
Heute, am 3. Oktober 2026, ist für mich ein Tag widersprüchlicher Gefühle. Körperlich bin ich angeschlagen – die rechte Körperseite spielt nicht mit, das rechte Bein kaum beweglich. Und doch richtet sich mein (intakter) Kopf auf Gemeinschaft, Geschichte, Gegenwart und Verantwortung.
Ich denke zurück an die frühen 1970er Jahre und meine erste Begegnungen mit Westberlin: ein elektrisierender Kulturraum, der Kreativität, Offenheit und Mut zur Differenz atmete. In den frühen 1980ern durfte ich in Westberlin mit Dieter Brusberg arbeiten – ein Galerist, der Qualität, Diskurs und Netzwerk auf bemerkenswerte Weise verband. Diese Zeit hat mich geprägt: Aufblühen in Freiheit, Perspektiven gewinnen, Brücken schlagen – ohne damals absehen zu können, welche historische Wucht die Wiedervereinigung entfalten würde.
Gleichzeitig gab es die andere Seite: Besuche in der DDR, Verkaufs-Preise und Begriffe, die eher ideologische als reale Logik folgten, „Sättigungsbeilagen“ statt Selbstbestimmung. Diese Kontraste haben mir gezeigt, wie fragil Freiheit ist – und wie viel Arbeit sie erfordert.
Erschütternd bleibt, dass meine Generation (Jahrgang 1959) kaum systematisch in die Werte des Grundgesetzes eingeführt wurde. Loyalität gegenüber Freiheit, Würde und Rechtsstaat fällt nicht vom Himmel – sie muss gelebt, gelehrt und verteidigt werden.
Vieles davon habe ich mir erst deutlich später erarbeitet. Das Nachdenken über die Bundesrepublik war für mich immer zweigleisig: Erfolgsgeschichte und zugleich die Notwendigkeit, Kontinuitäten des Unrechts klar zu benennen und zu brechen.
Vor zwei Wochen, Mitte September 2026, hat mich ein Blick nach Frankfurt erneut tief bewegt: Die Stadt war bis 1933 ein Zentrum jüdischen Lebens. Was danach geschah – Entrechtung, Enteignung, Deportation, Mord – ist Teil nostra historia. Die unterirdische Gedenkstätte im Kontext der Europäischen Zentralbank erinnert professionell und unmissverständlich daran, wie schnell eine wohlhabende, integrierte Bevölkerungsgruppe stigmatisiert und vernichtet werden kann, wenn Werte erodieren.
Auch die Nachkriegsforschung – etwa die breit angelegten sozialwissenschaftlichen Befragungen im Umfeld des Frankfurter Instituts für Sozialforschung unter der Leitung von Theodor W. Adorno – zeigt, wie verbreitet Bagatellisierung, Verdrängung und Rechtfertigung waren. Das ist unbequem. Aber es ist notwendig, hinzusehen, um heute besser zu handeln.
Wenn ich heute die offiziellen Bilder aus Bremen sehe – mit diesen viel zu oft bräsigen Amtsträgern – , fällt es mir schwer, mich mit vermeintlich selbstzufriedenen Ritualen zu identifizieren. Und doch: Ich bin nicht hoffnungslos. Unser Land lebt von Vielfalt – föderal, kommunal, kulturell. Die Stärke der Bundesrepublik war immer, Unterschiedlichkeit produktiv zu machen: Menschen zusammenzubringen, Rechte zu sichern, Chancen zu eröffnen.
Was es dafür braucht:
• Eine politische Kultur, die vom Menschsein ausgeht statt von Ideologie.
• Eine Bildung, die das Grundgesetz nicht nur erklärt, sondern erfahrbar macht: Würde, Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz als gelebte Praxis.
• Eine Erinnerungskultur, die nicht anklagt um des Anklagens willen, sondern Verantwortung in der Gegenwart stärkt.
• Eine Zivilgesellschaft, die widerspricht, schützt, verbindet – auch dort, wo Institutionen träge sind.
Mein Fazit am 3. Oktober 2026: Einheit ist kein Zustand, sondern ein Auftrag. Sie beginnt im Respekt vor der Würde jedes einzelnen Menschen, setzt auf die Kraft der Vielfalt und verlangt den Mut, Fehlentwicklungen zu benennen und zu korrigieren.
Trotz Schmerzen, trotz Zweifel glaube ich an das Potenzial dieses Landes. Wenn wir das Grundgesetz zur gemeinsamen Sprache machen und unsere Unterschiede als Ressource begreifen, hat Deutschland gute Gründe, zuversichtlich zu sein.

