbige Papierstücke, Fotografien, die auf einen festen Untergrund (Papier oder Karton) oder Leinwand geleimt und auch übermalt wurden. Im wesentlichen gibt es drei Arten: Collage in Verbindung mit grafischen Elementen; Collage mit Fotocollagetechnik; Collage als „Erinnerung“ mit Fotos, Briefen, Dokumentenauszügen und sonstigen Texten. Das Collage-Prinzip übertrug man auch auf andere Kunstgattungen, zum Beispiel auf die Musik/Akustische Kunst (Klang-, Ton- oder Musikcollagen, auch „Sampling (Musik)“), auf die Literatur und den Film. Eine Übertragung der Collage-Technik auf dreidimensionale Objekte findet in der Assemblage statt.

„Hier und anderswo“. Der Ausstellungstitel fasst in der Reflexion von seit 2006 rund einem dutzend Ausstellungen/Beteiligungen in der ganzen Region bis hin nach Wiesbaden als Leitbegriff zusammen, was für Gisela Ruth ihre eigene, künstlerische Programmatik kennzeichnet; „hier und anderswo“ bildet sozusagen die als Ausstellung inszenierte Collage ihrer künstlerischen Arbeit. Sie hat die Ausstellung gründlich und akribisch vorbereitet. In der Auswahl bestehender Arbeiten und im Schaffen von sechs neuen Werken eigens für die Ausstellung. In chronologischer Folge sind dies: „Im Gespräch“, „Leitgraben“, „Frühstück“, „Mit Kerze“, „Spitzbergen“ und „Land am Fluss.Zeitreise“.

 

Ein seltenes Erlebnis: Ausstellungsbesucher scheinen mit den Bildwelten der Künstlerin zu verschmelzen. Fotos: Andreas Weber.

 

Gisela Ruth gibt dazu selbst in schriftlicher Form Auskunft. Das wichtigste möchte ich zum Schluss meiner Einführungsrede zusammenfassen.

Zunächst darf ich Gisela Ruth zu ihrer Arbeitsweise zitieren: 

„Inspiration finde ich in weitgehend eigenen Fotografien zufällig vorgefundener Motive, mit denen ein flüchtiger Augenblick festgehalten wird, den ich dann künstlerisch durch Aneignung, durch Ausschnitte und Fragmente dieser schon vorhandenen Bildwelten umsetze und somit durch Veränderung der Eindrücke in das Medium Malerei transferiere, gelöst von der direkten Verbindung zur Vorlage.“

„Das lebendige Spiel des Elements ‚Wasser‘ und nicht nur die oft überraschenden Reflexionen der Umgebung auf der Wasseroberfläche sind für mich ein Quell an Impulsen.“

Zum Malprozess äußert sie:

„In einem mehrschichtigen Bildauftrag ergeben sich in tatsächlichen und fiktiven Ebenen Irritationen des Sichtfeldes und verwirrende Bildräume, energieaufgeladene Innenansichten, rätselhaft und von suggestiver Kraft. Die malerisch vorgetäuschten Spiegelungen geben den Blick auf die hinter und vor den Glasflächen liegenden Räume frei, die den Bildern eine überraschende und verwirrende Tiefendimension verleihen. Es finden sich gebrochenen Blicke in meinen Bildern oder ich spiele mit dem Verhältnis von Innen und Außen oder auch Zeit und Raum.“

Und zum Ausstellungsprojekt äußert sich Gisela Ruht wie folgt:

„Der Titel ‚hier und anderswo‘ ist auf zweifache Weise zu verstehen: Einerseits bezieht er sich auf verschiedene Aufenthaltsorte, das „Hier“ in Deutschland, in Rheinhessen; das „Anderswo“ in zum Beispiel Kuba oder Spitzbergen; aber auch umgekehrt: Man befindet sich im Ausland, aber das Zuhause begleitet die inneren Prozesse und prägt damit die Erfahrungen, die man auf einer Reise macht. Gleichzeitig sind damit auch verschiedene andere Dimensionen gemeint: Für das „Hier“ das Nahe oder Vertraute und das „Anderswo“ das Fremde; oder für das „Hier“ das Davor und das „Anderswo“ das Dahinter, das Reale oder Irreale gerade bei den Spiegelungen und Reflexionen.

