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Kurz vor der Eröffnung: Valy vor ihrem Bildwesen-Zyklus ›Der letzte Tango‹. Foto: Andreas Weber, Mainz/Frankfurt am Main

 

Valy Wahl — „Tanz um die Kuh“

Eröffnungsrede von Andreas Weber, Kunstverein Ingelheim, 3. April 2016

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Gäste und Freunde des heutigen Eröffnungstages, der unter dem Thema steht: „Tanz um die Kuh“.

Ich darf gleich zu Beginn Entwarnung geben. Niemand soll und muss heute rituelle Tänze begehen, in deren Mittelpunkt ein Rindviech steht, das weder Kalb noch Stier, sondern eine Kuh ist. Geht es doch um eine im Jahr 2006 entstandene Malerei mit diesem Titel, die den Kuratoren und Organisatoren ins Auge sprang, um damit die Einladung zu schmücken respektive ein Motto für die Ausstellung zu finden.

 

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Valy: Tanz um die Kuh, Malerei, 2006. Foto: Valy, Mainz

 

„Tanz um die Kuh“ erscheint heute im Kontext mit durchweg ungewöhnlichen Bildtiteln: „Grille musiziert“, „Gesang der Frösche“, „Cocoon“, „Kentaur hilflos“, „Goldrausch“, „130 Kilo“ — aber auch „Verwirrung“, „Hochmütig“, „Macht“, „Ausgelacht“, „Listiger Handel“, „Geschrei“, „Verschleiert“, „Grüne Augen“ sowie „Schönheit in Bedrängnis“, „der da, der die Könige krönt“, „Segen des Friedens“, „Aphrodite begehrt“ oder „Amerika“ und „Hiroshima lebt“, beide aus dem Jahr 2015. Ein umfangreiches Ensemble, bestehend aus neun Einzelgemälden, nennt sich „Der letzte Tango“ und datiert in das Jahr 2009.

Die Symbolkraft der Bildtitel entfaltet ein Eigenleben. Oder? — Und zeugt davon, wie Valy, die Malerin, ausdrucksstark mit Sprache umgehen kann. Fast im Sinne des Philosophen Wittgenstein, der sich Gedanken darum machte, wie wir mehr Klarheit über die Beziehung von Sprache und Welt erhalten können.

Letztlich lautet die Erkenntnis von Wittgenstein, die Sprache, die wir benutzen, sei die Welt in der wir leben. Diese Welt lässt Valy durch ihre Malerei vor unseren Augen entstehen — geprägt von Schönheit und Sinnlichkeit ebenso wie von Grauen, Katastrophen, Schimären, Dämonen und Psychotischem. Valy lässt als Ergebnis ihrer Malereien „Bildwesen“ entstehen, wie sie das nennt. Sie ist damit wie vor Jahren dargelegt der Philosophie (neben Wittgenstein-Schriften v. a. Hans-Georg Gadamers „Verstehen und Gespräch als Voraussetzung für ein Weltethos“) und der symbolistisch-visionären BIldsprache der Literatur und Poesie des Comte de Lautréamont mit seinem „Maldoror“ näher als gängigen kunstgeschichtlichen Deutungsversuchen.

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Valy und Andreas Weber. Foto: Gunda Vera Schwarz, Frankfurt am Main

Zu den Protagonisten

Valy Wahl und Andreas Weber kennen sich seit über 50 Jahren und haben eine ganze Reihe gemeinsamer Projekte erfolgreich realisiert. 

Valy hat sich wie kaum jemand sonst über mehr als 45 Jahre als Kulturaktivistin profiliert und der Stadt Mainz sowie der Region Rheinhessen gedient. Ihr umfangreiches malerisches Werk ergänzen zahlreiche Publikationen, Designarbeiten und künstlerische Grafiken. Bis 2010 war Valy Professorin an der Hochschule Mainz, Schwerpunkt künstlerisches Arbeiten für Kommunikationsdesigner.

Andreas Weber lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und Mainz, wo er das Kommunikationsparadies als eine dem Geist Gutenbergs gewidmete Stätte für persönliche Begegnungen und das gemeinsame Erleben der Kunst der Kommunikation etabliert hat. Er engagiert sich für ein integratives Verständnis von Kultur, Kunst und Innovation. 

