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Tag Archives: Guido Ludes

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Guido Ludes in der Ausstellung zu seinem 60. Fotocollage vor einer Detailsicht des Ölgemäldes Berlin: Potsdamer Platz, 2008, aus der Sammlung Schwarz+Weber, Frankfurt am Main

Lieber Guido!

Ein Auge lacht. Ein Auge weint. Heute, am 12. Mai 2019, begehen wir Deinen 70. Geburtstag. Ich rufe Dir im Kreis meiner Familie zu, auch wenn Du nicht mit uns zusammen sein kannst, hier auf der Erde, die Du so liebtest: Herzlichen Glückwunsch! Wir lieben und wir vermissen Dich! Umringt von vielen kreativen Spuren, die Du bei mir zu Hause hinterlassen hast: Briefe, Notizen, Zeichnungen, PolaroidTransforms, Malereien, Grafiken, Experimentaldrucke, Objekte, Bücher und Schriften, Tausende Fotos (von unseren gemeinsamen Reisen und Erlebnissen) und noch mehr wunderbare Erinnerungen. Dein ganzes Wirken und Tun können wir im Detail nachvollziehen. Jeden Tag aufs Neue. Herzlichen Dank dafür. Das ist nicht selbstverständlich und schon gar nicht üblich. Das Außergewöhnliche hat Dich geprägt. Und damit auch uns und unsere Freundschaft.

 

Wilhelm gemalt von Guido

Detail aus dem Porträtbild von Guido Ludes: Wilhelm Weber zum 70. Geburtstag am 20. Juni 1988. Acryl auf Leinwand, 130 x 100 cm.

 

Obgleich wir über unseren gemeinsamen Lehrer Prof. Dr. Hans-Jürgen Imiela und unseren Freund Dr. Otto Martin während des Studiums Bindungen haben: Bewußt erlebt habe ich Dich das erste Mal im Jahr 1984, als Du den Kahnweiler-Preis in Rockenhausen entgegennehmen konntest. Ich war 25 Jahre alt und Du 35. Mein Vater, Prof. h. c. Wilhelm Weber, Kahnweiler-Freund und Schöpfer resp. Mit-Initiator der Stiftung, war auf Dich als aufstrebender Künstler aufmerksam geworden. Über Deine großartigen Zeichnungen im Mainzer Landesmuseum, die Du zur Dokumentation von Sammlungsgegenständen angefertigt hattest, war das Interesse entflammt. Mein Vater — selbst ausgebildeter Maler, Kunsthistoriker, Museumsmann und Ausstellungsmacher aus Leidenschaft — hatte Dich ins Herz geschlossen. Ihm imponierte Deine Stärke als Bildender Künstler ebenso wie als begnadeter Kommunikator und Kunstvermittler. Was ihn veranlasste, Dir als Gymnasiallehrer ein Gutachten zu schreiben, um Dich erfolgreich als Hochschul-Professor in Wiesbaden zu empfehlen. Von 1994 an bis zu Deinem Tode im Jahr 2013 hast Du unzählige Studenten gefordert und gefördert. Für die meisten warst Du der Favorit, wenn es darum ging, das eigene Kreativpotenzial bestmöglich auszuschöpfen und die Abschlussarbeit bei Dir vornehmen zu können. Du hast wie kein anderer den Studierenden erweiterte Möglichkeiten verschafft, Projekte über Drittmittel zu entwickeln, die wiederum außergewöhnlich und vor allem erfolgreich waren. Immer gab es dazu Publikationen, über 60 an der Zahl, im Print wie auch multimedial. Das hat nachhaltige Beziehungen ermöglicht, die weit über das eigentliche Studium hinausgingen. Überhaupt: Du warst ein Grenzgänger, der allzu gerne Grenzen sprengte.

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Zwei begeistere Maler unter sich: Wilhelm Weber (links) mit einem Blumenstillleben, Paris 1948, Öl auf Holz. Und rechts Guido Ludes mit Berlin, Potsdamer Platz, 2008, Acryl auf Leinwand.

„Hallo Guido“

Unvergessen ist für mich, als wir 2009 gemeinsam in Berlin waren. Unser Berlinbuch war fertig und wir schauten nach Ausstellungsmöglichkeiten. Bei unseren Erkundungen in Berlin Mitte haben wir nicht nur einige Agenturen besucht, die von ‚Ehemaligen‘ / Ludes-Schülern gegründet wurden, sondern wir trafen fast an jeder Ecke Menschen, die Du kanntest. „Hallo Guido — Hallo Herr Ludes“, tönte es viele Male…

Der eigentlich Beginn unserer innigen Freundschaft war ebenfalls außergewöhnlich. Es vollzog sich im Herbst 1998 auf dem Mainzer Wochenmarkt, an einem Samstag-Morgen am Fleischwurst-Stand. „Du musst mich unbedingt mal im Atelier in Finthen besuchen“, schoss es unvermittelt aus Dir raus. Sofort wurde ein Termin vereinbart. Du liebst ja Nägel mit Köpfen… Und der Besuch war in der Tat außergewöhnlich. Denn Du zeigtest mir die Ergebnisse Deines Forschungssemesters, das Dich vor der Jahrtausendwende gezielt für viele Wochen nach NYC führte: Über 400 künstlerische Arbeiten, davon die Mehrzahl in Form der PolaroidTransform-Bilder sowie eine Reihe von Gemälden. Das Hauptwerk „NYC“, signiert und datiert mit „G Ludes 98“, fast monochrom in wuchtigem Rot gehalten, mit einem Format von zwei auf fast drei Meter, durfte ich — im Team mit Gunda — von Dir erwerben, gemeinsam mit zwei weiteren NYC-Malereien. Im Gemälde „NYC“ hast Du über 150 der PolaroidTransforms malerisch verarbeitet. Künstlerisch  perfekt inszeniert, führst Du uns die einzigartige US-Metropole in all ihren Facetten vor Augen. Ein echtes Meisterwerk. So außergewöhnlich wurde New York City und speziell Manhattan selten in Szene gesetzt!