Was ist „echt“, was sind Spiegelungen? Das ist nicht immer leicht zu beantworten. Der Betrachter wird mitunter verwirrt. (…)  Geometrien werden verkehrt, Dimensionen verändert, Perspektiven ausgedehnt und somit erweitert sich das Dargestellte nicht nur bildlich, sondern auch inhaltlich. (…)

Auch das bedeutet der Titel der Ausstellung: Das Wechselspiel zwischen der [Inspirationsquelle] Fotografie (hier und außen) und dem Malprozess mit seinen Ideen und Gefühlen (anderswo und innen). (…)

Und als Resümee formuliert Gisela Ruth:

„Mich interessiert das allmähliche Malen eines Bildes, Schicht um Schicht, das die Möglichkeit der Überraschung in sich birgt: Die Entdeckung des Zufalls, das Erfinden einer Art und Weise mit einer neuen Malschicht Licht, Tiefe, Raum, Struktur zu bilden, etwas ins Blickfeld zu rücken z. B. durch Schärfe, Kontrastierung oder Reduktion oder etwas verschwinden zu lassen durch Farbangleichung und anderes.“

Meine Damen und Herren, ich freue mich, dass wir heute gemeinsam die Eröffnung einer außergewöhnlichen Ausstellung mit erstklassigen, subtil und gefühlvoll inszenierten Bildwerken erleben dürfen. Dank an die Organisatoren und Gastgeber, aber vor allem an Sie alle für Ihr Kommen und das Interesse an Kunst und Kultur, das wir mit der Künstlerin Gisela Ruth teilen. „Hier und anderswo!“

 

Gisela Ruth  „Hier und anderswo. Malerei und Collage“ — Die Eröffnung am 23. September 2016 in Bodenheim als Film im Magazinformat!  Fotos/Animation: Andreas Weber

 

 

 

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Valy: Der da, der die Könige krönt. Malerei, 140 auf 100 cm, 2009

 

Im Vorfeld zur Eröffnung der Ausstellung „Valy — Kunst DurchLeben“, die am 1. Dezember 2015 eröffnet wird, möchte ich an meinen Vortrag vom 1. Juni 2010 erinnern, als die „Retrospektive“ mit rund 100 Arbeiten aus knapp 50 Schaffensjahren von Valy im Mainzer Rathaus eröffnet wurde. Zur Ausstellung wurde erstmals ein Buch als Werkverzeichnis publiziert, das ihren Werdegang aufzeigt. Dem Buch sind die gezeigten Bilder entnommen, die perfekt auf die neuen Arbeiten einstimmen..  —Andreas Weber

 

 

„Die ich rief, die Geister, Werd’ ich nun nicht los.“ 

J. W. von Goethe, Der Zauberlehrling, Weimar, 1797

 

Die Künstlerin, die es zu entdecken, zu erfahren und zu bewundern gilt, ist Valy Wahl, vielen auch als Valy Schmidt-Heinicke bekannt. Valy hat ihre ganz eigene Zauberformel gefunden, ohne jemand heimlich zu belauschen oder zu kopieren. Das Resultat ist ein eigenständiges Werk, das sich mit den ganz großen der Kunst- und Kulturgeschichte messen lassen kann. Kaum eine andere Künstlerpersönlichkeit hat sich so konsequent und zielstrebig entwickelt, um es zur Meisterschaft zu bringen. Kunstgeschichtler werden sich die Zähne an Valy ausbeissen. Denn Valy ist ikonographisch und ikonologisch nicht einzuordnen. Überhaupt, Denken nach Schema F ist ihr nicht nur fremd, sondern vermutlich auch zuwider. Künstler und Kunstsinnige lieben Valy, weil sie uns unverblümt, geradezu kompromisslos ihre Sicht der Dinge mitteilt und uns wachrütteln kann. Valy versteht es, das kunsthandwerkliche mit dem freien künstlerischen Schaffen und Experimentieren zu verweben. Obgleich (oder weil?) sie in der Pfalz, in Kaiserslautern, geboren ist, liebt sie das Kommunizieren, ohne jemals geschwätzig zu werden. Ihre Kreativität, ihr Gestaltungswille, ihr Mitteilungsbedürfnis, ihre Lebensfreude, ihre Kraft und Ausdauer, ihr Mut, ihr Engagement für andere sind beispielhaft. Valy versteht es dabei, sich als Person zurückzunehmen und gleichzeitig präsent zu sein.