Der Bildwesen-Zyklus „Der letzte Tango“ zeigt eine Gratwanderung: Valy liebt Tango. Die rhythmischen Bewegungen, die Eleganz nimmt sie in ihren Bann, ebenso wie die fast archaisch-berauschte, ins Mark treffende Stimmung, die beim Tango-Tanzen entstehen kann. Sie selbst sagte mir dazu: „Der letzte Tango, Du weißt, ich tanzte gerne und der Tango bringt mich schon aus dem Gleichgewicht … das Gefühl bei dem übermäßigen Temperament dieses Tanzes und der Musik, in aller Welt geliebt, aber überall hat er seine regionale Prägung…“

Valy’s gemalter „Tango“ huldigt dem Tanz und macht ihn gleichzeitig beinahe „gruselig“. Sie mystifiziert aber den Tango nicht, bildet auch nicht einfach nur die Tänzer ab, sondern räsoniert ihr, Valys, Empfinden beim Tango-Tanzen. Diese intensive Empfindung wird spürbar, wenn man die Bilder in Ruhe betrachtet, immer wieder die Augen schließend, sich intensiv verbindend mit dem visuellen Erleben von Valys Malerei-Zyklus. Gelingt es, wie von mir beschrieben, eine Synthese von Mensch/Betrachter und Bildwerken herzustellen, kann man ganz leise sogar die Musik „hören“, die Tango-Tänzer in den Bann zieht. „Der letzte Tango“ gestaltet sich ambivalent: Es kann sowohl „zuletzt“ gemeint sein im Sinne einer jüngsten, unvergesslichen Erinnerung, wie auch der letzte Tanz im Leben. Schön, dass wir als Betrachter hier Spielraum erhalten.

 

 

Um all dies, ihr Empfinden als Künstlerin, punktgenau zum Ausdruck zu bringen, hat Valy eine eigene Maltechnik erfunden. Statt Leinwand, Pinsel oder Ölfarben/Acryl zu verwenden, nutzt sie verschiedenste Lacke sowie Kunststoffplatten als Malgrund. [Die Malereien mit den Nummer 26 und 27, dieser Ausstellung „Verwirrung“ und „Geschrei“, gehören übrigens zu den ersten Bildwesen, die in der neuen Mal-Technik entstanden].

Malerei als Experiment, das von Valy gelenkt wird. Ohne Anspruch auf die Darstellung von etwas, das wir in der realen Welt wahrnehmen könnten, vom Künstler präsentiert, interpretiert oder überhöht. Die hohe Bedeutung von Valys Malerei wird erkennbar, wenn man Valys Bildwesen vergleicht mit herausragenden Darstellungen, die wir — um im Kontext „Tanz“ zu bleiben — in dem von mir im Jahr 2002 herausgegebenen Buch „Ein Porträt — Martin Schläpfer Ballettmainz“ finden.  — Guido Ludes gab den Impuls, dass junge Designkünstlerinnen in einer neuen Bildtechnik, dem Polaroid-Transform-Verfahren, Schläpfers Ensemble bei der Arbeit porträtierte. Das ist wohl gelungen. Schläpfer kommentierte: „…eine ganz eigene Sicht ist entstanden / eine Sicht, die mich berührt — Raum gibt / jede Bildgestaltung ruft in mir einen Text — eine Erinnerung / es geht um Tänzer — das ist für mich das schöne / auch das emotionale an dieser Arbeit“.

In der Tat, die Darstellung der Mitglieder im Ballett-Ensemble wirkt gelungen und beeindruckt kolossal.

Doch Valy setzt einen anderen Akzent und stellt klar: Ihre Kunst begnügt sich nicht damit, zu beeindrucken oder bestaunt zu werden, wie die teure Briefmarke im Album des Sammlers oder das Meisterwerk der Museumssammlung, das sich hinter Panzerglas schützen muss. Valy stellt sich in den Dienst des Fühlens, der tiefgreifenden Empfindung, die unser Innerstes berührt. Valy lässt historische Ereignisse wieder auferstehen, sowohl die Römerzeit als auch das Mittelalter aus Anlass des 1000-Jahr Jubiläums des Mainzer Doms. „der da, der die Könige krönt“ [Ausstellungsnr. 2, entstanden im Jahr 2009] zeigt zwei Bischöfe vereint, Erzbischof Siegfried III. von Eppstein und Erzbischof Peter von Aspelt. Es wurde im Mainzer MVB Forum bei der Ausstellung des Kunstverein Eisenturm erstmals gezeigt.

