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Tag Archives: Stadt Mainz

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Valy: Der da, der die Könige krönt. Malerei, 140 auf 100 cm, 2009

 

Im Vorfeld zur Eröffnung der Ausstellung „Valy — Kunst DurchLeben“, die am 1. Dezember 2015 eröffnet wird, möchte ich an meinen Vortrag vom 1. Juni 2010 erinnern, als die „Retrospektive“ mit rund 100 Arbeiten aus knapp 50 Schaffensjahren von Valy im Mainzer Rathaus eröffnet wurde. Zur Ausstellung wurde erstmals ein Buch als Werkverzeichnis publiziert, das ihren Werdegang aufzeigt. Dem Buch sind die gezeigten Bilder entnommen, die perfekt auf die neuen Arbeiten einstimmen..  —Andreas Weber

 

 

„Die ich rief, die Geister, Werd’ ich nun nicht los.“ 

J. W. von Goethe, Der Zauberlehrling, Weimar, 1797

 

Die Künstlerin, die es zu entdecken, zu erfahren und zu bewundern gilt, ist Valy Wahl, vielen auch als Valy Schmidt-Heinicke bekannt. Valy hat ihre ganz eigene Zauberformel gefunden, ohne jemand heimlich zu belauschen oder zu kopieren. Das Resultat ist ein eigenständiges Werk, das sich mit den ganz großen der Kunst- und Kulturgeschichte messen lassen kann. Kaum eine andere Künstlerpersönlichkeit hat sich so konsequent und zielstrebig entwickelt, um es zur Meisterschaft zu bringen. Kunstgeschichtler werden sich die Zähne an Valy ausbeissen. Denn Valy ist ikonographisch und ikonologisch nicht einzuordnen. Überhaupt, Denken nach Schema F ist ihr nicht nur fremd, sondern vermutlich auch zuwider. Künstler und Kunstsinnige lieben Valy, weil sie uns unverblümt, geradezu kompromisslos ihre Sicht der Dinge mitteilt und uns wachrütteln kann. Valy versteht es, das kunsthandwerkliche mit dem freien künstlerischen Schaffen und Experimentieren zu verweben. Obgleich (oder weil?) sie in der Pfalz, in Kaiserslautern, geboren ist, liebt sie das Kommunizieren, ohne jemals geschwätzig zu werden. Ihre Kreativität, ihr Gestaltungswille, ihr Mitteilungsbedürfnis, ihre Lebensfreude, ihre Kraft und Ausdauer, ihr Mut, ihr Engagement für andere sind beispielhaft. Valy versteht es dabei, sich als Person zurückzunehmen und gleichzeitig präsent zu sein.

Sie entfacht mit ihrer Kunst einen stillen oder besser: lautlosen Dialog. Und sie erschließt uns Kulturräume, sie stellt Dinge in den Kontext und begibt sich auf viele „Spielwiesen“ und Entdeckungsreisen. Ohne dogmatisch zu sein oder sich den Regeln eines kommerziell getriebenen Kunstbetriebs zu beugen, bezieht Valy eine klare Position, gerne auch polarisierend: Valy versteht es, aus Kunst nachhaltige Kommunikation in höchster Vollendung werden zu lassen. Allein ihr druckgrafisches Werk genügt, um als Beweis herangezogen zu werden. Plakate, Fotoarbeiten, gedruckte Publikationen greifen wichtige Themen auf und stellen kulturgeschichtlich orientierte Meilensteine dar. Mehr als 25 Jahre hat Valy ihr Engagement in den Dienst der Kommunikation gestellt. Als Dozentin und Professorin unterstützte sie an der Fachhochschule Mainz ganze Hundertschaften von Kommunikationsdesignern beim Finden des richtigen Weges und bei der Ausgestaltung künstlerischer Fähigkeiten. Lautlos und im Stillen Dialoge zu führen, heisst eben nicht, stumm oder wirkungslos zu sein. Dies ist umso wichtiger, da die Kommunikationswirtschaft in ihrem Werbegelderrausch laut und schreiend uns alle dermaßen belästigt, dass wir auf der Flucht sind.

Flüchten oder Standhalten?

