Advertisements

Archive

Tag Archives: Max Beckmann

KEM-Gedanken Kunstpreis 2015.001

“Der 26. Mainzer Kunstpreis hat wesentlich dazu beigetragen, sich dem komplexen Thema „Kollaps der Moderne?“ konstruktiv-kritisch anzunähern, um eine Position finden zu können. Und die heißt für mich persönlich (#JeSuisAndreas): Den eigentlichen „Kollaps der Moderne“ — den verursach(t)en wir selbst! Wir, die wir in Silos denken, die wir uns voller Impetus solidarisch erklären mit was auch immer, ohne uns für die Sache persönlich zu engagieren oder die Hintergründe zu erfragen. Die wir eine Kultur der Ignoranz entwickelt haben, als Mitläufer in einer post-industriellen Wissensgesellschaft, die nicht mehr verstehen will und kann. Und sich mehrheitlich von der bildenden Kunst und ihren Erschaffern nicht nur distanziert,  sondern ihnen das Gespräch, den Dialog verweigert. Getreu dem Motto: „Ein Bild spricht für sich selbst“ — Puh. Wie dumm ist das denn?” —Andreas Weber

Die Ausschreibung des 26. Mainzer Kunstpreis Eisenturm — Hans-Jürgen Imiela Gedächtnispreis mit der Verleihung am 5. November 2015 hätte keine dramatischere Widerspiegelung durch die normative Kraft des Faktischen erfahren können. Acht Tage nach der Ausstellungseröffnung im Mainzer MVB Forum verdeutlicht die hinterhältige Terror-Anschlag-Serie in Paris als unangefochtene Kulturhauptstadt der Moderne, dass und in welchem Ausmaß unsere Kultur und damit unsere Gesellschaft und unser aller Leben am Abgrund stehen und kollabieren. Die wichtige Frage manifestiert sich sich: Welchen Beitrag können in diesem Kontext bildende Künstler, speziell per Malerei, leisten?

Das diesjährige Kunstpreis-Thema „Kollaps der Moderne?“ trifft den Nerv der Zeit und war so attraktiv in ganz Deutschland, dass über 650 Künstler ihre Malereien einreichten. 39 Finalisten wurden präsentiert, davon drei Gewinner. Spiegelt man nun die drei Gewinnerarbeiten mit dem, was sich am 13. November 2015 in Paris abspielte, wird es spannend und interessant, weil dies sozusagen ein „Proof of Concept via Worst Case“ darstellt. Auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Perspektiven, wovon ich drei herausgreifen möchte:

  1. Wie wurde das Wettbewerbsthema aufgefasst, umgesetzt und verstanden?
  2. Wie können die Künstler und ihre Arbeiten zur aktuellen Situation beitragen und uns aus einer existentiell bedrohlichen Dauerkrise heraus leiten?
  3. Räumt die Gesellschaft — und mit ihr die wichtigsten Kräfte, die entscheidungsbefähigt sind, um unser gemeinsames Schicksal zu lenken — der Kunst überhaupt adäquat Raum ein? Oder wird Kunst als Unterhaltungsprogramm bewertet, sozusagen für Schönwetter-Perioden?

Zu Letzterem zuerst: Über 50 Prozent der deutschen Bevölkerung lehnen es ab, sich in Museen oder Galerien oder Künstlerateliers zu begeben. Sie räumen damit der bildenden Kunst keinen Stellenwert in ihrem Leben ein. Von den verbleibenden fast 50 Prozent gehen wiederum nur etwas mehr als die Hälfte in Museen, Galerien, Kunsthallen und -vereine, um Sammlungen oder Ausstellungen anzuschauen. Noch weniger, höchstens fünf Prozent der deutschen Bevölkerung, kaufen gelegentlich oder sammeln beständig Kunstwerke. Selbst in den Sozialen Medien fehlt der Bezug zur bildenden Kunst auf breiter Ebene. Und das, obgleich sich Hunderttausende Deutsche wie immer bei Katastrophen, Terroranschlägen und unmenschlichen Grausamkeiten in den Online-Foren tummeln und aktiv beteiligen. Das, was Künstler wie Otto Dix, Max Beckmann, Picasso und viele, viele andere bis heute beigetragen haben, um unser Verständnis zu wecken und das Bewusstsein gegen Krieg, Terror, Gewalt und Mord zu schärfen, bleibt ausser acht. Ebenso die Fähigkeit von Künstlern nicht nur retrospektiv Erlebtes aufzuarbeiten, sondern „Bedrohliches“ zu antizipieren. Bevorzugt wird, dass man eigene Bilder schafft. Im Januar und Februar 2015, nach dem feigen Anschlag auf die Satiriker von Charlie Hebdo tönte es millionenfach per Bild/Foto-Post: #JeSuisCharlie“. Nunmehr, nach den Terroranschlägen des 13. November 2015, passiert ähnliches.

Bewirkt hat dieses m. E. nach falsch verstandene kollektive Bewusstsein wenig bis nichts. Denn keiner von uns ist „Charlie“. Wir sind alle jeweils immer wir selbst. Sich per #JeSuisCharlie zu tarnen, heisst, sich ein Alibi zu geben, ohne selbst etwas aktiv gegen Missstände zu unternehmen. Und, da es so gut tut, sich solidarisch zu zeigen, machen wir so weiter. Die tragische Logik scheint zu sein: Wenn es schon nicht wirkt, was wir tun, indem wir die Kunst und die Künstler ausblenden, führen wir das gerade so fort. Millionen Facebook-Nutzer überblenden seit dem 13. November 2015 ihr Porträt mit der französischen Nationalflagge. Die wenigsten äußern sich konstruktiv dazu, was getan und geändert werden muss, damit so etwas nicht mehr passiert. Im Gegenteil: Ohne wirklich zu wissen, was man tut, konterkariert man das Schaffen der Künstler, die genau wissen worum es geht. Das Gemälde „Charles de Gaulle“ des in Sidney, Australien, geborenen, Libanon-stämmigen Künstlers Sid Chidiac www.sidchidiac.com ist ein Beleg dafür und zerlegt subtil, wie inhaltlich und personal beliebig/austauschbar solche Selbst-Mach-Bild-Solidaritäts-Bekundigungen sein können. Sid Chidiac lässt De gaukle vor der französisches Flagge posieren. Das „Rouge“ der Tricolore tropft hinab auf seine Uniform und verwandelt sich in Blut! — In Paris selbst würde aktuell ein Besuch im Grand Palais bei „Picasso.Mania“ zeigen, wie sich Picasso, der Meister der Moderne, mit dem „Kollaps der Moderne“ zu seiner Lebenszeit auseinandersetzte. Und wie Künstler rund um die Welt auf ihn und sein Werk reagierten. Aber all dies scheint momentan vergessen oder wird nicht beachtet.

Das traurige Ergebnis zu Punkt 3: Die Gesellschaft räumt der Kunst, speziell der Malerei, keinen gebührenden Raum ein. Malerei ist und bleibt „L’art pour l’art“. Quasi etwas von Schön-Geist-Eliten für Schön-Geist-Eliten. — Etwas läuft also falsch! Wir müssen dringend gegensteuern. 


Kommen wir zurück auf Punkt 1: Wie wurde beim 26. Mainzer Kunstpreis Eisenturm das Wettbewerbsthema aufgefasst, umgesetzt und verstanden?

Der Andrang zur Kunstpreis-Ausstellungs-Eröffnung im Mainzer MVB Forum war groß, die Ambitionen hoch (siehe meinen separaten Bericht zur Eröffnung: “Meister der Adaption”). Denn seitens der einst von Mainzer Bürgern gegründete Bank MVB als tatkräftiger Förderer, der Stadt Mainz als Partner sowie der Mitglieder und des ehrenamtlichen Vorstands des Kunstverein Eisenturm Mainz (KEM) als Initiatoren erfolgte ein außerordentlich hohes Engagement. Galt es doch, den 26. Kunstpreis im 40. Jahr seit Gründung des KEM gebührend zu würdigen. Ob in der Breite, bei den beteiligten Künstlern wie bei den Besuchern, das Wettbewerbsthema im Sinne der Ausschreibung richtig und umfassend aufgenommen wurde, bleibt fraglich, liegt aber nicht in der Verantwortendes KEM. Das klingt hart, ist aber als konstruktiv-kritischer Einwand berechtigt.