Sie entfacht mit ihrer Kunst einen stillen oder besser: lautlosen Dialog. Und sie erschließt uns Kulturräume, sie stellt Dinge in den Kontext und begibt sich auf viele „Spielwiesen“ und Entdeckungsreisen. Ohne dogmatisch zu sein oder sich den Regeln eines kommerziell getriebenen Kunstbetriebs zu beugen, bezieht Valy eine klare Position, gerne auch polarisierend: Valy versteht es, aus Kunst nachhaltige Kommunikation in höchster Vollendung werden zu lassen. Allein ihr druckgrafisches Werk genügt, um als Beweis herangezogen zu werden. Plakate, Fotoarbeiten, gedruckte Publikationen greifen wichtige Themen auf und stellen kulturgeschichtlich orientierte Meilensteine dar. Mehr als 25 Jahre hat Valy ihr Engagement in den Dienst der Kommunikation gestellt. Als Dozentin und Professorin unterstützte sie an der Fachhochschule Mainz ganze Hundertschaften von Kommunikationsdesignern beim Finden des richtigen Weges und bei der Ausgestaltung künstlerischer Fähigkeiten. Lautlos und im Stillen Dialoge zu führen, heisst eben nicht, stumm oder wirkungslos zu sein. Dies ist umso wichtiger, da die Kommunikationswirtschaft in ihrem Werbegelderrausch laut und schreiend uns alle dermaßen belästigt, dass wir auf der Flucht sind.

Flüchten oder Standhalten?

Gute Frage. Valy stellt sich den Dingen. Valy gestaltet. Valy bezieht Position. Valy schafft es, zweidimensionales mehrdimensional erscheinen zu lassen. Und sie stellt Bezüge her, die ungewöhnlich sind, um den Assoziationen freien Lauf zu lassen.

Valy sagt über ihre Kunst: „Der Mensch steht im Vordergrund. Die Befindlichkeiten der menschlichen Empfindungen, von innen oder außen geprägt, spielen eine ent-scheidende Rolle. Das Miteinander oder Gegeneinander bieten starke Kontraste, die dann auch entsprechend hart formuliert werden müssen. Gesellschaftliche und persönliche Erfahrungen fordern heraus, diese bildnerisch zu beschreiben. Meist treibt innere Unruhe oder Unzufriedenheit über Qualitäten die kreative Arbeit an.“

Dieser Impetus der Künstlerin verlangt nach neuen, ausdrucksstarken malerischen Inszenierungsmöglichkeiten. Dazu hat Valy eine ganz eigene Maltechnik erfunden, die eher an Fresco, als an Tafel- oder Leinwandmalerei erinnert. Die fünf bis zehn Millimeter starken, mit Papier kaschierten Kunststoffplatten, bieten eine samtweiche, glatte Oberfläche. Recycling-Klarlack wird aufgetragen, je nachdem eingefärbt mit Pigmenten. Der Auftrag erfolgt spontan und rhythmisch, teilweise abgehoben. Die Suche und Auswahl bildnerisch-substantieller Motive erfolgt intuitiv, oft liegen Skizzen zugrunde. Darüber wird nicht mit Pinsel oder Spachtel gemalt, sondern mit einer Tube, die klaren Gummikleber enthält. Dadurch werden strukturelle Formationen den skizzierten Motiven angenähert. Im Anschluss wird Druckfarbe mit einem Lappen über beinahe die komplette Bildfläche verteilt. Sodann wird der Gummikleber entfernt. Mit der Druckfarbe und dem Lappen werden die Formen konkretisiert und bearbeitet. Weitere Effekte ergeben sich daraus, wie etwa Mehrschichtigkeit und Transparenz. Diese Maltechnik ist nicht zu kopieren, weil sie nur funktioniert, wenn die der Künstlerin eigenen Arbeitsabläufe und Methoden hinzugefügt werden – vom Sehen und Wahrnehmen bis zur Modulation und Bestimmung der Inhalte.

