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Wie Hotwired auf Expansionskurs reüssierte!  –  Interview mit Michael Winnick, San Francisco

#Flashback — HORIZONT Nr. 46 vom 13.11.1997, Seite 092 (Sonderteil HORIZONT Interactive)

Das ambitionierte Kultobjekt wandelt sich zum Big Business im World Wide Web. Valide Marktforschung ist künftig unerläßlich. Die Web Community wird zur Trumpfkarte. In San Francisco stand Hotwired-Marketing-Manager Michael Winnick Horizont Rede und Antwort. Interview: Andreas Weber

Seit diesem Jahr [1997] schreibt Hotwired schwarze Zahlen, zuvor waren zwei Verlustjahre zu verzeichnen. Was hat die Wende ausgelöst?

Michael Winnick: Hotwired ist in der denkbar frühesten Phase des Webs mit einem innovativen Business-Modell angetreten: Internet als Basis des geschäftlichen und privaten Lebens zu erschließen. Dieser Ansatz mußte und wurde kontinuierlich ausgebaut. Vieles war am Anfang pures Experiment, weil keinerlei Erfahrungswerte vorlagen – entsprechend waren Vorinvestitionen nötig. Wir konnten hierfür sogar Venture-Kapital gewinnen. Die zentrale Frage lautete aber stets: Wie kann man Umsatz generieren, um Investitionen wieder hereinzuholen? Wir haben im Prinzip nach zwei Jahren gelernt, daß da Werbeeinnahmen nicht genügen. Man muß andere Wege gehen.

Können Sie das präzisieren?

Winnick: Im Zuge der neuesten Version von Hotwired.com, 4.0, die im Frühsommer 1997 gelauncht wurde, haben wir neue Bereiche etabliert: Online-Commerce, Lizenzgeschäft und Allianzen. Commerce heißt, daß wir mit Markenartiklern kooperieren, um deren Produkte via Internet zu vermarkten, die ihrerseits wiederum unsere Produkte promoten. Hierzu zählt vor allem auch Merchandising. Gegenseitige Provisionszahlungen sind vereinbart. Lizenzabkommen haben wir beispielsweise mit NTT (Nippon Telegraph and Telephone) geschlossen, die hotwired auf japanisch adaptieren. Und wir haben ein erstes Abkommen mit der Nachrichtenagentur Reuters getroffen zusammen mit Yahoo. Partner sind aber auch High-Tech-Firmen wie Intel, Microsoft, Netscape oder Bell Atlantic.

Was macht Hotwired für Partner und Werbetreibende interessant?

Winnick: Über den Hotwired Content erreichen wir hochqualifizierte Zielgruppen, wobei man bei derzeit fast 650000 Subscribers mit hoher Verweildauer pro Tag und Woche schon von einer Community reden kann. Der Zuwachs pro Tag beträgt immerhin 5000. Interessant ist, daß unsere Partner und Werbekunden nicht nur diejenigen sind, die wir über Wired bereits erreichen. Unsere Sektion Webmonkey zum Beispiel zieht alle aktiven Webmaster dieser Welt als User an. Als Werbekunden erreichen wir durch Webmonkey alle, die dieses kleine, aber exklusive Zielgruppenprofil und -potential nutzen wollen, also Firmen unterschiedlichster Branchen, bis hin zu Automobilherstellern wie Toyota. Das nennen wir zielgruppengerechte und kontextorientierte Werbung, die sehr erfolgreich ist. Webmonkey ist mit rund 107 Prozent ständig ausverkauft.

Das heißt, Sie wollen und werden kein Massenpublikum ansprechen?

Winnick: Doch, aber das muß man differenzieren. Erstens haben wir eine weltweite, globale Userbasis, zweitens zählen wir die Elite der Online-User zu unserer Community. Und diese Basis wächst explosionsartig. Unsere Marktforschung belegt, daß Internet das am schnellsten wachsende Medium aller Zeiten ist: In nur fünf Jahren betrug die technische Reichweite des WWW fast 50 Millionen User. Zum Vergleich: Das Radio hat dazu etwa 38 Jahre gebraucht. Wenn wir die rasche Technologieentwicklung einbeziehen, werden Webangebote in Kürze auch über andere Medien wie Kabel-, Digital- oder Satelliten-TV verbreitet und die Reichweitenzahlen mittelfristig in die Milliarden gehen.

Was unterscheidet Internet-Konzepte und -Angebote dann noch von herkömmlichen Massenmedien?

Winnick: Etwas Entscheidendes: die Kreativität, Dynamik und Interaktivität des Users. Denn Hotwired verstehen wir als Medium mit der Möglichkeit der “Individual Participation”, kombiniert mit einer weltweiten Informations- und Kommunikationsplattform. Wir möchten für unsere User entsprechend den Begriff “Web-Participants” prägen. Denn das sind keine Web-couch-potatoes oder Surfer mehr, das sind Menschen, die aktiv und kompetent im Web sind: Web Sites entwickeln, Live Events per Webcast organisieren, programmieren, Live-Chats beiwohnen und selbst Reviews von Websites vornehmen für Print, TV oder Online-Medien. Wir schätzen, daß Web Participants bereits ein Viertel der Web-Population insgesamt ausmachen.