Zur Erinnerung — Dies fragte der Kunstverein Eisenturm mit der Ausschreibung seines 26. Kunstpreises „Kollaps der Moderne?“:

„Steht der Begriff der Moderne immer noch für Innovation, Aufbruch, Zeitgeist, Fortschritt, Erneuerung – Avantgarde? Oder ist er zum einengenden Korsett und Dogma erstarrt und reflektiert den Pluralismus unserer Gesellschaft nicht mehr? Wie sehen Künstler die momentane Diskussion, die mittlerweile einen Großteil der gestalterischen Erzeugnisse der Zeit nach 1945 erfasst hat?“

Betrachtet man die Finalistenarbeiten insgesamt, zeigt sich, dass sich die Künstler mit der Moderne schwer tun. (Anders die Gewinner:  Die drei gewählten Preisträger stellen sich würdig und herausragend dar! Siehe unten.) Von Innovation, Aufbruch, Fortschritt, Erneuerung, Avantgarde zeigte sich mehrheitlich kaum etwas. Die meisten der Finalisten frönen dem Zeitgeist. Also einem aus meiner Sicht unsäglichen Begriff, der das o. g. #JeSuisCharlie-Syndrom befeuert: Etwas zu tun in bester Absicht, ohne auf die Sinnhaftigkeit zu achten. Diesem Prinzip folgte auch die Laudatio am Preisverleihungs-Abend. Mit dem leider kläglichen Versuch, die eingereichten Arbeiten in einen kunsthistorischen Kontext einzuordnen. Dabei wurden Bezugssysteme aufgebaut, die missverständlich waren, auf die fälsche Fährte führen und bei den beteiligten Künstlern mitunter nur Kopfschütteln verursachten.

Übrigens: Der 1999 verstorbene Prof. Wilhelm Weber, Maler, Kunsthistoriker/Professor und Museumsdirektor (zuletzt am Landesmuseum Mainz) wurde nie müde, das Bonmot von Otto von Habsburg zu zitieren: „Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, ist morgen verwitwet!“. Recht so!

Insofern ist die Frage „Kollaps der Moderne?“ unmittelbar verbunden mit der Frage „Kollaps der (gängigen) kunsthistorisch-medialen Interpretation der Moderne?“. Dies spricht für die Hilflosigkeit und durchaus auch Ignoranz bei (professionellen) Interpreten moderner bildender Kunst, die  ihr Fachwissen über das Talent der lebenden Künstler stellen, die direkt gar nicht mehr befragt werden. Dieser Dialog-Ausschluss erhält einen Multiplikationseffekt durch die sich darauf beziehende Zeitungsberichterstattung über den 26. Mainzer Kunstpreis. Es wurde auf Basis der Laudatio der Ausstellung und den beteiligten Künstlern ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Unter der Überschrift „Fragezeichen unter schönen Farben“ nahm die Reporterin Marianne Hoffmann einen Verriss vor. Auszug: „Was gezeigt wird, ist brave Malerei, ohne Ecken und Kanten, technisch perfekt. Ein einziges Mal hat es einer gewagt, den „Kollaps der Moderne” [sic! — Das wichtige Fragezeichen nach Kollaps wurde vergessen!] auf zwei Kartons in Acryl darszustellen [sic!], wobei dem Menschen auf Karton I ein Messer ins Gesicht gerammt wird. Überhaupt, ist das nicht ein Edward Hopper, ein Zitat nach René Magritte, Roy Lichtenstein, Marcel Duchamp, Georges Braque oder Max Bill? Das solllte [sic!] jedenfalls dort zu sehen sein, geht es nach der Kunsthistorikerin Sabine Idstein. Sie verstieg sich sogar so weit, dass sie das Werk der Künstlerin Anna Grau aus Berlin, die den ersten Preis erhielt, so beschrieb: „Ihr Gemälde bringt ,Les Demoiselles d’Avignon’ auf den neuesten Stand.” Gezeigt wird ein Mann oder eine Frau mit wulstigen Lippen und üppiger Frisur, betrachtet durch ein Butzenglas, das die Konturen so schön verwischt und die verwendeten Rot- bis Pinktöne so schön leuchten lässt. Heike Negenborn aus der Nähe von Bingen bringt ihre „Net Scape” [sic!] verdrahtete Landschaft auf Platz zwei, und Marcus Günther, der Kulissenmaler aus Düsseldorf, schafft es mit Pink und Grün und dem Sujet „Science Fiction” auf Platz drei. Helles Pink, zwei Menschen in grasgrünen Raumanzügen, ein eye-catcher. Was Andy Warhols Farbspektrum und plakative Werbeästhetik mit diesem Werk gemeinsam haben, das scheint der Kollaps der Moderne zu sein.“

Das für mich Ärger und Erstaunen provozierende Ergebnis zu Punkt 1: Das wichtige, angemessene und wegweisende Thema des 26. Kunstpreises „Kollaps der Moderne?“ konnte nicht adäquat verstanden werden, weil die Kommunikation darüber kunsthistorisch eitel-verbrämt und damit irritierend missverständlich geführt wurde. Es stellt sich die berechtigte Frage: Warum hat für die Laudatio und die Pressekritik niemand die Preisträger selbst und direkt angesprochen? Sie waren verfügbar. Und bei der Preisverleihung persönlich anwesend. Es hat sie nur keiner zu Wort kommen lassen. Damit wird Ihnen die angemessene Bedeutung geraubt. Dies könnte postum Hans-Jürgen Imiela, an den der Mainzer Kunstpreis Eisenturm erinnert, einen Temperamentsausbruch bescheren. 

Bildschirmfoto 2015-11-15 um 17.34.53Dabei sind Gespräche mit Künstlern und unter Künstlern so wichtig.

Genannt sei nur das legendäre sog. „Ravensburger Gespräch“ von Joseph Beuys mit dem Autor Michael Ende („Momo“) im Jahr 1982 zu „Kunst und Politik“.

Beuys, jahrzehntelang die schillernde, redegewandte Figur der deutschen Nachkriegs-Moderne und Vater des „Erweiterten Kunstbegriffs“, sagte im Gesprächsverlauf zu Michael Ende: „Jeder Mensch ist ein Künstler“; worauf Ende, der durchweg substantiell tief gehender argumentierte als Beuys, diesen aufklärte: „Jeder Mensch ist ein Mensch!“

Foto. Andreas Weber, Mainz/Frankfurt am Main

Die Preisträger folgen (stumm) der Laudatio. Foto. Andreas Weber, Mainz/Frankfurt am Main

Kollaps der Moderne: „Wir machen die Kunst und die Künstler sprachlos!“

Die PreisträgerInnen hätten zu den o. g. Punkten wie auch ihrem Schaffen selbst Antworten und Gedanken beitragen können. V. a. durch die Frage: „Wie können die Künstler und ihre Arbeiten zur aktuellen Situation beitragen und uns aus einer existentiell bedrohlichen Dauerkrise heraus leiten?“

Marcus Günther, von der Mainzer Zeitungskritik als „Kulissenmaler aus Düsseldorf“ abgetan, hätte den bewusst provokativen Stil seines Gemäldes „Fakt“ als Drittplatzierter verständlich erläutern können. Aus meiner Sicht ungefähr so: „Eine Candy-Cinderella-Welt, die wir Modernen uns schaffen, findet durch Malerei ihre Entsprechung!“ — Heike Negenborn hätte nicht nur zur Intention ihres Gemäldes „Net-Scape“ verbal Auskunft gegeben, ohne den Betrachter plumb vereinnahmen zu wollen. Sie hätte auch kundgetan, was sie auf ihrer Facebook-Seite im Nachgang äusserte: „Mein Beitrag zum Hans-Jürgen Imiela-Gedächtnispreis: ‚Net-Scape – Landschaft im Wandel‘ 2014, Acryl auf Leinwand, 125 x 150 x 6 cm — In Gedenken an Prof. Hans-Jürgen Imiela ist es mir noch ein besonderes Anliegen zu erwähnen, dass ich das Glück hatte, ihn noch persönlich kennen- und schätzen gelernt zu haben. Im Rahmen meines Kunststudiums an der Akademie für Bildende Künste in Mainz habe ich zahlreiche seiner höchstinformativen und mitreißenden Kunstgeschichtsseminare und -vorlesungen besucht. Viele Generationen von Studenten und Interessierten verdanken ihm noch heute ihr kunstgeschichtliches Wissen. Bei einigen meiner eigenen Ausstellungen hatte ich sogar die Ehre, ihn persönlich begrüßen zu dürfen (u. a. zur Verleihung des Mainzer Stadtdruckerpreises 1998 und zu meiner Stipendiatenausstellung in Bad Münster am Stein–Ebernburg 2004). Für mich hat der Hans-Jürgen Imiela-Gedächtnispreis in Erinnerung an diesen einzigartigen Menschen eine ganz besondere und persönliche Bedeutung.“ — GROSSARTIGES STATEMENT! Denn Heike Negenborn bringt zum Ausdruck, dass sie Dank des persönlichen Kontakts zu einem überaus kundigen, sich der klassischen wie der zeitgenössischen Moderne verpflichtenden Kunstwissenschaftlers und langjährigen KEM-Vorsitzenden keinen „Kollaps der Moderne“ für sich selbst erfahren musste! Im Übrigen: Die von Dr. Otto Martin und mir mitherausgegebene Festschrift für Hans-Jürgen Imelda zu dessen 70. Geburtstag im Jahr 1997 trug auf Imielas Wunsch den Titel „Rück-Sicht“! 