 


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„Du bist Sehnsucht und Utopia, Paradies und Untergang, schön wie ein Brillant von Tiffany und unheilbar krank.“

Udo Lindenberg über NYC. Aus: Der Detektiv, 1979. Zitat und Foto aus unserem Buch: New York Manhattan Zeitenwende, 1999.


 

Mit Deinem Talent, andere zu begeistern, hast Du Gregor Krisztian, Deinen Freund und Hochschul-Kollegen, als Buchgestalter, und mich als Herausgeber und Kommunikator gewonnen, um Deinen außergewöhnlichen Forschungsbericht zu publizieren. — Viele Übersehen: Du warst als Hochschullehrer v. a. auch Wissenschaftler erster Güte! — Gemeinsam entwickelten wir sofort nach dem Atelierbesuch und einem Treffen mit Gregor die Idee, nicht nur ein außergewöhnliches Buch zu schaffen, sondern eine Serie von Publikationen, Ausstellungen, Musikperformances und Events, die von Europa aus ein engagiertes Publikum in NYC und anderswo begeistern sollte. Startpunkt war der 23. April 1999, Welttag des Buches. Im Orchester-Probenraum des Mainzer Staatstheater stellten wir die Maquetten vor. Der damalige Ministerpräsident Kurt Beck war eigens aus einer laufenden Landtagssitzung gekommen, begrüßte und betonte, dass mit unseren Aktivitäten ein kulturell werthaltiger Beitrag zum transatlantischen Dialog erfolge. Das Publikum war begeistert, in einem Rutsch waren 1.000 Bücher vorbestellt und damit ein Drittel der geplanten Auflage verkauft und das Buchprojekt in bester Ausstattung finanziert. Es folgten die Premiere auf der Buchmesse 1999 mit SWR-Kultur-TV-Bericht sowie am 11. November 1999 der absolute Höhepunkt: Die Vorstellung des Projekts in NYC. Udo van Kampen hatte uns ins ZDF-Studio unweit des Chrysler-Building eingeladen, um vor einer Schar erlesener VIP-Gäste zu präsentieren. Die meisten blieben fast zwei Stunden; außergewöhnlich für NYC, wo die meisten auf Vernissagen und Lesungen bereits beim Erscheinen hektisch auf die Uhr schauen, wie uns alteingesessene New Yorker an diesem, unserem Abend bewundernd mitteilten. Last but not least: Unser Buch, das einen eigenen Bericht wert wäre, wurde 2001 vom DDC Deutscher Designer Club ausgezeichnet.

 

 


Apropos: So ganz ‚nebenbei‘ hattest Du zudem den Musiker und Komponisten Peter Knodt gewonnen, eine außergewöhnliche Komposition in Form von Klangspuren zu schaffen. Peter hatte passend zu Deinem Forschungsprojekt in NYC Töne und Sounds allerorten eingefangen und mit Trompete sowie Countertenor-Gesang vermischt. Es gab mehrfach Aufführungen, auch mit einer eigens entwickelten Tanz-Perfomance.


 

 

Mit Blick auf das neue Jahrtausend entstanden 2000/2001 Posterserien, Wand-, Tisch- und Notebook-Kalender, die vom Bertelsmann Verlag publiziert wurden. Benchmark! — Lieber Guido: Summa summarum, das war Extraklasse und zeigte auf höchstem Niveau Deine Gabe als Künstler, Freund und Organisationstalent, das stets auf andere vertrauen konnte. Und gleichzeitig als Inspirationsquelle für vieles weitere gemeinsame: Ob bei den von Gunda und mir als Gastgeber veranstalteten Kreativ-Workshops auf Sylt, bei unseren gemeinsamen Urlaubsreisen in die Provence und die Bretagne oder aber den zahlreichen Silvester-Kochabenden. Unvergesslich auch unsere Besuche beim gemeinsamen Freund und Bildhauer PI Ledergerber in Burgdorf bei Bern sowie die Winterwanderung durchs zauberhafte Emmental. Du hast im Nachgang die reliefartige, grossformatige Collage ‚Projekt Rekonstruktion EMME’ geschaffen, die den Lauf des Flusses malerisch interpretiert, und mir zum meinem 45. Geburtstag am 3. Januar 2004 gewidmet.

 

 

Und selbst wenn Du fern warst, auf Deiner 1. Expedition in Australien im Herbst 2005, hast Du unmittelbar im Nachgang uns teilhaben lassen mit der Object-Trouvé-Collage ‚Terra Australis‘.

 

 

Das kleinformatige, kraftvoll gearbeitet Aquarell ‚Tunesische Impressionen‘ von 2002 ist ein Kronjuwel unserer Sammlung. Im Übrigen war es nicht nur für mich ein Vergnügen, mit Dir Kunstausstellungen zu besuchen oder Spaziergänge in freier Wildbahn, am besten in Rheinhessen, zu machen. Als kundiger, hochgebildeter, belesener, stets neugieriger  Mensch hattest Du immer etwas zu sagen: Zur Natur, zu Kunst- und Kulturgeschichte, zum Schaffen anderer, zu Politik, Sport, Gesellschaft, Religion… Außerordentlich war Deine Gabe, egal wo  wann und wie mit Menschen aller Couleur ins Gespräch zu kommen. Ganz natürlich, ganz offen, ganz vorurteilsfrei. Es war eine Wonne, mit Dir zu fachsimpeln. Gerade auch bei unserer gemeinsamen Arbeit z. B. für die Hauptjury des Mainzer Kunstpreises Hans-Jürgen Imiela-Gedächstnispreis, zu der unser Freund Dr. Otto Martin in die MVB Mainzer Volksbank geladen hatte.

