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Monthly Archives: January 2014

Hermann Rapp 1

Hermann Rapp vor seinem Scherenschnitt-Druck in Rot von Friedrich Hölderlin. Foto: Andreas Weber, Frankfurt am Main, 30. Januar 2014

 

Warum es sich lohnt, diesen Beitrag zu lesen:

1. Gedanken zum “Richtigen Leben” nachvollziehen – frei nach Friedrich Hölderlin

2. Neugierig werden auf erstklassige BuchKunstObjekte von Hermann Rapp

3. Das Wirken von 25 Jahre Offizin Die Goldene Kanne erahnen

 

In der Text-Einführung zur Ausstellung heisst es: In der Taunus-Galerie im Landratsamt Bad Homburg zeigt Hermann Rapp von der Offizin Die Goldene Kanne in Neuweilnau bibliophile Bücher, Graphik und Buch­kunst. Bücher, hergestellt in künstlerisch-handwerklicher Art, Tradition und Moderne finden zueinander. Eine Ausstellung, die die Anrede aus einem Brief von einem bedeutenden Wort- und Dichtkünstler an seinen Bruder als Titel trägt, nämlich „Lieber Karl!“, muss als sehr besonders gewertet werden.

Ich will gleiches tun. Meine Einführungsworte sind darum als ein (öffentlich vorgetragener) Brief an Hermann Rapp angelegt. — Damit will ich aber keinesfalls in Konkurrenz zu besagtem, in Bad Homburg entstandenen Brief Friedrich Hölderlins vom 4. Juni 1799 treten. Ich zitiere nun meinen Brief:

 

Lieber Hermann,

vor einiger Zeit hast Du um meinen Rat gebeten, was man antworten soll, wenn Dich jemand auffordert, Stellung zu beziehen zur Frage:

Hat das Schaffen von Hermann Rapp einen ›Antiquarischen Wert‹? 

Meine Antwort kommt spontan und ergab ein klares Ja-Nein!

NEIN, weil Deine Arbeiten im Bereich der herausragenden BuchObjektKunst nicht einfach nur in ein Antiquariat gehören, sondern hohen musealen Sammlerwert besitzt. Viele aufs trefflichste von Dir selbst inszenierte Ausstellungen, vor allem 2013 im Klosterhof des Hölderlin-Ortes Lauffen am Neckar, begeistern über die Maßen Kunst-Liebhaber aller Art. Viele Deiner Werke sind in privaten Sammlungen in Europa und Nordamerika vertreten.

Handwerkliche Druckkunst mischt sich mit einem klaren künstlerischen Ausdrucks- und Gestaltungswillen. Dies geht weit über die gute Illustration zum guten Text im gut gemachten Buch hinaus. Du, lieber Hermann Rapp, erschaffst in Deiner Offizin die Goldene Kanne in Neuweilnau eine neue Kunstform, die Buch, Malerei, Grafik, Relief/Skulptur, Typografie, Objektkunst und Buchbinde-Arbeit auf höchstem Niveau vereint. Das ist einzigartig.

JA, weil Du den Prinzipien und Werten edelsten Buchschaffens mit höchster Innovations- und Schaffenskraft treu bleibst. Die Kombination von Deinem typografischem Wissen, gepaart mit der Kunstfertigkeit des Setzens mit Bleilettern, des Druckens auf der Handpresse, der Wahl und Kombination von Inhalt und Bedruckstoffen, das findige Ausspähen raffinierter Buchbinder-Techniken und nicht zuletzt der literarische Sachverstand, Deine profunde Bildung und Belesenheit erheben Dich zu einem Epigonen und Heroen des Bibliophilen. Selten zuvor gab es in unserem Kulturkreis Künstlerpersönlichkeiten mit so umfassenden Talenten und diesem grenzenlosen Ideenreichtum wie Du, lieber Hermann, dies in Dir und Deinem Schaffen vereint.

Ich möchte soweit gehen, Dich als geeigneten Kandidat für jede Art von Kunst- und/oder Antiquariatspreis vorzuschlagen mit den Worten: JA! Wenn nicht er, wer sonst? Zumal Du auch nach Jahrzehnten im hessischen Exil unverkennbar Schwabe geblieben ist.

____________________________

 

Lieber Hermann,

uns verbindet seit mehr als einem Vierteljahrhundert eine herzliche und innige Freundschaft. Darauf bin ich mehr als stolz. Es ehrt und beglückt mich. Wir haben vieles gemeinsam erlebt, gesehen, besprochen und bedacht. Ich bewundere Deine Schaffenskraft und Kreativität, die ganz eigenen Vorstellungen entspricht. Du bist kundig. Du bist neugierig. Du bist sensibel. Du bist auf wunderbare Weise ein unaufgeregt professionell-kreativ Schaffender, mit einem Wertesystem, das Tradition und Gegenwart vereint. Wo findet man das noch? Sieht man Deine Bibliothek in wunderbarem Fachwerkhaus, staunt man nicht schlecht. ABER: Bücher sammeln und Belesenheit ist für Dich längst nicht das Maß aller Dinge. Sondern über das Wissen und die Kultur der Menschheit kommunizieren zu können, um anderen begreifbar zu machen, was das Leben uns bietet und was wir zu einem „guten“ und „ertragreichen“ Leben beitragen können.

Ohne dass wir bislang darüber sprechen konnten, hast Du mich auf viele Ideen gebracht, die mich selbst in meiner Aufgabe als Experte für Kunst und Kommunikation mit digitalen Medien bereichert und inspiriert haben. Vor kurzem habe ich darüber nachgedacht: „Was macht Kommunikation werthaltig?“ — Deine souveräne Art, das Alte zum Bestandteil des Neuen zu machen, brachte mich auf zwei wesentliche Erkenntnisse und Feststellungen:

Etwas Altes wird etwas Neues.

Die Wesensmerkmale einer werthaltiger Kommunikation sind:
a) Rhetorik – der kreative Diskurs,
b) Hermeneutik – die Sinnhaftigkeit, und c) Innovatik – der systemische Umgang mit Technologieinnovation.

Etwas Altes wird etwas Neues. Du, lieber Hermann, hast viele, scheinbar verschwundene Schätze aus der Antike gehoben. Die altgriechischen Autoren wie Sappho, Sophokles, Homer, Herakleitos oder Kalimachos hast Du für uns wiederentdeckt. Du hast nicht nur ihre Schriften aufgespürt und durchforscht. Du bist vor Ort in Ephesos und anderswo gewesen, um Dir ein Bild zu machen.