Anna Grau vor %22Meister%22

Anna Grau vor ihrem Gemälde „Meister“, das den 1. Preis erhielt.

In der persönlichen Auseinandersetzung mit der 1. Preisträgerin, Anna Grau, hätte man erfahren können, was sie empfindet, wenn sie malt. Sie antwortete mir im persönlichen Gespräch, beim Zusammensein nach der Preisverleihung, auf die Frage „Was machst Du, wenn Du malst? Denkst Du an Picasso und seine Les Demoiselles D’Avignon?“ kurz und knapp und mit einem versonnenen Lächeln: „Ich male Gefühle!“. Diese Gefühlswelt ist die einer Russin, die als 15-jährige nach Berlin kam und dort seit 20 Jahren lebt. Eine Tochter hat. Die als Europäerin fühlt und denkt! Die Entwicklungen in ihrem Geburtsland mit großer Sorge sieht, sich bisweilen ohnmächtig fühlt. Die nicht immer mit der Welt, in der sie lebt, zurecht kommt, auch wenn es eine freiheitlich-demokratisch-rechtsstaatliche ist. Hätte man sie direkt gefragt, zu Putin und der Re-Sowjetisierung Russlands, sie hätte gesagt: „Oh nein ich male keine politischen Bilder. Mich interessiert der Mensch mit seinen Tiefen und Leidenschaften und Schwächen.“ Sie hätte gesagt, wie wichtig Malerei für sie ist. Gerade in einer „digitalen Welt“. Sie hätte gesagt, dass ihr in Mainz prämiertes Werk „Meister“ eine Sonderrolle in ihrem Schaffen spielt — weg von realistisch-surrealer Darstellungsweise hin zur Emotion pur! (Etwas, was sich dem Betrachter nur erschließt, wenn er andere Werke von Anna Grau sehen kann, was in Mainz nicht möglich sein kann). — „Hast du vergessen? Ich male Gefühle!“

Fee Fleck Event Keyvisuals a la Caravaggio.004

Kollaps der Moderne? — In Mainz kann man dies derzeit (wie auch schon über die Jahrhunderte hinweg) hautnah nachvollziehen. 

Zeitgleich mit der Ausstellung zum 26. Mainzer Kunstpreis Eisenturm arbeitet die Mainzer Malerin Fee Fleck an einem monumentalen Gemälde-Zyklus zum Thema „Drohnen“, also jenen fliegenden Kampfsystemen, die ferngesteuert in Krisengebieten wie Afghanistan, Irak, Jemen oder Syrien Tod und Verderben per Joystick bringen. Da der Gemälde-Zyklus im Ganzen noch nicht fertig gestellt ist, traute sich das langjährige KEM-Mitglied Fee Fleck wohl nicht, ein Einzelbild aus 18 Tafeln herauszulösen, um es beim 26. Kunstpreis-Wettbewerb im Sommer 2015 einzureichen. Das wäre spannend gewesen. Zumal Fee Fleck von Anfang an, also bereits während der Entstehungsphase ihrer Bildtafeln, aktive Dialoge durch persönliche Gespräche initiiert, wie am 10. November 2015 in meinem Mainzer Kommunikationsparadies unter dem Thema „Im Reich der Drohnen! — Mutig. Schonungslos. — Ein Aufschrei. Gegen das Vergessen, das Verdrängen, die Ignoranz.“ Das Publikum brachte sich aktiv ein. Die Bildwerke wie die Interaktionen mit „Betrachtern“ wird in die Ausstellung im März 2016 im Frankfurter Hof in Mainz mit einfliessen. Ein ähnliches Szenario, wie es die Künstlerin entwickelte, hätte auch dem 26. Kunstpreis gut tun können.

MEIN FAZIT: Der 26. Mainzer Kunstpreis hat wesentlich dazu beigetragen, sich dem komplexen Thema „Kollaps der Moderne?“ konstruktiv-kritisch anzunähern, um eine Position finden zu können. Und die heißt für mich persönlich (#JeSuisAndreas): Den eigentlichen „Kollaps der Moderne“ — den verursach(t)en wir selbst! Wir, die wir in Silos denken, die wir uns voller Impetus solidarisch erklären mit was auch immer, ohne uns für die Sache persönlich zu engagieren und die Hintergründe zu erfragen. Die wir eine Kultur der Ignoranz entwickelt haben, als Mitläufer in einer post-industriellen Wissensgesellschaft, die nicht mehr verstehen will und kann. Und sich mehrheitlich von der bildenden Kunst und ihren Erschaffern nicht nur distanziert,  sondern ihnen das Gespräch, den Dialog verweigert. Getreu dem Motto: „Ein Bild spricht für sich selbst“ — Puh. Wie dumm ist das denn?

HINWEIS: Exzellent, was Gabor Steingart als Herausgeber in seinem Handelsblatt Morning Briefing am 16.11.2015 schreibt: “Weltkrieg III. / Lesen Sie meine Meinung zu den Geschehnissen in Paris”. Unterfüttert die Basis für das, was ich in meinem Blog zu “Kollaps der Modern?” geschrieben habe. 

Advertisements
Bildschirmfoto 2015-07-09 um 10.49.23

Fee Fleck vor einem der Med-Bilder in ihrem Atelier in Mainz. Foto: Andreas Weber

Laudatio von Andreas Weber, zum Ausstellung im Landesmuseum Mainz anlässlich des 80. Geburtstag von Fee Fleck

Es geschah am 27. Tag eines Monats, dem 27. Dezember des Jahres 1950, im Herzen einer Weltmetropole beim Spazierengehen. Ein Mann bricht auf offener Strasse zusammen und stirbt in Sekundenschnelle an Herzversagen. Zuvor hatte er intensiv an der Vollendung eines Meisterwerkes in Form eines Triptychons gearbeitet. Was war geschehen? Endet, wenn das Werk vollendet ist, gleichzeitig auch das Leben des Künstlers? — Der Mann starb übrigens in der Fremde. Das Triptychon wurde sein Vermächtniswerk, in dem er vieles bündelte, was sein Leben und Wirken ausmachte.

Es geschieht am 27. Tag eines Monats, dem 27. Januar des Jahres 2012. Im Mainzer Landesmuseum wird eine Ausstellung eröffnet:

Fee Fleck: Medea – die Fremde. 

Zufall, oder auch nicht? Der in der Fremde Verstorbene hatte seinem gerade noch vollendeten Triptychon zunächst den Arbeitstitel „Die Künstler“ und dann final den Namen ”Die Argonauten“ verliehen. Wir sehen im Mittelbild, das an ganz frühe Darstellungen des Künstlers anschließt, den antiken Helden Jason in der Mitte seines Bootes Argo, umgeben von einem Gefährten, geheimnisvollen Himmelserscheinungen und einem bärtigen Greis, der aus dem Meer heraufsteigt. „Die Botschaft der Gestirne und des Ozeans ist freilich verschlüsselt“ (Friedhelm W. Fischer, Max Beckmann, Köln 1972, Seite 88). Ebenso wie der Bildtitel, der wohl aus einem Traum heraus entstand. Das Triptychon bietet keine „typische“ Mythologiedarstellung, eher eine archaisch-archetypische oder sogar auch allegorische mit zeitgenössischer Projektion. Auf dem linken Flügel sieht man einen Maler vor der Staffelei und eine auf abgeschlagenem Kopf sitzende Frau mit überdimensioniertem Dolch, der wie ein Schwert wirkt. Soll das Medea sein? Rechts sitzen junge Frauen beim Musizieren.