 

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Valy, Malerei 2009, ›der da, die Könige krönt‹. Foto: Klaus Benz

 

Seit 2003 hat Valy ihre eigene Maltechnik perfektioniert und variiert. In dieser Ausstellung, hier im Ingelheimer Kunstverein, hat sie Präziosen ihrer Bildwesen versammelt. Was sich naturgemäß in einer solchen Galerie-Ausstellung verschließt, ist der Kontext zum Umfeld der Entstehung von Valys Bildwesen. „Gesang der Frösche“  entstand auf dem Land, damals im Otterbacher Atelierhaus. Meine Frau Gunda Vera Schwarz und ich konnten die Bildtafeln 2013 auf der dortigen Gartenterrasse bewundern, umgeben von Bäumen, Sträuchern, Wildpflanzen; und rostigen Blechdosen, die das Farbklima aufgriffen und verstärkten. Es bleibt ein einzigartiger Sinnes-Eindruck, der immer wieder emporkommt, wenn man wie jetzt heute die Bilder wieder sieht. Kurzum, ein wahres Meisterwerk! Vor allem, weil es uns mit persönlichem Erleben verbindet.

 

 

Welches Innovationspotenzial Valys Maltechnik bietet, zeigt sich bei „Amerika“ und „Hiroshima lebt“ [Ausstellungsnummern 11 und 9, entstanden 2015]. — Zwei Bildwesen, die auf Aktuelles und Grauenvolles unseres Zeitgeschehens reagieren. Krieg, Gewalt, Katastrophen, der Wunsch nach Freiheit und Glück. Alles schon einmal da gewesen; aber wir haben nichts daraus gelernt und handeln wider besseres Wissen oder Grundsätze, die einst zu Demokratie, Mit-Menschlichkeit und Freiheit führten. Die Themen rührten Valy dermaßen an, dass sie nicht in der Lage war, in gewohnter Weise zu arbeiten. Sie erprobte eine neue Technik mit Schelllack, vertauschte positiv mit negativ. Entstanden sind ausdrucksstarke, grossartige neue Bildstrukturen und Sujets, die der Eindringlichkeit des jeweiligen Themas Rechnung tragen. Experimentierfreude ist dadurch kein Selbstzweck, sondern oberste Maßgabe, um der Malerin Valy zu ermöglichen, ihre Gefühle und Gedanken visuell auf höchstem Niveau mitzuteilen.

Valy sagt dazu: „Der Anfang meiner kreativen Arbeit ist spontan und intuitiv. Der Zufall bestimmt meine Formgebung. Die sich daraus entwickelnden Formen fordern mich, immer wieder wähle ich neue Wege, um letztlich Herrin der magischen Kräfte zu bleiben.“

 

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Brillante Fotoimpressionen von Klaus Benz.

 

Es ist ist daher kein Zufall, dass die Schelllack-Strukturen in einer Frühphase fotografisch dokumentiert wurden und in Kombination mit dem eigens geschaffenen, textlich-künstlerischen Manifest von Valy, genannt „Kunst DurchLeben“, gestaltet wurde, das an Valys gleichnamiges Katalogbuch von 2010 anknüpft. Diese neuartige, eigenständige, multimediale Form der Kommunikation über ihre Kunst und ihre Bildwesen zog bei der Ausstellung im Mainzer Rathaus im Dezember 2015 die Besucher in ihren Bann; und sorgte für ein Höchstmaß an Interaktion, wie man es selten in Galerieausstellungen erleben konnte. Das Ganze gelang durch die Kombination von Malerei, Text, Computeranimation und Print.

Dieses Manifest von Valy lässt uns teilhaben an dem, was sie in ihrer künstlerischen Arbeit wie auch in ihrem ganzen Leben bewegt und prägt. Es ist via Internet öffentlich zugänglich. Als Text im Blog, per Valys Facebook-Seite oder auf YouTube.

Dieses einzigartige Manifest zeigt, was Valy als Malerin, als Lehrerin und Professorin, als unermüdliche Kuratorin und Ausstellungsmacherin und quasi Kulturaktivistin geschaffen hat.

