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Tag Archives: Anna Grau

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Anna Grau: Lilith.10 (work in progress), March 2018.

 

By Anna Grau, Berlin | German Version

 

“This exclusion of the outsider runs through the whole history of our culture. Exclusion of a fear-inducing feminine element is always present.“ (Christa Wolf, author, from an interview to ‘Medea. Stimmen’).

“Above all, this includes the figure of Lilith, Adam’s first wife, who is virtually excluded from the biblical tradition as she was not only equal to Adam, but superior, yet she played an important role in the ancient Sumerian and Jewish traditions.“ (Quoted from Andreas Weber, “Fairy spot: Medea – A look back to the front!”, Laudation)

 

Lilith.8

Anna Grau: Lilith 8, 2017. 120×120 cm, oil/canvas.

 

The idea for the “Unleash Lilith!” cycle originated in desire to rethink and visualise in symbolic and contemporary terms the “fear-inducing feminine element” found in a woman.

I believe it is women who carry  this fear-inducing feminine element, and it is epitomised in the image of protohistorical Lilith. She resonates being the originator of unrest, a woman who is a disobedient, provocative, dissenting, emancipated, androgynous outcast, repulsive yet appealing at the same time.

My goal is to create a series of emotionally expressive women’s portrayals. In one aspect they present a new, marginalised, provocative expression of femininity, revealing women in all their beauty and otherness, while their other aspect is manifested through numerous symbolic elements. These include those found in nature, such as wolf, spider, and flowers, as well as somewhat pagan sounding inscriptions on skin, like “God does not exist” written in Russian on Lilith.3; a female slug of a dominatrix which looks oversized in perspective is a symbolic representation of an ’uberwoman’; long hair of Lilith.9 are reminiscent of tree roots or snakes.

 

Lilith 3

Anna Grau: Lilith.3 (God doesn’t exist). 160×100 cm, oil/canvas.

 

This symbiosis between a female body and symbols reveals a new dimension to interpret meanings that are almost mystical. Nature in its origin is seen deeply interwoven with the feminine element. A woman is the origin of everything and she is nature herself, the mother of all things living, or perhaps a witch.

My intent as a painter to raise these deeply philosophical questions through the dubious interplay between the good and evil taking place on the female body. I play up this contrast on canvas and the resulting tension appears to reach deep into the subconscious. Every painting is a symbiotically connected antithesis of the first mother and a witch, beauty and ugliness, irritation and admiration, good and evil, light and shadow.

I present women in an emotionally exaggerated way and save them in a fixed visual form.

 

 

The “Unleash Lilith!” cycle is a study of nature which is specifically female, and at least a part of it relates to a modern woman. I aim to revive the archaic sacral element of life’s origins found in every woman. In this context she is more reminiscent of a pagan goddess than of Madonna with the Child, and this unorthodox vision is expressed it in a new, contemporary form.

Every painting is enhanced by profoundly powerful symbolic elements and is meant to reveal a deep connection to nature and to show a woman the stage of life herself, the symbol of origins of all things living.

 

 


 

NOTE

The “Unleash Lilith!” cycle is not yet completed. Some of the paintings were already shown and very well received at art exhibitiosn like NordArt, Germany. — In partnership with Andreas Weber, Frankfurt/Main, Anna Grau will create an unique exhibition & roadshow concept including publications.

 

Lilith.10 (in Progress)

Anna Grau: Lilith.10, March 2018  (work in progress).

 


 

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Love. Art. Collage

Gesamtansicht und Detail aus dem Gemälde “Love. Art.” von Anna Grau, entstanden Ende des Jahres 2017. Öl auf Leinwand, 120 x 90 cm.

 

Von Andreas Weber

Auftragsarbeiten sind bei der in Berlin lebenden Malerin Anna Grau eher die Ausnahme. Die Malerin gibt sich am liebsten ihre Themen selbst. Weibliche Figuren. In der Natur. Vor subtil ausgewählten Kulissen, im Raum, im und auf dem Wasser, vor monochromem/farbigem Hintergrund. Nur selten ganzfigurig. Stets ausdrucksstark. Anna Grau beherrscht die Kunst, in leisen Tönen komplexe Bildergeschichten zu erzählen. Sie bildet ein Thema nicht nur ab, sie erzählt als Malerin darüber. Ganz intim. Ganz subtil. Mit vollendetem Farbempfinden. Mit Leidenschaft und Einfühlungsvermögen. Mit Sinn für das Wirkliche, das uns in der vermeintlichen Realität verloren geht.

Der Auftragsarbeit “Love. Art.” gingen über zwei Jahre intensive Gespräche und ein wahrer Strom an weitreichenden, tiefgründigen Gedanken im Austausch voraus. Gegenstand war der Gemäldezyklus “Lilith — die Getarnte”, der bis dato sieben Gemälde umfasst, dem noch weitere zwei oder drei Ölbilder folgen werden. Die Bilder bilden zugleich die Basis für ein umfassendes interaktives Projekt zudem bereits erste Publikationen vorliegen. 

 

LOVE.ART

Dem Gemälde “Love. Art.” liegt eine Programmatik zugrunde: Die Kunst zu Lieben. Einfach nicht in Worte zu fassen!”, die malerisch durch das Porträt des Ehepaars Gunda Vera Schwarz und Andreas Weber erfahrbar werden sollte.  


 

Porträtkunst hat eine lange Tradition. Das Ehepaar-Porträt geht in den neuzeitlich-westlichen Kultur im Wesentlichen auf Jan van Eyck (das Arnolfini Doppelbildnis von 1434, Öl auf Holz, 81,8, x 59,7 cm, National Gallery, London) zurück. Fortgeführt von Peter Paul Rubens und Frans Hals entstanden insbesondere im Humanismus individuelle, nicht mehr exemplarhafte Darstellungen, die sich über die Doppelbestimmtheit der Figuren auf sich selbst und auf den Betrachter definieren. Monotonie durch bloße Aufreihungen müssen vermieden werden; zugleich gilt es beim Ehepaar-Bildnis “zwei völlig gleichwertige und selbstständige Menschen verschiedenen Geschlechts porträthaft in einem Bilde zu vereinen, ohne entweder den einen dem anderen überzuordnen oder, bei völliger Gleichordnung beider, den Eindruck der Bildgeschlossenheit oder Porträthaftigkeit (…) zu schädigen.“ [Zitat nach: Schöne, Wolfgang: „Peter Paul Rubens- Geißblattlaube, Ehebildnis des Künstlers mit Isabella Brant“, S. 15; Reclam Verlag: Stuttgart (1956)]. — Letztlich zeigte die Entwicklung in der Malerei (von Albrecht Dürer bis Hyacinthe Rigaud und Jean Auguste Domonique Ingres bis zu Picasso), daß das Wesen der Porträtkunst nicht die Legitimation einer familiären oder dynastischen, repräsentativen Tradition sein kann, sondern durch das Wesen, Wirken und Wertesystem der Dargestellten geprägt ist. Nicht zuletzt deswegen nimmt das Porträt in der Fotografie einen so hohen Stellenwert ein. [Siehe dazu: ‚Mit anderen Augen – Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie‘, im Kunstmuseum Bonn]