Warum erzähle ich das? — Die Antwort gibt Friedhelm W. Fischer: Der Künstler – die Rede ist, wie zu merken war, von Max Beckmann – habe „an einem Sinn des Daseins oft genug gezweifelt, aber er hielt an einer Arbeitshypothese fest. (…) in allem, was wir wahrnehmen und erleben, ist eine Botschaft verschlüsselt. (…) manchmal hat er sich auch seltsam bestätigt gefühlt in der Annahme, die Welt habe einen verborgenen Sinn.“ Fischer konstatiert, der Maler habe sich in seinem Denken und Spekulieren immer wieder in den unauflösbaren Widerspruch zwischen menschlichem Bewusstsein und grenzenlosem Universum verfangen. Und schreibt selbst in seinem Tagebuch: „Wir müssen an unendliche Beziehungen glauben, meist sinnlos für unser Denken und unentwirrbar, doch ist es sicher die einzige Möglichkeit, nicht sein Heimatgefühl im Cosmos zu verlieren.“

Die Fremde kann also überwunden werden durch Sinnlosigkeit des Denkens, das als unbeeinflussbare Nebenwirkung Heimatgefühle erzeugen kann, egal wo wir sind.

In diesem Kontext ist zu hinterfragen: Was meint Fee Fleck mit dem Titel „Medea – Die Fremde“, den sie für einen ganzen Bilderzyklus gewählt hat?

Um diese Frage zu beantworten, muss vorausgeschickt werden, dass unser Bild von Medea kaum etwas mit dem Ursprung zu tun hat. Die Medea-Saga gehört zu den Ur-Mythen und datiert fast 3.500 Jahre zurück. Über die verschiedensten Erzählstationen – von Homer, Pindar, Euripides, bis zu Ovid und Seneca und später dann Franz Grillparzer und Hanns Henny Jahnn – wird Medea bis in die Neuzeit des 20. Jahrhunderts fast ausschließlich von Männern kolportiert. 1950 widmet ihr Elisabeth Langgässer einen Roman, es folgen 1963 Sylvia Plath sowie 1977 Helga Novak. 1996 erscheint nur kurz nach dem Literaturstreit und einer Verleumdungskampagne in deutschen Medien der Roman „Medea. Stimmen“ von Christa Wolf; ein Roman, der äußerst anspruchsvoll gehalten ist und weltweit ein Bestseller wird – übersetzt in 27 Sprachen – und das in Anbetracht der Ablehnung durch die deutsche Literaturkritik. Christa Wolf setzte sich beim Publikum durch und revidierte das Bild der Medea grundlegend.

Kurz danach, 1998, wurde in Linz  der Kulturverein Medea von der Medienpädagogin und bildenden Künstlerin Andrea Reisinger gegründet. Die Zielsetzung lautet: „Initiative Medienarbeit und Integration in neue Felder der Kunst. Medea verstehe Kunst als Bearbeitung gesellschaftlicher Oberflächen, die von konkreten Menschen gebildet werden. — Insgesamt gibt es bis dato über 300 künstlerische Bearbeitungen der Medea.

Wie die Berliner Literaturwissenschaftlerin Inge Stephan in ihrem lesenswerten Buch „Medea – Multimediale Karriere einer mythologischen Figur“, aus dem Jahre 2006 schreibt, beschäftigen sich seit der Nachkriegszeit, also ab 1945, Frauen intensiv mit Medea. Medea ist aber nicht nur ein Literaturtopos, sondern findet Niederschlag in der Oper, im Theater, im Film (Pasolini lässt Maria Callas 1968 die Medea spielen) und in der bildenden Kunst. Hier reicht das Spektrum von Meistern wie Th. Géricault und Eug. Delacroix über Anselm Feuerbach im 19. Jahrhundert. Andere Künstlergrößen der Moderne folgten. Inge Stephan attestiert Männern wie Max Beckmann und in der Folge auch Anselm Kiefer, dass sie in ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit der Argonauten-Saga zwar großartige Kunstwerke schufen, die Medea aber nur als weibliche Staffage einsetzen, um den Helden Jason und die mit ihm verbundenen Geschehnisse überhöhen und optimal in Szene setzen zu können.

Für Künstlerpersönlichkeiten mit überwiegend männlichen Genen ist Medea eine Gestalt, die Männern Furcht einflösst und Schrecken verbreitet; bei der man gerne auf Klischeevorstellungen zurückgreift und Medea als grausame Gattin, Giftmischerin/Hexe und sogar als Bruder- und Kindsmörderin darstellt. Nicht jedem gelingt dies so eindrücklich und vorurteilsfrei wie Lars von Trier in seinem Medea-Film von 1988, nach dem Buch von Carl Theoder Dreyer und Preben Thomsen auf Basis der Schilderung des Euripides. Ausschnitte des Films finden sich auf YouTube. Der TV-Kultursender Arte sendete wohl 2005 den ganzen Film. In der Ankündigung/Dokumentation heisst es:

Medea, die Zauberin, hilft Jason, das Goldene Vlies zu rauben, das ihr Vater in Besitz hat. Anschließend flieht sie mit ihm. Halb göttliche, halb menschliche Heroine schenkt sie Jason ihre bedingungslose Liebe und tötet sogar den eigenen Bruder, um den sie verfolgenden Vater aufzuhalten. In Korinth finden die beiden mit ihren Söhnen eine neue Heimat – bis Jason Medea verläßt und sich mit Glauke, der Tochter von König Kreon, vermählt. Medea soll mit den Kindern das Land verlassen, denn Jason fürchtet die Rache der Barbarin, die nur die Gewalt, nicht aber das Gesetz kenne. Medea überlistet Jason und vergiftet aus Schmerz über seinen Verrat an ihrer Liebe nicht nur Glauke und Kreon, sondern tötet auch die gemeinsamen Kinder.

Die filmische Adaptation von Carl Theodor Dreyer und Lars von Trier folgt eng der klassischen Tragödie. Eigentlicher Protagonist des Films aber ist die Natur des Nordens: Seelenlandschaften der Einsamkeit, der Düsternis und Verzweiflung. Medea, deren Element das Wasser ist, führt ihre Klage vor einem verhangenen weiten Himmel. Aus dem Nebel taucht sie vor Kreon auf, im Regen begegnet sie Jason. Feuer brennen in unterirdischen Verliesen und erleuchten Kreons Palast wie einen Vorhof zur Unterwelt. Immer wieder brausen Windböen über eine menschenleere Küstenlandschaft, treiben die Geschehnisse unwiederbringlich weiter, bis zuletzt Medeas schwarzer Schleier im Wind auffliegt und Jason leblos auf der Erde liegt. Zwei Schiffe, ein paar Pferde und Hunde, Schwärme von Vögeln über langen Einstellungen von Wolken und Wasser – aus diesen Elementen erschafft Lars von Trier eine archaische Welt. Sein Film ist weit mehr als eine Umsetzung der Handlung in Bilder – er visualisiert die Kraft des Mythos.“

Soweit die Beschreibung des TV-Senders Arte.

Wie gesagt, das Stimmungsbild das Lars von Trier geschaffen hat, ist eindrucksvoll. Er adapiert aber uneingeschränkt das von Männern kolportierte Bild einer Medea, die es so nicht gegeben haben kann.