Auszug:

(1)
Ich will Neues gestalten, formen, verändern. Nur wenn ich forme, verändere ich. Ich provoziere, dass sich Materialien unvollständig ergießen, in der Flächenausdehnung gestört werden und erstarren. Das heißt, ich gehe von neu entstandenen Strukturen aus, die mir Halt geben, aber auch meine inneren Welten anregen, um darin spazieren gehen zu können.

(9)

Für mich war und ist die entscheidende Frage, im Rückblick auf meine jahrzehntelange Gestaltungsarbeit und Lehrtätigkeit, im Streben nach der Kunst/Existenz und Kunst/Qualität: „Was ist für mich geblieben, über welche Kräfte verfüge ich noch, vor allem: Wie viel Kraft ist mir vergönnt, um weiterhin schöpferisch zu sein?“ — 45 Jahre Power! Alles gegeben, vor allem um zu helfen, dass an der Hochschule junge Menschen selbständige Persönlichkeiten werden und dass sie selbst zu ihrer eigenen Persönlichkeit finden.

(10)

Die verbleibende Schaffenszeit trägt die Ungeduld, die sich in den Bildmotiven, der Farbigkeit und dem Neuerschaffen von Strukturen und Formen mitteilt.

 

Meine Damen und Herren, damit ist Vieles, wenn auch längst nicht alles gesagt. Der Rest liegt an uns. 

Nutzen Sie die Ausstellung, um sich mit allen Sinnen zu vertiefen, um mit und über Valys Bildwesen, die heute hier versammelt sind, zu reden. Und nicht nur um Eindrücke, sondern um persönliche Erkenntnisse mitzunehmen und in Erinnerung zu halten.

Valy und ich selbst möchten zum Abschluss an drei existentielle Fragen erinnern, die uns der große Symbolist Paul Gauguin 1897 mitgegeben hat und die stets für das was wir tun, was uns bewegt, eine Grundlage bilden können:

  • Woher kommen wir? 
  • Wer sind wir?
  • Wohin gehen wir?

Valy und ihre Malerei, ihre Bildwesen helfen uns, Antworten zu finden. Gerne auch gleich im Gespräch mit ihnen. Ganz persönlich.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

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Valy und Andreas Weber. Foto: Selfie!

 

ADDENDUM

Dr. Otto Martin hatte am 4. Mai 2016 eingeladen zum Jour Fixe des Kunstverein Eisenturm (KEM),  um mit Valy Wahl (seit langem KEM-Mitglied und im Vorstandsbeirat aktiv) durch ihre Ausstellung im Kunstverein Ingelheim zu führen. Rund 40 Gäste waren gekommen und zeigten sich begeistert und  fasziniert von den einfühlsamen und anregenden Erläuterungen und Gesprächen. So intim, persönlich inspirierend und detailgenau kann man sonst Kunstausstellungen kaum erfahrbar machen. Und im Anschluss wurde bei  gemeinsamen Abendessen munter weiter diskutiert. Kunsterleben vom Feinsten. — Nachfolgend einige Video-Impressionen (freihändig mit dem Smartphone von Andreas Weber aufgezeichnet).

 

 

 

 

 

 

 

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26. Mainzer Kunstpreis Eisenturm 2015.001

© 2015 Foto und Bildcollage: Andreas Weber, Mainz/Frankfurt am Main

26. Kunstpreis Eisenturm 2015

Steht der Begriff der Moderne immer noch für Innovation, Aufbruch, Zeitgeist, Fortschritt, Erneuerung – Avantgarde? Oder ist er zum einengenden Korsett und Dogma erstarrt und reflektiert den Pluralismus unserer Gesellschaft nicht mehr? Wie sehen Künstler die momentane Diskussion, die mittlerweile einen Großteil der gestalterischen Erzeugnisse der Zeit nach 1945 erfasst hat? 

Dies fragte der Kunstverein Eisenturm Mainz (KEM) mit der Ausschreibung seines 26. Kunstpreises 2015 im Rahmen seines 40-jährigen Jubiläums. Teilnahmeberechtigt waren alle Künstler/innen, die ihren Wohnsitz in Deutschland haben.