 


 

“Love. Art.” als Programmatik

In dieser kulturell hochentwickelten Tradition der Porträtkunst kommt dem Gemälde “Love. Art.” von Anna Grau zweifellos ein angemessen-wichtiger Stellenwert zu. Vor allem durch eine Besonderheit: Das dargestellte Paar muss nicht erst zueinander finden oder gar seine Zuneigung zur Schau stellen; es wendet sich sym­bi­o­tisch an den Betrachter. Mit einer konkreten Botschaft. Die Bildkomposition wirkt einfach, fast plakativ, ist aber feinsinnig ‘ausgeklügelt’: Die Raum-Konstruktion und die  kontrastreiche Farbgebung bewirken, dass die Kulisse sowie das Licht- und Schattenspiel die Wirkungseffekte im Erfassen des dargestellten Ehepaares und seiner Botschaft verstärkt.

Die Figuren sind unterschiedlich akzentuiert. Die seitlich gezeigte Frauenfigur ist dem Betrachter näher — mit dem außergewöhnlichen Profil zieht sie die Blicke auf sich. Die männliche Figur erscheint dem Betrachter zugewandt. Beide halten die namensgebenden Worte in Händen: Love. Art. Liebe und Kunst als Begriffe, die eine mehrfache Bedeutungskombination eingehen. Die Liebe zur Kunst sowie die Liebe durch Kunst führen zu Die Kunst zu Lieben. Einfach nicht in Worte zu fassen!”.

Das Bildformat, das mit 120 cm unterlebensgroß angelegt ist, sowie der Umstand, dass das Paar in einem abgeschlossenen Raum erscheint, schafft Nähe, Intimität und vermeidet Distanz und Unnahbarkeit. Das an und für sich räumlich trennende, durch die Bildkomposition aber tatsächlich verbindende “Zwischenwand-Element” entpuppt sich für Kenner als Skulptur. Von Richard Serra. Aus der Berliner Sammlung Hoffmann, einem einzigartigen Ort, der Kunst und Lebensraum als Einheit erfasst.

 


 

Video-Animation

 

 


 

Love.Art. Text.

 


 

 

01 Anna Grau – Das Buch zu Lilith

 Coverbild des bereits vorliegenden Buches zum Ausstellungsprojekt. Herausgeber: Andreas Weber. Fotos nach den Gemälden von Anna Grau.

 

„Ich male Gefühle!“ — Zur Malerin Anna Grau und ihrem Werk. Gedanken von Andreas Weber.

 

 „Kreative Intelligenz geht einher mit Reflexionsfähigkeit, um zu Erkenntnis zu gelangen. Durch ihren Lilith-Gemäldezyklus und die interaktive Ausstellungskonzeption setzt Anna Grau Maßstäbe. Gut so!“ —Andreas Weber 

 

Die Malerin Anna Grau und Andreas Weber als ihr Mentor und Kurator gestalten gemeinsam das „Lilith“-Projekt.

Vorspiel. Das umfassende bildkünstlerische Engagement von Anna Grau für äußerst wichtige, Zeitgeist-unabhängige und gesellschaftlich-kulturell relevante Themenstellungen in einer besonderen Dimension verdient Anerkennung und Respekt. Zumal Anna Grau als Malerin freischaffend tätig ist. Den im Entstehen befindlichen Lilith-Gemäldezyklus bearbeitet sie in Eigenregie, um unabhängig an den Bildern und ohne überstarken Zeitdruck arbeiten zu können.

Geplant ist eine auf Interaktion ausgelegte Ausstellung des Lilith-Gemäldezyklus mit einer Rahmenprogramm-Inszenierung, die Stimmen anderer Persönlichkeiten aus der Kunstszene, der Forschung, der Wirtschaft, des alltäglichen Lebens umfasst. Ergänzt wird die Ausstellung durch multimediale Präsentationen, etwa zum „Werden“ der jeweiligen Bilder bzw. mit der Darstellung ihrer „digitalen“ Metamorphosen.

 

 

Lilith Thesenpapier

In medias res. Anna Grau lernte ich im November 2015 in Mainz kennen — vor ihrem Gemälde „Meister“, das den 1. Preis beim 26. Mainzer Kunstpreis Eisenturm erhielt. Über 650 Bewerber hatten sich dem gewählten Thema „Kollaps der Moderne?“ im Rahmen einer bundesweiten Ausschreibung gestellt. Die Jury (bestehend aus Kunstwissenschaftlern und vor allem kompetenten Künstlern) hatte unter dieser Vielzahl an Arbeiten das ausdrucksstarke, in seiner Farbgebung herausstechende und dynamisch-expressiv gemalte Werk einstimmig zur Siegerarbeit auserwählt.

In der persönlichen Auseinandersetzung mit Anna Grau als 1. Preisträgerin konnte ich in Mainz von Angesicht zu Angesicht erfahren, was sie empfindet, wenn sie malt. Sie antwortete mir auf die Frage „Was machst Du, wenn Du malst? Denkst Du an Picasso und seine Les Demoiselles D’Avignon?“ kurz und knapp und mit einem versonnenen Lächeln: „Ich male Gefühle!“. 

Diese Gefühlswelt ist die einer in Moskau geborenen Deutsch-Russin, die als 15-jährige nach Berlin kam und dort seit über 20 Jahren lebt. Eine Tochter hat. Die als Europäerin fühlt und denkt! Die Entwicklungen in ihrem Geburtsland mit großer Sorge sieht. Hätte man sie dazu bei der Preisverleihung in Mainz vor dem Publikum direkt gefragt, zu Putin und der Re-Sowjetisierung Russlands, sie hätte gesagt: „Oh nein, ich male keine politischen Bilder. Mich interessiert der Mensch mit seinen Tiefen und Leidenschaften und Schwächen.“ Sie hätte gesagt, wie wichtig Malerei für sie ist. Gerade in einer „digitalen Welt“.

Dem spontanen Kennlernen in Mainz folgte Ende November 2015 ein weiteres Treffen in Berlin; es entwuchs ein seitdem ständiger Kontakt. In der Reflexion dessen, was Anna Grau in Mainz erlebt hatte – vor allem das Zusammentreffen mit den Mainzer Künstlerinnen Prof. Valy Wahl und Fee Fleck – ergab sich die Idee, ein neues, ambitioniertes Vorhaben in die Tat umzusetzen: Den Gemäldezyklus „Lilith“.