Oder Du hast Hölderlins Zeitgenossen wie Schelling, Schiller, Goethe oder auch Mörike ins Visier genommen. Du hast Dich mit Mittelhochdeutschem beschäftigt. Und dies in dem Werk „krizzon“ (Kreis, aber auch einritzen, kritzeln und kratzen) beschäftigt. In allen Weltkulturen taucht der Kreis als universelles Symbol auf. Für Sonne, Gestirne, das Göttliche, das Immerwährende.

Etwas Altes wird etwas Neues – Dein Werk, lieber Hermann, führt uns zum Wesentlichen aus dem sich das Werthaltige formiert. Dein Werk, in diesem besonderem Mix aus Inhalt und Form, Idee und Materialhaftigkeit, Demut und Wirksamkeit, werte ich als kunstfertige Visualisierung und Manifestierung der Rhetorik, die spätestens seit Cicero in der Antike als hochentwickelte Form der Kunst galt. Der kreative Diskurs, getragen von Empathie, Dialektik, Interaktion und Kritikfähigkeit findet mehrfach, auf vielen Ebenen statt. In Dir selbst, mit Deiner Gemahlin Gisela, mit den Autoren, die Du wählst, mit Deiner Werkstatt, den Papieren, den Bleilettern, den Werkzeugen und Maschinen. Und dann mit den BuchKunstObjekten, die Du in exklusiver Auflage, fertigst. Und heute mit uns allen, die Deiner Ausstellungseröffnung in der Taunus-Galerie beiwohnen können.

Die Sinnhaftigkeit erschließt sich dadurch, dass Du über das, was Du schaffst, sympathisch, smart und lebhaft kommunizierst. Du erschaffst uns eine neue alte Basis für das Verstehen als Seinsweise. Wie man Gedanken ausdrücken, interpretieren, übersetzen kann; wie das Auslegen, Deuten und Verstehen gelingt; wie wir durch Sprache und Symbole Gemeinschaft ermöglichen; wie wir geschichtliche und kulturelle Zusammenhänge darlegen. Bleibt noch zu erläutern, was die Innovatik meint. Primär gesehen geht es darum, wie man mit den geeigneten technischen Mitteln, die für Menschen von Menschen geschaffen werden, nutzbringend, vereinfachend und vorteilhaft umgeht. Das Alte wird etwas Neues. So schließt sich der „krizzon“/Kreis. — Das Entweder-Oder-Prinzip, das im Digitalzeitalter zum Dogma wurde, lässt Du, lieber Hermann nicht so ohne weiteres gelten. Du bist zeitgemäß, modern und vorausschauend. Und eben werthaltig.

Hermann und Gisela 1

Hermann Rapp vor seinem Scherenschnitt-Druck in Rot von Friedrich Hölderlin. Foto: Andreas Weber, Frankfurt am Main, 30. Januar 2014

 

Lieber Hermann,

Du lässt, sehr zu unserem Nutzen, Deine Werke nie unkommentiert. Selbst wenn augenscheinlich alles gesagt sein könnte, gibt es stets noch etwas anzumerken, das den Diskurs weitertreibt. Besonders gefallen mir Deine jüngsten Zeilen über Dich selbst. „Rapp erlernte in den 50er Jahren den Beruf eines Schriftsetzers, war später Ausbilder, dann kreativ im Buchverlag tätig, suchte in den Bildenden Künsten seine Passion und stellte sein Wissen um das Künstlerbuch als Vorsitzender eines deutschlandweit und international wirkenden Buchkünstlerbundes zur Verfügung. Nach Jahren, die den Veränderungen im Buchwesen und der Bücherproduktion gerecht wurden, kam immer mehr die Überlegung auf, ein Eigenes auf die Beine zu stellen; eine Beschäftigung für die sog. späten Jahre. Realisiert wurde dies durch die Einrichtung einer Bleisatzwerk­statt, dazu kam eine Handpresse und das nötige Beiwerk. Die Offizin Die Goldene Kanne entstand vor 25 Jahren. Das war 1989, im Jahr der Wende. Klein war die Werkstatt im Haus zur Goldenen Kanne, einem alten Fachwerkhaus, und ist es bis heute: alte Bleisatztypen, übriggebliebenes bei der Modernisierung, Neugüsse, hinzuge­kauftes, da und dort erworben, auch geschenktes … die Regale füllten sich.

Jetzt erwartet man, daß alles sich in einer Traditionsverbundenheit abspielen würde. Das Qualitätsbewußtsein der alten Meister behält Vorbildscharakter, vielfach auch die Handhabungen, doch es gilt aber auch der Zeit, der Gegenwart gerecht zu werden. Und was da in 25 Jahren entstand, will die Ausstellung in Bad Homburg zeigen.“

Und zur Ausstellung in der Taunus-Galerie erläuterst Du konkret: „Das Spektrum der Ausstellung ist groß, manches ist oftmals nur angedeutet. Werkzeuge und Materialien ergänzen das Gezeigte, sie erzählen von den 25 Jahren der Offizin Die Goldene Kanne aus Neuweilnau. (…)

Neu und für diese Ausstellung gefertigt ist die Wiedergabe eines Briefes, 1799 in Homburg vor der Höhe geschrieben. Friedrich Hölderlin schreibt seinem Bruder Karl über das Richtige im Leben. Seine Maximen vermittelt er dem Bruder und läßt ihn an seinem Denken teilnehmen. Ein köstliches Stück Literatur, ein tiefer Einblick. Daher trägt die Ausstellung den Titel „Lieber Karl!“ Neben dem Brieftext, im Bleisatz gesetzt aus einem großen Schriftgrad einer sensiblen und wunder­baren Antiquaschrift namens Diotima, 1949 von Gudrun Zapf-von Hesse entworfen, enthält das Buch sechs Graphikzugaben. Wie eine den Text begleitende Musik stehen dem Wort rote Figurenvariationen gegenüber, Spielereien im bestem Sinne des Wortes. Gedruckt wurde auf ein altes Büttenpapier, leider ist die Herkunft nicht bekannt. Auf dem Umschlag steht ein stark vergrößerter Schattenriß des Dichters, ebenfalls in leuchtendem Rot, dieses Rot steht für die Euphorie Hölderlins in seiner Homburger Zeit von 1798 bis 1800.“

Lieber Hermann, eigentlich passt es gar nicht, dass ich über Dich sprechen soll.