 

 

Mainz als Brennpunkt künstlerischer Schaffenskraft

Beginnend mit Schrift-, Schreibübungen und Plakatentwürfen seit 1957, weitergeführt von Plakaten aus der Zeit seit 1974 reihen sich dutzende Arbeiten ein. Denn bei allen Stadtgeschichte-Ausstellungen für die Stadt Mainz, wurde ein Gesamterscheinungsbild konzipiert, gestaltet und realisiert. Dazu gehörte die didaktische Aufbereitung des Archivmaterials der jeweiligen Thematik, Gestaltung der Ausstellung, Plakat, Einladungskarte und Katalog.

Themen sind Juden in Mainz, Deutsche Jakobiner, Deutschland und die Französische Revolution, Die Mainzer und ihr Rathaus sowie Die Mainzer Kunstszene nach der Stunde Null 1945 – 1954, um nur einige zu nennen.

Siebdrucke wie die Pi-Serie von 1978 kommen hinzu, die als freie künstlerische Arbeiten entstanden, ebenso Fotografien. Reisebilder und Reiseberichte führen uns nach Valencia (2005) oder ins ferne Japan (Fotografien von 2007). Entstanden sind aber auch Blei und Glasarbeiten sowie Kooperationsprojekte wie mit Hendrik Liersch und Ute Eckenfelder aus dem Jahr 2009.

Auf einen wichtigen Punkt will ich aber hinweisen. Die Nähe von Valy zur Literatur und Poesie, ebenfalls eine lautlose, aber äußerst mächtige und klangvolle Form der Kommunikation.

 

„Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib’ im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.“ —Goethe: West-östlicher Divan, Buch des Unmuts

 

Entstanden ist in einer an den Symbolismus angelehnten visionären Bildsprache eine alptraumhaft-chaotische Welt des Triebs und des Horrors. Maldoror erscheint in immer neuen Metamorphosen und Masken und präsentiert sein Ich als allegorisches, vampirisch-destruktives Leitbild. Er symbolisiert die Inkarnation des Bösen selbst, ein schwarzer, zerschmetterter Erzengel von unsagbarer Schönheit, der dem Menschen (Leser) seine eigene Hässlichkeit vor Augen führt. Comte de Lautréamont lässt Maldoror sagen: „Ich bediene mich meines Geistes, um die Wonnen der Grausamkeit zu schildern, keine flüchtigen, künstlichen Wonnen, sondern solche, die mit den Menschen begonnen haben, die mit ihm enden werden.“ Die archaischen Metaphern der Gesänge sind nicht als Vergleiche aufzufassen, sondern als Annäherung von zwei mehr oder weniger voneinander entfernten Wirklichkeiten, wie seinerzeit die Entdecker von Comte de Lautréamont, die Dichter Paul Éluard, Louis Aragon, Philippe Soupault und André Breton herausstellten. Breton übernahm Passagen der Gesänge in seine Anthologie des schwarzen Humors: „Die Grenzen sind gefallen, in denen Worte in Beziehung zu Worten, Dinge in Beziehung zu Dingen treten können. Ein Prinzip ständiger Verwandlung hat sich der Dinge wie der Ideen bemächtigt und zielt auf ihre totale Befreiung ab, die die des Menschen impliziert.“ Comte de Lautréamont hinterließ mit seinem Werk ein verwirrend-verrätseltes Vexierspiel, das die Erwartungshaltung des Lesers immer wieder untergräbt.