Hinweis: Der nachfolgende Text erläutert die hohe Bedeutung des diesjährigen Wettbewerbs, der speziell über Social Medien und die KEM Facebook-Seite eine grossartige Resonanz fand..Ausschreibung, Zwischenstand und Live-Berichte von der Preisverleihung fanden über 150.000 Viewers!

Provoziert von dem mehrdeutigen Titel und Ausschreibungstext haben sich fast 700 Künstler und Künstlerinnen am Wettbewerb um den Mainzer Kunstpreis Eisenturm beworben.

Die 39 in der Ausstellung im MVB-Forum vertretenen Werke haben sich von den Klassikern und Ikonen der Moderne inspirieren lassen. Gemäß Hans Belting werden Exemplare der Moderne zu Gegenwartskunst erst, wenn ihre nationale Provenienz zu Gunsten einer globalen Aussage aufgegeben wird, die den Zeitgeist erfasst. Demgemäß wurde aus dem Sammelbecken des www und mit den Mitteln zeitgenössischer Reproduzierbarkeit komponiert aber entgegen der Angst Walter Benjamins schließlich ein auratisches Kunstwerk geschaffen.

Zu den Abbildungen: Dietmar Gross, 1. Vorsitzender des Kunstvereins Eisenturm, und Daniela Schmitt, Regionalmarktdirektorin bei der Mainzer Volksbank, überreichten der Berliner Künstlerin Anne Grau am 5. November 2015 den mit 5.000 Euro dotierten ersten Preis. Der 2. und 3. Preis waren mit 3.000 Euro bzw. 2.000 Euro dotiert. Fotos: Klaus Benz

Preis 3 geht an Marcus Günther, der ein Bild aus Elementen der Pop Art und des Surrealismus schuf. Eine utopische Szene erinnert an die Mondlandung und an Science Fiction Serien wie Star Trek sowie Verschwörungstheorien. Andy Warhols Farbspektrum und plakative Werkeästhetik lassen an der Ernsthaftigkeit des Titels „Fakt“ zweifeln. Befinden wir uns in einer medizinischen Werkekampagne?

Preis 2 geht an Heike Negenborns Landschaft aus der Aufsicht mit dem Titel „Net-scape“. Nach einem historischen Browser benannt, zeigt sich die Netzlandschaft als verpixelte Darstellung aus einer Überwachungs- und Kontrollperspektive, die aufgrund von im Netz kursierenden frühen Drohnenaufnahmen möglicherweise kriegerisch konnotierbar ist. Die Bildästhetik der in Ölfarben ausgeführten Quadrierung verweist auf den impressionistischen Pinselduktus, den Pointillismus sowie die Zeitungsraster der Pop Art und schließlich auf nicht hochauflösende Digitalbilder aus dem Netz. Waren die Impressionisten aufgrund käuflich zu erwerbender Farbtuben flexibel in der Wahl ihrer Location geworden, sind Künstler heute aufgrund eines gewaltigen, globalen Bildarchives im Internet, das hier technisch reproduziert wurde, nicht nur flexibel in der Motivwahl sondern auch mobil.

Der 1. Preis geht an Anna Grau, die mit ihrem „Meister“ ein Meisterwerk geschaffen hat, das zugleich den Meister der Adaption älterer Kunst aktualisierend zitiert. Ihr Gemälde bringt „Les Demoiselles d‘ Avignon“ auf den neuesten Stand. Die rosa Periode Pablo Picassos wird pink-himbeere, zumal die Parade der Prostituierten zur Gayparade bzw. zur Präsentation eines Transsexuellen oder Transvestiten umgemünzt wird. Gemäß Belting gibt es seit dem Ende des Kolonialismus keine Primitiven und keine „Negerskulptur“ mehr und so übersetzt sie ihr Personal in einen Menschen mit Migrationshintergrund. Die kubistischen Rhomben und Dreiecke werden schließlich fragmentiert.

Stimmen und Meinungen zum Wettbewerb und der bis zum 11. Dezember dauernden Ausstellung werden per Link aufgeführt und fortlaufend ergänzt.

“Anna Grau siegt beim 26. Mainzer Kunstpreis Eisenturm”. In: Wirtschaft-News vom 6. November 2015.

Zur Ausstellung im MVB Forum 

Öffnungszeiten: Montag, Dienstag, Donnerstag von 8:15 – 18:00 Uhr, Mittwoch und Freitag von 8:15 – 13:00 Uhr im Forum der Mainzer Volksbank, Neubrunnenstraße 2, 55116 Mainz.