Die erwähnte Schriftstellerin Christa Wolf hat fast detektivisch-akribisch im Austausch mit Wissenschaftlern und Kennern das überkommene Medea-Bild analysiert, rekonstruiert und neu formuliert.  Das ambivalente Bezugsfeld, das sich mit Medea aufbaut, ist ebenso reichhaltig wie polarisierend: Leidenschaft und Liebe, Mord, Intrige, heilende Zauberei, Fürsorge, Hoffnung und Zweifel, Flucht und Aufbruch, kurzum alle Sonnen- und Schattenseiten des Daseins werden angesprochen, auf persönlicher wie auf gesellschaftlicher und politischer Ebene. Das der Medea unterstellte Gewaltpotenzial, dem Männer nichts entgegenzusetzen haben, provoziert sich in einer Tabuisierung: Medea als Zauberin, als Intellektuelle, als Heilkundige, als Mutter, als Politikversierte und als Frau, die Schuld auf sich nimmt, durchläuft in ihrer Rezeptionsgeschichte einen extremen Wandel. Zur Erinnerung: Der Medea-Mythos gehört zu den „Urtexten der Zivilisation“, wie Inge Stephan es nennt. Und schreibt weiter: „Als umstrittene Täterin und maßlos gedemütigtes Opfer erinnert sie an die Dunklen, tabuisierten Seiten des Eros und der Mutterliebe und rührt an die zerstörerischen Impulse, die im Verlauf des Zivilisationsprozesses nur mühsam humanitär oder christlich übertüncht worden sind.“ Wie Odysseus- oder Ödipus-Mythos schaffe Medea ein „blutiges Erbe“, das nicht zuletzt deshalb so schwer anzunehmen sei, „weil Medea eine Frau ist und als Täterin die Ordnung der Geschlechter fundamental in Frage stellt.“

„Medea – Die Fremde“ ist in der Wahrnehmung von Fee Fleck Täter und Opfer in einem. Auf ihre eigene Art und Weise, inspiriert vor allem durch Christa Wolf, aber auch kritisch wachsam das beeindruckende Opern-Werk von Aribert Reimann reflektierend, entwirft Fee Fleck ihr ganz eigenes Medea-Szenario. Nebenbei: Wir hörten Aribert Reimanns Medea-Musik kurz, dank an den Schott Musikverlag in Mainz. Der Uraufführung der Reimann-Oper am 28. Febr. 2010 in der Wiener Staatsoper wohnte Fee Fleck persönlich bei, in Reihe 7 auf Platz 12!

Reimann vertonte Medea als ein „Doppeldeutiges Wesen“, das ihn in der Komposition drei Jahre lang beschäftigte, eine Zeit in der er der Welt fast abhanden gekommen ist, wie er sagt, als sein schwierigstes Werk, das sein ganzes Fühlen und Denken in Anspruch nahm, bis hin zur völligen Erschöpfung.

Fee Fleck goutiert Reimann voller Demut und Anerkennung. Ihr Medea-Szenario, das in der Konzeption im Jahr 2009, also noch vor Reimanns Partitur-Fertigstellung begann und bis dato 8 von 10 geplanten großformatige Gemälde umfasst, geht aber ganz andere Wege.

Fee Fleck schuf Medea-Bildwerke, die an Frische, Originalität und Kraft kaum zu übertreffen sind. Und die sich so deutlich in Inhalt und Themenwahl von anderen Bildwerken unterscheiden.

Man fragt sich, wie dies das Werk einer nunmehr 80jährigen Künstlerin sein kann, längst selbst schon Mutter und Großmutter. Wer Fee Flecks „Tafelbilder für Ingeborg-Bachmann“ durch die Ausstellung hier im Landesmuseum in Mainz aus dem Herbst 2007 kennt, kann eine Vorahnung entwickeln und ist auf das Medea-Szenario vorbereitet. Die Journalistin Rebecca Wilhelm urteilte damals in der Mainzer Allgemeinen Zeitung: „Starke Farben für die Dichterin“: (…) In zwölf großformatigen Tafelbildern in ausdrucksstarken Farben und kalligrafischen Elementen interpretierte die Mainzer Künstlerin Arbeit und Leben der Dichterin.“ Anlass der Ausstellung vor fast 5 Jahren war der 80. Geburtstag Ingeborg Bachmanns. Bachmanns Männerbeziehungen kamen zur Sprache, wie der Zeitungsbericht anmerkt, geprägt von Liebe, Sehnsucht, Tod. „Bachmanns Liebesverhältnis zum Lyriker Paul Celan gestaltete Fee Fleck positiv hell, die tragische Beziehung zu Schriftsteller Uwe Johnson in schwarzen Tönen“. (Quelle: Allgemeine Zeitung vom 15. September 2007).

Wie auch damals bei den Bachmann-Tafelbildern bereitete Fee Fleck ihr Medea-Szenario exakt und planmäßig vor.  Ein wunderbares, reichhaltiges Arbeitsbuch – das in der Ausstellung in Vitrinen ausliegt – kombiniert Bildentwürfe und Textnotizen. Fee Fleck hat nicht nur einen Plan entwickelt, sondern eine bis ins kleinste Detail durchdachte Programmatik. Zwischengestreut im Medea-Arbeitsbuch findet man Notizzettel mit Gedankenimpulsen, die ad hoc entstanden – meist in der Nacht. Als Regieanweisung ist notiert, welches der acht Bilder/Themen in der Gemälde-Fassung als Hoch- oder Querformat angelegt werden muss. Naturgemäß gibt es Entwicklungen und damit Abweichungen von der Skizze zum fertigen Gemälde. Dies lohnt sich, in Ruhe nachzuvollziehen. Ebenso die Gedanken, die Fee Fleck wie kurze Essays niederschrieb, um die inhaltliche Leitlinie präzise zu erfassen und dadurch ganz befreit den Malprozess gestalten zu können. Ihr Medea-Szenario wird dadurch verdichtet, fokussiert, aber gleichzeitig völlig entkrampft und vielfältig. Den roten Faden in ihrer vielschichtigen Medea-Interpretation verliert Fee Fleck dabei nicht. Und das obgleich die acht Bilder jedes für sich individuell angelegt sind. Es gibt keine durchgängige Gestaltungslinie oder einen Gestaltungsrahmen – etwa wie bei Bilderserien des Barock – speziell bei Peter Paul Rubens.

Fee Flecks Medea-Gemälde verbreiten Stille, aber keinesfalls Ruhe. Sie sprengen sämtliche Klischees, wie wir sie noch aus dem Schulunterricht kennen. Ich bin sicher, mancher „Alterthums“-Oberstudienrat und Bildungsbürger wird entsetzt oder zumindest verstört sein. Ich sage nur: Gut so! Und ich sage: Bravo, Bravissimo, liebe Fee Fleck, dass Sie uns mit Ihrer Kreativität, Erfahrung, Bildung, menschlichen Größe und vor allem Ihrem Talent neue Wahrnehmungsmöglichkeiten eröffnen.

Meine Empfehlung: Es lohnt sich für alle von uns, die Fee Flecks Medea-Szenario betrachten, dies eher in Form einer Meditation zu tun, als in einer klassisch kunsthistorisch „verbildeten“ Herangehensweise. Wir brauchen neue Dimensionen einer Hermeneutik, die dem Prinzip folgen: Wir können uns als Menschheit, gerade wenn und weil wir uns als kultiviert und zivilisiert empfinden, nicht von unserer Geschichte und unserer Schuld befreien. Das, was Medea ausmacht, und das, was mit Medea geschah, ruht in uns allen. Unauslöschlich und kaum unterdrückbar. Ebenso steht Medea für einen Werte-Canon, der sich nie und nimmer ändert. Wer in diesen modernen Zeiten vom Wertewandel spricht, hat nicht verstanden oder begriffen, worum es geht. Ein Wert ist ein Wert und kann sich nicht ändern. Was sich ändert ist die Einstellung zu Werten, die uns als Menschheit ausmachen. Und mit den Konsequenzen aus dieser eigenen Um-Bewertung vom Wert zur Entwertung müssen wir klarkommen. Oder anders: Medea ist Medea. Und: Fee Fleck ist Fee Fleck.

Bildschirmfoto 2015-07-09 um 10.52.09

Fee Fleck kurz vor der Ausstellungseröffnung im Landesmuseum Mainz. Foto: Andreas Weber

Fee Fleck redet oder malt oder zeichnet oder filmt oder inszeniert uns die Welt eben nicht schöner oder schrecklicher als sie ist. Fee Fleck ist von Künstlern der Romantik ebenso weit entfernt wie von Hieronymus Bosch oder Matthias Grünewald. Selbst wenn ihr stilistisches Repertoire, ihre Ausdrucksweise als Malerin als äußerst modern bezeichnet würde, hat Fee Fleck mit dem Zeitgeist nichts zu tun. Zeitgeist ist immer opportunistisch – oder wie mein Vater Prof. Wilhelm Weber gerne sagte: „Wer heute den Zeitgeist heiratet, ist morgen schon Witwer.“ Fee Fleck steht für das Wahrhaftige, für Aufrichtigkeit und Ehrlichsein.