Apropos. Da ist noch Der Zauberlehrling: 

»In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid’s gewesen.
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
Erst hervor der alte Meister.«

 

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Foto: Dr. Ying Lin-Sill, Mainz

 

Eröffnungsansprache am 26. September von Andreas Weber,
Kurator der Ausstellung “Kunst zu(m) Sterben” in der Rathausgalerie, Mainz.

Kunst zu(m) Sterben. — Warum dieser Titel? — Warum die Klammer um das kleine „m“?

Kunst hat die Aufgabe, zu vermitteln.

Kunst steht für sinnstiftende Wahrhaftigkeit.

Kunst ist Kommunikation, gerade für Themenbereiche, die allzu gerne ausgeklammert, tabuisiert, ignoriert werden.

Kunst ist das Universum der Künstler, also der Kunstschaffenden, ebenso wie das der Kunstliebhaber.

Kunst entwickelt unsere Kultur weiter, pflegt den Umgang miteinander und den Umgang mit unserem Leben in all seinen Facetten.

Sterben bezeichnet den Übergang vom Leben zum Tod.

Beides, Kunst und Sterben, sind zentrale Bestandteile menschlichen Daseins. 

Das Ziel des Daseins beschreibt Friedrich Hölderlin im Fragment „Hyperion“ wie folgt:

 „Eines zu seyn mit Allem, was lebt!

Eines zu seyn mit Allem,

das ist Leben der Gottheit,

das ist der Himmel des Menschen.“

An anderer Stelle heisst es im Hyperion weiter:
„Wir bedauern die Toten, als fühlten sie den Tod, und die Toten haben doch Frieden.“

Der Tod ist rational und absolut begreifbar; er schafft Fakten. Punktum. Wir haben gelernt und Rituale entwickelt, um mit dem Tod umgehen zu können. — Das Sterben hingegen ist zwangsläufig, heterogen, unvorhersehbar und rational wie emotional nicht steuerbar. Sterben berührt die Lebenden.

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Warum steht beim Ausstellungstitel das kleine „m“ in Klammern? 

Es führt unser Vorhaben in dieser Ausstellung weit hinaus über die seit Jahrhunderten in den Religionen begründete Vorbereitung auf den Tod. Spätmittelalterliche lehrhafte Erbauungsschriften titulierten als Ars Moriendi oder Ars Bene Moriendi; sie waren gesetzt als Kontrapunkt zur „Ars Vivendi“.

Doch solche „Moral Subjects“ pass(t)en ins Mittelalter, aber nicht mehr in die Neuzeit, die uns Sicherheit, müheloses Altwerden, ewige Jugendlichkeit vorgaukelt. Fast wird uns sogar noch die Unsterblichkeit in Aussicht gestellt.

Die Botschaft der in der Mainzer Rathausgalerie von Valy Wahl bereits genannten und mit ihren Werken versammelten Künstler ist eine weiterführende. 

Es war uns als „Kuratoren“ (welche schönes Wort, heisst es doch „Pfleger“, „Vertreter“, abgeleitet vom lateinischen „curare: Sorge Tragen, sorgen um…“,  weil es zu den Aufgaben des Palliativnetzwerks passt,), es war und ist uns wichtig, eine Brücke zu schlagen zwischen künstlerischen Werken und ihren Botschaften für uns alle, die wir Leben und zwangsläufig dem Sterben entgegensehen.

Die Aufgabenstellung für die teilnehmenden Künstler aus den Bereichen Malerei, Grafik, BuchObjektKunst, Skulptur, Fotografie/Grafik, Tanz und Performance sowie im Rahmenprogramm auch Musik, Literatur und Kabarett lässt sich wie folgt beschreiben:

Welche Einsichten vermitteln Künstler aus allen relevanten Kunstgattungen auf drei zentrale Fragen zum Thema

  1. Leben: Warum und wo kommt es her, wie schätze ich es zu leben? Wie lebe ich mit dem Bewusstsein des Vergänglichen, um in Würde aus dem Leben treten, also sterben zu können?
  2. Sterben und die Angst davor… — Tatsache ist: Ich werde sterben. Wie sterbe ich, wie und wann setze ich mich mit dem Thema Sterben auseinander?
  3. Helfen — Hilfe:  Brauche ich Hilfe bzw. wenn ich Hilfe in Anspruch nehme, wie wird mir geholfen?