Impressionen von der Preisverleihung. Fotos: Klaus Benz.

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Foto: Aus der Einladungskarte für Reinhold Petermann zur Ausstellungstrilogie, Mainz 2015.

Reinhold Petermann: Retrospektive zum 90. Geburtstag an drei Ausstellungsorten

Eröffnung: Kunstverein Eisenturm: „Von der Fläche zur Form“
Zeichnungen und Plastiken von 1945 – 1985

Eröffnung: Freitag, 9. Oktober 2015, 19 Uhr

Begrüßung: Dietmar Gross, 1. Vorsitzender

Grußworte zur Ausstellung: Walter Schumacher, Kulturstaatssekretär des Landes Rheinland-Pfalz

Einführung: Reinhold Petermann

Kuratorin: Dagmar C. Ropertz, stellv. Vorsitzende

Dauer der Ausstellung: 10. Oktober bis 8. November 2015

Begleitveranstaltung im Eisenturm: 15. Oktober 2015, 19 Uhr
Gespräch und Führung durch die Ausstellung
„Reinhold Petermann und die Mainzer Künstler nach 1945“

Die Ausstellung im Kunstverein Eisenturm Mainz eröffnet die Retrospektive seines Ehrenmitglieds Reinhold Petermann mit dem zeichnerischen und plastischen Frühwerk. Exponate von 1946 bis 1985 zeigen seine erste Schaffensphase beginnend mit „der Stunde Null“ nach dem 2. Weltkrieg.

Die Ausstellung umfasst eine Vielzahl unbekannter Arbeiten, die erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden!

Weitere Ausstellungsorte:

— Rathausgalerie der Landeshauptstadt Mainz

— Galerie Mainzer Kunst!


Notizen zur Eröffnung im Kunstverein Eisenturm von Andreas Weber

Die frühmittelalterlichen Räume im Kunstverein Eisenturm Mainz (KEM) waren prall gefüllt. Mit einzigartigen Kunstwerken (Zeichnungen und Skulpturen) und Menschen. Rund 100 Gäste wohnten der Eröffnung der Retrospektive von Reinhold Petermann bei. „Ich möchte eine Verbeugung machen vor dem Künstler und seinem Werk!“, sagte Kulturstaatssekretär Walter Schumacher. Er freute sich zugleich, dass auch nach 40 Jahren der KEM hohe Wirkung und Strahlkraft erzielt. Kunst und Künstlern sowie Kunstinteressierte würden dadurch aufs Beste vereint. Der Künstler selbst konnte leider aus gesundheitlichen Gründen nicht anwesend sein, stellvertretend war die Familie erschienen. Und hat sich wunderbar engagiert. Der Schwiegersohn Prof. Dr. Dr. Hans-Georg Ziebertz trug einen von ihm aufzeichneten Text vor, den Reinhold Petermann zuvor per Tonband verfasst hatte.


„Unverwechselbar ausdrucksstark, treffsicher in der Form, versöhnlich im Ausdruck“

Die KEM-Ausstellung stellt das Frühwerk des Künstlers bis zum Jahr 1985 in den Fokus, wie Dietmar Gross, 1. Vorsitzender des KEM, erläuterte. Er dankte dem Amt für Kultur und Bibliotheken der Stadt Mainz, vertreten durch Martin Paul Janda von der Kulturabteilung, sowie dem Galeristen Rolf Weber-Schmidt und der Kuratorin Dagmar Ropertz, stv. Vorsitzende des KEM, für ihr unermüdliches, wenn auch nicht immer einfaches Engagement bei den umfangreichen Vorbereitungsarbeiten. Galt es doch bei gleich drei Ausstellungen (im KEM, in der Mainzer Rathaus-Galerie sowie in der Galerie Mainzer Kunst), die simultan geplant wurden, viele spezifische Interessen unter einen Hut zu bekommen.

Das Ergebnis ist beeindruckend: Erstmals konnten im KEM flankierend zu Skulpturen als Vergößerungen dargestellt Zeichnungen aus einem kleinformatigen Skizzenbuch gezeigt werden, die 1946 entstanden sind, als Reinhold Petermann sein Studium an der Landeskunstschule in Mainz begann. Selten und einzigartig, so die Resonanz aus dem Publikum, dass ein Bildhauer wie Reinhold Petermann so variantenreich und vielseitig arbeiten kann. Und das über mehr als 70 Jahre hinweg.