Auch wenn Du schreibst: „Ich glaube über viele Mitmenschen bescheid zu wissen, am wenigsten über mich selbst. Hermann Rapp Januar 2014.“ Mit dem Zusatz: „Befolge die neue Rechtschreibreform nicht. Vielleicht erst, wenn ich die alte kapiert habe“. — Das Richtige im Leben mit der Kunst kannst Du selbst so wunderbar und unnachahmlich darstellen. Sprache, getragen durch Texte und Bilder, sind Dein Element, wie schon so oft bewiesen, bei vielen Gelegenheiten im In- und Ausland. Ich erinnere an Deine Begegnung mit Günter Grass.

Lieber Hermann, so will ich mit meinem Brief an Dich enden: Steh mir zur Seite. Statt über Dich zu reden, will ich viel lieber mit Dir reden. Vor allem über Deine Ausstellung, die wir am 30. Januar 2014 in der Taunus-Galerie in Bad Homburg vor der Höhe gemeinsam eröffnen. Mit all den wunderbaren und im besonderen Fall ganz neuen Werken. Ich habe viele Fragen. Es lebe der kreative Diskurs!

Herzlichst,
Dein Freund

Andreas Weber

Bildschirmfoto 2014-01-20 um 09.44.14

In der Taunus-Galerie im Landratsamt Bad Homburg zeigt vom 31. Januar bis 28. Februar 2014 Hermann Rapp von der Offizin Die Goldene Kanne in Neuweilnau bibliophile Bücher, Graphik und Buch­kunst. Bücher, hergestellt in künstlerisch-handwerklicher Art, Tradition und Moderne finden zueinander.

Rapp erlernte in den 50er Jahren den Beruf eines Schriftsetzers, war später Ausbilder, dann kreativ im Buchverlag tätig, suchte in den Bildenden Künsten seine Passion und stellte sein Wissen um das Künstlerbuch als Vorsitzender eines deutschlandweit und international wirkenden Buchkünstlerbundes zur Verfügung. Nach Jahren, die den Veränderungen im Buchwesen und der Bücherproduktion gerecht wurden, kam immer mehr die Überlegung auf, ein Eigenes auf die Beine zu stellen; eine Beschäftigung für die sog. späten Jahre. Realisiert wurde dies durch die Einrichtung einer Bleisatzwerk­statt, dazu kam eine Handpresse und das nötige Beiwerk. Die Offizin Die Goldene Kanne entstand vor 25 Jahren. Das war 1989, im Jahr der Wende. Klein war die Werkstatt im Haus zur Goldenen Kanne, einem alten Fachwerkhaus, und ist es bis heute: alte Bleisatztypen, übriggebliebenes bei der Modernisierung, Neugüsse, hinzuge­kauftes, da und dort erworben, auch geschenktes … die Regale füllten sich.

Jetzt erwartet man, daß alles sich in einer Traditionsverbundenheit abspielen würde. Das Qualitätsbewußtsein der alten Meister behält Vorbildscharakter, vielfach auch die Handhabungen, doch es gilt aber auch der Zeit, der Gegenwart gerecht zu werden. Und was da in 25 Jahren entstand, will die Ausstellung in Bad Homburg zeigen.

Neu: Ein Brief als edles Buch!

Neu und für diese Ausstellung gefertigt ist die Wiedergabe eines Briefes, 1799 in Homburg vor der Höhe geschrieben. Friedrich Hölderlin schreibt seinem Bruder Karl über das Richtige im Leben. Seine Maximen vermittelt er dem Bruder und läßt ihn an seinem Denken teilnehmen. Ein köstliches Stück Literatur, ein tiefer Einblick. Daher trägt die Ausstellung den Titel “Lieber Karl!“ Neben dem Brieftext, im Bleisatz gesetzt aus einem großen Schriftgrad einer sensiblen und  wunder­baren Antiquaschrift namens Diotima, 1949 von Gudrun Zapf-von Hesse entworfen, enthält das Buch sechs Graphikzugaben. Wie eine den Text begleitende Musik stehen dem Wort rote Figurenvariationen gegenüber, Spielereien im bestem Sinne des Wortes. Gedruckt wurde auf ein altes Büttenpapier, leider ist die Herkunft nicht bekannt. Auf dem Umschlag steht ein stark vergrößerter Schattenriß des Dichters, ebenfalls in leuchtendem Rot, dieses Rot steht für die Euphorie Hölderlins in seiner Homburger Zeit von 1798 bis 1800. 

Hölderlin spielt in der Autorenwahl der Offizin eine besondere Rolle, aber auch die altgriechischen Autoren wie Sappho, Sophokles, Homer, Herakleitos oder Kalimachos. Oder Hölderlins Zeitgenossen: Schelling, Schiller, Goethe oder auch Mörike.

Das Spektrum der Ausstellung ist groß, manches ist oftmals nur angedeutet. Werkzeuge und Materialien ergänzen das Gezeigte, sie erzählen von den 25 Jahren der Offizin Die Goldene Kanne aus Neuweilnau.

Eröffnung und Ort:

30. Januar 2014, 19 Uhr

Mit einer Einführung von Andreas Weber, Experte für Kunst & Kommunikation.

Taunus-Galerie im Landratsamt
Ludwig-Erhard-Anlage 1
61352 Bad Homburg v. d. Höhe

valuetrendradar:

Think about it. “Something old became something new. #socialmedia #digital #digitalage #gutenberg

Originally posted on valuetrendradar:

Bildschirmfoto 2012-12-06 um 18.22.08

VALUE MODEL “Value-driven Transformation of Needs“.

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Note: The post is also available in German language, see

http://valuetrendradar.com/2012/12/06/bedurfnisse-sind-das-mas-aller-dinge/

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Why you should read this post:

1. Recognize: “Something old became something new!”.

2. Find your individual way to deal with value and the sense of purpose.

3. Don’t be afraid of innovation in the digital age!

 

 

Gutenberg Era vs. Social Media Era: The communications market is infected by confusion

Prelude

If media continues to be important and digital literacy is relevant in the production and distribution of media products, then a mistake must be corrected in the communications market. Technologies collide, digital is facing off against analog. Apple fights against Google, Microsoft, Nokia and others to be the best, dominant technology supplier. Otto.de, the leading German retailer wants to win customers over Amazon. Print and online communications compete for attention. Consider that digitally printed “print” media and digital…

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Value Communication — About us 2014.013

 

 

Warum es sich lohnt, diesen Beitrag zu lesen:

1. Innovation hat stets eine Geschichte!

2. Warum Print als Medium unter Druck gerät, da eine Traditionsbranche sich ins Abseits stellt.

3. Welche Folgen schlechte Marktkommunikation hat! — Und wie man gegensteuert!

 

 

Notizen aus der Gutenberg-Stadt Mainz zum Jahresauftakt 2014

Die Zeit, sie rinnt dahin, scheint es. Letzten Sommer fast unbemerkt, wurde der Farb-Digitaldruck per Xeikon und Indigo 20 Jahre alt. Und das in der Gutenberg-Stadt Mainz angesiedelte DigitaldruckForum (DDF), als national wie international erste Brancheninitiative im B2B, wurde im März 18 Jahre alt. Und damit volljährig.