Lieber Guido: Danke, danke, danke! Du warst stets der Motor und der Ankerpunkt zugleich für das liebevollste Miteinander, das ich mir, das wir uns alle vorstellen können. 

Und Du warst kaum zu stoppen. Viele weitere Projekte folgten: Kunstbücher, die ich herausgab im Team mit Dir und einigen Deiner Student*Innen, u.a. zu Martin Schläpfer und seinem ‚ballettmainz‘. Oder aber „Gestaltungsstrategien der Moderne: Ideenpool und Nachschlage-Werk für kreative Kommunikation“ von Judith Biesenbach. Ein Werk, das viele kreative Köpfe aus der GWA-Agenturszene begeisterte. Nicht zu vergessen: Auch für die Print&Publishing-Industrie hast Du Außergewöhnliches vollbracht. Ich konnte z. B. den Kontakt herstellen mit dem Schriftenhaus Linotype zu Dir und der Hochschule, um beim internationalen Fachkongress der typo:media 2000 in Mainz eine lesenswerte Event-Doku in Buchform zu schaffen; später konntet ihr im Team mit Linotype das 2005 vom DDC prämierte Buch trytype publizieren. Auf der internationalen Fachmesse FESPA 2010 in München konnten wir im Team mit HP einen künstlerischen Experimentaldruck vorstellen, bei dem Du eine PolaroidTransform-Bildcollage aus dem Berlin-Projekt mit einem neuen Inkjet-Verfahren auf Spezialpapier geschaffen hast. All dies und noch viel mehr führten wir mehr als eine Dekade unter dem Label ‚Zeitenwende‘; mein Mainzer Büro im Empirestil diente als Galerie- und Event-Ort. Deine Werke waren stets präsent.

Familienbande

Lieber Guido, soviel wunderbares konnte uns in den Jahren bis zu Deiner plötzlichen, schweren und letztlich tödlichen Erkrankung geschehen. Nach dem Erfolg von New York Manhattan Zeitenwende entstanden weitere Bücher gemeinsam: Mainz Stadtlandschaften II oder Berlin Different View. Jedes für sich ein Kunstwerk, wiederum gestaltet von Gregor. 

Am eindrücklichsten und bewegtesten für mich war es, mit Dir zusammen am 1. und 2. Mai 2009 Deine Heimat zu erkunden. Du hattest mich darum gebeten, mit Dir eine ‚Bruderreise‘ zu unternehmen und alles arrangiert, damit ich Deine Heimat Saar-Pfalz, die ganz nahe meiner Heimat im Saarland liegt, mit Dir erleben kann. Erster Landepunkt von Mainz aus war Trier. Wir atmeten den Hauch von über 2000 Jahren Kulturgeschichte. Und hatten Freude. Der Höhepunkt der Reise: Der Besuch am Grab Deiner Eltern in Saarburg. Du hättest mich glatt am schön gelegeneren Friedhof vorbeifahren lassen! Wenn ich nicht gefragt und insistiert hätte. Du warst, obgleich Dein Vater schon über 25 Jahre verstorben war, Deine Mutter rund 10 Jahre, noch nie dort gewesen! Da das Grab erst nach einer gewissen Suche gefunden wurde, gab es ein Momentum, das mich erschaudern ließ. Keine zehn Meter von mir weg warst Du zuerst fündig geworden. „Ich habs!“, hast Du verhalten gerufen. Und bist sodann minutenlang erstarrt, als ich eilig ankam und erstaunt — mit Blick auf die riesige Doppelgrabplatte aus politiertem Granit — rief: „Deine Eltern heissen ja Maria und Josef!“

 


Intermezzo

Lieber Guido, Du fragtest mich, welchen Künstler, welches Werk ich mit Dir und Deiner Person in Verbindung bringe. Meine Antwort aus heutiger Sicht: Den ‚Pierrot, dit autrefois Gilles’! Das außergewöhnliche Gemälde des französischen Malers Antoine Watteau, den wir beide verehren, und dessen Sinnhaftigkeit schier unermesslich ist. — entstanden wohl 1718/1719, also ziemlich exakt vor 300 Jahren.   

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Foto: Archiv Andreas Weber


 

Deinen Vater hast Du als Despoten gesehen, der Dein Talent, Deinen Freiheitsdrang, Deine Kreativität nicht anerkannte, alles sogar bekämpfte, da er ohne Rücksicht auf Verluste nur seinen Interessen nachgegangen ist. Du hast als Teenager rebelliert und mit ihm gebrochen. Gerade und vielleicht weil Du Rockmusik als Sänger in einer Band zelebriert hast. Zudem gab es nach dem Tod des Vaters Streit mit Deinem Bruder und dadurch im Verlauf auch keinen Kontakt mehr zur Mutter bis zu deren Tod. Und trotz allem zeigtest Du eine unbändige Leidenschaft für Deine Herkunft, Deine Region, Deine Erfahrungen. Dass wir beide Hugenotten als Vorfahren haben sowie Deine Annahme, mein Vater sei für meine Familie auch schwierig zu ertragen gewesen, hat uns aus Deiner Sicht noch enger zusammengeschweisst. Was mich im Nachgang erstaunte: Du hast stets Dinge von Anfang zum Ende gebracht. Nur mit Deinem Vater und seiner Familie konntest Du nicht abschließen. Da hast Du Dich bis zum Schluss entzogen wie das fliehende Pferd. Und hast als Familienvater mit Frau und zwei Söhnen stets gemäß der Leitlinie gehandelt, alles anders zu machen, als es Dein Vater tat. Letztlich hast Du Dein durch Deinen Vater geprägtes Familienbild auf alle übertragen, die Dir lieb und wert waren. Der Sister Sledge-Song „We Are Family“ hat uns sozusagen immer als Grund-Melodie begleitet. Übrigens: Während ich Dir diesen Brief schreibe, höre ich Led Zeppelin und Pink Floyd…