Ein Spezialthema steht noch offen, und würde hier den Rahmen sprengen:

Welche Konzepte und Realisationen für Räume zum Sterben bietet die Architektur für Hospize und Palliativ-Stationen in Krankenhäusern etc.

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Meine Damen und Herren, Sie sehen, die Komplexität des Themas „Kunst zu(m) Sterben“ ist weit höher, als man erwartet. Bei unseren Vorbereitungsarbeiten haben Valy Wahl und ich noch weitere, tief gehende Aspekte entdecken können: Durch die eingeladenen Künstler und ihre Wertvorstellungen von Leben und Sterben, die in ihren Arbeiten Ausdruck finden.

Elfie Clement lässt uns per Video-Installation an höchst intimen und subtilen Erfahrungen teilnehmen, die sie innerhalb von 7 Tagen am Sterbebett der Mutter machte. Sprachlos und umgeben von Stille zeichnete sie zu unterschiedlichen Tageszeiten immer wieder Gesicht, Mimik, Leid und Erlösung der Sterbenden. Die feine Strichführung vibriert mitunter. Eindrücklicher kann der Übergang vom Leben zum Tod kaum erfassbar sein.

Wolfhard Tannhäuser hatte zu seinem Bild „Pendel“ ein männliches Modell gewählt, das zum Zeitpunkt des Malens vom Tod gekennzeichnet war, ohne dies zu wissen, und kurz nach Fertigstellung des Gemäldes verstarb. Diesem Momentum des Zufälligen stellt Wolfhard Tannhäuser die normative Kraft des Faktischen zur Seite. In „War Memorial — I believe in Syria“ dokumentiert er persönliche Eindrücke aus Damaskus, kurz vor Ausbruch des Bürgerkrieges: Ein riesiges Wandplakat zeigt den syrischen Präsidenten mit froher Botschaft! Im Zuge der kriegerischen Ereignisse kommen als schmale hohe Streifen mit fetzenartigen Motiven, Todesanzeigen hinzu, wie sie unter syrischen Christen üblich sind, um das Sterben und den Tod von Angehörigen zu betrauern.

Fee Fleck, die lebenslang gegen das Vergessen oder besser: gegen das  in Vergessenheit geraten, eintritt, reduziert in plakativ-eindrucksvoller Art und Weise unser Dasein auf den Ausgang: „La Morte“ entstand im Rahmen ihrer Zyklen und Arbeiten zu Ingeborg Bachmann, deren literarisches Schaffen Fee Fleck als von Liebe, Sehnsucht und Tod geprägt sieht. Insofern trifft flächige Malerei auf kalligrafische Elemente. Der Schriftzug La Morte tritt Relief-artig hervor. Morte bedeutet sowohl Tod als auch Abgang. Die Farbsymbolik von Weiß kann Licht, Reinheit, Weisheit bedeuten; in asiatischen Kulturen steht Weiß auch oft für Tod!

Ulrich Heemann bezieht sich mit der inszenierten Fotografie „Selbst“ unmittelbar in sein Werk ein. Die Darstellung kann höchst subjektiv ausgelegt werden. Als Momentaufnahme, hier, im Jetzt und Sein. Oder als Aufbruch in eine neue Welt, die über das Leben hinausgeht.