Aufhänger für „Lilith“ war der Bilderzyklus von Fee Fleck „Medea – die Fremde“, das die Künstlerin speziell zur Ausstellung im Landesmuseum Mainz anlässlich ihres 80. Geburtstags im Jahr 2012 geschaffen hatte. Anna Grau war fasziniert, dass eine wesentlich ältere und bedeutendere  Kollegin ihrem eigenen Menschenverständnis so nah kam. Wobei sich Anna Grau in ihrer unendlichen Bescheidenheit nie mit Fee Fleck in eine Reihe sehen würde… — Beide Künstlerinnen haben übrigens am gleichen Tag Geburtstag, wenn auch zwei Generationen auseinander! — Fee Fleck setzt sich als Holocaust-Überlebende gegen das Vergessen ein. Und für die Rolle der Frau im Besonderen. Der damalige Bundespräsident Gauck überreichte Fee Fleck für ihr Engagement, ihre Lebensleistung im Jahr 2012 das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland.

Beide Künstlerinnen, Fee Fleck wie auch Anna Grau, beziehen in einer von Männern dominierten Kunstszene eine besondere und nach meiner Ansicht herausragende Position: Sie widmen sich den Extremen wie Ausgrenzung, Vernichtung, Unterdrückung ohne jegliche Aggression; vielmehr in einer behutsamen Bestimmtheit und Deutlichkeit, die den Betrachter ins Nachdenken und letztlich zu neuen Erkenntnissen bringt. Mehr kann man nicht erreichen. Anna Grau hat Anfang 2016 begonnen, den Lilith-Bilderzyklus auszugestalten. Bis dato sind sechs (unterschiedlich formatige, bis zu 120 x 180 cm große) Gemälde fertig, acht oder zehn sollen es insgesamt werden. In meinem ValueBlog und über Facebook kann man den Entstehungsprozess verfolgen.

Anna Grau hat selbst dazu einen lesenswerten Text verfasst, der in einem eigenen Buch abgedruckt ist: „Auf den Spuren von Lilith…“

 

 

 

Kerngedanke ist es, „Lilith — die Getarnte!“ in all ihren Facetten lebensnah zu inszenieren. Dies alles bietet aus meiner Sicht einen kompakten Einblick in das bildkünstlerische Schaffen von Anna Grau, das sie von anderen unterscheidet und besonders macht. Die erfolgreiche Teilnahme an zahlreichen Ausstellung sowie Wettbewerben zeigt, dass Anna Grau nicht nur Aufmerksamkeit findet, sondern auch hohe Wertschätzung.

 


 

Unbekannte Fakten zu Lilith

Aus der Antike gibt es Überlieferungen, die wir beiseite geschoben haben. Das berichten Quellen der altsumerischen wie altbabylonischen Zeit gleichermassen. Auch im Talmud wird aufgegriffen, was in der biblischen Überlieferung und in den Schriften der christlichen Kirche verschwiegen wird:  Der Anfang der Menschheitsgeschichte wurde durch ein Wesen geprägt, das Gutes tut, aber durch seine Überlegenheit Männern Angst einflösste, weil es ihre Macht und ihre Bedeutung in Frage stellte.

Gemeint ist Lilith. In der männlich dominierten Welt wurde sie als Dämon, sogar als Kindsmörderin diffamiert. In der jüdisch-feministischen Theologie wird Lilith im Midrasch als eine Frau dargestellt, die sich nicht Gottes, sondern Adams Herrschaft entzieht und im Gegensatz zu Eva resistent gegen den Teufel und die Verführung zum Bösen ist. Sie symbolisiert die gelehrte, starke und unbeugsame Frau. Parallel wird angemerkt, dass Lilith die Urmutter der Menschheit darstellt und als erste Frau Adams Gott dazu brachte, ihr seinen heiligen Namen zu verraten. Das Wissen um den Namen verlieh ihr unbegrenzte Macht. Lilith verlangte von Gott Flügel, um das Paradies resp. Adam zu verlassen; und sie flog davon. In Lilith sehen einige auch den Gegenentwurf zur biblischen Eva, die wie später Maria als Mutter Gottes in der patriarchalen Tradition stehe.

Detail aus Lilith.8

Anna Grau: Detail aus Lilith.8

Warum ist das auch heutzutage relevant?

Es wäre zu einfach zu sagen, dass es um Emanzipation oder Geschlechterkampf geht. Wobei die Unterdrückung der Frau durch den Mann noch immer in fast allen Kulturkreisen stattfindet. Der ‘Lilithmythos’ steht vielmehr für die Selbständigkeit der Menschen und den (bereits biblischen) Versuch einer Seite, vorwiegend der Männer, mittels einer höheren Autorität andere zu unterdrücken. Sei es mit Gewalt, mit Aggression und Einschüchterung, mit Waffen oder mit Geld und Macht. Das alles, was von Gott so erschaffen scheint, wie es ist, verabscheut Lilith und entzieht sich.

Ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt? Betrachtet man das, was sich bis heute erhalten und wohl in der Zukunft weiter fortsetzen wird, erkennen wir, dass vieles was wir tun, Traditionen und Gepflogenheiten folgt, die in ihren Wurzeln weder wahr noch ehrenhaft sind. Das Prinzip der Unterdrückung, der Ellbogenmentalität, des Handelns in der richtig geglaubten (aber tatsächlich falschen) Überzeugung und ohne Mitmenschlichkeit setzt sich fort.

 


 

Anna Grau und Andreas Weber im Martin-Gropius-Bau zu Berlin (Nov 2015)

Zur Person: Andreas Weber ist Gründer und Vorstandsvorsitzender der Value Communication AG sowie u.a. Beiratsmitglied des Vorstands des Kunstverein Eisenturm Mainz e.V. KEM, Beiratsmitglied der Internationalen Senefelderstiftung, Offenbach, Lehrbeauftragter der Hochschule RheinMain, Wiesbaden. | LinkedIn: https://de.linkedin.com/in/andreasweber | Blog/ValuePublishing:  https://valuetrendradar.com 

Zu Anna Grau und ihrem Schaffen: http://www.annagrau.de  — Anna Grau und Andreas Weber gestalten gemeinsam das „Lilith“-Projekt.

 

 

 


 

Work in progress

Lilith 7: Zustandsfotos im Atelier (Oktober 2017)

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Lilith 7 Work in Progress 10-2017

 


Lilith 9: Zustandsfoto im Atelier (Januar 2018)

Lilith.9 in Progress

 


 

Von Anna Grau | Animation: Andreas Weber

 

Lilith — die Getarnte!