Kreativer Ungehorsam

Lieber Guido, Deine letzte große Einzel-Ausstellung nach der in Ingelheim von 2006 („25 Jahre kreativer Ungehorsam“) hast Du wie für Dich üblich selbst inszeniert. „60 Jahre Guido Ludes – 35 Jahre Mainzer Künstler. Landschaften und Städtebilder“. Ich durfte in der prall gefüllten Mainzer Rathausgalerie am 1. September 2009 eröffnen. Alle waren erstaunt, festzustellen, dass man meinen könnte, Dich und Deine Arbeit zu kennen, aber vom Facettenreichtum und der Innovationskraft Deines Schaffens eines besseren belehrt wird. Die Publikation meines Vortrags erfolgte als Privatdruck 2010 und später dann im meinem Blog, ausgebaut zum Nachruf für Dich: Ich habe Dich darin ‚Meister der Inspiration‘ genannt und dokumentiert, dass Dein Schaffen und Deine künstlerische Manifestation kulturgeschichtlich fest verankert, aber außergewöhnlich ist und bleibt. Tausende Freunde, Blog-Leser, Facebook-Partner, alle zutiefst betroffen, konnten Anfang Januar 2014 Dein Leben und Schaffen Revue passieren lassen. So bist Du zwar von uns gegangen und doch stets präsent. In unserer Erinnerung, in unseren Herzen. In der Provence, unserem temporären Erlebnisparadies der Sinne und Freuden, sagest Du beim Abendessen in unserem Garten zu Gunda und mir: „Es macht mich sehr, sehr traurig, dass wir irgendwann tot sind und uns nicht mehr sehen, sprechen, umarmen können.“ — Heute antworte ich Dir: „Guido ist tot. Lang lebe Guido!“

Lieber Guido, mein Freund, mein Bruder im Geiste! Du warst, bist und bleibst ein Außergewöhnlicher. Es gibt noch soviel über Dich und durch Dich zu entdecken. 

Herzlichst,
Dein
Andreas, auch im Namen von Gunda, meiner Schwester Eva Maria sowie der gesamten Familie Schwarz

 

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Postscriptum

PS: Die Kulturverantwortlichen und Kunstschaffenden der Stadt Mainz haben Dich mit zwei Ausstellungen zu Deinem Siebzigsten geehrt. Das ist sehr lobenswert. Aus meiner Sicht wird dabei deutlich, wie schwer es sich manche Leute tun — mit Dir und Deinem künstlerischen Erbe, selbst diejenigen, die Dich kennen und schätzen. Die Ausstellung im Mainzer Rathaus zeigt eine Seite von Dir, die melancholisch betrübt erscheint. Und so gar nicht typisch ist für das, was Dich und Dein Leben ausmachte. Als ich dort war, unterhielten sich zwei Damen, die neugierig vor allem die Mainz-Motive betrachtete. Eine der Damen sagte ehrfürchtig: „Der Künstler muss ein sehr trauriger, vielleicht sogar deprimierter Mensch gewesen sein.“ Dieses Urteil von unbefangenen Besuchern fand ich bemerkenswert sowie auch die Tatsache, dass viele Deiner Hauptwerke und Themen nicht würdig oder pointiert genug vertreten sind. Der NYC-Werkkomplex, Dein Meisterwerk schlechthin, mit der Einheit aus Gemälden, Zeichnungen und den PolaroidTransforms wurde nicht erfahrbar. Letztere fanden sich als Auswahl isoliert im Eisenturm, ohne eben den Bezug zu Deinen Malereien. Das hättest Du selbst als Kurator sicher ganz anders gemacht.

PPS: Es entstand für die Mainzer Ausstellungen auch ein Katalogbuch. Das ist ebenfalls lobenswert, auch wenn aus meiner Sicht ein Werkverzeichnis oder zumindest eine Festschrift angebracht gewesen wäre. Beides fehlt. Der zur Ausstellung erschiene Katalog spaltet Dein Werk auf, das doch eine Einheit ist, und zeigt, dass es in der Rückschau sehr schwierig sein muss, Dich als Künstler, Kunstvermittler und Persönlichkeit richtig einzuschätzen. Das hat weniger mit den inhaltlichen Lücken und Schwachstellen der Publikation zu tun, deren Gestaltung es enorm schwer macht, mit Freude und Leichtigkeit darin zu lesen. Sondern vielmehr damit, dass man Dir mit  selbstverliebter Gestaltung und feuilletonistischer Betrachtungsweise nicht nahe kommt, sondern in die Irre geleitet wird. Schon der Titel: „Die Atemlose Kunst des Guido Ludes“ lässt mich schaudern. Soll das heißen, Dir und Deiner Kunst sei die Luft ausgegangen? Oder raubt es den Betrachtern die Luft zum Atmen? Oder wird sogar auf die Schlager-Dame Helene Fischer und ihren Atemlos-Super-Hit angespielt, der mich vor allem durch Parodien entzückt? — Weiter schaudern lässt nicht folgende Textpassage: „Einfach Eindrücke sammeln, Wind schnuppern, Füße hochlegen, all das ist mit ihm [Guido Ludes] nicht zu machen. Immer hat er ein Projekt im Gepäck.“ — Lieber Guido, Du musst ein Doppel-, Drei-, Vierfach-Leben geführt haben. Denn so kennen wir Dich nicht. Es war immer Entspannung pur mit Dir, Neues zu erkunden und daraus Ideen zu entwicklen. Du hast das sogar von anderen eingefordert. Mit dem Hinweis: „Wer viel arbeitet, hat immer Zeit!“ Vielleicht hast Du andere, die nicht mit Dir auf Augenhöhe sein konnten, vermutlich sogar Deine eigene ‚Guido-Familie‘, durch Deine Fürsorge, Dynamik, Umtriebigkeit, Schnelligkeit, Präzision und Power überfordert und sogar unmündig werden lassen? Ich bin sicher, Du wirst mir diese Frage nicht beantworten. Sondern wirst mir zur De-Eskalation sagen: „Äh, was kostet hier nochmals ein Kubikmeter Mutterboden?“. Und dann wirst Du lachen!