Fast stoisch fasst der in Mainz geborene und in Berlin lebende Künstler Stör, übrigens der Jüngste in der Riege unserer Künstler, das Thema Sterben auf. In dem eigens für unsere Ausstellung angelegten Werk „Entzweit“, eine überdimensioniert angelegte Malerei mit Aquarell und Acryl, entdecken wir eine lang hingestreckte, leidende, zerschundene, magere Kreatur. Das Bunte des Lebens ist dahin, ebenso wie Proportionen und Verhältnismäßigkeiten. In seiner Stille berührt es die Skizzen-Arbeiten von Elfie Clement auf sonderbare, denkwürdige Art und Weise.

Und vor allem, es führt zur Bildhauerarbeit von Achim Ribbeck, „Unter den Weiden“, gefertigt aus Ulmenholz, teilweise mit Acryl bemalt. Wir sehen einen Nachen – wie wir ihn aus der Antike kennen, den Charon steuert, um den Styx auf dem Weg zum Hades zu überqueren. In den Nachen ist eine menschliche Figur eingezwängt ist, geradeso wie Shakespeares Ophelia aus Hamlet. Ophelia leitet sich als Name vom griechischen Wort für „Hilfe“ ab. Im Hamlet wird sie als Holdselige über den vermeintlichen Wahnsinn des Geliebten und den Tod des Vaters selbst wahnsinnig und ertrinkt, treibend in einem Bach… Im Werk von Achim Ribbeck finden übrigens Boot und Mensch einen deutlichen Niederschlag (was die Auswahl für die Ausstellung nicht einfacher machte…). Stets bleibt offen, ob das Boot der Rettungspunkt oder Ausgangspunkt für Verderben und Tod ist.

Ihre Eindrücke im Hier und Jetzt mit dem Blick zurück nach vorne teilt auch die aus China stammende Künstlerin und Kunstwissenschaftlerin Dr. Ying Lin-Sill mit uns. Im Rahmen einer ganzen Reihe von Mainz-Motiven aus den letzten drei Jahren entstand im Sommer 2013 – mit Blick auf unsere Ausstellung – das Gemälde „Ying‘s Nightmare“, zu deutsch „Yings Albtraum“. Am Beispiel der szenisch überhöhten Darstellung des großen Mauerwerks zu Füssen der Mainzer Kupferberg-Terrasse mit den Rundfenstern, die als Gitter den Davidstern aufweisen, wird uns subtil gezeigt, wie bei uns mit dem Holocaust umgegangen wurde. Der zu Pferd sitzende Heilige Martin wendet sich ab, das infernalische Leid und gewaltsame Sterben unzähliger Menschen nimmt seinen Lauf.  — Am Rande sei darauf hingewiesen, dass kaum einer von uns Mainzern je bemerkt hat, wie die Fensteröffnungen am Mauerwerk vergittert sind!

Siehe die Videoanimation auf YouTube:

Valy Wahl setzt, wie sie selbst sagt, darauf, Hoffnung oder Verwirrung zu stiften. „Der Gesang der Frösche“, meisterlich in Valy‘s ureigener Lack-Druckfarben-Malerei als Viertafelbild angelegt, inszeniert die eigentlich friedvollen Frösche als wahre Monster. Unser Dasein ist nicht nur von Schönheit und Liebe geprägt, sondern auch von Leid, Schrecken und Gewalt. Leben und Tod sind Partner, die durch das Sterben einen Bund eingehen. Übrigens: In fasst allen Weltkulturen spielt der Frosch eine Rolle. Er symbolisiert Fruchtbarkeit und Erotik sowie auf spiritueller Ebene die Verwandlung.

Kunst zu(m) Sterben wird zur Metamorphose, die eine Transformation unserer Existenz von der einen Welt in eine andere beschreibt.

Diese Metamorphose, dieser Übergang wir auch durch die ausgestellten Werke des Schweizer Bildhauers Pi Ledergerber erfahrbar. 1994, also vor fast zwanzig Jahren, startete er ein Experiment. Wochenlang lebte er in Finnland, in einem Seengebiet, abseits jeglicher Zivilisation in einer Blockhütte mit Saune, See und Ruderboot. Kein Mensch weit und breit, was durchaus bedrückte und ängstlich machte. Pi Ledergerber sammelte besondere Steine, jene Findlinge, die aus der Natur kommen. Er bearbeitete sie als Bildhauer und legte sie in die Natur zurück. Wir freuen uns, einige der Findlinge, die er mitbrachte, auszustellen, sowie Fotos aus dem Ursprungsjahr, die er vor Ort aufgenommen hat. — Das Leben kommt aus der Natur und geht in die Natur zurück, so seine Botschaft.