Wie ist diese Dynamik überhaupt in den Griff zu bekommen?

Winnick: Indem man sich als Anbieter klar positioniert, permanent den Markt beobachtet und seine Strategien anpaßt. Wir haben – wohl im Unterschied zu Europa und Deutschland – schon sehr valide Marktforschungsergebnisse, die nicht dazu dienen, uns selbst etwas vorzumachen, sondern Fakten zu liefern. Daran orientieren wir uns und unser Angebot ständig.

Wie sieht Ihre Positionierung denn aus? Ihr Kollege Mike Homer von Netscape sagt voraus, im Internet würden sich die “big five hubs” – Netscape selbst sowie Suchmaschinenanbieter – als Erstadressen etablieren, für mehr sei kein Platz.

Winnick: Von Hubs sprechen wir nicht, sondern von “Portal sites”. Das sind in der Tat Suchmaschinen und Websites mit mehr als 20 Millionen Zugriffen pro Monat. Die werden gefolgt von “Category Killers”, wie zum Beispiel Toys R” us, mit bis zu fünf Millionen Zugriffen pro Monat. Erst dann kommen “Micro Hobbies”, also Spezialangebote mit einer Million Zugriffen pro Monat, wie beispielsweise Hotwired. Klar ist, daß wir mittelfristg zur zweiten Gruppe gehören wollen.

Welche Strategie verfolgt Hotwired?

Winnick: Wir wollen und müssen Geld verdienen. Hotwired ist nichts für Freaks, sondern ein ernsthaftes Geschäft. Und das bedeutet Wachstum generieren einerseits und eine optimale Zusammenarbeit mit den Web Participants und den Anzeigenkunden andererseits. Wenn die Vorhersagen stimmen, werden wir 1998 allein in den USA 100 Millionen Internet-User haben – eine Steigerung von 2500 Prozent in vier Jahren. Zugleich steigt das Interesse von Firmen bei Online-Werbung und -Commerce.

Was muß man bei Kostenaspekten besonders berücksichtigen?

Winnick: Für die meisten kommerziellen Web-Anbieter wird der Erfolg gleichzeitig zum Problem. Ist man klein und elitär, kann man hohe Preise pro Customer per month (Cpm) erzielen – beispielsweise bis zu 150 Dollar pro 100 Cpm. Je höher die Userbasis ist, desto niedriger wird der Cpm – und pendelt sich bei einer Verzehnfachung der Userzahlen bei rund 30 Dollar ein. Dies muß man kaufmännisch in den Griff bekommen, sonst geht es leicht schief. Der zweite Aspekt ist die Online-Vermarktung. Hier haben wir bereits letztes Jahr für Wired Digital einen Top-Werbeprofi von J. Walter Thomson abgeworben: Hunter Madsen. Er treibt die Vermarktung von Hotwired kräftig voran.

Was ist Ihre größte Herausforderung?

Winnick: Das interaktive Medium Web noch multimedialer werden zu lassen und viel stärker in unser Privat- und Berufsleben einzubeziehen. Ich bin jetzt 23 Jahre alt und möchte gerne noch eine Zeitlang Action haben.

Das [seinerzeitige] Erfolgsrezept von Wired Ventures Inc.: High-Tech-Produkte und Digitaltechnologien prägen den Lifestyle moderner und erfolgreicher Menschen. 1994 wurde dem Printobjekt ein Cyber-Pendant zur Seite gestellt. Wired Digital Inc. umfaßt drei Geschäftsfelder: Hotwired (als selbständiges Online-Medium), wired.com (die Website zur Printausgabe mit Wired news) und hotbot (das Wired- eigene Search-Center, aktuell erweitert um den intelligenten Search agent newbot). Beschäftigt werden rund 160 Mitarbeiter, der Hauptsitz ist in San Francisco. Am 23. Oktober 1994 ging Hotwired mit Version 1.0 als erste kommerzielle Website ins Internet. Innovativ-avantgardistische Themen werden in unverwechselbarer Weise aufgegriffen. Getreu dem erfolgreichen Wired-Motto: Die Inhalte dynamisch, die Visualisierung fetzig und auffallend gestalten. Michael Winnick, 23, ist seit Sommer 1996 als Marketing-Manager für Hotwired verantwortlich.

LINKS zu Hotwired https://en.m.wikipedia.org/wiki/HotWired  und zur Person Michael Winnick https://www.linkedin.com/in/michael-winnick-482293, der immer noch mit seinem Unternehmen dsout in der Echtzeit-Marktforschung aktiv ist.

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Von Andreas Weber, Mainz

Zum 32. Mal wurde am 20. Januar 2015 der HORIZONT Award in Frankfurt am Main verliehen. Der Rahmen war wie immer festlich. Man traf sich in der Alten Oper. Wie immer kamen interessierte Besucher aus der Kommunikationsbranche, die sich mit Medien, Werbung und Marketing beschäftigen. Doch gänzlich anders war das, was sich auf dem Podium abspielte. Eine echte Trendwende ist eingetreten: Bye Bye schöne alte Reklamewelt! Welcome Digital Commerce around the Globe!