 

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Schatten-Dasein. Bildcollage für Guido zum 70. von Andreas Weber.

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Guido Ludes 2009

Denk- und Dank-Schrift für den unvergesslichen Guido Ludes
Von Andreas Weber

 

»Künstlerisches Schaffen zehrt von der

gesamten menschlichen Substanz. Wer

nicht alles, was er ist und hat, in die

Waagschale wirft, gewinnt nie den Preis

des Schöpfertums.«

Das sind starke Worte. Sie stammen aus einer Zeit, als man sich eigentlich nicht ohne weiteres und freimütig über die Kunst und das Wesen der Kunst äußern durfte. Wilhelm Waetzoldt (1880–1945), einer der großartigsten Kunstkenner und Museumsdirektoren überhaupt, publizierte diese und andere lesenswerte Sätze in »Du und die Kunst. – Eine Einführung in die Kunstbetrachtung und Kunstgeschichte«, erschienen 1938 Im Deutschen Verlag Berlin.

Es kann kein Zufall sein, dass mir als dem Verfasser dieser kurzen Dank-Schrift das Waetzoldt-Buch (nach langer Zeit) zum 60. Geburtstag von Guido Ludes am 12. Mai 2009 und zur Vorbereitung seiner Werkschau im Mainzer Rathaus wieder in die Hände fiel. Es gehörte meinem Großvater, Hans Karius, der es wohl direkt nach Erscheinen kaufte. Hans Karius stammte von der Saar, als Spross einer Hugenotten-Familie. Und hier schließt sich der Kreis: Guido Ludes, der Saar-Pfälzer, ist ebenfalls hugenottischer Abstammung.

In der Champagne gibt es den Ort ›Ludes‹. Seine Vorfahren flüchteten im Rahmen der Vertreibung im 16. oder 17. Jahrhundert als calvinistisch geprägte Protestanten aus dem katholischen Frankreich. So wurden Lebensstile und Geisteshaltungen transferiert, das Rationale mit dem Emotionalen durchwoben, um zu neuer Lebensfreude an neuem Ort zu gelangen.

Dieses Erbe oder besser gesagt diese genetische Programmierung manifestieren sich unter anderem in der ›Kunst zu Leben‹, dem ›Savoire Vivre‹, und dem Anspruch, mit der Kunst zu leben. Guido Ludes ist ein Paradebeispiel dafür, wie man die ungebrochene schöpferische Kraft des Malers und Zeichners kombiniert mit der Freude am Leben, der Verantwortung als Familienvater, dem Verhaftet sein in der Realität und dem Bestreben, die Realität zu gestalten bzw. ihr Gestalt zu verleihen. Diese Gabe reiht ihn ein in den Kreis der ganz großen künstlerischen Talente, die wie Guido Ludes nicht vom Elfenbeinturm aus agieren, sondern mitten im Leben stehen und durch Kenntnis von Tradition und Kultur in der Lage sind, stets innovativ zu sein. Das Streben nach Neuem zeugt von einer starken Motivation.

Dazu gehört der Wille, sich allem zu stellen, was das Menschsein ausmacht. Dazu gehört die Ambition und das Talent, lustvoll kommunizieren zu wollen und dies auch zu können. Vor einigen Monaten – im Frühjahr 2009 – durfte ich mit Guido Ludes an die Saar reisen. Im Grenzgebiet von Saar, Pfalz und Luxemburg erkundeten wir unsere Wurzeln (meine Familie stammt wie gesagt ebenfalls von dort). Es war ein Erlebnis der besonderen Art, das bei uns gemeinsam Erinnerungen oder besser: Gefühle weckte, hervorgerufen durch Begegnungen, Landschaften und Städtebilder, deren wir uns in ihrer Schönheit aus der Kindheit und Jugend erinnern.

Von der ›Sinnlichen Existenz der absoluten Idee‹

Ein in seinen Wurzeln aus der Pfalz stammender und dann in Frankreich zu Ruhm und Erfolg gekommener gab posthum den Startschuss zur nachhaltigen Künstler-Reputation von Guido Ludes. Die Rede ist von Daniel Henry Kahnweiler, dem Freund, Mentor und lebenslangen Galerist von Picasso. Kahnweiler besuchte einige Jahre vor seinem Tod die Heimat seiner Väter und wurde Namensgeber des Daniel-Henry-Kahnweiler-Preises, den Guido Ludes im Jahr 1984 erhielt.