Grund und Anlass, um kurz darzulegen, wie der Stand der Dinge ist.

  1. In der Anfangsphase des DDF hat sich eine kleine Schar von Pionieren getroffen, um die neue Technik zu besprechen. Mit all ihren Startschwierigkeiten und Aussichten.
  2. Viele Jahre haben wir mit dem DigitaldruckForum Congress erstklassige Top-Konferenzen durchgeführt und viele tausend Fachbesucher eingebunden. Mit Kongressen in der Gutenberg-Stadt Mainz, in Basel, in Wien, in Dubai und Peking. Dazu kamen hunderte Vorträge auf Konferenzen, in Workshops und Seminaren im In- und Ausland. Die positive Wirkung blieb nicht aus!
  3. Seit 2004 war der Fokus, neben den „Techies“ vor allem Agenturen und Kreative einzubeziehen. Im Team mit dem Gesamtverband Kommunikationsagenturen ist dies sehr gut gelungen. Fachtagungen auf der drupa setzten seit 2004 echte Meilensteine.
  4. Seit 2012 zeigte sich aber, dass ein Grossteil der Print-Spezialisten den Blick fürs wesentliche verlor, da man sich immer stärker darauf kaprizierte, Produkt- und Technologie-Neuigkeiten nachzujagen, statt (Neu-)Kunden zu begeistern. Gewollt oder ungewollt: Den ungeheuren Innovationsschüben im Kommunikationsmarkt kann kaum noch Stand gehalten werden.
  5. 2013 kam es folgerichtig zu a) den ersten großen Pleiten reinrassiger, hochvolumiger Digitaldruck-Firmen. Und b) zum Stillstand: Der Anteil der digital gedruckten Druckprodukte wächst zu langsam, und liegt gemessen am Gesamtvolumen bei deutlich unter 15 Prozent. D. h., die unzähligen neuverkauften Digitaldruckmaschinen bringen keine nennenswerte Steigerung der Marktanteile am Gesamt-Printvolumen.

 

 

Ying Gutenberg 2009 plus Text

 Gemälde von Dr. Ying Lin-Sill.
“Gutenberg’s Pain(ting)”,
Öl auf Leinwand, 2009.

 

 

 

Scheidepunkt erreicht

Woran liegt das? Hand aufs Herz: Es wurde vergessen, die Auftraggeber für Printproduktionen besser und vollständig ins Boot zu holen. Unsere Value-Check!-Analysen und auch die von Kollegen und Herstellern zeigen, dass der Markt, sprich die Kunden der Digitaldrucker, nur völlig unzureichend wissen, welche Innovationsmöglichkeiten es gibt, welche relevant sind, und welche Symbiose Print & Online eingehen können. Den meisten Digitaldruckern fehlt schlicht die Professionalität in der Eigendarstellung und Marktkommunikation.

Das ist fatal. Und heisst: Unsere Digitaldruck-Branche kommuniziert gegenüber dem Markt/den Auftraggebern völlig unzureichend (um nicht zu sagen: LAUSIG!). 

Mit der Folge, dass sogar die per se innovative Digitaldruck-Branche in den Sog des Abgesangs auf Print (im klassischen Sinne) gerät und die Digitaldruck-Volumen und Wertschöpfungsmöglichkeiten nicht so dynamisch steigen, wie es sein könnte. Sprich: Wir verschenken durch unzureichende Marktkommunikation Geld und Chancen und überlassen anderen das Feld.

Gegensteuern tut Not

Wir haben uns darum entschlossen, eine Reihe neuer Maßnahmen und Aktivitäten auszubauen, die wir seit 2007 gestartet haben und mit der Value Community ausbauen. Entsprechend wird das DigitaldruckForum umpositioniert und komplett unter das Themen-Dach der „Innovation der Marketing-Kommunikation“ von Value Communication AG gestellt.

Hierin sehen wir den entscheidenden und Erfolg bringenden Ansatz: 
Wir halten uns nicht mehr damit auf, zu zeigen, dass Digitaldruck so gut ist wie Offset, oder tragen händisch Druckmuster aus und versuchen dadurch zu missionieren. Nein, wir fokussieren uns auf den ROI, den Digitaldruck-Dienstleister für Marketing-/Kommunikationsprojekte bieten können. Und stärken ganz erheblich die Online- und Social-Media-Kommunikation. Nur so lassen sich Märkte und Kunden richtig adressieren. Vorausgesetzt, man weiss, wie das geht!

 

Fataler Nebeneffekt: Die Digitaldrucktechnik-Hersteller tun ein übriges. Viele Top-Manager der Big-Players haben keine fundierte Branchen- oder Marktkenntnis;
sie denken in Stellplätzen und Page-Volumes.

Sprich: Sie sind nur mit sich selbst beschäftigt und nicht mit Ihren Kunden und deren Kunden, den Print-Buyern.

 

Wer sich dafür im Detail interessiert, sollte

• rasch unseren Blog „online“ abonnieren:
www.valuetrendradar.com

• uns auf Twitter folgen:
@ValueCommAG

oder sich persönlich melden: via email a.weber@value-communication.com oder via XING.

 

Wir bieten auch individuelle und spezifische Coachings und Weiterbildungen an, die wir in der Value Academy zusammenfassen und durch Benchmarkstudien untermauern.

Soviel für heute.

Beste Grüße aus der Gutenberg-Stadt Mainz
sendet

Andreas Weber
Gründer und Sprecher DigitaldruckForum
Vorstand Value Communication AG
Präsident der Value Academy

 

Value Communication — About us 2014.010

 

HP Francois Martin

Photo: HP, 2013 

Great conversation about Marketing Innovation, current trend and Digital Print with
François Martin, WW Marketing Director Graphic Solution Business at Hewlett-Packard.

Interview by Andreas Weber

Why you should read this blog post:

• HP’s Francois Martin explains in an excellent way how to benefit from graphic solution technologies to do a better, sustainable marketing job — hitting the ”Zeitgeist“ perfectly. 
• His main target is to transform the product and solutions offerings of HP GSB into a valuable, customer centric and effective marketing communication success for his own purpose and for his customers and the customers of his customers. 
• He shows how to make the right step from technology innovation to market success by bringing Brand Owners/Agencies and Print Service Provides closer together and fulfilling their needs smartly. 
 
• His core messages related to ”Six reasons Digital Print belongs in your media mix”:

It cuts through email clutter by getting into the home to make an emotional connection.
It uses content and storytelling to build awareness and purchase intent.
It offers customers a chance to browse (vs. searching on a website).
It can be integrated with online tactics: digital editions, mobile apps, social media, and commerce websites.
It lets you finely target your list for both acquisition and reactivation of lapsed customers.
It provides tangible, measurable ROI.

 

PART 1 of the interview — Holistic perspective

Consumers know the brand ”HP“ very well, but Marketing and Communication professionals don’t recognize HP as an innovative brand for their specific business tasks. Do you think HP need to change the corporate brand communication strategy? 

Francois Martin: No. The Corporate Communication from HP is around a new style of IT addressing large corporation.

The Graphics Solution Business of HP (GSB) aiming at Marketing and Supply Chain Managers sitting in large Corporation needs to be addressed by one to one communication and then linked to Print Service Providers who make it happen.

What has been the most effective marketing campaign for HP GSB?

Francois Martin: The most effective campaigns are different depending on who we address:

If we address Print Service Providers the best campaigns are showing them a real sample, then showing them how it was produced in the demo center and then explaining the economics around it as they go beyond pure printing costs of a given item.

Addressing Brand Owners — show them a great marketing campaign done either by a competitor or in an other industry they can leverage. Once they are impressed or inspired they will want to know if they can do x, y or z and this is when they want to talk to a Print Service Provider who can tell them: Yes we can do it! — All start with an idea.

What differentiates the current and the future Marketing challenges for HP GSB? 

Francois Martin: Marketing is surfing on social trends – all is now mobile and social and all is in the ”Cloud“. This means that whatever you do has to be meaningful to small groups of people and to change fast as everything tend to have a short life.

Having said that you quickly understand digital is the best way to reach to your customers — either all virtual and mobile or printed in their mailbox, in the shops, on the shelves.

This is not about the how but the what — if you have great ideas, it will can be done.

In GSB our challenge is too remove perceptions about the power of print. Print has so much legacy. Some pages will disappear, others will emerge. Too many people refuse to see where print will go in a world where ”me“ as an individual need to be seduced and convinced — and it can not be done by email, blogs, Facebook and tweets only as it would be too easy. We are living in a world where all the content is liquid taking any shape anytime anywhere. It is about surprising the most.

What makes HP GSBs marketing communication approach surprising or unique?

Francois Martin: Our communication in unique in a sense that we need to address both the printers who print and the brand owners who ultimately order the print from the printers.

They both need to spend more time together to understand how digital has already transformed the world in which they leave. Honestly, who could have said, that Coca-Cola would produce more than 1 billion bottles using digitally printed labels to support one of their biggest campaign ever?

How do you plan to strengthen the combination of innovative HP GSB products/solution with the right Marketing strategy?

Francois Martin: It is about addressing the Brand Owners and the Print Service Providers where they are and using the terminology they understand.

It is about showing tangible benefits around digital printing and no longer explaining the size of the dot and the speed of the press.

PART 2 of the interview — Focused perspective

Where does the profitable print volumes come from in the future?
Francois Martin: Profitable Print volumes come from applications using either/or variable data printing, nice substrates, versioning to communicate a valuable content to raise emotion like I did not knew, I am impressed, super, can I know more, they do this?

How does HP GSB react to change in consumer behavior (infected by Mobile and Social Media)?

Francois Martin: The word is mobile and social — some of our campaigns can be seen on mobile devices and we facilitate discussions with our customers in industry forums such as dscoop or the Latex Leaning Center to come on-line for all the one who want to know more on HP Latex Printing

How does HP GSB interact with the relevant customers to push innovation?

Francois Martin: We are working closely with leading companies who set challenges for HP — we work closely with them to understand the type of features we need to enable to shape and built a brighter future for both the Brand Owners and the Print Service Providers.

To illustrate with names, we worked closely with Coca-Cola to make their ideas reality even developing a unique Coke Red color and special service capabilities to enable 24/7 printing on the HP Indigo WS6600 press. We worked closely with the leading EMEA book printer called CPI to develop our high speed inkjet web press which today help them to print many titles who no longer can be managed in traditional offset printing processes.

About Francois Martin

To get in touch via LinkedIn:
ch.linkedin.com/pub/francois-martin/1/295/5a9

Profile:
http://www.hp.com/hpinfo/newsroom/press_kits/2011/HPLatexSummit/FrancoisMartin.pdf

Guido Ludes 2009

Denk- und Dank-Schrift für den unvergesslichen Guido Ludes
Von Andreas Weber

 

»Künstlerisches Schaffen zehrt von der

gesamten menschlichen Substanz. Wer

nicht alles, was er ist und hat, in die

Waagschale wirft, gewinnt nie den Preis

des Schöpfertums.«

Das sind starke Worte. Sie stammen aus einer Zeit, als man sich eigentlich nicht ohne weiteres und freimütig über die Kunst und das Wesen der Kunst äußern durfte. Wilhelm Waetzoldt (1880–1945), einer der großartigsten Kunstkenner und Museumsdirektoren überhaupt, publizierte diese und andere lesenswerte Sätze in »Du und die Kunst. – Eine Einführung in die Kunstbetrachtung und Kunstgeschichte«, erschienen 1938 Im Deutschen Verlag Berlin.

Es kann kein Zufall sein, dass mir als dem Verfasser dieser kurzen Dank-Schrift das Waetzoldt-Buch (nach langer Zeit) zum 60. Geburtstag von Guido Ludes am 12. Mai 2009 und zur Vorbereitung seiner Werkschau im Mainzer Rathaus wieder in die Hände fiel. Es gehörte meinem Großvater, Hans Karius, der es wohl direkt nach Erscheinen kaufte. Hans Karius stammte von der Saar, als Spross einer Hugenotten-Familie. Und hier schließt sich der Kreis: Guido Ludes, der Saar-Pfälzer, ist ebenfalls hugenottischer Abstammung.

In der Champagne gibt es den Ort ›Ludes‹. Seine Vorfahren flüchteten im Rahmen der Vertreibung im 16. oder 17. Jahrhundert als calvinistisch geprägte Protestanten aus dem katholischen Frankreich. So wurden Lebensstile und Geisteshaltungen transferiert, das Rationale mit dem Emotionalen durchwoben, um zu neuer Lebensfreude an neuem Ort zu gelangen.

Dieses Erbe oder besser gesagt diese genetische Programmierung manifestieren sich unter anderem in der ›Kunst zu Leben‹, dem ›Savoire Vivre‹, und dem Anspruch, mit der Kunst zu leben. Guido Ludes ist ein Paradebeispiel dafür, wie man die ungebrochene schöpferische Kraft des Malers und Zeichners kombiniert mit der Freude am Leben, der Verantwortung als Familienvater, dem Verhaftet sein in der Realität und dem Bestreben, die Realität zu gestalten bzw. ihr Gestalt zu verleihen. Diese Gabe reiht ihn ein in den Kreis der ganz großen künstlerischen Talente, die wie Guido Ludes nicht vom Elfenbeinturm aus agieren, sondern mitten im Leben stehen und durch Kenntnis von Tradition und Kultur in der Lage sind, stets innovativ zu sein. Das Streben nach Neuem zeugt von einer starken Motivation.

Dazu gehört der Wille, sich allem zu stellen, was das Menschsein ausmacht. Dazu gehört die Ambition und das Talent, lustvoll kommunizieren zu wollen und dies auch zu können. Vor einigen Monaten – im Frühjahr 2009 – durfte ich mit Guido Ludes an die Saar reisen. Im Grenzgebiet von Saar, Pfalz und Luxemburg erkundeten wir unsere Wurzeln (meine Familie stammt wie gesagt ebenfalls von dort). Es war ein Erlebnis der besonderen Art, das bei uns gemeinsam Erinnerungen oder besser: Gefühle weckte, hervorgerufen durch Begegnungen, Landschaften und Städtebilder, deren wir uns in ihrer Schönheit aus der Kindheit und Jugend erinnern.

Von der ›Sinnlichen Existenz der absoluten Idee‹

Ein in seinen Wurzeln aus der Pfalz stammender und dann in Frankreich zu Ruhm und Erfolg gekommener gab posthum den Startschuss zur nachhaltigen Künstler-Reputation von Guido Ludes. Die Rede ist von Daniel Henry Kahnweiler, dem Freund, Mentor und lebenslangen Galerist von Picasso. Kahnweiler besuchte einige Jahre vor seinem Tod die Heimat seiner Väter und wurde Namensgeber des Daniel-Henry-Kahnweiler-Preises, den Guido Ludes im Jahr 1984 erhielt.

»Es ist die ›Gefühl‹ genannte Funktion des Seelenlebens, die künstlerische Werke entstehen lässt«, so Wilhelm Waetzoldt im eingangs zitierten Werk, der weiter schreibt: »Wenn man den Begriff ›Gefühl‹ gebraucht, muss man ihn immer wieder verteidigen gegen den Verdacht, daß er etwas dem harten Leben Abgewandtes bezeichne. Der Gegensatz: Gefühlsmensch und Tatmensch besteht im Reich der Kunst nicht. Der Künstler ist Gefühlsmensch und Tatmensch zugleich, richtiger gesagt: er ist Tatmensch, weil er in überragendem Maße Gefühlsmensch ist. Dabei gilt für ihn die Lebenserfahrung: Sentimentalität verhält sich zu Gefühl wie Brutalität zu Kraft; auf dem sentimentalitäthaltigen Boden gedeiht kein künstlerisches Hochgewächs, es bringt nur Kunstgemüse empor.« Soweit Waetzoldt. Kunst und Künstler folgen mit ihrem Gefühl dem Ideal der Schönheit, die als Begriff mannigfaltig gedeutet werden kann: als ›Sinnlich erkannte Vollkommenheit‹ (Baumgarten), als ›Was ohne Interesse oder ohne Begriff allgemein gefällt‹ (Kant), als ›Darstellung des Unendlichen im Endlichen‹ (Schelling), als ›Freiheit in der Erscheinung‹ (Schiller) oder in der ›Sinnlichen Existenz der absoluten Idee‹, wie es Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770–1831) formulierte.

Gerade der Philosoph Hegel hat im Rahmen seiner Vorlesungen zur Kunst Gedanken geäußert, die es lohnen, im Kontext mit den für die Ausstellung ausgewählten Gemälde und Zeichnungen von Guido Ludes in Mainz herangezogen zu werden. Hegels Philosophie erhebt den Anspruch, die gesamte Wirklichkeit in der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen einschließlich ihrer geschichtlichen Entwicklung zusammenhängend, systematisch und definitiv zu deuten. In ihrer Wirkung auf unsere Geistesgeschichte ist sie mit dem Werk von Platon, Aristoteles und Kant vergleichbar. Sein philosophisches Werk ›Phänomenologie des Geistes‹ aus dem Jahre 1807 zählt zu den wirkmächtigsten Werken der Philosophie-Geschichte überhaupt, wie die Forschung betont.

Der spezifische Gegenstand der Kunst ist laut Hegel die Schönheit. Das Schöne sei »das sinnliche Scheinen der Idee«. Die Kunst habe insofern ebenso wie Religion und Philosophie einen Bezug zur Wahrheit – der Idee. Schönheit und Wahrheit sind im Hegel’schen Sinne »einerseits dasselbe«, da das Schöne »wahr an sich selbst« sein muss. Im Schönen soll sich die Idee »äußerlich realisieren« und »natürliche und geistige Objektivität gewinnen«.

Wahrhaftigkeit anstelle Täuschung

Die aufklärerische Auffassung, dass die Ästhetik primär die Natur nachzuahmen habe, lehnte Hegel ab: »Die Wahrheit der Kunst darf also keine bloße Richtigkeit sein, worauf sich die sogenannte Nachahmung der Natur beschränkt, sondern das Äußere muß mit einem Inneren zusammenstimmen, das in sich selbst zusammenstimmt und eben dadurch sich als sich selbst im Äußeren offenbaren kann«. Aufgabe der Kunst sei es vielmehr, das Wesen der Wirklichkeit zur Erscheinung zu bringen. Im Unterschied zur Auffassung Platons sei die Kunst keine bloße Täuschung. Gegenüber der empirischen Wirklichkeit hat sie vielmehr »die höhere Realität und das wahrhaftigere Dasein«. Indem sie ihr »den Schein und die Täuschung« nimmt, enthüllt sie den »wahrhaften Gehalt der Erscheinungen« und gibt ihnen so »eine höhere, geistgeborene Wirklichkeit«.

In gewissem Sinn sind Hegel und Guido Ludes geistesverwandt. Sie sind Kopfmenschen, die über den Tellerrand blicken und stets ein vollständiges Weltbild und Erklärungsmodelle liefern. Die Person Guido Ludes definiert sich nicht ›nur‹ als Künstler, sondern als Gelehrter und Lehrender zugleich. Der Guido Ludes eigene holistische Bildungsanspruch birgt als Nebeneffekt Kenntnisse aus vielen Bereichen: Architektur, Topografie, Geographie, Botanik, Musik (seiner Leidenschaft), Geschichte, Literatur, Bildhauerei, Grafik/ Design u.v.a.m. Als ›Meister der Inspiration‹ – wie anlässlich der Ingelheimer Ausstellung im Jahr 2006 dargelegt – ließ er sich gerne durch die Begegnung mit Fremdem und Neuem auf kulturelle Abenteuer ein.

Seine Reisen in alle Welt waren stets gut vorbereitet – aber nicht dergestalt, dass er mit vorbestimmter Meinung oder gar Vorurteilen unterwegs war. Sehr oft entzog er sich dem Reiz des vorschnellen Urteilens, indem er Bildwerke im Atelier entstehen ließ, manchmal Jahre, zumeist Wochen und Monate nachdem er vor Ort war. Das setzte ein perfektes Bildgedächtnis voraus sowie den Einsatz von Skizzen als Gedächtnisstützen.

Betrachtet man das Titelmotiv der Guido Ludes Werkschau im Nachgang zum 60. Geburtstag im Mainzer Rathaus, das Bild ›Im Negev‹ von 1997, so wird deutlich, was gemeint ist. Mit der Frische der von den Impressionisten kultivierten ›Pleine-Air‹-Freilichtmalerei, aber gekoppelt mit der kognitiven Distanz der Ateliersituation, präsentiert sich die Wüstenlandschaftsdarstellung. Wer sich mit dem Bild einlässt, wird sozusagen an den Originalschauplatz transferiert.

Die visuelle Kraft ist so stark, dass man sogar die Stille spürt, die diese Wüstenlandschaft ausstrahlt. Wer jemals dort war, im Negev, weiss, dass keinerlei Geräusche zu vernehmen sind. Und trotzdem ist diese einzigartige Landschaft nicht tot, sondern voller Leben, das eben nur anders gestaltet ist, als wir es gewohnt sind. Zugleich werden die Grenzen von Raum und Zeit aufgehoben. Die Negev-Bilder sind – wie fast alle Landschaften, die Guido Ludes malte, zeitlos. Sie überwinden Grenzen. Endlichkeit ist nur durch das Ende der physikalischen Existenz denkbar.

Ausdrücklich müssen bei den Wüstenbildern Beziehungen hergestellt werden zu einem Poesie-Werk ganz eigener Prägung: Otl Aichers Buch ›Gehen durch die Wüste‹, 1982 erschienen, wurde von Guido Ludes verinnerlicht und in seiner Gedankenwelt bildlich projiziert. »Die Wüste kennt nur das System, in dem man selbst der Mittelpunkt ist«, lautet eine der zentralen Äußerungen Aichers. Seine Wüstenwanderungen nutzte er, um über Politik, Gesellschaft, Technologie und vieles mehr zu sinnieren: »In der Wüste ist man allein, die Gedanken kommen zurück, sie beschäftigen sich mit einem selbst und Selbstbeschäftigung ist Moral.« Die Gedanken und Beobachtungen Aichers waren für Guido Ludes immer sehr wichtig, wie er sagte. Und er fügte hinzu: »Im Negev bin ich mindestens vier Mal gewesen und habe dort fleißig gearbeitet… In den Umgebungen von Beerscheba und besonders Mizpe Ramon und der Fieldschool Sde Boker. Besonders das Timnatal nördlich von Eilat und die Stein-Wüste Zin im Negev haben es mir sehr angetan.«

Das Prinzip der Sinnlichkeit 

Mit diesem Impetus und den daraus entstandenen Bildwerken rührte Guido Ludes an Elementares an, das Hegel in seinen Bemerkungen über das Wesen der Malerei schilderte. Hegel trennt in ›Das System der Künste‹ die Kunst in fünf Gattungen: Architektur, Plastik, Malerei, Musik und Poesie. Sie unterscheiden sich nach dem Maß der Verfeinerung der Sinnlichkeit und ihrer Befreiung von ihrem zugrunde liegenden Material.

Ich zitiere aus Georg Wilhelm Friedrich Hegel’s Werke, Vollständige Ausgabe, 10. Band, Dritte Abteilung, aufgelegt in Berlin 1838 im Verlag von Duncker und Humblot. [Hinweis: Diese Ausgabe beinhaltet wie die neuere Forschung betont Originaltexte von Hegel wie auch Mitschriften seiner Studenten.] In Kapitel 1, Das System der einzelnen Künste, werden die einzelnen Kunstgattungen von einander abgegrenzt und jeweils ihre spezifischen Vorteile herausgestellt:

»Der Gott der Skulptur bleibt der Anschauung als bloßes Objekt gegenüber, in der Malerei dagegen erscheint das Göttliche an sich selber als geistiges lebendiges Subjekt, das in die Gemeinde herübertritt und jedem Einzelnen die Möglichkeit gibt, sich mit ihm in geistige Gemeinschaft und Vermittlung zu setzen. Das Substantielle ist dadurch nicht, wie in der Skulptur, ein in sich beharrendes, erstarrtes Individuum, sondern in die Gemeinde selbst herübergetragen und besondert.

Dasselbe Princip unterscheidet nun auch ebenso sehr das Subjekt von seiner eigenen Leiblichkeit und äußeren Umgebung überhaupt, als es auch das Innere mit derselben in Vermittelung bringt. In den Kreis dieser subjektiven Besonderung als Verselbstständigung des Menschen gegen Gott, Natur, innere und äußere Existenz anderer Individuen, so wie umgekehrt als innigste Beziehung und festes Verhältniß Gottes zur Gemeinde, und des partikularen Menschen zu Gott, Naturumgebung und den unendlich vielfachen Bedürfnissen, Zwecken, Leidenschaften, Handlungen und Tätigkeiten des menschlichen Daseyns, fällt die ganze Bewegung und Lebendigkeit, welche die Skulptur, sowohl ihrem Inhalt als auch ihren Ausdrucksmitteln nach, vermissen läßt, und führt eine unermeßliche Fülle des Stoffs und breite Mannigfaltigkeit der Darstellungsweise, die bisher gefehlt hatte, neu in die Kunst herein.

So ist das Princip der Subjektivität auf der einen Seite der Grund der Besonderung, auf der anderen aber ebenso das Vermittelnde und Zusammenfassende, so daß die Malerei nun auch das in ein und demselben Kunstwerke vereinigt, was bis jetzt zweien verschiedenen Künsten zufiel; die äußere Umgebung, welche die Architektur künstlerisch behandelte, und die an sich selbst geistige Gestalt, die von der Skulptur erarbeitet wurde. Die Malerei stellt ihre Figuren in eine von ihr selbst in dem gleichen Sinn erfundene äußere Natur oder architektonische Umgebung hinein, und weiß dieß Äußerliche durch Gemüth und Seele der Auffassung ebensosehr zu einer zugleich subjektiven Abspiegelung zu machen, als sie es mit dem Geist der sich darin bewegenden Gestalten in Verhältniß und Einklang zu setzen versteht. — Dies wäre das Princip für das Neue, was die Malerei zu der bisherigen Darstellungsweise der Kunst herzubringt.«

Hegel differenziert des weiteren in seiner Kunstformenlehre drei verschiedene Weisen, in denen in der Kunst die Idee zur Darstellung kommt: die symbolische, klassische und romantische ›Kunstform‹. Diese entsprechen den drei Grundepochen der orientalischen, der griechisch-römischen und der christlichen Kunst.

Die Kunstformen unterscheiden sich dabei in der Weise der Darstellung der »verschiedenen Verhältnisse von Inhalt und Gestalt«. Hegel ging davon aus, dass sie sich mit einer inneren Notwendigkeit entwickelt haben und sich ihnen jeweils spezifische Charakteristika zuordnen lassen.

Die symbolische Kunst stelle das Absolute noch nicht als konkrete Gestalt dar, sondern nur als vage Abstraktion. Sie ist daher laut Hegel »mehr ein bloßes Suchen der Verbildlichung als ein Vermögen wahrhafter Darstellung. Die Idee hat die Form noch in sich selber nicht gefunden und bleibt somit nur das Ringen und Streben danach«.

In der klassischen Kunstform komme die Idee zu »ihrem Begriff nach zugehöriger Gestalt«. In ihr drücke sich die Idee nicht in etwas Fremdem aus, sondern sei vielmehr »das sich selbst Bedeutende und damit auch sich selber Deutende«.

In der romantischen Kunstform fallen laut Hegel Inhalt und Gestalt, die in der klassischen Kunst zu einer Einheit gelangt waren, wieder auseinander – allerdings auf einer höheren Ebene. Die romantische Kunstform betreibe »das Hinausgehen der Kunst über sich selbst«, jedoch paradoxerweise »innerhalb ihres eigenen Gebiets in Fom der Kunst selber«.

Das Interkulturelle wird zur Kunstform

Vor allem durch die Mainzer Ausstellung von 2009 lässt sich feststellen, dass Guido Ludes diese Trennung in symbolische, klassische und romantische Kunstform für sich zu überwinden weiss und in der Lage ist, eine neue Kunstform hinzuzufügen: die interkulturelle Kunstform. Zahllose Studienreisen führten ihn auf alle Kontinente, um persönliches Erleben zu koppeln mit den nachhaltigen Effekten freundschaftlicher Netzwerk-Verbindungen, die so dauerhaft entstehen können. Wen Guido Ludes besuchen durfte, der war auch gerne bei ihm in Mainz willkommen. Gastfreundschaft und Fürsorge erhebte er zur Tugend.

Guido Ludes agierte selbst in Systemen, setzte sich programmatisch Themen, die er undogmatisch in Serien abarbeitet. Er nutzte ›Multimediale Kommunikation‹, um die Ideen und Botschaften seiner schöpferischen Arbeit neue Wirkungskreise zu erschließen. Über 80 gedruckte Publikationen entstanden im Laufe der Jahre. Viele davon sind gekoppelt mit CD- und DVD-Animationen. Seit langem betrieb er eine Website, die über sein Werk sowie einzelne Projekte – wie ›Egotransform‹ – Auskunft erteilte.

Und dennoch hielt er an der Kunst der Malerei fest, die die Zeichnung als integralen Bestandteil künstlerischen Schaffens wertet. Inhalt und Gestalt folgen aber keiner festen Kunstform-Vorgabe. Dies erklärt auch, dass Guido Ludes sich in seiner Arbeit stilistisch nicht festlegen oder einer Kunstrichtung zuordnen lassen kann. Dem Bildmotiv, dem jeweiligen Sujet, ordnet sich in seiner Kunst die Ausprägung und das Verhältnis von Gestalt und Inhalt unter. Dies gilt für seine Landschaften ebenso wie für die Städtebilder.

Seine Bilder gefallen, sind aber nie gefällig oder biedern sich an. So erscheint ein fast düsteres Venedig, in Nachtsituationen oder im Regen. Kontrastierend dagegen die Ansichten von Manhattan oder dem Potsdamer Platz in Berlin, die Lebendigkeit und Modernität demonstrieren. Ganz für sich stehen Arbeiten, die uns Marokko, Island oder Australien nahe bringen.

Geschichtsträchtige Stätten hatten es Guido Ludes angetan. Ihnen widmet er umfangreiche Serien, die gekoppelt waren mit oft langen Aufenthalten vor Ort und einer steten Wiederkehr. Seiner Wahlheimatstadt Mainz hat er neben zahlreichen Bildwerken auch Bücher gewidmet. Und in Mainz hat er ein bedeutendes Werk geschaffen, das seit dem Jahr 2007 zur Osterzeit besichtigt werden kann: Das Passionstuch für die Kirche St. Quintin, mit 14 Meter Höhe und 4,20 Meter Breite gewaltig in den Ausmaßen. Im Passionstuch, das als ›Chef-d‘oeuvre‹ bezeichnet werden kann, vereint er Können, Wissen, Glaube und Seele auf einzigartige Weise.

Auf die Verbundenheit von Guido Ludes zu Mainz ist ausdrücklich hinzuweisen. Zu ergänzen ist: Es mangelte Guido Ludes in den letzten Dekaden keinesfalls an reizvollen Möglichkeiten, in Metropolen abzuwandern, was er aber ganz bewusst nicht tat – und sich auch in der Zukunft nicht vorstellen kann.

Der Text ist eine überarbeitete Fassung der Vortragsrede von Andreas Weber zur Werkschau
»60 Jahre Guido Ludes – 
35 Jahre Mainzer Künstler. Landschaften und Städtebilder«, die am 1. September 2009 im Mainzer Rathaus eröffnet wurde.

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