Welche Bedeutung das Schaffen von Reinhold Petermann hat, legte die Tochter Barbara Petermann mit ihrer Buch-Dokumentation dar. Titel: „Am Anfang war das Holz — Ein Künstler wird 90 Jahre“ (MedienVerlag Reiser, Hardcover, 190 Seiten, 24,00 Euro; Bestellungen im Buchhandel oder über www.reinhold-petermann.de).

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In der Buchankündigung heisst es: „Wie kommt ein junger Mensch in den letzten Kriegsjahren dazu, sich die Welt zu erschnitzen? Wodurch definierte sich die künstlerische Avantgarde der Nachkriegszeit? Inwieweit zehrt der Meisterschüler Emy Roeders bis heute von deren Erfahrungen? Welcher Art war seine Begegnung mit Karl Schmidt-Rottluff? Wovon hat der junge Künstler sich distanziert? Wo liegt der Fokus seines Schaffens? Was verbindet das Figürliche mit dem Abstrakten? Und was hat es mit den „nackten Weibern“ auf sich? Diese und viele andere Fragen um den Künstler Reinhold Petermann, sein Schaffen und seine Zeit beantwortet die Tochter des Bildhauers, Barbara Petermann, in dieser reich bebilderten Dokumentation.“

Und Barbara Petermann schreibt dazu in der Einleitung: „Anfänglich war es der reine Spieltrieb des kleinen Jungen aus Boos an der Nahe, der ihn veranlasste, Rennwagen der Marke Mercedes oder Flugzeugmodelle zu schnitzen. Baumrinde, die er von seinen Streifzügen in den umliegenden Wald mitbrachte, war sein Material.

Auch wenn er bereits als Vierjähriger fasziniert die Arbeiten in einer Steinmetzhütte bewunderte, so sollte Reinhold Petermann sich noch lange Zeit auf Holz beschränken und darin seine Stärke entdecken, sich Dinge anzueignen, indem er es mit dem Messer in die gewünschte Form brachte. Bei den alten Höhlenmalereien sei es ähnlich gewesen, sagt er. Die Menschen hätten damit die Ordnung der Dinge zu begreifen versucht, um sie sodann in ihre eigene zu übersetzen.

Mehr als 70 Jahre später kann Reinhold Petermann auf ein Leben voller Plastiken und Bilder blicken, mit denen er sich die Ordnung der unterschiedlichsten Gegebenheiten, Zustände und Motive angeeignet hat. Mittlerweile sind sie aus Eisen, Bronze oder Polyester, gegenständlich oder abstrakt. Jedes Mal aber erkennt man den Übersetzer in seinem Werk und das nicht nur bei den ‚nackten Weibern‘, die es ihm immer so angetan haben. Nein Hunde, Katzen, Frösche, Vögel und Pferde sind auch dabei. Kirchenausstattungen und Brunnengestaltungen, es gibt viele Petermänner klein als Standplastik oder am öffentlichen Bau themenbezogen aber eben doch ein Petermann. Unverwechselbar ausdrucksstark, treffsicher in der Form, versöhnlich im Ausdruck, ruinös in der Oberfläche oder konsequent durchgestaltet.“

Neben dem Buch gibt es übrigens ein ungebrochen starkes Echo in den Sozialen Medien zu Reinhold Petermann und den ihm gewidmeten Mainzer Ausstellungen. Die Ausstellungsankündigungen sowie die Kurzdokumentationen der Eröffnung im KEM am 9. Oktober 2015 wurden von vielen tausenden Menschen angesehen und auch von vielen hunderten kommentiert per „Gefällt mir“ und geteilt. Fazit: Erlesene Kunst, erstklassige Ausstellungskonzepte und die zeitgemäße vernetzte Kommunikation darüber bilden eine wirksame Einheit.

Hinweis: Andreas Weber, Beirat und Vorstandsmitglied im KEM, hat ad hoc eine Videodokumentation der Eröffnung im KEM erstellt, die per YouTube angeschaut werden kann, inklusive Ausschnitten aus den Einführungsreden. 

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