„Natur“ ist auch das Thema eines vollendet gestalteten Kassettenwerks von Hermann Rapp, das in der Hochvitrine ausgestellt ist. Seine BuchObjektKunst greift literarisch hochstehende Texte auf, in diesem Fall das Goethe zugeschriebene, von Tobler verlegte Fragment Natur, illustriert und kommentiert sie, setzt druckt sie vollendet in alter Manier. Das Textfragment beginnt wie folgt. „Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen.“ –– Hermann Rapp setzte auf die Mitwirkung der Kunstwissenschaftlerin Ursula Weber, die Goethes Text und Hermann Rapps Werk in den Kontext grosser künstlerischer Leistungen stellt.

Ursula Weber, meiner Mutter, widmete Hermann Rapp das eigens für unsere Ausstellung geschaffene Werk „Adieu Ursula – Auf den Tod einer Freundin“. — Quasi mitten in den Vorbereitungen der Ausstellung „Kunst zu(m) Sterben“ trat für mich und uns der Ernstfall ein. Meine Mutter starb überraschend am Spätnachmittag des 7. August 2013, gerade an dem Tag, als Valy Wahl und ich zwei unserer Künstler in deren Ateliers in Rheinhessen besuchten, um die letzten Exponate auszuwählen.

Hermann Rapp nahm Ursula Webers Tod und ihre Besetzung per Baumbestattung auf dem Gonsenheimer Waldfriedhof zum Anlass, per hochformatiger Druckgrafiken die Trauergesellschaft zu skizzieren. Fast archaisch, von Betroffenheit und Demut erfasst, wird der Abschied aus der Welt und der Einzug in die Natur für uns alle erfahrbar. –– Beigefügt ist den kostbaren Druckgrafiken ein Sonett von Michelangelo, ins Deutsche übersetzt von Rainer Maria Rilke sowie Anmerkungen von Hermann Rapp zum Werk für die verstorbene Freundin. –– Die Anfangsverse des Sonetts lauten:

Des Todes sicher, nicht der Stunde, wann,

Das Leben kurz, und wenig komm ich weiter.

Den Sinnen zwar scheint diese Wohnung heiter,

der Seele nicht, sie bittet mich: “stirb an.”

Aber lesen sie selbst. Wie sie auch bitte sich selbst ein Bild von den Exponaten der Künstler machen. Fassen sie bitte die Ausstellung nicht einfach nur als Kunstausstellung auf. Sondern als Appell, sich mit dem zentralen Thema unseres Daseins, dem Sterben, aktiv und konstruktiv auseinanderzusetzen. Und nutzen Sie die Kunst und die Botschaften der Künstler als Ratgeber, zur Orientierung und Lebenshilfe. Ebenso und im Kontext mit den vielen engagierten Fachkräften des Palliativnetzwerk Mainz, denen ich danken möchte, die Initiative für dieses Projekt ergriffen und unser Projekt hier im Mainzer Rathaus, unterstützt vom Kulturamt, möglich gemacht zu haben.

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Epilog

Wir haben im Vorfeld mit vielen hundert Menschen über die Ausstellung und ihr Thema reden, diskutieren und per Facebook und Twitter kommunizieren können. Das ist einmalig. Und wir werden den Verlauf der Ausstellung dokumentieren (lassen Sie sich überraschen!), ebenso wie von der Finissage am 6. November 2013, um 18 Uhr. Dann wird als Schlusspunkt Peter Grosz mit Ensemble die Theater-Aufführung „Zeiten alter aus“ darbieten. Sie sind alle herzlich eingeladen.

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Video-Mitschnitt der Rede von Andreas Weber

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