»Es ist die ›Gefühl‹ genannte Funktion des Seelenlebens, die künstlerische Werke entstehen lässt«, so Wilhelm Waetzoldt im eingangs zitierten Werk, der weiter schreibt: »Wenn man den Begriff ›Gefühl‹ gebraucht, muss man ihn immer wieder verteidigen gegen den Verdacht, daß er etwas dem harten Leben Abgewandtes bezeichne. Der Gegensatz: Gefühlsmensch und Tatmensch besteht im Reich der Kunst nicht. Der Künstler ist Gefühlsmensch und Tatmensch zugleich, richtiger gesagt: er ist Tatmensch, weil er in überragendem Maße Gefühlsmensch ist. Dabei gilt für ihn die Lebenserfahrung: Sentimentalität verhält sich zu Gefühl wie Brutalität zu Kraft; auf dem sentimentalitäthaltigen Boden gedeiht kein künstlerisches Hochgewächs, es bringt nur Kunstgemüse empor.« Soweit Waetzoldt. Kunst und Künstler folgen mit ihrem Gefühl dem Ideal der Schönheit, die als Begriff mannigfaltig gedeutet werden kann: als ›Sinnlich erkannte Vollkommenheit‹ (Baumgarten), als ›Was ohne Interesse oder ohne Begriff allgemein gefällt‹ (Kant), als ›Darstellung des Unendlichen im Endlichen‹ (Schelling), als ›Freiheit in der Erscheinung‹ (Schiller) oder in der ›Sinnlichen Existenz der absoluten Idee‹, wie es Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770–1831) formulierte.

Gerade der Philosoph Hegel hat im Rahmen seiner Vorlesungen zur Kunst Gedanken geäußert, die es lohnen, im Kontext mit den für die Ausstellung ausgewählten Gemälde und Zeichnungen von Guido Ludes in Mainz herangezogen zu werden. Hegels Philosophie erhebt den Anspruch, die gesamte Wirklichkeit in der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen einschließlich ihrer geschichtlichen Entwicklung zusammenhängend, systematisch und definitiv zu deuten. In ihrer Wirkung auf unsere Geistesgeschichte ist sie mit dem Werk von Platon, Aristoteles und Kant vergleichbar. Sein philosophisches Werk ›Phänomenologie des Geistes‹ aus dem Jahre 1807 zählt zu den wirkmächtigsten Werken der Philosophie-Geschichte überhaupt, wie die Forschung betont.

Der spezifische Gegenstand der Kunst ist laut Hegel die Schönheit. Das Schöne sei »das sinnliche Scheinen der Idee«. Die Kunst habe insofern ebenso wie Religion und Philosophie einen Bezug zur Wahrheit – der Idee. Schönheit und Wahrheit sind im Hegel’schen Sinne »einerseits dasselbe«, da das Schöne »wahr an sich selbst« sein muss. Im Schönen soll sich die Idee »äußerlich realisieren« und »natürliche und geistige Objektivität gewinnen«.

Wahrhaftigkeit anstelle Täuschung

Die aufklärerische Auffassung, dass die Ästhetik primär die Natur nachzuahmen habe, lehnte Hegel ab: »Die Wahrheit der Kunst darf also keine bloße Richtigkeit sein, worauf sich die sogenannte Nachahmung der Natur beschränkt, sondern das Äußere muß mit einem Inneren zusammenstimmen, das in sich selbst zusammenstimmt und eben dadurch sich als sich selbst im Äußeren offenbaren kann«. Aufgabe der Kunst sei es vielmehr, das Wesen der Wirklichkeit zur Erscheinung zu bringen. Im Unterschied zur Auffassung Platons sei die Kunst keine bloße Täuschung. Gegenüber der empirischen Wirklichkeit hat sie vielmehr »die höhere Realität und das wahrhaftigere Dasein«. Indem sie ihr »den Schein und die Täuschung« nimmt, enthüllt sie den »wahrhaften Gehalt der Erscheinungen« und gibt ihnen so »eine höhere, geistgeborene Wirklichkeit«.

In gewissem Sinn sind Hegel und Guido Ludes geistesverwandt. Sie sind Kopfmenschen, die über den Tellerrand blicken und stets ein vollständiges Weltbild und Erklärungsmodelle liefern. Die Person Guido Ludes definiert sich nicht ›nur‹ als Künstler, sondern als Gelehrter und Lehrender zugleich. Der Guido Ludes eigene holistische Bildungsanspruch birgt als Nebeneffekt Kenntnisse aus vielen Bereichen: Architektur, Topografie, Geographie, Botanik, Musik (seiner Leidenschaft), Geschichte, Literatur, Bildhauerei, Grafik/ Design u.v.a.m. Als ›Meister der Inspiration‹ – wie anlässlich der Ingelheimer Ausstellung im Jahr 2006 dargelegt – ließ er sich gerne durch die Begegnung mit Fremdem und Neuem auf kulturelle Abenteuer ein.

Seine Reisen in alle Welt waren stets gut vorbereitet – aber nicht dergestalt, dass er mit vorbestimmter Meinung oder gar Vorurteilen unterwegs war. Sehr oft entzog er sich dem Reiz des vorschnellen Urteilens, indem er Bildwerke im Atelier entstehen ließ, manchmal Jahre, zumeist Wochen und Monate nachdem er vor Ort war. Das setzte ein perfektes Bildgedächtnis voraus sowie den Einsatz von Skizzen als Gedächtnisstützen.

Betrachtet man das Titelmotiv der Guido Ludes Werkschau im Nachgang zum 60. Geburtstag im Mainzer Rathaus, das Bild ›Im Negev‹ von 1997, so wird deutlich, was gemeint ist. Mit der Frische der von den Impressionisten kultivierten ›Pleine-Air‹-Freilichtmalerei, aber gekoppelt mit der kognitiven Distanz der Ateliersituation, präsentiert sich die Wüstenlandschaftsdarstellung. Wer sich mit dem Bild einlässt, wird sozusagen an den Originalschauplatz transferiert.