„Diese Ausgrenzung des Fremden zieht sich durch die ganze Geschichte unserer Kultur. Immer schon vorhanden ist die Ausgrenzung des angstmachenden weiblichen Elements.“ (Christa Wolf)  

„Dazu gehört vor allem die Figur der Lilith, der ersten Frau des Adam, die, von den biblischen Überlieferungen quasi ausgeklammert, weil sie dem Adam nicht nur ebenbürtig, sondern überlegen war, in den alten sumerischen und jüdischen Überlieferungen aber eine wichtige Rolle spielte.” (Andreas Weber)

Quelle: “Fee Fleck: Medea. Ein Blick zurück nach vorne!”

 

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Anna Grau: Lilith.5, 2016. Öl/Leinwand, 120 x 120 cm.

 

 

Die Idee zum Zyklus „Lilith – die Getarnte!” hatte ihren Ursprung in dem Wunsch, „das angstmachende weibliche Element” in einer Frau symbolhaft und zeitgemäss zu bearbeiten und zu visualisieren.

Für mich schwingt in den Frauen, die „das angstmachende weibliche Element” in sich tragen, das Bild der frühgeschichtlichen Lilith mit — Lilith, die Unruhe-Stiftende, die Ungehorsame, die Provokative, die Andersdenkende, die Emanzipierte, die Androgyne, die Ausgestoßene, die Abstoßende und doch Anziehende zugleich…

Mein Ziel ist es, eine Bilderreihe von emotional-expressiven Frauen-Darstellungen zu schaffen, die zu einem Aspekt eine neue, ausgegrenzte, „provokative” Art von Weiblichkeit darbietet, und sie in ihrer ganzen Schönheit und Andersartigkeit entfaltet; zum anderen Aspekt viele symbolische Elemente beinhaltet, wie zum Beispiel: Naturelemente (Wolf, Spinne, Blumen, et cetera); die Inschriften auf der Haut tragen (Lilith.3 – Gott existiert nicht [in russischer Sprache]), die etwas Heidnisches in sich haben; der (perspektivisch übergrosse) Frauenschoss einer Domina als symbolische Darstellung einer Überfrau; die überlangen Haare, die an Baumwurzeln oder Schlangen erinnern, et cetera.

 

 

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Anna Grau: Lilith.6, 2017. Öl/Leinwand, 180 x 120 cm

 

Die Symbiose zwischen dem weiblichen Körper und den symbolhaften Elementen eröffnet eine neue Dimension für Interpretationen, die fast ins Mystische übergehen. Als wäre die Natur tief in ihrem Ursprung mit der Frau verbunden; die Frau ist der Ursprung und sie ist die Natur; die Urmutter alles Lebenden. Oder doch eine Hexe?

Durch das zwielichtige Spiel zwischen Gut und Böse, das sich auf dem Frauenkörper abspielt, erwächst der Kontrast und somit die hohe Spannung auf der Leinwand, die tief ins Unterbewußte greifen: die Urmutter oder eine Hexe (?); die Schöne oder doch die Häßliche (?); Irritation oder Bewunderung (?); Gut und Böse —symbiotisch miteinander verbunden; oder ist das Eine die Kehrseite des Anderen wie Licht und Schatten (?)…

 

 

Lilith 7

Anna Grau: Lilith.7, 2017. Öl/Leinwand, 160 x 110 cm.

 

 

Diese zutiefst philosophischen Fragen möchte ich emotional überhöht aufgreifen und in einer bildnerischen Form als Malerin auf der Leinwand festhalten.

Der Zyklus „Lilith — die Getarnte!” ist eine Studie der besonderen weiblichen Natur, zum Teil auch einer modernen Frau. Ich möchte das archaisch-sakrale Element des Ursprungs des Lebens in einer Frau, das in diesem Rahmen eher ans Heidnische als an die Madonna mit dem Kind erinnert, wieder beleben und in einer neuen zeitgemässen Form zum Ausdruck bringen.

Dazu tragen auch sehr starke symbolische Elemente bei, die tiefe Verbundenheit zur Natur offenbaren und die Frau selber zum Schauplatz des Lebens — sprich: zum Symbol des Ursprungs alles Lebenden — machen.

 


Die Lilith-Bilderserie wird mehrere mittelgroße Gemälde umfassen (im Format ca. 100 auf 140/160 cm), Öl auf Leinwand. Lilith 1 bis 9 sind nun erschaffen. Es geht weiter…

Siehe auch den Kommentar von Andreas Weber “Anna Grau und ihr Werkzyklus ‘Lilith – die Getarnte’.

 


 

 


 

Lilith.8

Anna Grau: Lilith.8, 2017. Öl/Leinwand, 120×120 cm.

 


 

 

Lilith.9

Anna Grau: Lilith.9, 2018. Öl/Leinwand, 150×100 cm.

 

 


 

 

 

KEM-Gedanken Kunstpreis 2015.001

“Der 26. Mainzer Kunstpreis hat wesentlich dazu beigetragen, sich dem komplexen Thema „Kollaps der Moderne?“ konstruktiv-kritisch anzunähern, um eine Position finden zu können. Und die heißt für mich persönlich (#JeSuisAndreas): Den eigentlichen „Kollaps der Moderne“ — den verursach(t)en wir selbst! Wir, die wir in Silos denken, die wir uns voller Impetus solidarisch erklären mit was auch immer, ohne uns für die Sache persönlich zu engagieren oder die Hintergründe zu erfragen. Die wir eine Kultur der Ignoranz entwickelt haben, als Mitläufer in einer post-industriellen Wissensgesellschaft, die nicht mehr verstehen will und kann. Und sich mehrheitlich von der bildenden Kunst und ihren Erschaffern nicht nur distanziert,  sondern ihnen das Gespräch, den Dialog verweigert. Getreu dem Motto: „Ein Bild spricht für sich selbst“ — Puh. Wie dumm ist das denn?” —Andreas Weber

Die Ausschreibung des 26. Mainzer Kunstpreis Eisenturm — Hans-Jürgen Imiela Gedächtnispreis mit der Verleihung am 5. November 2015 hätte keine dramatischere Widerspiegelung durch die normative Kraft des Faktischen erfahren können. Acht Tage nach der Ausstellungseröffnung im Mainzer MVB Forum verdeutlicht die hinterhältige Terror-Anschlag-Serie in Paris als unangefochtene Kulturhauptstadt der Moderne, dass und in welchem Ausmaß unsere Kultur und damit unsere Gesellschaft und unser aller Leben am Abgrund stehen und kollabieren. Die wichtige Frage manifestiert sich sich: Welchen Beitrag können in diesem Kontext bildende Künstler, speziell per Malerei, leisten?

Das diesjährige Kunstpreis-Thema „Kollaps der Moderne?“ trifft den Nerv der Zeit und war so attraktiv in ganz Deutschland, dass über 650 Künstler ihre Malereien einreichten. 39 Finalisten wurden präsentiert, davon drei Gewinner. Spiegelt man nun die drei Gewinnerarbeiten mit dem, was sich am 13. November 2015 in Paris abspielte, wird es spannend und interessant, weil dies sozusagen ein „Proof of Concept via Worst Case“ darstellt. Auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Perspektiven, wovon ich drei herausgreifen möchte:

  1. Wie wurde das Wettbewerbsthema aufgefasst, umgesetzt und verstanden?
  2. Wie können die Künstler und ihre Arbeiten zur aktuellen Situation beitragen und uns aus einer existentiell bedrohlichen Dauerkrise heraus leiten?
  3. Räumt die Gesellschaft — und mit ihr die wichtigsten Kräfte, die entscheidungsbefähigt sind, um unser gemeinsames Schicksal zu lenken — der Kunst überhaupt adäquat Raum ein? Oder wird Kunst als Unterhaltungsprogramm bewertet, sozusagen für Schönwetter-Perioden?

Zu Letzterem zuerst: Über 50 Prozent der deutschen Bevölkerung lehnen es ab, sich in Museen oder Galerien oder Künstlerateliers zu begeben. Sie räumen damit der bildenden Kunst keinen Stellenwert in ihrem Leben ein. Von den verbleibenden fast 50 Prozent gehen wiederum nur etwas mehr als die Hälfte in Museen, Galerien, Kunsthallen und -vereine, um Sammlungen oder Ausstellungen anzuschauen. Noch weniger, höchstens fünf Prozent der deutschen Bevölkerung, kaufen gelegentlich oder sammeln beständig Kunstwerke. Selbst in den Sozialen Medien fehlt der Bezug zur bildenden Kunst auf breiter Ebene. Und das, obgleich sich Hunderttausende Deutsche wie immer bei Katastrophen, Terroranschlägen und unmenschlichen Grausamkeiten in den Online-Foren tummeln und aktiv beteiligen. Das, was Künstler wie Otto Dix, Max Beckmann, Picasso und viele, viele andere bis heute beigetragen haben, um unser Verständnis zu wecken und das Bewusstsein gegen Krieg, Terror, Gewalt und Mord zu schärfen, bleibt ausser acht. Ebenso die Fähigkeit von Künstlern nicht nur retrospektiv Erlebtes aufzuarbeiten, sondern „Bedrohliches“ zu antizipieren. Bevorzugt wird, dass man eigene Bilder schafft. Im Januar und Februar 2015, nach dem feigen Anschlag auf die Satiriker von Charlie Hebdo tönte es millionenfach per Bild/Foto-Post: #JeSuisCharlie“. Nunmehr, nach den Terroranschlägen des 13. November 2015, passiert ähnliches.

Bewirkt hat dieses m. E. nach falsch verstandene kollektive Bewusstsein wenig bis nichts. Denn keiner von uns ist „Charlie“. Wir sind alle jeweils immer wir selbst. Sich per #JeSuisCharlie zu tarnen, heisst, sich ein Alibi zu geben, ohne selbst etwas aktiv gegen Missstände zu unternehmen. Und, da es so gut tut, sich solidarisch zu zeigen, machen wir so weiter. Die tragische Logik scheint zu sein: Wenn es schon nicht wirkt, was wir tun, indem wir die Kunst und die Künstler ausblenden, führen wir das gerade so fort. Millionen Facebook-Nutzer überblenden seit dem 13. November 2015 ihr Porträt mit der französischen Nationalflagge. Die wenigsten äußern sich konstruktiv dazu, was getan und geändert werden muss, damit so etwas nicht mehr passiert. Im Gegenteil: Ohne wirklich zu wissen, was man tut, konterkariert man das Schaffen der Künstler, die genau wissen worum es geht. Das Gemälde „Charles de Gaulle“ des in Sidney, Australien, geborenen, Libanon-stämmigen Künstlers Sid Chidiac www.sidchidiac.com ist ein Beleg dafür und zerlegt subtil, wie inhaltlich und personal beliebig/austauschbar solche Selbst-Mach-Bild-Solidaritäts-Bekundigungen sein können. Sid Chidiac lässt De gaukle vor der französisches Flagge posieren. Das „Rouge“ der Tricolore tropft hinab auf seine Uniform und verwandelt sich in Blut! — In Paris selbst würde aktuell ein Besuch im Grand Palais bei „Picasso.Mania“ zeigen, wie sich Picasso, der Meister der Moderne, mit dem „Kollaps der Moderne“ zu seiner Lebenszeit auseinandersetzte. Und wie Künstler rund um die Welt auf ihn und sein Werk reagierten. Aber all dies scheint momentan vergessen oder wird nicht beachtet.

Das traurige Ergebnis zu Punkt 3: Die Gesellschaft räumt der Kunst, speziell der Malerei, keinen gebührenden Raum ein. Malerei ist und bleibt „L’art pour l’art“. Quasi etwas von Schön-Geist-Eliten für Schön-Geist-Eliten. — Etwas läuft also falsch! Wir müssen dringend gegensteuern. 


Kommen wir zurück auf Punkt 1: Wie wurde beim 26. Mainzer Kunstpreis Eisenturm das Wettbewerbsthema aufgefasst, umgesetzt und verstanden?

Der Andrang zur Kunstpreis-Ausstellungs-Eröffnung im Mainzer MVB Forum war groß, die Ambitionen hoch (siehe meinen separaten Bericht zur Eröffnung: “Meister der Adaption”). Denn seitens der einst von Mainzer Bürgern gegründete Bank MVB als tatkräftiger Förderer, der Stadt Mainz als Partner sowie der Mitglieder und des ehrenamtlichen Vorstands des Kunstverein Eisenturm Mainz (KEM) als Initiatoren erfolgte ein außerordentlich hohes Engagement. Galt es doch, den 26. Kunstpreis im 40. Jahr seit Gründung des KEM gebührend zu würdigen. Ob in der Breite, bei den beteiligten Künstlern wie bei den Besuchern, das Wettbewerbsthema im Sinne der Ausschreibung richtig und umfassend aufgenommen wurde, bleibt fraglich, liegt aber nicht in der Verantwortendes KEM. Das klingt hart, ist aber als konstruktiv-kritischer Einwand berechtigt.

Zur Erinnerung — Dies fragte der Kunstverein Eisenturm mit der Ausschreibung seines 26. Kunstpreises „Kollaps der Moderne?“:

„Steht der Begriff der Moderne immer noch für Innovation, Aufbruch, Zeitgeist, Fortschritt, Erneuerung – Avantgarde? Oder ist er zum einengenden Korsett und Dogma erstarrt und reflektiert den Pluralismus unserer Gesellschaft nicht mehr? Wie sehen Künstler die momentane Diskussion, die mittlerweile einen Großteil der gestalterischen Erzeugnisse der Zeit nach 1945 erfasst hat?“

Betrachtet man die Finalistenarbeiten insgesamt, zeigt sich, dass sich die Künstler mit der Moderne schwer tun. (Anders die Gewinner:  Die drei gewählten Preisträger stellen sich würdig und herausragend dar! Siehe unten.) Von Innovation, Aufbruch, Fortschritt, Erneuerung, Avantgarde zeigte sich mehrheitlich kaum etwas. Die meisten der Finalisten frönen dem Zeitgeist. Also einem aus meiner Sicht unsäglichen Begriff, der das o. g. #JeSuisCharlie-Syndrom befeuert: Etwas zu tun in bester Absicht, ohne auf die Sinnhaftigkeit zu achten. Diesem Prinzip folgte auch die Laudatio am Preisverleihungs-Abend. Mit dem leider kläglichen Versuch, die eingereichten Arbeiten in einen kunsthistorischen Kontext einzuordnen. Dabei wurden Bezugssysteme aufgebaut, die missverständlich waren, auf die fälsche Fährte führen und bei den beteiligten Künstlern mitunter nur Kopfschütteln verursachten.

Übrigens: Der 1999 verstorbene Prof. Wilhelm Weber, Maler, Kunsthistoriker/Professor und Museumsdirektor (zuletzt am Landesmuseum Mainz) wurde nie müde, das Bonmot von Otto von Habsburg zu zitieren: „Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, ist morgen verwitwet!“. Recht so!

Insofern ist die Frage „Kollaps der Moderne?“ unmittelbar verbunden mit der Frage „Kollaps der (gängigen) kunsthistorisch-medialen Interpretation der Moderne?“. Dies spricht für die Hilflosigkeit und durchaus auch Ignoranz bei (professionellen) Interpreten moderner bildender Kunst, die  ihr Fachwissen über das Talent der lebenden Künstler stellen, die direkt gar nicht mehr befragt werden. Dieser Dialog-Ausschluss erhält einen Multiplikationseffekt durch die sich darauf beziehende Zeitungsberichterstattung über den 26. Mainzer Kunstpreis. Es wurde auf Basis der Laudatio der Ausstellung und den beteiligten Künstlern ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Unter der Überschrift „Fragezeichen unter schönen Farben“ nahm die Reporterin Marianne Hoffmann einen Verriss vor. Auszug: „Was gezeigt wird, ist brave Malerei, ohne Ecken und Kanten, technisch perfekt. Ein einziges Mal hat es einer gewagt, den „Kollaps der Moderne” [sic! — Das wichtige Fragezeichen nach Kollaps wurde vergessen!] auf zwei Kartons in Acryl darszustellen [sic!], wobei dem Menschen auf Karton I ein Messer ins Gesicht gerammt wird. Überhaupt, ist das nicht ein Edward Hopper, ein Zitat nach René Magritte, Roy Lichtenstein, Marcel Duchamp, Georges Braque oder Max Bill? Das solllte [sic!] jedenfalls dort zu sehen sein, geht es nach der Kunsthistorikerin Sabine Idstein. Sie verstieg sich sogar so weit, dass sie das Werk der Künstlerin Anna Grau aus Berlin, die den ersten Preis erhielt, so beschrieb: „Ihr Gemälde bringt ,Les Demoiselles d’Avignon’ auf den neuesten Stand.” Gezeigt wird ein Mann oder eine Frau mit wulstigen Lippen und üppiger Frisur, betrachtet durch ein Butzenglas, das die Konturen so schön verwischt und die verwendeten Rot- bis Pinktöne so schön leuchten lässt. Heike Negenborn aus der Nähe von Bingen bringt ihre „Net Scape” [sic!] verdrahtete Landschaft auf Platz zwei, und Marcus Günther, der Kulissenmaler aus Düsseldorf, schafft es mit Pink und Grün und dem Sujet „Science Fiction” auf Platz drei. Helles Pink, zwei Menschen in grasgrünen Raumanzügen, ein eye-catcher. Was Andy Warhols Farbspektrum und plakative Werbeästhetik mit diesem Werk gemeinsam haben, das scheint der Kollaps der Moderne zu sein.“

Das für mich Ärger und Erstaunen provozierende Ergebnis zu Punkt 1: Das wichtige, angemessene und wegweisende Thema des 26. Kunstpreises „Kollaps der Moderne?“ konnte nicht adäquat verstanden werden, weil die Kommunikation darüber kunsthistorisch eitel-verbrämt und damit irritierend missverständlich geführt wurde. Es stellt sich die berechtigte Frage: Warum hat für die Laudatio und die Pressekritik niemand die Preisträger selbst und direkt angesprochen? Sie waren verfügbar. Und bei der Preisverleihung persönlich anwesend. Es hat sie nur keiner zu Wort kommen lassen. Damit wird Ihnen die angemessene Bedeutung geraubt. Dies könnte postum Hans-Jürgen Imiela, an den der Mainzer Kunstpreis Eisenturm erinnert, einen Temperamentsausbruch bescheren. 

Bildschirmfoto 2015-11-15 um 17.34.53Dabei sind Gespräche mit Künstlern und unter Künstlern so wichtig.

Genannt sei nur das legendäre sog. „Ravensburger Gespräch“ von Joseph Beuys mit dem Autor Michael Ende („Momo“) im Jahr 1982 zu „Kunst und Politik“.

Beuys, jahrzehntelang die schillernde, redegewandte Figur der deutschen Nachkriegs-Moderne und Vater des „Erweiterten Kunstbegriffs“, sagte im Gesprächsverlauf zu Michael Ende: „Jeder Mensch ist ein Künstler“; worauf Ende, der durchweg substantiell tief gehender argumentierte als Beuys, diesen aufklärte: „Jeder Mensch ist ein Mensch!“

Foto. Andreas Weber, Mainz/Frankfurt am Main

Die Preisträger folgen (stumm) der Laudatio. Foto. Andreas Weber, Mainz/Frankfurt am Main

Kollaps der Moderne: „Wir machen die Kunst und die Künstler sprachlos!“

Die PreisträgerInnen hätten zu den o. g. Punkten wie auch ihrem Schaffen selbst Antworten und Gedanken beitragen können. V. a. durch die Frage: „Wie können die Künstler und ihre Arbeiten zur aktuellen Situation beitragen und uns aus einer existentiell bedrohlichen Dauerkrise heraus leiten?“

Marcus Günther, von der Mainzer Zeitungskritik als „Kulissenmaler aus Düsseldorf“ abgetan, hätte den bewusst provokativen Stil seines Gemäldes „Fakt“ als Drittplatzierter verständlich erläutern können. Aus meiner Sicht ungefähr so: „Eine Candy-Cinderella-Welt, die wir Modernen uns schaffen, findet durch Malerei ihre Entsprechung!“ — Heike Negenborn hätte nicht nur zur Intention ihres Gemäldes „Net-Scape“ verbal Auskunft gegeben, ohne den Betrachter plumb vereinnahmen zu wollen. Sie hätte auch kundgetan, was sie auf ihrer Facebook-Seite im Nachgang äusserte: „Mein Beitrag zum Hans-Jürgen Imiela-Gedächtnispreis: ‚Net-Scape – Landschaft im Wandel‘ 2014, Acryl auf Leinwand, 125 x 150 x 6 cm — In Gedenken an Prof. Hans-Jürgen Imiela ist es mir noch ein besonderes Anliegen zu erwähnen, dass ich das Glück hatte, ihn noch persönlich kennen- und schätzen gelernt zu haben. Im Rahmen meines Kunststudiums an der Akademie für Bildende Künste in Mainz habe ich zahlreiche seiner höchstinformativen und mitreißenden Kunstgeschichtsseminare und -vorlesungen besucht. Viele Generationen von Studenten und Interessierten verdanken ihm noch heute ihr kunstgeschichtliches Wissen. Bei einigen meiner eigenen Ausstellungen hatte ich sogar die Ehre, ihn persönlich begrüßen zu dürfen (u. a. zur Verleihung des Mainzer Stadtdruckerpreises 1998 und zu meiner Stipendiatenausstellung in Bad Münster am Stein–Ebernburg 2004). Für mich hat der Hans-Jürgen Imiela-Gedächtnispreis in Erinnerung an diesen einzigartigen Menschen eine ganz besondere und persönliche Bedeutung.“ — GROSSARTIGES STATEMENT! Denn Heike Negenborn bringt zum Ausdruck, dass sie Dank des persönlichen Kontakts zu einem überaus kundigen, sich der klassischen wie der zeitgenössischen Moderne verpflichtenden Kunstwissenschaftlers und langjährigen KEM-Vorsitzenden keinen „Kollaps der Moderne“ für sich selbst erfahren musste! Im Übrigen: Die von Dr. Otto Martin und mir mitherausgegebene Festschrift für Hans-Jürgen Imelda zu dessen 70. Geburtstag im Jahr 1997 trug auf Imielas Wunsch den Titel „Rück-Sicht“! 

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Anna Grau vor ihrem Gemälde „Meister“, das den 1. Preis erhielt.

In der persönlichen Auseinandersetzung mit der 1. Preisträgerin, Anna Grau, hätte man erfahren können, was sie empfindet, wenn sie malt. Sie antwortete mir im persönlichen Gespräch, beim Zusammensein nach der Preisverleihung, auf die Frage „Was machst Du, wenn Du malst? Denkst Du an Picasso und seine Les Demoiselles D’Avignon?“ kurz und knapp und mit einem versonnenen Lächeln: „Ich male Gefühle!“. Diese Gefühlswelt ist die einer Russin, die als 15-jährige nach Berlin kam und dort seit 20 Jahren lebt. Eine Tochter hat. Die als Europäerin fühlt und denkt! Die Entwicklungen in ihrem Geburtsland mit großer Sorge sieht, sich bisweilen ohnmächtig fühlt. Die nicht immer mit der Welt, in der sie lebt, zurecht kommt, auch wenn es eine freiheitlich-demokratisch-rechtsstaatliche ist. Hätte man sie direkt gefragt, zu Putin und der Re-Sowjetisierung Russlands, sie hätte gesagt: „Oh nein ich male keine politischen Bilder. Mich interessiert der Mensch mit seinen Tiefen und Leidenschaften und Schwächen.“ Sie hätte gesagt, wie wichtig Malerei für sie ist. Gerade in einer „digitalen Welt“. Sie hätte gesagt, dass ihr in Mainz prämiertes Werk „Meister“ eine Sonderrolle in ihrem Schaffen spielt — weg von realistisch-surrealer Darstellungsweise hin zur Emotion pur! (Etwas, was sich dem Betrachter nur erschließt, wenn er andere Werke von Anna Grau sehen kann, was in Mainz nicht möglich sein kann). — „Hast du vergessen? Ich male Gefühle!“

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Kollaps der Moderne? — In Mainz kann man dies derzeit (wie auch schon über die Jahrhunderte hinweg) hautnah nachvollziehen. 

Zeitgleich mit der Ausstellung zum 26. Mainzer Kunstpreis Eisenturm arbeitet die Mainzer Malerin Fee Fleck an einem monumentalen Gemälde-Zyklus zum Thema „Drohnen“, also jenen fliegenden Kampfsystemen, die ferngesteuert in Krisengebieten wie Afghanistan, Irak, Jemen oder Syrien Tod und Verderben per Joystick bringen. Da der Gemälde-Zyklus im Ganzen noch nicht fertig gestellt ist, traute sich das langjährige KEM-Mitglied Fee Fleck wohl nicht, ein Einzelbild aus 18 Tafeln herauszulösen, um es beim 26. Kunstpreis-Wettbewerb im Sommer 2015 einzureichen. Das wäre spannend gewesen. Zumal Fee Fleck von Anfang an, also bereits während der Entstehungsphase ihrer Bildtafeln, aktive Dialoge durch persönliche Gespräche initiiert, wie am 10. November 2015 in meinem Mainzer Kommunikationsparadies unter dem Thema „Im Reich der Drohnen! — Mutig. Schonungslos. — Ein Aufschrei. Gegen das Vergessen, das Verdrängen, die Ignoranz.“ Das Publikum brachte sich aktiv ein. Die Bildwerke wie die Interaktionen mit „Betrachtern“ wird in die Ausstellung im März 2016 im Frankfurter Hof in Mainz mit einfliessen. Ein ähnliches Szenario, wie es die Künstlerin entwickelte, hätte auch dem 26. Kunstpreis gut tun können.