Trendwende

„Auch Deutsche können Internet“ — vor allem im „Silicon Berlin“, erzählte Oliver Samwer, CEO des Börsenneulings Rocket Internet AG, in seiner Keynote. Samwer und seine Brüder haben seit 2007 eine 20 Mann-Firma in einen global aktiven, 25.000 Mitarbeiter starken Konzern verwandelt, der sich anschickt, die Welt zu verändern. Und das ganz ungeniert im Fahrtwind der Internet-Giganten aus den USA und China. Denen überlässt Samwer gerne ihre Heimatmärkte alleine. Er tummelt sich dort, wo man Innovationsideen aus Deutschland zu schätzen weiss. Und macht deutlich: Das Internet ist nicht ein neues Medium. Das Digitale ist nicht automatisch Heilsbringer.

Samwer konnte sich nicht verkneifen, seine Anfänge und Geschehnisse aus dem Jahr 1998 zu schildern. Bertelsmann lockte damals junge Digital-Talente an. Doch Samwer und seine Brüder gingen lieber ins Silicon Valley nach Kalifornien, um hautnah mitzuerleben, wie sich die Welt disruptiv durch das Internet veränderte. Die Mission: Dort schnell und gut lernen, um in Deutschland und von Deutschland aus Neues zu wagen. No risk, no fun. Und trotz allem: Konservativ sein. Mit viel Mut. Das beeindruckt. Nicht zuletzt auch einen der HORIZONT Award-Preisträger, den Chef der Deutschen Telekom, Tim Höttges. Höttges sagte frei heraus, dass er ganz und gar hinter dem stehe, was Samwer sagte! Und das hatte es in sich, weil kein Stein auf dem anderen bleiben werde. Der Umschwung auf mobile Internetnutzung ändere alles. Radikal. Letztendlich zerstört dies alle etablierten Strukturen. Deconstruct. Reconstruct. Aber so smart wie Samwer das vortrug, wirkte er fast wie ein Wolf im Schafspelz. Und bekam Applaus. Vor allem von Medienleuten, die sein Geschäftsmodellsmodellansatz und seine Radikalität tilgt. Denn: Samwer bringt mit systematischem Ansatz Angebot und Nachfrage zur direkten Transaktion auf dem Smartphone zusammen. Medien als Mittler im klassischen Sinne werden da gar nicht mehr gebraucht.

Dies wurde verstärkt durch SYZYGY-Group CEO und Gründer Marco Seiler. In geduldiger Arbeit schaffte Seiler aus dem Nichts mit DM 350.000 Startkapital eine börsennotierte 500-Mitarbeiter starke Agenturgruppe und expandierte von Frankfurt am Main aus nach London, New York und anderswo. Sein Bekenntnis zu Peter Druckers Bonmot „Culture eats Strategy for Breakfast“ fundamentierte er auf das Sympathischste durch die Schilderung einer auf Freude, Sympathie, Empathie und Motivation basierenden Firmenkultur seiner „Digital-Agentur“. — Hoppla! Noch ein Wolf im Schafspelz?

Ab jetzt ist klar: Die Trendwende ist vollzogen. Die Digital-Pioniere haben das Ruder übernommen. Sie sind smart, menschlich, mitdenkend, erfinderisch und erfolgreich. Es bleibt kein Stein auf dem anderen im Geschäft mit Medien, Werbung und Marketing. 

Kehrtwende 

Halt stopp! Es tut sich ja was. 1. Die Medien-Frau des Jahres, Donata Hopfen von Axel Springer, konnte aufgrund ihrer Kompetenz und ihres Durchblicks als Digital-Power-Frau an die Verlagsgeschäftsführungsspitze der BILD-Gruppe treten. Und sie bringt neue und anerkennende Sichtweisen auf Print-Medien ein, die ihre Achtung finden. Vor allem, nachdem sie sich die Druckereiproduktionsstätten anschaute.

Und 2. Dr. Uwe Vorkötter, gesamtverantwortlicher Chefredakteur von Horizont, machte in einem brillanten Vortrag deutlich, wie Fachmedien in ihrer Alltagsarbeit vorgehen und was sie bewirken, um Irrtümer und Fehleinschätzungen zu vermeiden. In großen Bildern zogen immer wieder Titelseiten von gedruckten HORIZONT-Ausgaben im Wechsel mit Online-News auf der Riesenleinwand in der Alten Oper vorbei. Das war gekonnt inszeniert, lehrreich und letztlich der perfekte Brückenschlag zwischen täglicher fachjournalistischer Arbeit und der Besonderheit einer jährlichen HORIZONT Award-Preisverleihung. Chapeau!

PS: Last but not least. Vier wunderbare und hochbegabte Nachwuchstalente wurden durch die HORIZONT-Stiftung mit Stipendien und Förderpreisen ausgezeichnet. Allesamt Digital Natives auf ihrem Weg Digital Savvys zu werden, hochambitioniert und voller Tatendrang!

 

Fotos, Videos und weitere Fachinformationen finden sich bei HORIZONT.

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