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#TuEsPablo — #JeSuisAndreas: Die Ausstellung Picasso.Mania im Pariser Grand Palais

Notizen und (launig-besinnlich-kritische) Gedanken von Andreas Weber

Der Zugang zu Picasso, dem Kunst-Großmeister der westlichen Moderne, ist bisweilen schwierig. Bei der Suche nach der ihm gewidmeten Ausstellung Picasso.Mania landete ich bei einem Pulk gut gekleideter, auf den ersten Blick schöner Menschen an einem Seiteneingang des Pariser Grand Palais. Mich empfingen aber nicht die Les Demoiselles d’Avignon, sondern die Jünger von YVS, neuerdings kurz St. Laurent genannt, die im kleinen Kreis die neue (von der klugen Mode-Kritik am gleichen Tag verrissene) Kollektion vorstellten. Mein “Zugang” zu Picasso lag aber am anderen Ende…

Ein Chanson von Jacques Dutronc kommt mir in den Sinn. — Paris (l’art) s’éveille!

“Il est cinq heures
Paris s’éveille 

Les travestis vont se raser
Les stripteaseuses sont rhabillées
Les traversins sont écrasés
Les amoureux sont fatigués

Les journaux sont imprimés
Les ouvriers sont déprimés
Les gens se lèvent, ils sont brimés
C’est l’heure où je vais me coucher
…”

Die Massen strömten. Man muss Karten (online) buchen, um zu bestimmten Uhrzeiten den Einlass zu ergattern. Hat man die Hürden genommen, wird es schön, fast heimelig und äußerst gesittet. Mit meinem Presseausweis gewappnet, wurde ich wie ein König behandelt, der den Kaiser besucht. Spontan entschloss ich mich, mein Erlebnis durch eine Reihe von Selfies (Fotos sowie einige wenige Kurzfilme via iPhone) festzuhalten. Zu sehr war und bin ich überwältigt. Von der Ausstellungskonzeption (gezeigt wurden Arbeiten Picassos, Filme/Szenen mit ihm und die Reflexionen seines Werkes durch andere Künstler wie u. a. Hockney, Warhol, Saura, Lichtenstein, Samba, Kippenberger Jaspar Johns, Condo, Hamilton, Oldenburg, Golub, Ringgold, Lavier, Morley Dijkstra, Colescott und Rauschenberg), über die Ausstellungsarchitektur sowie das Verhalten des Publikums. Letzteres teilte sich in drei Gruppen aus aller Herren Länder: Die einen fotografierten soviel es ging und eilten weiter. Die anderen hatten ständig den Audio-Führer am Ohr; und die dritte Gruppe zog schwärmend und fasziniert umher. Ob die alles verstanden haben, was sie sehen/erleben konnten? Sei es drum, in jedem Fall ist Picasso für alle ein Gott, eine Ikone, eine Heiliger, ein Unerreichbarer — frisch, unverbraucht, inspirierend. Und das ungebrochen noch fast zwei Generationen nach seinem Tod.

Bei den ausgewählten Künstlern konnte ich zwei Positionen ausmachen: Die einen, die aus Bewunderung für Picasso seine Werke zitieren und in eigener Weise, durch Picasso inspiriert reflektieren oder interpretieren. Die anderen, die fast als Trittbrettfahrer agieren und den „Meister“ nutzen, um sich zu profilieren. So taucht in der Ausstellung als Exponat auch per Großfoto der Spross eines Königshauses auf, der vor Picassos Guernica-Gemälde posiert und redet.

Albern? Respektlos? Ehrenrührig? Das frage ich mich beim Rausgehen nochmals. Der Weg führt durch die „Einkaufsmeile“, vom Katalog, über Publikationen aller Art bis hin zu Kleidungsstücken und Nippes. Alles da. Hübsch arrangiert. Und stark frequentiert. Damit man etwas mitnimmt, als Erinnerung, zum Nachlesen oder Vertiefen. In der Ausstellung selbst wird wenig Gebrauch davon gemacht, sich vor den Originalen mit anderen über die Originale zu unterhalten. Dabei war Picasso so dialogfreudig, so lebensnah. So bodenständig und voller Lust. Apropos: Die Ausstellung klammert thematisch aus, welche Anregungen Picasso selbst im Lauf seines Lebens erfahren hat. Durch Reisen (vor allem nach Pompeji); durch Max Beckmann, den Picasso wie 1947 persönlich gegenüber meinem Vater Wilhelm Weber geäussert hat, mit kritischer Distanz bewunderte und wohl als seinen stärkten Konkurrenten empfand; durch seine Begegnung mit dem grossen Meister traditioneller chinesischer Malerei, Wang Xuetao, der Europa 1956 besucht hatte und u.a. für Picasso vor dessen Augen in wenigen Minuten, aber dafür in höchster Perfektion einen Adler malte. Picasso war perplex. Und voller Demut, indem er sagte: „Die wahre Kunst liegt im Fernen Osten.“ (Siehe: China in Mainz — Ein Hoch auf die Kunst von Jian Xu und seiner Familie). Über diese Einflüsse auf Picasso mehr zu erfahren, das hätte ich mir im Kontext der „Picasso.Mania“-Ausstellung gewünscht, zumindest in kurzer knapper Form. Aber vielleicht war das zu sehen oder erfahrbar. Und ich war nur zu überwältigt, um es wahrzunehmen. Wer weiß. Die Ausstellung öffnet noch bis 29. Februar 2016. Zeit und Gelegenheit genug, nochmals hinzugehen. Und darüber nachzudenken, ob die Kunstkritik in ihrer Einschätzung der Ausstellung und des Werkes von Picasso hilfreich ist oder nicht. Vieles bleibt offen oder wird nicht gerade einsichtig kommentiert. Aber es bleibt uns die Möglichkeit, uns selbst einen Eindruck zu verschaffen. Durch genaues, unvoreingenommenes Hinsehen, durch den Dialog mit anderen und uns selbst, um zu Verständnis zu gelangen. #TuEsPablo — #JeSuisAndreas — #NousSommesNous.

Nachtrag: Beim Ausgang der Picasso.Mania-Ausstellung, im Foyer des Grand Palais, kauerte eine Gruppe Schulkinder am Boden. Sie wirkten ermattet und vergnügt zugleich. Und redeten miteinander, über das, was sie in der Ausstellung erlebt haben. Drei Tage später (ich eilte von Paris aus weiter nach Wien zu einer Konferenz) sehe ich im Wiener Hauptbahnhof bei meiner Abreise ebenfalls Kinder am Boden kauernd. Sie sind auch ermattet. Reden aber nicht, sondern schauen stumm und erschreckt vor sich hin oder schlafen vor Erschöpfung in den Armen ihrer Eltern/Verwandten. Es schaudert mich und wird noch schlimmer, als ich in der Bahn bei Passau die Grenzkontrollen miterlebe. Unmenschlich, was da passierte. Diskriminierend. Ohne Mitgefühl seitens der „Ordnungshüter“. Ich schäme mich und bin betroffen ob unserer Ohnmacht, wie auch andere Fahrgäste. — Was Picasso aus diesem, meinem Erlebnis wohl gemacht hätte? Sicher wenig im Stile derer, die im Grand Palais auf ihn Bezug nehmen. Und damit glänzen.

TIPP ZUM ANSCHAUEN ALLER BILDER ALS VIDEOANIMATION!

China in Mainz Keyvisual IMG_5655

@ 2015 by Value Communication AG, Mainz/Germany

 

Von Andreas Weber, Mainz

Für Mittwoch, den 28. Januar 2015, hatte Dr. Ying Lin-Sill mich gebeten, um 15 Uhr in unser Mainzer Büro zu kommen. Ich sollte Freunde von ihr treffen, die aus China zu Besuch gekommen sind. Ying ist seit über zwei Jahren als Künstlerin Dreh- und Angelpunkt in unserem „Value Artist in Residence“-Programm. Seitdem hatten wir hunderte von Gästen bei uns. Sogar das Chinesische Neujahrsfest begehen wir gemeinsam. Und Prof. Yu Hui, Deputy Director Painting/Calligraphy und Direktor Research Institute, National Palace Museum, Beijing, sowie viele andere haben uns besucht. Soweit also nichts ungewöhnliches, ausser, dass der 28. Januar ein besonderer Tag im Jahr ist: der Geburtstag von Jackson Pollock und Claes Oldenburg.

Als ich (zeitig früher) vor dem Büro in der Mainzer Walpodenstrasse ankam, traf ich Jiandong Sun, die mit ihrem Ehemann Dr. Ing. Gert Kaster schon im Gehen begriffen war. „Oben im Büro ist viel los!“, sagte sie lachend. Ich rannte die Stufen hoch. Die Bürotüre war weit geöffnet. Es standen überall so etwas wie einzelne Paravents herum. Viele Kartons waren verstreut. Über ein halbes Dutzend Menschen waren mit diesen Paravents, mit Papierrollen und -blättern beschäftigt. Möbel wurden umgestellt. „Das ist mein Freund Jian Xu, seine Frau Ting Wang, seine Tochter Xiang und sein Sohn Xin“, sagte Ying stolz und freute sich. Alle seien Künstler aus Leidenschaft: Jian ist ein renommierter Maler, seine Frau eine Opernsängerin, seine beiden Kinder sind hochtalentiert und studieren Malerei. Und unser Value Communication Fellow Yajing Huang sorgte als Koordinatorin für den nötigen Überblick.

Idee und Resultat in Windeseile — auf höchstem Niveau!

Was war geschehen? Jian Xu war dermaßen begeistert von Mainz und unseren schönen Räumen, dass er ad hoc mobile Stellwände und alles nötige besorgen ließ, um Dutzende von Arbeiten von sich und seinen Kindern auszustellen. Chinesische Malerei und Kalligraphie vom Feinsten. „Es muss alles sehr schnell gehen. Am Samstag wollen wir eine Vernissage machen“, sagte Ying lächelnd. Ich dachte, in Anbetracht unserer bereits vorhandenen zahlreichen Sammlungsstücke und Gemälde, nicht zuletzt von Ying selbst, die wir ausstellen: Da bin ich gespannt, aber wie soll das werden?

Yajing kam lächelnd auf mich zu und sagte: „Wollen wir jetzt oder später ein Interview mit Jian Xu machen, dass bei seiner Rückkunft im Chinesischen Fernsehen gezeigt werden soll?“ Ying informierte mich, während alle anderen die Ausstellung arrangierten, über Jian Xu’s Lebensweg, seine Arbeit und seine Bedeutung. Jian Xu ist der letzte Meister-Schüler des grossen Malers Wang Xuetao, der unter anderem 1956 eine chinesische Delegation nach Europa führte und als Höhepunkt eine Begegnung mit Pablo Picasso zelebrierte. Wang demonstrierte Picasso eindrücklich die chinesische Malkunst, indem er in nur sieben Minuten einen Adler malte. Zudem wurden Picasso Arbeiten von Wang’s Lehrer und Meister Qi Baishi gezeigt. — Picasso war dermaßen beeindruckt, dass er Wang Xuetao eine Zeichnung seiner Friedenstaube widmete, die Wang mit chinesisches Schriftzeichen versah. Und Picasso sagte anerkennend: „Die wahre Kunst liegt im Fernen Osten.“ Picasso beschäftigte sich im Anschluss intensiv mit Chinesischer Kunst, wenn er auch bedauerte aufgrund der weiten Entfernung und seines fortschreitenden Alters nicht selbst nach China reisen zu wollen.

 

JIan Xu Memorial 1

 

Jian Xu hat seinem Meister in über fünfjähriger Arbeit die Wang Xuetao Memorial Hall im Gonghuacheng Art Center gewidmet. „Kunst kommt aus dem Herzen. Und hat Beziehungen zu allem, was wir tun“, sagte mir Jian Xu in unserem Interview, nachdem in nicht einmal drei Stunden eine mehr als sehenswerte Ausstellung aufgebaut und inszeniert wurde. (Dazu an anderer Stelle mehr!).

Wir sind voller Freude und sehr glücklich, Jian Xu und seine Familie als Freunde in Mainz gebührend zu feiern. Es ist uns eine Ehre. Und unseren Besuchern eine Freude. Die kamen übrigens schon während des Ausstellungsaufbaus: Jörg Blumtritt aus München sowie unsere lieben Nachbarn mit ihren Kindern sowie eine ganze Reihe von chinesischen Freunden, die in Mainz leben. Kunst fördert Kommunikation. Wir sind mit dem Herzen dabei.

 

Impressionen zum Making-Off der sehenswerten Ausstellung:

 

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