So erklären sich ihre Themen: Vor der Medea entstand das Filmwerk über die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Katinka Zitz, die sonst vergessen oder besser: verdrängt wäre. Hinzu kommen die Werke/Installationen über Autowracks und Flugzeugwracks, die Wüste in Arizona, die Installation „Gegen den Krieg“ in der Unterhaus Entree-Galerie der Stadt Mainz oder aber das Projekt „Warschauer Aufstand“. Vieles andere aus dem Wirken und Werken von Fee Fleck lässt sich aufzählen und in Erinnerung rufen, bis hin zur Mitgliedschaft bei „Gegen vergessen für Demokratie“ Rheinland-Pfalz oder die Mitgliedschaft im Kunstbeirat der Gedenkstätte Osthofen. Nicht zuletzt lebt und arbeitet Fee Fleck in einer aussergewöhnlichen Wohnetage in der Mainzer Walpodenstrasse in einem Haus, das eine Gedenktafel trägt, mit der Aufschrift:

„Historisches Mainz

Gedenken

Mahnen

Handeln

Dieses Haus wurde 1938 nach dem November-Pogrom von den Nationalsozialisten zu einem der „Judenhäuser“ deklariert.

35 jüdische Kinder, Frauen und Männer wurden von hier aus vom 20. März bis 30. September 1942 deportiert und ermordet.“

An einem solchen Ort zu wohnen und zu arbeiten ist für mich persönlich als Nachkriegskind und somit Spätgeborener bewundernswert in der Reflektion dessen, wie Fee Fleck mit unserer und damit auch ihrer Geschichte, ihren eigenen Erfahrungen (sie wurde mit Mutter und Schwestern 1944 in das Lager Radom deportiert und 1945 von russischen Truppen befreit). In tiefer Demut und mit allem Respekt darf ich mich vor einer so großen Frau und Künstlerin verbeugen. Und gleichzeitig schelmisch hinterfragen: Wie lautet nochmals der Titel der heutigen Ausstellung?

Fee Fleck: Medea – Die Fremde.

Stimmt das? Oder könnte es lauten:

Fee Fleck – die Medea?

Fee Fleck – die Fremde?

Urteilen Sie selbst. Meine Sichtweise und sicher die vieler anderer lautet: Fee Fleck ist ein durch und durch politischer, mitdenkender, mitgestaltender und sozial- wie emotional verantwortlich handelnder und denkender kritischer Geist. Ohne dabei dogmatisch, besserwisserisch oder bevormundend zu sein. Die Künstlerin befreit uns aber nicht von der hohen Eigenverantwortung, über unser Tun und dessen Konsequenzen nachzudenken und der Forderung nachzukommen, Korrekturen vorzunehmen, sobald wir Fehler erkennen. Dies manifestiert sich im Medea-Szenario auf das Wunderbarste. Vor allem im Gemälde „Gier“, das sich auf das goldenen Vlies und seinen Missbrauch in Kolchis oder die maßlose Habgier in Korinth genauso beziehen kann wie auf die aktuelle Finanzkrise und den Habitus eines Hedgefonds- oder Investment-Banking-Schurken.

Fee Fleck wählt mit dem Medea-Thema einen Topos, der weit, sehr weit zurück ragt in die Geschichte und trotz allem so aktuell ist wie kaum etwas anderes. Dies mag der Beweggrund sein, weshalb Fee Fleck Christa Wolf verehrt und ihren Roman „Medea. Stimmen“ so sehr schätzt. Christa Wolf hatte die Chuzpe, den von Männern umbewerten Medea-Mythos quasi „zurückzubewerten“, in eine Art „Urzustand“ rückzuführen. Christa Wolf widmet sich der Medea, wie sie durch den Sinn ihres Namens charakterisiert wird. Medea heisst in der Namenbedeutung „die, die Rat gibt, Sorge trägt, waltet“. Oder wie Christa Wolf es umschreibt: „Die guten Rat Wissende, die Heilerin“. Prinzipiell völlig ohne Belang erscheint mir, ob dies nun historisch-faktisch belegbar ist oder nicht. Christa Wolf hat die Medea in die Gegenwart zurückgeholt. Sie hat sie von Verleumdungen befreit. Sie hat sie zur „Bewältigungsfigur“ entwickelt. Sie hat ihre menschliche, gesellschaftliche und politische Dimension neu eröffnet. Eine solche Figur weist alle nachfolgenden Frauenidole in die Schranken oder auf die Plätze. Und schüttelt jegliche Verklärung oder Idealisierung ab. Gerade auch in Bezug auf christliche Frauengestalten bis hin zur Jungfrau-Mutter Maria…

Aber Vorsicht, meine Damen und Herren, bitte beachten: Fee Flecks Medea-Szenario ist in keinerlei Weise als Illustration zum Buch von Christa Wolf gedacht. Fee Fleck fühlt sich dem Esprit, der Literaturkunst und wie erwähnt der Chuzpe von Christa Wolf innig verbunden. Ihr verdankt Fee Fleck wichtige Impulse. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Fee Fleck beschäftigt natürlich auch das Bezugsfeld „Frauenbewegung“, sprich die Medea-Entwürfe in feministischen Diskursen. Die bereits zitierte Literaturwissenschaftlerin Inge Stephan widmet diesem Bezugsfeld ein lesenswertes Kapitel in ihrem Medea-Buch. Und präsentiert als Motto ein Zitat der „Penthesileia“, einem Frauenbrevier für Männerfeindliche Stunden von 1907. Ich zitiere: „Sag mir, Medea, war Jason nicht eigentlich zu unbedeutend, um deiner Rache würdig zu sein? Aber ich vergaß, Du liebtest ihn noch. Die Liebe einer bedeutenden Frau gibt einem mittelmäßigen Manne immer noch soviel Gewicht, daß ihre Rache an ihm sie nicht lächerlich macht.“

Auch das sind „Medea.Stimmen“. Und für uns wichtige Bezüge. Denn Penthesilea, die sagenumwobene Amazonenkönigin, konterkariert die männliche, vorherrschende Vorstellungswelt von Frau-Sein und Weiblichkeit. Die Rezeptionsgeschichte der Penthesiliea ist übrigens ebenso männlich dominiert und umgestaltet wie die der Medea. Wäre da nicht Heinrich von Kleist, der sich um das Jahr 1800 mit alten Überlieferungen beschäftigt. Und – wie später Christa Wolf – den Mythos umdeutet bzw. eine Variante aufgreift, die aus der Antike stammt, sich aber nicht durchsetzte: Nicht Achill besiegt Penthesilea im Kampf und verliebt sich in dem Moment unsterblich, als er sie schon tödlich verletzt hatte. Nein, Kleist greift die Version auf, in der Achill hörte, die schöne Amazonen-Königin könne sich nur in denjenigen verlieben, den sie persönlich im Kampf besiegt und unterworfen hat. Zum Schein geht er darauf ein, flammender Liebe folgt die Tragödie, als Penthesilea den Schwindel enttarnt. Sie tötet darauf hin Achill und zerfleischt ihn gemeinsam mit ihren Hunden.

Anzumerken ist, dass dieser Bezug Medea/Penthesilea und Kleist/Wolf bislang noch nicht in die Rezeptionsbetrachtung eingeflossen ist. Das bleibt noch zu tun. Zumal Kleist damals wohl auch bei Männern Angst und Schrecken provozierte, was J.W. von Goethe veranlasste, Kleist abzuurteilen. Die Kleist‘sche Penthesilea wurde von Goethe wie mit einem Bannstrahl behaftet und war nach Erscheinen des Dramas im Jahr 1808 als Theaterstück für rund drei Generationen tabu.