Die visuelle Kraft ist so stark, dass man sogar die Stille spürt, die diese Wüstenlandschaft ausstrahlt. Wer jemals dort war, im Negev, weiss, dass keinerlei Geräusche zu vernehmen sind. Und trotzdem ist diese einzigartige Landschaft nicht tot, sondern voller Leben, das eben nur anders gestaltet ist, als wir es gewohnt sind. Zugleich werden die Grenzen von Raum und Zeit aufgehoben. Die Negev-Bilder sind – wie fast alle Landschaften, die Guido Ludes malte, zeitlos. Sie überwinden Grenzen. Endlichkeit ist nur durch das Ende der physikalischen Existenz denkbar.

Ausdrücklich müssen bei den Wüstenbildern Beziehungen hergestellt werden zu einem Poesie-Werk ganz eigener Prägung: Otl Aichers Buch ›Gehen durch die Wüste‹, 1982 erschienen, wurde von Guido Ludes verinnerlicht und in seiner Gedankenwelt bildlich projiziert. »Die Wüste kennt nur das System, in dem man selbst der Mittelpunkt ist«, lautet eine der zentralen Äußerungen Aichers. Seine Wüstenwanderungen nutzte er, um über Politik, Gesellschaft, Technologie und vieles mehr zu sinnieren: »In der Wüste ist man allein, die Gedanken kommen zurück, sie beschäftigen sich mit einem selbst und Selbstbeschäftigung ist Moral.« Die Gedanken und Beobachtungen Aichers waren für Guido Ludes immer sehr wichtig, wie er sagte. Und er fügte hinzu: »Im Negev bin ich mindestens vier Mal gewesen und habe dort fleißig gearbeitet… In den Umgebungen von Beerscheba und besonders Mizpe Ramon und der Fieldschool Sde Boker. Besonders das Timnatal nördlich von Eilat und die Stein-Wüste Zin im Negev haben es mir sehr angetan.«

Das Prinzip der Sinnlichkeit 

Mit diesem Impetus und den daraus entstandenen Bildwerken rührte Guido Ludes an Elementares an, das Hegel in seinen Bemerkungen über das Wesen der Malerei schilderte. Hegel trennt in ›Das System der Künste‹ die Kunst in fünf Gattungen: Architektur, Plastik, Malerei, Musik und Poesie. Sie unterscheiden sich nach dem Maß der Verfeinerung der Sinnlichkeit und ihrer Befreiung von ihrem zugrunde liegenden Material.

Ich zitiere aus Georg Wilhelm Friedrich Hegel’s Werke, Vollständige Ausgabe, 10. Band, Dritte Abteilung, aufgelegt in Berlin 1838 im Verlag von Duncker und Humblot. [Hinweis: Diese Ausgabe beinhaltet wie die neuere Forschung betont Originaltexte von Hegel wie auch Mitschriften seiner Studenten.] In Kapitel 1, Das System der einzelnen Künste, werden die einzelnen Kunstgattungen von einander abgegrenzt und jeweils ihre spezifischen Vorteile herausgestellt:

»Der Gott der Skulptur bleibt der Anschauung als bloßes Objekt gegenüber, in der Malerei dagegen erscheint das Göttliche an sich selber als geistiges lebendiges Subjekt, das in die Gemeinde herübertritt und jedem Einzelnen die Möglichkeit gibt, sich mit ihm in geistige Gemeinschaft und Vermittlung zu setzen. Das Substantielle ist dadurch nicht, wie in der Skulptur, ein in sich beharrendes, erstarrtes Individuum, sondern in die Gemeinde selbst herübergetragen und besondert.

Dasselbe Princip unterscheidet nun auch ebenso sehr das Subjekt von seiner eigenen Leiblichkeit und äußeren Umgebung überhaupt, als es auch das Innere mit derselben in Vermittelung bringt. In den Kreis dieser subjektiven Besonderung als Verselbstständigung des Menschen gegen Gott, Natur, innere und äußere Existenz anderer Individuen, so wie umgekehrt als innigste Beziehung und festes Verhältniß Gottes zur Gemeinde, und des partikularen Menschen zu Gott, Naturumgebung und den unendlich vielfachen Bedürfnissen, Zwecken, Leidenschaften, Handlungen und Tätigkeiten des menschlichen Daseyns, fällt die ganze Bewegung und Lebendigkeit, welche die Skulptur, sowohl ihrem Inhalt als auch ihren Ausdrucksmitteln nach, vermissen läßt, und führt eine unermeßliche Fülle des Stoffs und breite Mannigfaltigkeit der Darstellungsweise, die bisher gefehlt hatte, neu in die Kunst herein.

So ist das Princip der Subjektivität auf der einen Seite der Grund der Besonderung, auf der anderen aber ebenso das Vermittelnde und Zusammenfassende, so daß die Malerei nun auch das in ein und demselben Kunstwerke vereinigt, was bis jetzt zweien verschiedenen Künsten zufiel; die äußere Umgebung, welche die Architektur künstlerisch behandelte, und die an sich selbst geistige Gestalt, die von der Skulptur erarbeitet wurde. Die Malerei stellt ihre Figuren in eine von ihr selbst in dem gleichen Sinn erfundene äußere Natur oder architektonische Umgebung hinein, und weiß dieß Äußerliche durch Gemüth und Seele der Auffassung ebensosehr zu einer zugleich subjektiven Abspiegelung zu machen, als sie es mit dem Geist der sich darin bewegenden Gestalten in Verhältniß und Einklang zu setzen versteht. — Dies wäre das Princip für das Neue, was die Malerei zu der bisherigen Darstellungsweise der Kunst herzubringt.«

Hegel differenziert des weiteren in seiner Kunstformenlehre drei verschiedene Weisen, in denen in der Kunst die Idee zur Darstellung kommt: die symbolische, klassische und romantische ›Kunstform‹. Diese entsprechen den drei Grundepochen der orientalischen, der griechisch-römischen und der christlichen Kunst.

Die Kunstformen unterscheiden sich dabei in der Weise der Darstellung der »verschiedenen Verhältnisse von Inhalt und Gestalt«. Hegel ging davon aus, dass sie sich mit einer inneren Notwendigkeit entwickelt haben und sich ihnen jeweils spezifische Charakteristika zuordnen lassen.

Die symbolische Kunst stelle das Absolute noch nicht als konkrete Gestalt dar, sondern nur als vage Abstraktion. Sie ist daher laut Hegel »mehr ein bloßes Suchen der Verbildlichung als ein Vermögen wahrhafter Darstellung. Die Idee hat die Form noch in sich selber nicht gefunden und bleibt somit nur das Ringen und Streben danach«.

In der klassischen Kunstform komme die Idee zu »ihrem Begriff nach zugehöriger Gestalt«. In ihr drücke sich die Idee nicht in etwas Fremdem aus, sondern sei vielmehr »das sich selbst Bedeutende und damit auch sich selber Deutende«.

In der romantischen Kunstform fallen laut Hegel Inhalt und Gestalt, die in der klassischen Kunst zu einer Einheit gelangt waren, wieder auseinander – allerdings auf einer höheren Ebene. Die romantische Kunstform betreibe »das Hinausgehen der Kunst über sich selbst«, jedoch paradoxerweise »innerhalb ihres eigenen Gebiets in Fom der Kunst selber«.

Das Interkulturelle wird zur Kunstform

Vor allem durch die Mainzer Ausstellung von 2009 lässt sich feststellen, dass Guido Ludes diese Trennung in symbolische, klassische und romantische Kunstform für sich zu überwinden weiss und in der Lage ist, eine neue Kunstform hinzuzufügen: die interkulturelle Kunstform. Zahllose Studienreisen führten ihn auf alle Kontinente, um persönliches Erleben zu koppeln mit den nachhaltigen Effekten freundschaftlicher Netzwerk-Verbindungen, die so dauerhaft entstehen können. Wen Guido Ludes besuchen durfte, der war auch gerne bei ihm in Mainz willkommen. Gastfreundschaft und Fürsorge erhebte er zur Tugend.

Guido Ludes agierte selbst in Systemen, setzte sich programmatisch Themen, die er undogmatisch in Serien abarbeitet. Er nutzte ›Multimediale Kommunikation‹, um die Ideen und Botschaften seiner schöpferischen Arbeit neue Wirkungskreise zu erschließen. Über 80 gedruckte Publikationen entstanden im Laufe der Jahre. Viele davon sind gekoppelt mit CD- und DVD-Animationen. Seit langem betrieb er eine Website, die über sein Werk sowie einzelne Projekte – wie ›Egotransform‹ – Auskunft erteilte.

Und dennoch hielt er an der Kunst der Malerei fest, die die Zeichnung als integralen Bestandteil künstlerischen Schaffens wertet. Inhalt und Gestalt folgen aber keiner festen Kunstform-Vorgabe. Dies erklärt auch, dass Guido Ludes sich in seiner Arbeit stilistisch nicht festlegen oder einer Kunstrichtung zuordnen lassen kann. Dem Bildmotiv, dem jeweiligen Sujet, ordnet sich in seiner Kunst die Ausprägung und das Verhältnis von Gestalt und Inhalt unter. Dies gilt für seine Landschaften ebenso wie für die Städtebilder.

Seine Bilder gefallen, sind aber nie gefällig oder biedern sich an. So erscheint ein fast düsteres Venedig, in Nachtsituationen oder im Regen. Kontrastierend dagegen die Ansichten von Manhattan oder dem Potsdamer Platz in Berlin, die Lebendigkeit und Modernität demonstrieren. Ganz für sich stehen Arbeiten, die uns Marokko, Island oder Australien nahe bringen.

Geschichtsträchtige Stätten hatten es Guido Ludes angetan. Ihnen widmet er umfangreiche Serien, die gekoppelt waren mit oft langen Aufenthalten vor Ort und einer steten Wiederkehr. Seiner Wahlheimatstadt Mainz hat er neben zahlreichen Bildwerken auch Bücher gewidmet. Und in Mainz hat er ein bedeutendes Werk geschaffen, das seit dem Jahr 2007 zur Osterzeit besichtigt werden kann: Das Passionstuch für die Kirche St. Quintin, mit 14 Meter Höhe und 4,20 Meter Breite gewaltig in den Ausmaßen. Im Passionstuch, das als ›Chef-d‘oeuvre‹ bezeichnet werden kann, vereint er Können, Wissen, Glaube und Seele auf einzigartige Weise.

Auf die Verbundenheit von Guido Ludes zu Mainz ist ausdrücklich hinzuweisen. Zu ergänzen ist: Es mangelte Guido Ludes in den letzten Dekaden keinesfalls an reizvollen Möglichkeiten, in Metropolen abzuwandern, was er aber ganz bewusst nicht tat – und sich auch in der Zukunft nicht vorstellen kann.

Der Text ist eine überarbeitete Fassung der Vortragsrede von Andreas Weber zur Werkschau
»60 Jahre Guido Ludes – 
35 Jahre Mainzer Künstler. Landschaften und Städtebilder«, die am 1. September 2009 im Mainzer Rathaus eröffnet wurde.

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