
Zusammenfassung der Diskussionsrunde beim KI-Festival im Städel Museum zum Thema „Wie können wir Begegnungen schaffen im KI-Zeitalter?“ mit Bernhard Pörksen, Christian Uhle, Sarah Diefenbach, moderiert von Vivian Perkovic.
Wie verändern generative KI und Social Media unsere Gespräche, Beziehungen und die Qualität unserer Öffentlichkeit? Daten und Erfahrungen zeichnen ein konsistentes Bild: Wir erleben eine Entfremdungsdynamik, die Technik verstärken kann – und zugleich Werkzeuge bietet, um Verbundenheit neu zu gestalten.
Wesentliche Befunde:
- Laut American Time Use Survey sinkt die Zeit mit Freunden seit 2005; Tiefstand in der Pandemie, weiterhin niedrig in 2024.
- „Sex Recession“: Der Anteil der 18–64-Jährigen mit wöchentlichem Sex sank von 55% (1990) auf 37% (2004); Sexlosigkeit bei 18–29 steigt bis 2024 deutlich.
- Freizeitmonitor: Treffen mit Freunden bleibt wichtig, verliert aber stark; regelmäßige Freundestreffen fielen von 37% (1986) über 41% (2003) auf 19% heute.
- Deutsche Depressionshilfe: Etwa ein Viertel der Bevölkerung fühlt sich einsam; nach dem Pandemie-Peak weiterhin über dem Vorpandemischen.
Was treibt die Entwicklung?
- Social Media optimiert auf Aufmerksamkeit, Emotionalisierung und Retention
- Intransparenz wird zur demokratischen Frage.
Und doch: Kein Kulturpessimismus. KI kann Resonanzräume öffnen – für Struktur, Recherche, Zusammenfassungen, Barrierefreiheit, kreative Impulse und bessere Konfliktkommunikation. Entscheidend sind Anreize und Design: Qualität der Begegnung statt Nutzungsdauer; Reflexion statt Echokammer.
Gestaltungsprinzipien für Freundschaften, Teams und Organisationen:
- Klare Trennung: KI für Information und Struktur, Menschen für Nähe und Vertrauen.
- Kommunikationshygiene: KI-Dialoge als Vorbereitung realer Gespräche nutzen – Argumente sortieren, Perspektiven spiegeln.
- Friktion zulassen: Unvollkommenheit, Pausen, Widerspruch gehören zur echten Begegnung.
- Rhythmus stärken: Verbindliche analoge Zeitfenster, Rituale, kleine Gruppen – 19% regelmäßige Freundestreffen sind zu wenig.
- Transparenz: KI-Einsatz offen benennen, Datennutzung erklären, Erwartungen an menschliche Zusammenarbeit priorisieren.
- Beziehungs-Skills üben: Zuhören, Konfliktfähigkeit, Ambiguitätstoleranz, Empathie.
- Design für Bindungsqualität: Coachende Funktionen, die Selbstwirksamkeit und soziale Brücken fördern – nicht klebrige Retention.
- Digitale Öffentlichkeit schützen: Regulierung mit wirksamen Standards (Transparenz, Altersdesign, Suchtprävention) und Bildung (z. B. ein Schulfach „Digitale Öffentlichkeit/Medienkompetenz“).
- Demokratische Beteiligung erweitern: KI kann Konsensfelder erkennen und Politikgestaltung stärken.
- Vorausschauend denken: „Cassandra“-Methoden für Worst-Case-Szenarien und werteorientiertes, resilientes Technikdesign.
- Online-Dating fair gestalten: KI als „digitale Kupplerin“ mit Transparenz, Diversität und ohne manipulative Gamification.
Zuversichtlicher Ausblick
Die menschliche Sehnsucht nach echtem Gegenüber ist robust. Wenn wir Anreize verschieben – weg von Aufmerksamkeit, hin zu Qualität der Begegnung – entsteht ein produktiver Hybrid: mehr Fokus, bessere Informationen, stärkere Beziehungen. Unsere Aufgabe ist, Räume für konzentriertes Zuhören zu schaffen und Technologien so zu bauen, dass sie Reflexion statt Erregung belohnen. KI bleibt – die Frage ist, was sie ergänzen darf und was unersetzlich menschlich bleibt.
Echte Verbundenheit entsteht nicht in der perfekten Antwort, sondern im gemeinsamen Aushalten, Denken und Lachen. Genau das sollten wir wieder öfter kultivieren. Nicht „wird schon“, sondern „wir machen es gut“. Heute ist ein guter Tag, damit zu beginnen. Oder?
Hinweis: Der Bericht wird fortgesetzt mit Zusammenfassungen der weiteren Podiumsdiskurse auf der Hauptbühne des KI-Festivals.
Siehe auch: „Die Zukunft ist menschlich!“ — Bericht zur Keynote von Prof. Dr. Björn Ommer