Es gibt ein wichtiges Verbindungsglied zwischen Penthesilea- und Medea-Mythos: Beide Mythen zehren von dem Verlust matriarchalischer Ordnungsprinzipien, die fast 100.000 Jahre lang die Menschheit in ihrer Frühgeschichte zur Entwicklung brachten. Die Amazonen sind der Gegenentwurf zur Männerherrschaft und Medea deckt auf, was in ihrer Heimat Kolchis ebenso feststellbar war, wie an ihrem Fluchtort Korinth: Die Männerherrschaft brauchte die Unterdrückung der Frau, um jeden Preis. Reglements, Gewalt, Verleumdung, Mord und Totschlag, jedes Mittel war recht. Die Entwicklung der männlichen Repressalien (nicht nur Frauen gegenüber, sondern generell anders denkenden und anders artigen Menschen) hat sich über die klassische Antike bis in die Christenzeit erhalten. Und wurde in den Schriften manifestiert. Christa Wolf spricht dies unter anderem an, indem sie in einem Interview sagte: „Ich begann 1990/1991 mich mit der Medea-Figur auseinanderzusetzen. Es zeigte sich mir in jenen Jahren, dass unsere Kultur, wenn sie in Krisen gerät, immer wieder in die gleichen Verhaltensmuster zurückfällt: Menschen auszugrenzen, sie zu Sündenböcken zu machen, Feindbilder zu züchten, bis hin zu wahnhafter Realitätsverkennung.“ (zitiert nach Inge Stephan, Seite 154f). Christa Wolf nimmt dann Bezug auf die von ihr nicht gutgeheissene Eingliederung der DDR in die BRD und die entstandene Abwehrhaltung. Und fährt fort: „Diese Ausgrenzung des Fremden zieht sich durch die ganze Geschichte unserer Kultur. Immer schon vorhanden ist die Ausgrenzung des angstmachenden weiblichen Elements.“  Dazu gehört vor allem die Figur der Lilith, der ersten Frau des Adam, die, von den biblischen Überlieferungen quasi ausgeklammert, weil sie dem Adam nicht nur ebenbürtig, sondern überlegen war, in den alten sumerischen und jüdischen Überlieferungen aber eine wichtige Rolle spielte. Lilith verkörpert eine der Medea im Wolf‘schen und Fleck‘schen Sinne verwandte Seele.

Der Diskurs über das Fremde wird auch in jüdischen Medeen von Berthold Brecht und George Tabori fassbar. Beide entwerfen Medea als jüdische Frau.

Brecht verfasste das Gedicht „Die Medea von Lodz“

Da ist eine alte Märe

Von einer Frau, Medea genannt

Die kam vor tausend Jahren

An einen fremden Strand.

Der Mann, der sie liebte

Brachte sie dorthin.

Er sagte: Du bist zu Hause

Wo ich zu Hause bin.

Sie sprach eine andere Sprache

Als die Leute dort

Für Milch und Brot und Liebe

Hatten sie ein anderes Wort.

Sie hatte andere Haare

Und ging ein anderes Gehn

Ist nie dort heimisch geworden

Wurde scheel angesehn.

Wie es mit ihr gegangen

Erzählt der Euripides

Seine mächtigen Chöre singen

Von einem vergilbten Prozeß.

Nur der Wind geht noch über die Trümmer

Der ungastlichen Stadt

Und Staub sind die Stein, mit denen

Sie die Fremde gesteinigt hat.

Da hören wir mit einem mal

Jetzt die Rede gehn

Es würden in unseren Städten

Von neuem Medeen gesehn.

Zwischen Tram und Auto und Hochbahn

Wird das alte Geschrei geschrien

1934

In unserer Stadt Berlin.

Das Fremde, so Inge Stephan (Seite 69), wird „stets als das sexuell und/oder ethnisch andere konnotiert. Sexismus und Rassismus bilden von jeher das Koordinatennetz, in das die Phantasien der Autoren und Autorinnen eingelassen sind. Medea wird farbig, mal Zigeunerin, mal Asiatin, mal Osteuropäerin, mal Afrikanerin.

 

 

Resümee und Ausblick

Das Szenario „Fee Fleck: Media – die Fremde“, das uns die Künstlerin präsentiert, erfasst Medea in allen ihren Facetten und Bedeutungsebenen. Aus heutiger Sicht gesehen, eröffnet die Bedeutung der Medea-Geschichte vier große Konfliktfelder, die durch Medea als Person verkörpert werden:

Identifikationsfigur des Geschlechterkampfs (seit 1968 im Kontext mit den Emanzipationsbewegungen)

Bewältigungsfigur zur Lösung der Krise in Familie und Politik (Schuldfrage, Matriarchat)

Projektionsfigur bei Rassismus und ethnischen Debatten

Reflexionsfigur in der Bewältigung von Gewalt und Auseinandersetzungen

Medea als Reflexionsfigur hat aktuell wohl den stärksten Bezug zu unserer „modernen“ Kulturwicklung. Inge Stephan sei dazu abschließend zitiert (Seite 4f):

„Die Frage nach der Legitimität von Gewalt stellt sich im Falle von Medea in besonderer Schärfe, da sie mit ihren [den ihr unterstellten, Anm. des Autors] Taten in archaische Praktiken der Blutrache und des Menschenopfers zurückfällt, die in den politischen Auseinandersetzungen der Gegenwart eine bestürzende Aktualität gewonnen haben.“

Das Thema „Medea – die Fremde“ kann von Fee Fleck nicht zufällig gewählt worden sein, um heute, kurz nach ihrem 80. Geburtstag, uns hier im Landesmuseum in Mainz präsentiert zu werden. Die Künstlerin legt – bei allem Charme, der ihr innewohnt, und aller Freundlichkeit im Wesen – gerne den Finger in die offene Wunde.

Ihr Auftrag als bedeutende Künstlerin ist es wie gesagt unsere Wahrnehmung zu wecken und zu schärfen. Erst die Wahrnehmung ermöglicht das Streben nach der Sinnhaftigkeit unseres Tuns. Dies gestaltet sich als Prozess, den Fee Fleck hier und heute initiiert. In diesem Sinn ist die heutige Ausstellungseröffnung nicht der Endpunkt, sondern der Beginn von etwas, was uns noch bevorsteht: Die Auseinandersetzung mit uns Menschen als Wesen, die vermutlich allzu lange „kulturentwicklungshörig“ glaubten, die Dinge würden besser, weil wir (angeblich) zivilisierter und kultivierter werden. Doch wie soll das gehen, wenn wir willkürlich agieren? Wenn wir unsere Geschichte manipulieren resp. so auslegen, wie es Strategie und Taktik unseres gegenwärtigen und geplanten Tuns aus subjektiver Sicht erfordern?

Unsere Schuld, unser Falschtun werden wir dadurch nicht los. Und die Welt wird keinesfalls besser. Lassen wir uns also auf den Dialog ein, den Fee Fleck mit ihrem Medea-Szenario mit uns und für uns eröffnet.

Denn Fee Fleck wäre nicht Fee Fleck, würde sie nicht diesen Dialog suchen. Der Ausstellung ist ein wichtiges Momentum vorausgegangen. Der Entschluss von Fee Fleck, sich im Rahmen ihres Medea-Szenarios mit Christa Wolf in Verbindung zu setzen. Fee Fleck musste sich, wie sie sagt, einiges trauen. Deutsch, das sie perfekt beherrscht, ist nicht ihre Muttersprache. Sie wollte und hat aber einen Brief an Christa Wolf in deutscher Sprache verfasst, den ich Ihnen, meine sehr geehrten Damen und Herren, gerne kurz vorlesen möchte, um anschließend mit der Künstlerin darüber und über ihre künstlerische Intention und Auffassung zu sprechen.

Am 4. Oktober 2011 schrieb Fee Fleck an Christa Wolf (nicht wissend, was kommen wird, und dass Christa Wolf am 1. Dezember 2011 von uns gehen würde, weshalb der Brief ohne Antwort blieb):

4. Oktober 2011

Sehr verehrte, liebe Christa Wolf,

was für ein Unterfangen, sich mit menschlichen Unzulänglichkeiten bildnerisch auseinanderzusetzen. Ich habe es gewagt, aber nur mit Ihrer Hilfe. Der Weg war lang.

Zaghaft habe ich mich mit Euripides, Seneca und vielen anderen auseinandergesetzt, doch Ihre „Medea. Stimmen“ haben mich gefangen genommen. Explosionsartig habe ich die einzelnen Stimmen wie Medea, Jason, Akamas, Presbon, Oistros und andere in mein Arbeitsbuch aufgenommen und meine Intentionen skizziert.

Aus meinem Arbeitsbuch:

Wie verhält sich eine Fremde? Wann war ich eine Fremde? Es ist ein Ohnmachtsgefühl, wenn man sich dessen bewusst wird. 

Ich kann mich nicht erinnern einmal Medea gewesen zu sein, stark in der Finsternis. Wird es für mich eine Offenbarung? Ich bekomme Angst. Was muß sein, was darf nicht sein!

Wann werde ich es wissen, während ich hier schreibe, wenn ich nachts alles überdenke, oder wenn der Prozess auf der Leinwand beginnt? Das wird ein Kampf.