MEIN FAZIT: Der 26. Mainzer Kunstpreis hat wesentlich dazu beigetragen, sich dem komplexen Thema „Kollaps der Moderne?“ konstruktiv-kritisch anzunähern, um eine Position finden zu können. Und die heißt für mich persönlich (#JeSuisAndreas): Den eigentlichen „Kollaps der Moderne“ — den verursach(t)en wir selbst! Wir, die wir in Silos denken, die wir uns voller Impetus solidarisch erklären mit was auch immer, ohne uns für die Sache persönlich zu engagieren und die Hintergründe zu erfragen. Die wir eine Kultur der Ignoranz entwickelt haben, als Mitläufer in einer post-industriellen Wissensgesellschaft, die nicht mehr verstehen will und kann. Und sich mehrheitlich von der bildenden Kunst und ihren Erschaffern nicht nur distanziert,  sondern ihnen das Gespräch, den Dialog verweigert. Getreu dem Motto: „Ein Bild spricht für sich selbst“ — Puh. Wie dumm ist das denn?

HINWEIS: Exzellent, was Gabor Steingart als Herausgeber in seinem Handelsblatt Morning Briefing am 16.11.2015 schreibt: “Weltkrieg III. / Lesen Sie meine Meinung zu den Geschehnissen in Paris”. Unterfüttert die Basis für das, was ich in meinem Blog zu “Kollaps der Modern?” geschrieben habe. 

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© 2015 Foto und Bildcollage: Andreas Weber, Mainz/Frankfurt am Main

26. Kunstpreis Eisenturm 2015

Steht der Begriff der Moderne immer noch für Innovation, Aufbruch, Zeitgeist, Fortschritt, Erneuerung – Avantgarde? Oder ist er zum einengenden Korsett und Dogma erstarrt und reflektiert den Pluralismus unserer Gesellschaft nicht mehr? Wie sehen Künstler die momentane Diskussion, die mittlerweile einen Großteil der gestalterischen Erzeugnisse der Zeit nach 1945 erfasst hat? 

Dies fragte der Kunstverein Eisenturm Mainz (KEM) mit der Ausschreibung seines 26. Kunstpreises 2015 im Rahmen seines 40-jährigen Jubiläums. Teilnahmeberechtigt waren alle Künstler/innen, die ihren Wohnsitz in Deutschland haben.

Hinweis: Der nachfolgende Text erläutert die hohe Bedeutung des diesjährigen Wettbewerbs, der speziell über Social Medien und die KEM Facebook-Seite eine grossartige Resonanz fand..Ausschreibung, Zwischenstand und Live-Berichte von der Preisverleihung fanden über 150.000 Viewers!

Provoziert von dem mehrdeutigen Titel und Ausschreibungstext haben sich fast 700 Künstler und Künstlerinnen am Wettbewerb um den Mainzer Kunstpreis Eisenturm beworben.

Die 39 in der Ausstellung im MVB-Forum vertretenen Werke haben sich von den Klassikern und Ikonen der Moderne inspirieren lassen. Gemäß Hans Belting werden Exemplare der Moderne zu Gegenwartskunst erst, wenn ihre nationale Provenienz zu Gunsten einer globalen Aussage aufgegeben wird, die den Zeitgeist erfasst. Demgemäß wurde aus dem Sammelbecken des www und mit den Mitteln zeitgenössischer Reproduzierbarkeit komponiert aber entgegen der Angst Walter Benjamins schließlich ein auratisches Kunstwerk geschaffen.

Zu den Abbildungen: Dietmar Gross, 1. Vorsitzender des Kunstvereins Eisenturm, und Daniela Schmitt, Regionalmarktdirektorin bei der Mainzer Volksbank, überreichten der Berliner Künstlerin Anne Grau am 5. November 2015 den mit 5.000 Euro dotierten ersten Preis. Der 2. und 3. Preis waren mit 3.000 Euro bzw. 2.000 Euro dotiert. Fotos: Klaus Benz

Preis 3 geht an Marcus Günther, der ein Bild aus Elementen der Pop Art und des Surrealismus schuf. Eine utopische Szene erinnert an die Mondlandung und an Science Fiction Serien wie Star Trek sowie Verschwörungstheorien. Andy Warhols Farbspektrum und plakative Werkeästhetik lassen an der Ernsthaftigkeit des Titels „Fakt“ zweifeln. Befinden wir uns in einer medizinischen Werkekampagne?

Preis 2 geht an Heike Negenborns Landschaft aus der Aufsicht mit dem Titel „Net-scape“. Nach einem historischen Browser benannt, zeigt sich die Netzlandschaft als verpixelte Darstellung aus einer Überwachungs- und Kontrollperspektive, die aufgrund von im Netz kursierenden frühen Drohnenaufnahmen möglicherweise kriegerisch konnotierbar ist. Die Bildästhetik der in Ölfarben ausgeführten Quadrierung verweist auf den impressionistischen Pinselduktus, den Pointillismus sowie die Zeitungsraster der Pop Art und schließlich auf nicht hochauflösende Digitalbilder aus dem Netz. Waren die Impressionisten aufgrund käuflich zu erwerbender Farbtuben flexibel in der Wahl ihrer Location geworden, sind Künstler heute aufgrund eines gewaltigen, globalen Bildarchives im Internet, das hier technisch reproduziert wurde, nicht nur flexibel in der Motivwahl sondern auch mobil.

Der 1. Preis geht an Anna Grau, die mit ihrem „Meister“ ein Meisterwerk geschaffen hat, das zugleich den Meister der Adaption älterer Kunst aktualisierend zitiert. Ihr Gemälde bringt „Les Demoiselles d‘ Avignon“ auf den neuesten Stand. Die rosa Periode Pablo Picassos wird pink-himbeere, zumal die Parade der Prostituierten zur Gayparade bzw. zur Präsentation eines Transsexuellen oder Transvestiten umgemünzt wird. Gemäß Belting gibt es seit dem Ende des Kolonialismus keine Primitiven und keine „Negerskulptur“ mehr und so übersetzt sie ihr Personal in einen Menschen mit Migrationshintergrund. Die kubistischen Rhomben und Dreiecke werden schließlich fragmentiert.

Stimmen und Meinungen zum Wettbewerb und der bis zum 11. Dezember dauernden Ausstellung werden per Link aufgeführt und fortlaufend ergänzt.

“Anna Grau siegt beim 26. Mainzer Kunstpreis Eisenturm”. In: Wirtschaft-News vom 6. November 2015.

Zur Ausstellung im MVB Forum 

Öffnungszeiten: Montag, Dienstag, Donnerstag von 8:15 – 18:00 Uhr, Mittwoch und Freitag von 8:15 – 13:00 Uhr im Forum der Mainzer Volksbank, Neubrunnenstraße 2, 55116 Mainz.

Impressionen von der Preisverleihung. Fotos: Klaus Benz.

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