Gute Frage. Valy stellt sich den Dingen. Valy gestaltet. Valy bezieht Position. Valy schafft es, zweidimensionales mehrdimensional erscheinen zu lassen. Und sie stellt Bezüge her, die ungewöhnlich sind, um den Assoziationen freien Lauf zu lassen.

Valy sagt über ihre Kunst: „Der Mensch steht im Vordergrund. Die Befindlichkeiten der menschlichen Empfindungen, von innen oder außen geprägt, spielen eine ent-scheidende Rolle. Das Miteinander oder Gegeneinander bieten starke Kontraste, die dann auch entsprechend hart formuliert werden müssen. Gesellschaftliche und persönliche Erfahrungen fordern heraus, diese bildnerisch zu beschreiben. Meist treibt innere Unruhe oder Unzufriedenheit über Qualitäten die kreative Arbeit an.“

Dieser Impetus der Künstlerin verlangt nach neuen, ausdrucksstarken malerischen Inszenierungsmöglichkeiten. Dazu hat Valy eine ganz eigene Maltechnik erfunden, die eher an Fresco, als an Tafel- oder Leinwandmalerei erinnert. Die fünf bis zehn Millimeter starken, mit Papier kaschierten Kunststoffplatten, bieten eine samtweiche, glatte Oberfläche. Recycling-Klarlack wird aufgetragen, je nachdem eingefärbt mit Pigmenten. Der Auftrag erfolgt spontan und rhythmisch, teilweise abgehoben. Die Suche und Auswahl bildnerisch-substantieller Motive erfolgt intuitiv, oft liegen Skizzen zugrunde. Darüber wird nicht mit Pinsel oder Spachtel gemalt, sondern mit einer Tube, die klaren Gummikleber enthält. Dadurch werden strukturelle Formationen den skizzierten Motiven angenähert. Im Anschluss wird Druckfarbe mit einem Lappen über beinahe die komplette Bildfläche verteilt. Sodann wird der Gummikleber entfernt. Mit der Druckfarbe und dem Lappen werden die Formen konkretisiert und bearbeitet. Weitere Effekte ergeben sich daraus, wie etwa Mehrschichtigkeit und Transparenz. Diese Maltechnik ist nicht zu kopieren, weil sie nur funktioniert, wenn die der Künstlerin eigenen Arbeitsabläufe und Methoden hinzugefügt werden – vom Sehen und Wahrnehmen bis zur Modulation und Bestimmung der Inhalte.

 

 

Mainz als Brennpunkt künstlerischer Schaffenskraft

Beginnend mit Schrift-, Schreibübungen und Plakatentwürfen seit 1957, weitergeführt von Plakaten aus der Zeit seit 1974 reihen sich dutzende Arbeiten ein. Denn bei allen Stadtgeschichte-Ausstellungen für die Stadt Mainz, wurde ein Gesamterscheinungsbild konzipiert, gestaltet und realisiert. Dazu gehörte die didaktische Aufbereitung des Archivmaterials der jeweiligen Thematik, Gestaltung der Ausstellung, Plakat, Einladungskarte und Katalog.

Themen sind Juden in Mainz, Deutsche Jakobiner, Deutschland und die Französische Revolution, Die Mainzer und ihr Rathaus sowie Die Mainzer Kunstszene nach der Stunde Null 1945 – 1954, um nur einige zu nennen.

Siebdrucke wie die Pi-Serie von 1978 kommen hinzu, die als freie künstlerische Arbeiten entstanden, ebenso Fotografien. Reisebilder und Reiseberichte führen uns nach Valencia (2005) oder ins ferne Japan (Fotografien von 2007). Entstanden sind aber auch Blei und Glasarbeiten sowie Kooperationsprojekte wie mit Hendrik Liersch und Ute Eckenfelder aus dem Jahr 2009.

Auf einen wichtigen Punkt will ich aber hinweisen. Die Nähe von Valy zur Literatur und Poesie, ebenfalls eine lautlose, aber äußerst mächtige und klangvolle Form der Kommunikation.

 

„Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib’ im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.“ —Goethe: West-östlicher Divan, Buch des Unmuts

 

Entstanden ist in einer an den Symbolismus angelehnten visionären Bildsprache eine alptraumhaft-chaotische Welt des Triebs und des Horrors. Maldoror erscheint in immer neuen Metamorphosen und Masken und präsentiert sein Ich als allegorisches, vampirisch-destruktives Leitbild. Er symbolisiert die Inkarnation des Bösen selbst, ein schwarzer, zerschmetterter Erzengel von unsagbarer Schönheit, der dem Menschen (Leser) seine eigene Hässlichkeit vor Augen führt. Comte de Lautréamont lässt Maldoror sagen: „Ich bediene mich meines Geistes, um die Wonnen der Grausamkeit zu schildern, keine flüchtigen, künstlichen Wonnen, sondern solche, die mit den Menschen begonnen haben, die mit ihm enden werden.“ Die archaischen Metaphern der Gesänge sind nicht als Vergleiche aufzufassen, sondern als Annäherung von zwei mehr oder weniger voneinander entfernten Wirklichkeiten, wie seinerzeit die Entdecker von Comte de Lautréamont, die Dichter Paul Éluard, Louis Aragon, Philippe Soupault und André Breton herausstellten. Breton übernahm Passagen der Gesänge in seine Anthologie des schwarzen Humors: „Die Grenzen sind gefallen, in denen Worte in Beziehung zu Worten, Dinge in Beziehung zu Dingen treten können. Ein Prinzip ständiger Verwandlung hat sich der Dinge wie der Ideen bemächtigt und zielt auf ihre totale Befreiung ab, die die des Menschen impliziert.“ Comte de Lautréamont hinterließ mit seinem Werk ein verwirrend-verrätseltes Vexierspiel, das die Erwartungshaltung des Lesers immer wieder untergräbt.

Apropos. Da ist noch Der Zauberlehrling: 

»In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid’s gewesen.
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
Erst hervor der alte Meister.«

 

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KEM-Gedanken Kunstpreis 2015.001

“Der 26. Mainzer Kunstpreis hat wesentlich dazu beigetragen, sich dem komplexen Thema „Kollaps der Moderne?“ konstruktiv-kritisch anzunähern, um eine Position finden zu können. Und die heißt für mich persönlich (#JeSuisAndreas): Den eigentlichen „Kollaps der Moderne“ — den verursach(t)en wir selbst! Wir, die wir in Silos denken, die wir uns voller Impetus solidarisch erklären mit was auch immer, ohne uns für die Sache persönlich zu engagieren oder die Hintergründe zu erfragen. Die wir eine Kultur der Ignoranz entwickelt haben, als Mitläufer in einer post-industriellen Wissensgesellschaft, die nicht mehr verstehen will und kann. Und sich mehrheitlich von der bildenden Kunst und ihren Erschaffern nicht nur distanziert,  sondern ihnen das Gespräch, den Dialog verweigert. Getreu dem Motto: „Ein Bild spricht für sich selbst“ — Puh. Wie dumm ist das denn?” —Andreas Weber

Die Ausschreibung des 26. Mainzer Kunstpreis Eisenturm — Hans-Jürgen Imiela Gedächtnispreis mit der Verleihung am 5. November 2015 hätte keine dramatischere Widerspiegelung durch die normative Kraft des Faktischen erfahren können. Acht Tage nach der Ausstellungseröffnung im Mainzer MVB Forum verdeutlicht die hinterhältige Terror-Anschlag-Serie in Paris als unangefochtene Kulturhauptstadt der Moderne, dass und in welchem Ausmaß unsere Kultur und damit unsere Gesellschaft und unser aller Leben am Abgrund stehen und kollabieren. Die wichtige Frage manifestiert sich sich: Welchen Beitrag können in diesem Kontext bildende Künstler, speziell per Malerei, leisten?

Das diesjährige Kunstpreis-Thema „Kollaps der Moderne?“ trifft den Nerv der Zeit und war so attraktiv in ganz Deutschland, dass über 650 Künstler ihre Malereien einreichten. 39 Finalisten wurden präsentiert, davon drei Gewinner. Spiegelt man nun die drei Gewinnerarbeiten mit dem, was sich am 13. November 2015 in Paris abspielte, wird es spannend und interessant, weil dies sozusagen ein „Proof of Concept via Worst Case“ darstellt. Auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Perspektiven, wovon ich drei herausgreifen möchte:

  1. Wie wurde das Wettbewerbsthema aufgefasst, umgesetzt und verstanden?
  2. Wie können die Künstler und ihre Arbeiten zur aktuellen Situation beitragen und uns aus einer existentiell bedrohlichen Dauerkrise heraus leiten?
  3. Räumt die Gesellschaft — und mit ihr die wichtigsten Kräfte, die entscheidungsbefähigt sind, um unser gemeinsames Schicksal zu lenken — der Kunst überhaupt adäquat Raum ein? Oder wird Kunst als Unterhaltungsprogramm bewertet, sozusagen für Schönwetter-Perioden?

Zu Letzterem zuerst: Über 50 Prozent der deutschen Bevölkerung lehnen es ab, sich in Museen oder Galerien oder Künstlerateliers zu begeben. Sie räumen damit der bildenden Kunst keinen Stellenwert in ihrem Leben ein. Von den verbleibenden fast 50 Prozent gehen wiederum nur etwas mehr als die Hälfte in Museen, Galerien, Kunsthallen und -vereine, um Sammlungen oder Ausstellungen anzuschauen. Noch weniger, höchstens fünf Prozent der deutschen Bevölkerung, kaufen gelegentlich oder sammeln beständig Kunstwerke. Selbst in den Sozialen Medien fehlt der Bezug zur bildenden Kunst auf breiter Ebene. Und das, obgleich sich Hunderttausende Deutsche wie immer bei Katastrophen, Terroranschlägen und unmenschlichen Grausamkeiten in den Online-Foren tummeln und aktiv beteiligen. Das, was Künstler wie Otto Dix, Max Beckmann, Picasso und viele, viele andere bis heute beigetragen haben, um unser Verständnis zu wecken und das Bewusstsein gegen Krieg, Terror, Gewalt und Mord zu schärfen, bleibt ausser acht. Ebenso die Fähigkeit von Künstlern nicht nur retrospektiv Erlebtes aufzuarbeiten, sondern „Bedrohliches“ zu antizipieren. Bevorzugt wird, dass man eigene Bilder schafft. Im Januar und Februar 2015, nach dem feigen Anschlag auf die Satiriker von Charlie Hebdo tönte es millionenfach per Bild/Foto-Post: #JeSuisCharlie“. Nunmehr, nach den Terroranschlägen des 13. November 2015, passiert ähnliches.

Bewirkt hat dieses m. E. nach falsch verstandene kollektive Bewusstsein wenig bis nichts. Denn keiner von uns ist „Charlie“. Wir sind alle jeweils immer wir selbst. Sich per #JeSuisCharlie zu tarnen, heisst, sich ein Alibi zu geben, ohne selbst etwas aktiv gegen Missstände zu unternehmen. Und, da es so gut tut, sich solidarisch zu zeigen, machen wir so weiter. Die tragische Logik scheint zu sein: Wenn es schon nicht wirkt, was wir tun, indem wir die Kunst und die Künstler ausblenden, führen wir das gerade so fort. Millionen Facebook-Nutzer überblenden seit dem 13. November 2015 ihr Porträt mit der französischen Nationalflagge. Die wenigsten äußern sich konstruktiv dazu, was getan und geändert werden muss, damit so etwas nicht mehr passiert. Im Gegenteil: Ohne wirklich zu wissen, was man tut, konterkariert man das Schaffen der Künstler, die genau wissen worum es geht. Das Gemälde „Charles de Gaulle“ des in Sidney, Australien, geborenen, Libanon-stämmigen Künstlers Sid Chidiac www.sidchidiac.com ist ein Beleg dafür und zerlegt subtil, wie inhaltlich und personal beliebig/austauschbar solche Selbst-Mach-Bild-Solidaritäts-Bekundigungen sein können. Sid Chidiac lässt De gaukle vor der französisches Flagge posieren. Das „Rouge“ der Tricolore tropft hinab auf seine Uniform und verwandelt sich in Blut! — In Paris selbst würde aktuell ein Besuch im Grand Palais bei „Picasso.Mania“ zeigen, wie sich Picasso, der Meister der Moderne, mit dem „Kollaps der Moderne“ zu seiner Lebenszeit auseinandersetzte. Und wie Künstler rund um die Welt auf ihn und sein Werk reagierten. Aber all dies scheint momentan vergessen oder wird nicht beachtet.

Das traurige Ergebnis zu Punkt 3: Die Gesellschaft räumt der Kunst, speziell der Malerei, keinen gebührenden Raum ein. Malerei ist und bleibt „L’art pour l’art“. Quasi etwas von Schön-Geist-Eliten für Schön-Geist-Eliten. — Etwas läuft also falsch! Wir müssen dringend gegensteuern. 


Kommen wir zurück auf Punkt 1: Wie wurde beim 26. Mainzer Kunstpreis Eisenturm das Wettbewerbsthema aufgefasst, umgesetzt und verstanden?

Der Andrang zur Kunstpreis-Ausstellungs-Eröffnung im Mainzer MVB Forum war groß, die Ambitionen hoch (siehe meinen separaten Bericht zur Eröffnung: “Meister der Adaption”). Denn seitens der einst von Mainzer Bürgern gegründete Bank MVB als tatkräftiger Förderer, der Stadt Mainz als Partner sowie der Mitglieder und des ehrenamtlichen Vorstands des Kunstverein Eisenturm Mainz (KEM) als Initiatoren erfolgte ein außerordentlich hohes Engagement. Galt es doch, den 26. Kunstpreis im 40. Jahr seit Gründung des KEM gebührend zu würdigen. Ob in der Breite, bei den beteiligten Künstlern wie bei den Besuchern, das Wettbewerbsthema im Sinne der Ausschreibung richtig und umfassend aufgenommen wurde, bleibt fraglich, liegt aber nicht in der Verantwortendes KEM. Das klingt hart, ist aber als konstruktiv-kritischer Einwand berechtigt.

Zur Erinnerung — Dies fragte der Kunstverein Eisenturm mit der Ausschreibung seines 26. Kunstpreises „Kollaps der Moderne?“:

„Steht der Begriff der Moderne immer noch für Innovation, Aufbruch, Zeitgeist, Fortschritt, Erneuerung – Avantgarde? Oder ist er zum einengenden Korsett und Dogma erstarrt und reflektiert den Pluralismus unserer Gesellschaft nicht mehr? Wie sehen Künstler die momentane Diskussion, die mittlerweile einen Großteil der gestalterischen Erzeugnisse der Zeit nach 1945 erfasst hat?“

Betrachtet man die Finalistenarbeiten insgesamt, zeigt sich, dass sich die Künstler mit der Moderne schwer tun. (Anders die Gewinner:  Die drei gewählten Preisträger stellen sich würdig und herausragend dar! Siehe unten.) Von Innovation, Aufbruch, Fortschritt, Erneuerung, Avantgarde zeigte sich mehrheitlich kaum etwas. Die meisten der Finalisten frönen dem Zeitgeist. Also einem aus meiner Sicht unsäglichen Begriff, der das o. g. #JeSuisCharlie-Syndrom befeuert: Etwas zu tun in bester Absicht, ohne auf die Sinnhaftigkeit zu achten. Diesem Prinzip folgte auch die Laudatio am Preisverleihungs-Abend. Mit dem leider kläglichen Versuch, die eingereichten Arbeiten in einen kunsthistorischen Kontext einzuordnen. Dabei wurden Bezugssysteme aufgebaut, die missverständlich waren, auf die fälsche Fährte führen und bei den beteiligten Künstlern mitunter nur Kopfschütteln verursachten.

Übrigens: Der 1999 verstorbene Prof. Wilhelm Weber, Maler, Kunsthistoriker/Professor und Museumsdirektor (zuletzt am Landesmuseum Mainz) wurde nie müde, das Bonmot von Otto von Habsburg zu zitieren: „Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, ist morgen verwitwet!“. Recht so!

Insofern ist die Frage „Kollaps der Moderne?“ unmittelbar verbunden mit der Frage „Kollaps der (gängigen) kunsthistorisch-medialen Interpretation der Moderne?“. Dies spricht für die Hilflosigkeit und durchaus auch Ignoranz bei (professionellen) Interpreten moderner bildender Kunst, die  ihr Fachwissen über das Talent der lebenden Künstler stellen, die direkt gar nicht mehr befragt werden. Dieser Dialog-Ausschluss erhält einen Multiplikationseffekt durch die sich darauf beziehende Zeitungsberichterstattung über den 26. Mainzer Kunstpreis. Es wurde auf Basis der Laudatio der Ausstellung und den beteiligten Künstlern ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Unter der Überschrift „Fragezeichen unter schönen Farben“ nahm die Reporterin Marianne Hoffmann einen Verriss vor. Auszug: „Was gezeigt wird, ist brave Malerei, ohne Ecken und Kanten, technisch perfekt. Ein einziges Mal hat es einer gewagt, den „Kollaps der Moderne” [sic! — Das wichtige Fragezeichen nach Kollaps wurde vergessen!] auf zwei Kartons in Acryl darszustellen [sic!], wobei dem Menschen auf Karton I ein Messer ins Gesicht gerammt wird. Überhaupt, ist das nicht ein Edward Hopper, ein Zitat nach René Magritte, Roy Lichtenstein, Marcel Duchamp, Georges Braque oder Max Bill? Das solllte [sic!] jedenfalls dort zu sehen sein, geht es nach der Kunsthistorikerin Sabine Idstein. Sie verstieg sich sogar so weit, dass sie das Werk der Künstlerin Anna Grau aus Berlin, die den ersten Preis erhielt, so beschrieb: „Ihr Gemälde bringt ,Les Demoiselles d’Avignon’ auf den neuesten Stand.” Gezeigt wird ein Mann oder eine Frau mit wulstigen Lippen und üppiger Frisur, betrachtet durch ein Butzenglas, das die Konturen so schön verwischt und die verwendeten Rot- bis Pinktöne so schön leuchten lässt. Heike Negenborn aus der Nähe von Bingen bringt ihre „Net Scape” [sic!] verdrahtete Landschaft auf Platz zwei, und Marcus Günther, der Kulissenmaler aus Düsseldorf, schafft es mit Pink und Grün und dem Sujet „Science Fiction” auf Platz drei. Helles Pink, zwei Menschen in grasgrünen Raumanzügen, ein eye-catcher. Was Andy Warhols Farbspektrum und plakative Werbeästhetik mit diesem Werk gemeinsam haben, das scheint der Kollaps der Moderne zu sein.“

Das für mich Ärger und Erstaunen provozierende Ergebnis zu Punkt 1: Das wichtige, angemessene und wegweisende Thema des 26. Kunstpreises „Kollaps der Moderne?“ konnte nicht adäquat verstanden werden, weil die Kommunikation darüber kunsthistorisch eitel-verbrämt und damit irritierend missverständlich geführt wurde. Es stellt sich die berechtigte Frage: Warum hat für die Laudatio und die Pressekritik niemand die Preisträger selbst und direkt angesprochen? Sie waren verfügbar. Und bei der Preisverleihung persönlich anwesend. Es hat sie nur keiner zu Wort kommen lassen. Damit wird Ihnen die angemessene Bedeutung geraubt. Dies könnte postum Hans-Jürgen Imiela, an den der Mainzer Kunstpreis Eisenturm erinnert, einen Temperamentsausbruch bescheren. 

Bildschirmfoto 2015-11-15 um 17.34.53Dabei sind Gespräche mit Künstlern und unter Künstlern so wichtig.

Genannt sei nur das legendäre sog. „Ravensburger Gespräch“ von Joseph Beuys mit dem Autor Michael Ende („Momo“) im Jahr 1982 zu „Kunst und Politik“.

Beuys, jahrzehntelang die schillernde, redegewandte Figur der deutschen Nachkriegs-Moderne und Vater des „Erweiterten Kunstbegriffs“, sagte im Gesprächsverlauf zu Michael Ende: „Jeder Mensch ist ein Künstler“; worauf Ende, der durchweg substantiell tief gehender argumentierte als Beuys, diesen aufklärte: „Jeder Mensch ist ein Mensch!“

Foto. Andreas Weber, Mainz/Frankfurt am Main

Die Preisträger folgen (stumm) der Laudatio. Foto. Andreas Weber, Mainz/Frankfurt am Main

Kollaps der Moderne: „Wir machen die Kunst und die Künstler sprachlos!“

Die PreisträgerInnen hätten zu den o. g. Punkten wie auch ihrem Schaffen selbst Antworten und Gedanken beitragen können. V. a. durch die Frage: „Wie können die Künstler und ihre Arbeiten zur aktuellen Situation beitragen und uns aus einer existentiell bedrohlichen Dauerkrise heraus leiten?“

Marcus Günther, von der Mainzer Zeitungskritik als „Kulissenmaler aus Düsseldorf“ abgetan, hätte den bewusst provokativen Stil seines Gemäldes „Fakt“ als Drittplatzierter verständlich erläutern können. Aus meiner Sicht ungefähr so: „Eine Candy-Cinderella-Welt, die wir Modernen uns schaffen, findet durch Malerei ihre Entsprechung!“ — Heike Negenborn hätte nicht nur zur Intention ihres Gemäldes „Net-Scape“ verbal Auskunft gegeben, ohne den Betrachter plumb vereinnahmen zu wollen. Sie hätte auch kundgetan, was sie auf ihrer Facebook-Seite im Nachgang äusserte: „Mein Beitrag zum Hans-Jürgen Imiela-Gedächtnispreis: ‚Net-Scape – Landschaft im Wandel‘ 2014, Acryl auf Leinwand, 125 x 150 x 6 cm — In Gedenken an Prof. Hans-Jürgen Imiela ist es mir noch ein besonderes Anliegen zu erwähnen, dass ich das Glück hatte, ihn noch persönlich kennen- und schätzen gelernt zu haben. Im Rahmen meines Kunststudiums an der Akademie für Bildende Künste in Mainz habe ich zahlreiche seiner höchstinformativen und mitreißenden Kunstgeschichtsseminare und -vorlesungen besucht. Viele Generationen von Studenten und Interessierten verdanken ihm noch heute ihr kunstgeschichtliches Wissen. Bei einigen meiner eigenen Ausstellungen hatte ich sogar die Ehre, ihn persönlich begrüßen zu dürfen (u. a. zur Verleihung des Mainzer Stadtdruckerpreises 1998 und zu meiner Stipendiatenausstellung in Bad Münster am Stein–Ebernburg 2004). Für mich hat der Hans-Jürgen Imiela-Gedächtnispreis in Erinnerung an diesen einzigartigen Menschen eine ganz besondere und persönliche Bedeutung.“ — GROSSARTIGES STATEMENT! Denn Heike Negenborn bringt zum Ausdruck, dass sie Dank des persönlichen Kontakts zu einem überaus kundigen, sich der klassischen wie der zeitgenössischen Moderne verpflichtenden Kunstwissenschaftlers und langjährigen KEM-Vorsitzenden keinen „Kollaps der Moderne“ für sich selbst erfahren musste! Im Übrigen: Die von Dr. Otto Martin und mir mitherausgegebene Festschrift für Hans-Jürgen Imelda zu dessen 70. Geburtstag im Jahr 1997 trug auf Imielas Wunsch den Titel „Rück-Sicht“! 

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Anna Grau vor ihrem Gemälde „Meister“, das den 1. Preis erhielt.

In der persönlichen Auseinandersetzung mit der 1. Preisträgerin, Anna Grau, hätte man erfahren können, was sie empfindet, wenn sie malt. Sie antwortete mir im persönlichen Gespräch, beim Zusammensein nach der Preisverleihung, auf die Frage „Was machst Du, wenn Du malst? Denkst Du an Picasso und seine Les Demoiselles D’Avignon?“ kurz und knapp und mit einem versonnenen Lächeln: „Ich male Gefühle!“. Diese Gefühlswelt ist die einer Russin, die als 15-jährige nach Berlin kam und dort seit 20 Jahren lebt. Eine Tochter hat. Die als Europäerin fühlt und denkt! Die Entwicklungen in ihrem Geburtsland mit großer Sorge sieht, sich bisweilen ohnmächtig fühlt. Die nicht immer mit der Welt, in der sie lebt, zurecht kommt, auch wenn es eine freiheitlich-demokratisch-rechtsstaatliche ist. Hätte man sie direkt gefragt, zu Putin und der Re-Sowjetisierung Russlands, sie hätte gesagt: „Oh nein ich male keine politischen Bilder. Mich interessiert der Mensch mit seinen Tiefen und Leidenschaften und Schwächen.“ Sie hätte gesagt, wie wichtig Malerei für sie ist. Gerade in einer „digitalen Welt“. Sie hätte gesagt, dass ihr in Mainz prämiertes Werk „Meister“ eine Sonderrolle in ihrem Schaffen spielt — weg von realistisch-surrealer Darstellungsweise hin zur Emotion pur! (Etwas, was sich dem Betrachter nur erschließt, wenn er andere Werke von Anna Grau sehen kann, was in Mainz nicht möglich sein kann). — „Hast du vergessen? Ich male Gefühle!“

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Kollaps der Moderne? — In Mainz kann man dies derzeit (wie auch schon über die Jahrhunderte hinweg) hautnah nachvollziehen. 

Zeitgleich mit der Ausstellung zum 26. Mainzer Kunstpreis Eisenturm arbeitet die Mainzer Malerin Fee Fleck an einem monumentalen Gemälde-Zyklus zum Thema „Drohnen“, also jenen fliegenden Kampfsystemen, die ferngesteuert in Krisengebieten wie Afghanistan, Irak, Jemen oder Syrien Tod und Verderben per Joystick bringen. Da der Gemälde-Zyklus im Ganzen noch nicht fertig gestellt ist, traute sich das langjährige KEM-Mitglied Fee Fleck wohl nicht, ein Einzelbild aus 18 Tafeln herauszulösen, um es beim 26. Kunstpreis-Wettbewerb im Sommer 2015 einzureichen. Das wäre spannend gewesen. Zumal Fee Fleck von Anfang an, also bereits während der Entstehungsphase ihrer Bildtafeln, aktive Dialoge durch persönliche Gespräche initiiert, wie am 10. November 2015 in meinem Mainzer Kommunikationsparadies unter dem Thema „Im Reich der Drohnen! — Mutig. Schonungslos. — Ein Aufschrei. Gegen das Vergessen, das Verdrängen, die Ignoranz.“ Das Publikum brachte sich aktiv ein. Die Bildwerke wie die Interaktionen mit „Betrachtern“ wird in die Ausstellung im März 2016 im Frankfurter Hof in Mainz mit einfliessen. Ein ähnliches Szenario, wie es die Künstlerin entwickelte, hätte auch dem 26. Kunstpreis gut tun können.

MEIN FAZIT: Der 26. Mainzer Kunstpreis hat wesentlich dazu beigetragen, sich dem komplexen Thema „Kollaps der Moderne?“ konstruktiv-kritisch anzunähern, um eine Position finden zu können. Und die heißt für mich persönlich (#JeSuisAndreas): Den eigentlichen „Kollaps der Moderne“ — den verursach(t)en wir selbst! Wir, die wir in Silos denken, die wir uns voller Impetus solidarisch erklären mit was auch immer, ohne uns für die Sache persönlich zu engagieren und die Hintergründe zu erfragen. Die wir eine Kultur der Ignoranz entwickelt haben, als Mitläufer in einer post-industriellen Wissensgesellschaft, die nicht mehr verstehen will und kann. Und sich mehrheitlich von der bildenden Kunst und ihren Erschaffern nicht nur distanziert,  sondern ihnen das Gespräch, den Dialog verweigert. Getreu dem Motto: „Ein Bild spricht für sich selbst“ — Puh. Wie dumm ist das denn?

HINWEIS: Exzellent, was Gabor Steingart als Herausgeber in seinem Handelsblatt Morning Briefing am 16.11.2015 schreibt: “Weltkrieg III. / Lesen Sie meine Meinung zu den Geschehnissen in Paris”. Unterfüttert die Basis für das, was ich in meinem Blog zu “Kollaps der Modern?” geschrieben habe. 

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