Zehn Aussagen sollte der Zyklus haben, bis dato sind es vier.

Der Malprozess begann mit dem Bild „Symbiose“. Das Bild „Gerücht“ ist eine wichtige Begründung für den ganzen Zyklus „Medea – Die Fremde“, hier entwickelt sich die große Tragödie bis zum Endpunkt des Bildes „Universum“.

Nicht nur die geistige, sondern auch die praktische Auseinandersetzung wie Farbe, Leinwand, Größe, Hochformat, Querformat ist eine wichtige Entscheidung. Mit der Farbe kann ich intensiv umgehen, hier ist mein Wissen gefordert.

Verehrte, liebe Christa Wolf, ein kleiner Überblick meiner Arbeit „Medea – Die Fremde“. Sobald der Zyklus beendet ist, werde ich Ihnen weiteres Material senden.

Ihre Fee Fleck

++++++++++++++++++++++++++++

Weitere Informationen im exklusiven, kostenfrei erhältlichen iBook auf Apple iTunes:

https://itunes.apple.com/de/book/medea/id561925330?mt=11

Bildschirmfoto 2015-07-09 um 10.38.23

Dietmar Titel Screenshot von PDF

© 2014 by Value Communication AG, Mainz/Germany | Cover page and book Design by Andreas Weber, Mainz/Frankfurt am Main | Paintings by Dietmar Gross, Dienheim, Rheinhessen/Germany

  • Als einer der Höhepunkte des Ausstellungsprogramms 2014 präsentiert das Osthaus Museum Hagen eine retrospektive Werkschau mit ca. 70 Gemälden von Dietmar Gross.
  • AusstellungstitelInSightOut
  • Ausstellungseröffnung: 15. November 2014, 16 Uhr
  • Ausstellungsdauer: 16. November 2014 – 11. Januar 2015
  • Ausstellungskatalog: Edition Value Art+Com, gedruckt und digital, die Druckausgabe ist erhältlich als Normalausgabe und Vorzugsausgabe mit Originalgrafik, Preis ab 34,90 Euro zzgl. Versandkosten. — Format: 25,9 x 22,2 cm (Hardcover), Umfang 120 Seiten, davon über 70 Seiten Abbildungen.

Der Künstler Dietmar Gross, geboren 1957, lebt und arbeitet heute in Dienheim. Das Menschenbild im Kontext der Natur steht im Vordergrund seines Schaffens, das sich kritisch mit aktuellen Herausforderungen in unserer Welt auseinandersetzt. Dietmar Gross fühlt sich dem Realismus auf eine besondere, humanistisch geprägte Art und Weise verpflichtet. Alles, was uns betrifft, prägt und unser Schicksal beeinflusst, findet in den Arbeiten des Künstlers seinen Ausdruck. 

Der Titel InSightOut versteht sich als programmatische Äußerung. In fünf Werkgruppen fasst der Maler wesentliche Äußerungsformen unseres Daseins aus seiner Perspektive zusammen und ermöglicht den Betrachtern, eine künstlerische Introspektion. Die Werkgruppen stellen Ankerpunkte des Menschseins dar:

  • Zerrissenheit
  • Über-Menschlichkeit
  • Misch-Wesen
  • Ecce Homo
  • Assimilation

Alle bildlichen Darstellungen rücken nicht nur die Situation des Menschen ins Zentrum, sondern stellen den Kontext her im Abgleich mit der Existenz der Welt, der Historie, der Tradition und der Neuzeit.

Das Kunstwollen von Dietmar Gross steht ganz im Zeichen eines zeitgemäßen und zukunftsweisenden Kulturverständnisses. Der bedeutende Filmregisseur, Federico Fellini, hat dieses Verständnis einmal so zum Ausdruck gebracht: Der einzig wahre Realist ist der Visionär.

Das Spezifische an der Kunst von Dietmar Gross ist die malerische Vollendung seiner Gemälde. Nicht nur die altmeisterliche Handschrift des Künstlers zeugt von großer Begabung, sondern auch die Möglichkeit, diese in Szenen einzubinden, die auf den ersten Blick zu irritieren vermögen. So wird InSightOut zum Programm und offenbart immer wieder neue visuelle, gedankliche und emotionale Erlebnisse. Malerei regt in diesem Sinne tiefgreifende Erkenntnisprozesse an bzw. löst diese aus.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog zum Werk der Künstler. Der Katalog InSightOut — Dietmar Gross   Malerei wird im Hardcover 120 Seiten Umfang mit über 70 Abbildungen umfassen und als gedrucktes Buch sowie in digitaler Form in der Edition Value Art&Com, Mainz, herausgegeben; mit einem ausführlichen Einführungstext von Andreas Weber.

Hintergrundinformation

Zur Wirkungsweise der Publikation:

Die vorliegende Publikation ist Teil einer neuartigen, intermedialen und crossmedialen Inszenierung aus Text, Bild, Sprache/Podcast und Video via Print, Blog und eBook. Im Print werden neue digitale Verfahrenstechniken eingesetzt, die über die übliche Darstellungsmöglichkeit von Druckbildern weit hinausgehen. Die Herstellung erfolgt in Zusammenarbeit mit Elanders Germany, dem über Deutschland hinaus renommierten Innovationsführer im Digitaldruck.

Printprodukte können vor Ort im Osthaus Museum wie auch über das Web bestellt/gekauft werden. Die digitalen Formate sind vernetzungsfähig und werden durch Social Media-Aktivitäten signifikant verstärkt (vor allem über Facebook, Twitter, YouTube und Google+). Zudem können durch den Besucher bei Bedarf individuelle Publikationen erstellt und online bestellt werden (Postkarten, Poster, Kalender). Der Online-Shop der Edition Value Art+Com ist verfügbar.

Die Publikation verstärkt und dynamisiert die Wirkungsmöglichkeiten der Ausstellung durch ihren Innovationsanspruch. Das Thema ›InSightOut‹ wirkt sich aus auf die Kommunikation und Interaktion mit den Besuchern vor, während und nach der Ausstellung. Die erstellten digitalen Kommunikationsmittel können auch während der Ausstellung zu didaktischen Zwecken genutzt werden.

Es lässt sich ein Dreifach-Effekt erreichen, der, wie die Exponate selbst, durchgehend und konsequent einem Premiumanspruch gerecht wird: a) Wirkungsmöglichkeiten schon im Vorfeld der Ausstellung; b) Aktualisierungsoptionen während der Ausstellung; c) Dokumentation und Nachhaltigkeit nach der Ausstellung.

 

Preview / Making-Off während der Digitaldruck-Produktion bei Elanders Germany in Waiblingen:

 

Zum Ausstellungsort:

Das Osthaus Museum steht auch nach mehr als 100 Jahren in der Tradition des Museum Folkwang, welches 1902 in Hagen eröffnet wurde und 1922 nach Essen übersiedelte. „Wir bieten den Künsten ein Fest“ lautet die Devise des Museums, das sowohl regional wie auch national und international Stahlkraft entwickelt hat. Im Fokus der wissenschaftlichen Arbeit sowie der Ausstellungstätigkeit des Museums steht das Bewusstsein für eine Kunst, die nachhaltig wirken soll und den Betrachterinnen und Betrachtern zugleich eine konstitutive Rolle offenbart. Das Museum, seine Sammlung und das Ambiente mit dem Folkwang-Altbau und des Neubaus wirken als „Brücke zwischen den Meisterwerken der Bildenden Kunst und den individuellen Erfahrungen des Besuchers.“

Dietmar Gross, geboren 1957 in Bexbach/Saarland, lebt und arbeitet seit fast drei Jahrzehnten in Rheinhessen, südlich von Mainz, einer der herausragenden und von Carl Zuckmayer vortrefflich beschriebenen Kulturlandschaften Europas. Das malerische wie grafische Werk von Dietmar Gross baut auf einem zeitunabhängigen Wertesystem auf. Im Fokus steht das nachhaltige Erleben von Malerei als einem Medium der Sinnes-Wahrnehmung. Die Bilder zeichnen sich aus durch technisch-handwerkliche Perfektion, die einen Vergleich mit Vorbildern wie Dürer, Caravaggio, Rembrandt oder Tizian nicht zu scheuen braucht.

Für Rückfragen:
a.weber(at)value-communication.com

Online-Bestellung per Shopify:

http://value-art-com.myshopify.com/collections/all

Value Art+Com Online Shop

%d bloggers like this: